Verständnis des Heiligen nach Carsten Colpe „Über das Heilige“ und Rudolf Ottos „Das Heilige“


Essay, 2012

9 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Das „Heilige“ war bisher nie ein Punkt über den ich mir lange Gedanken gemacht habe. Es ist einfach da und Bestandteil meines Glaubens. Immer wieder in Gottesdiensten, in Liedern oder einfach im Sprachgebrauch wird das Wort „heilig“ verwendet ohne das sich jedes Mal darüber Gedanken gemacht wird, woher die Bezeichnung kommt oder was Heiligkeit eigentlich bedeutet.

Als „heilig“bezeichne ich Gegenstände oder Menschen, die für die Religion eine Art Vorbildcharakter haben oder sie verkörpern, wie die Patenen beim Abendmahl, in denen sich die Hostien befinden oder um exemplarisch einen Menschen zu nennen den Apostel Paulus. Auchden Heiligen Geist, der weder Mensch noch Gegenstand ist und das Pfingsterleben prägte. DieseBegebenheit war, soweit ich mich erinnern kann, auch meine erste bewusste Begegnung mit dem „Heiligen“ als kleines Kind. Später fiel mir dann auf, wie häufig doch vom „Heiligen“ im Gottesdienst gesprochen wird, doch meist ohne eine Definition zu geben.Umso interessanter fand ich es Carsten Colpe´sBuch:„Über das Heilige“ und Rudolf Ottos Ausführungen in „Das Heilige“ zu lesen und mich intensiver damit zu beschäftigen. Zunächst werde ich Colpes Position erläutern und anschließend zu Otto kommen.

Colpe hält es für wichtiger sich zunächst darüber klar zu werden was früher als heilig bezeichnet wurde und wer es getan hat und damit verbunden zu versuchen es nachzuvollziehen, als nach einem Beweis für die Existenz der Heiligkeit zu suchen.[1] Eine Verallgemeinerung des Heiligkeitsbegriffes ist nicht möglich, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass unter heilig immer dasselbe verstanden worden ist oder ob es Abweichungen gibt. Colpes Werk beinhaltet einige Schriften von Theologen. Einer von diesen ist Walter Baetke, der betont, dass es zwei Arten der Definition des „Heiligen“ gibt: Die Fremddefinition durch Sachdiskussion und die Selbstdefinition, in dem man mit „heilig“ übersetzte Worte analysiert.[2] Später im Buch greift er den Gedanken noch einmal auf und stellt fest, dass beides nebeneinander geschehen kann, wie auch jeweils nur eine Definition.[3]

Darüber hinaus fehlen urgeschichtliche Quellen um nachvollziehen zu können, wie es damals war. Es kann nur rückgeschlossen werden, da es sprachliche Verständigungsschwierigkeiten gab und nichts schriftlich festgehalten wurde.[4] Colpe nennt drei Beispiele, bei denen das Wort „heilig“ verwendet, doch Unterschiedliches damit gemeint wird.

„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“[5]

Mit „heilig“ ist hier eine besondere Gläubigkeit und speziell das Halten der Gebote und Regeln gemeint, die Mose und den Israeliten im Exodus erhalten haben.

„Ja, wie einen reisenden Jüngling, der seiner Geliebten/Und dem empfangenden Blick/Und dem klopfenden Herzen voll heiliger Zärtlichkeit zuweint“[6]

„(als) ich dann die Vögel um mich den Wald beleben hörte,…und das Moos…und das Geniste…mir das innere, glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie faßte ich das alles in mein warmes Herz, fühlte mich in der überfließenden Fülle wie vergöttert und die herrliche Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich allbelebend in meiner Seele“[7]

Auch bei diesen beiden Textstellen von Klopstock und Goethe wird „heilig“ verwendet. Doch lässt sich ihre Bedeutung nicht mit der biblischen gleichsetzen.Klopstock meint mit „heilig“ eine ausdrückliche Steigerung der Zärtlichkeit. Er betont wie zärtlich der Jüngling doch der Geliebten zu weint.

Goethe verwendet „heilig“ als Ausdruck des Pantheismus, der „Die Leiden des jungen Werther“ prägt, in jedem Teil der Natur die Göttlichkeit zu sehen und so besonders liebevoll mit ihr umzugehen und sie zu erhalten.

