Die prima und seconda pratica und die Kontroverse zwischen Giovanni Maria Artusi und Claudio Monteverdi. Streit der Gegensätze oder doch nur ein Meinungsaustausch?


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die prima und seconda pratica und ihre Entwicklung

Die Kontroverse zwischen Giovanni M. Artusi und Claudio Monteverdi

Claudio Monteverdis Bekanntheit zu Lebzeiten und nach seinem Tod

Die Kontroverse - ein Streit von Gegensätzen?

Bibliographie

Zwischen Monteverdi und Artusi gab es Anfang des 17. Jahrhunderts eine Kontroverse bezüglich ihrer Auffassung von Komposition, Behandlung von Dissonanzen und den Stellenwert der Harmonik und des Textes. Im Folgenden werde ich mich damit auseinander setzten, in wie fern es sich hierbei um ein Aufeinandertreffen von konträren Positionen handelt oder ob es vielleicht doch gar keinen so großen Unterschied zwischen beiden Ansichten und Meinungen gab.

Die prima und seconda pratica und ihre Entwicklung

Beginnen möchte ich mit einer kurzen Erklärung, was unter der prima und seconda pratica zu verstehen ist, genauer werde ich darauf noch zu sprechen kommen. Ihren Namen bekamen die Praktiken von Claudio Monteverdi am Anfang des 17.Jahrhunderts, als seine Madrigale und die drin verarbeiteten Neuerungen von Giovanni Maria Artusi, einem Musiker und Komponisten, kritisiert wurden. Dabei ist es fraglich, ob Monteverdi sich bewusst auf die Kontroverse eingelassen hatte oder ob er wie Silke Leopold in ihrem Buch betont[1] so hineingeraten ist, da er auf Artusis Kritik reagieren wollte. Gegen ein bewusstes Eintreten spricht der Zeitraum, der zwischen Artusis Kritik und Monteverdis erster, direkter, Antwort lag. Wenn er sich an der Kontroverse beteiligen wollte, hätte er nicht so lange gewartet. Dazu aber später mehr. Zuerst gab es die prima pratica, zu der auch Artusi gehörte, die sich auf altbewährtes stützt und mit den Neuerungen der seconda pratica zumindest teilweise nicht einverstanden war. Daraus hat sich dann die seconda pratica entwickelt, wobei deutlich zu betonen ist, dass nicht nur Monteverdi als ihr Entwickler zu bezeichnen ist, da es natürlich nicht nur eine Person gab, die an Innovation interessiert war und in einem Entwicklungsprozess die seconda pratica „gegründet“ hatte. Auch gab es nicht einen plötzlichen oder abrupten Anfang, sondern eine Phase der Entwicklung. Es kann so von zwei „Entwicklungslinien“[2] gesprochen werden, die dazu beigetragen habendie seconda pratica zu bilden. Zum einen ist hier Claudio Monteverdi zu nennen, der in seinen Madrigalen, besonders in denen, die in seinem fünften Madrigalbuch abgedruckt sind, die Leitlinien der seconda pratica verwendete.Nach und nach hatte sich vorher schon eine Art Leitgedanke der Madrigalkomposition heraus kristallisiert, vor allem durch Cipriano de Rore. Die Madrigale zeichneten sich besonders durch ihre Bildlichkeit aus und durch das Ausschöpfung aller chromatischen Mittel um den Text möglichst plastisch zu untermalen und möglichst ausdrücklich dar zu stellen.[3] Monteverdi redete davon „daß der Textvortrag die Herrin des musikalischen Satzes sei und nicht ihre Dienerin“[4], wie es bei der prima pratica der Fall gewesen war.Andererseits die