Zu überlegen ist auch ob es das „Heilige“ immer schon gab oder ob es ein Symbol ist und aus den Taten der früheren Menschen entstanden ist. Wahrscheinlich wurde das „Heilige“ in eine Art Form eingeordnet, die prägend für das Leben war. Doch nennt Colpe dafür zwei Voraussetzungen: Zunächst ist die „empirische Natürlichkeit“[8] des Menschen in eine„Nicht-mehr oder Mehr-als-Natürlichkeit“[9] übergegangen, so dass es möglich ist Erfahrungen zu wiederholen, sie zu bedenken, zu verbessern und auszudrücken. Für Colpe bedeutet das, dass das „Heilige“ zwar durch Mutmaßungen, doch auch durch das eigene Erleben und Nachdenken erschlossen werden kann.Darüber hinaus muss eine Regelhaftigkeit des „Heiligen“ entstehen, wobei damit sowohl Regelmäßigkeit als auch Regelwidrigkeit gemeint ist.[10]

Colpe bezieht sich in seinen Büchern noch auf einige andere Theologen außer Baetke. Vor Baetke noch auf Jakob Friedrich Fries, der das aus der Bibel überlieferte Heilige als religiöse, innerliche Erfahrung und als ihre Voraussetzung, Gegenstand und Inhalt bezeichnet.Bedingung hierfür ist aber die Existenz einesHeiligkeitsbegriffes und die Möglichkeit ihrer anthropologischen Verifizierung.[11]

Als nächstes benennt Colpe Ernst Cassirer, der der Meinung ist, das jeder, der das „Heilige“ nicht verstehen oder begreifen kann, sich überlegt ob er in alten Sprachen bezeugt wurde und wenn er dies nicht leugnet das „Heilige“ in den Mythen erfahren kann. Als schwierig bezeichnet er die Zeitlosigkeit des „Heiligen“ als Objekt zu erkennen und Identifikation des „Heiligen“ als Wirklichkeit.[12]

Fustel de Coulanges betonte das Problem des „Heiligen“ in der archaischen Gesellschaft und begann damit die Debatte über den Stellenwert des „Heiligen“ in der Religion, vorausgesetzt, dass das „Heilige“ Grundlage, Ursprung oder Wesen der Religion ist oder sie verkörpern kann. Dabei ist die Gleichsetzung mit der Religion klar.

In der Antike gab es im Ahnenkult den Ausgangspunkt für die Entstehung der Religion, wobei Colpe betont, dass es sich hierbei noch nicht um Religion handelte.[13]

Emile Durkheim vertritt den Ansatz der Zweiteilung der Welt in die „heiligen“ und die profanen Dinge. Alle Dinge haben die Möglichkeit heilig zu sein und somit würdiger und mächtiger als die profanen. Das Profane kann nach ihm durch Verneinung sich dem „Heiligen“ annähern.[14] Doch kann sich der Status der Dinge auch ändern. Wenn ein profaner Mensch heiliges Essen isst, geschieht eine Profanisierung der Nahrungsmittel, aber im Gegenzug, wenn ein heiliger Mensch profanes Essen isst, wird das Essen nicht heilig, sondern es geschieht eine Profanisierung des Menschen.

Zusätzlich ist eine Entheiligung oder auch Profanisierung durch Krankheit oder Tod möglich.[15]

Für den Anfang des Heiligen und Profanen beziehungsweise die Reihenfolge der Entstehung gibt es drei Ansätze:

Nach dem ersten Ansatz bestehen das Profane und das „Heilige“ schon immer gleichzeitig und haben die gleiche Grundlage, aus der sie entstanden sind.

[...]


[1] Nach Colpe (1990) S.7

[2] Nach Colpe (1990) S. 55

[3] Nach ebd. S. 79

[4] Nach ebd. S. 10

[5] Ebd. S. 10à Lev 19, 2

[6] Ebd. S. 10

[7] Ebd. S.10f.

[8] Colpe (1990) S.14

[9] Ebd. S. 15

[10] Zusammenfassung nach ebd. S. 14 f.

[11] Nach Colpe (1990) S. 21

[12] Nach ebd. S. 22f.

[13] Nach ebd. S.25 f.

[14] Nach Colpe (1990) S. 28f.

[15] Nach ebd. S. 31

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Verständnis des Heiligen nach Carsten Colpe „Über das Heilige“ und Rudolf Ottos „Das Heilige“
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Religionswissenschaft)
Veranstaltung
systematisches Proseminar
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V339322
ISBN (eBook)
9783668291447
ISBN (Buch)
9783668291454
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verständnis, heiligen, carsten, colpe, über, heilige, rudolf, ottos
Arbeit zitieren
Jennifer Böker (Autor), 2012, Verständnis des Heiligen nach Carsten Colpe „Über das Heilige“ und Rudolf Ottos „Das Heilige“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339322

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Verständnis des Heiligen nach Carsten Colpe „Über das Heilige“ und Rudolf Ottos „Das Heilige“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden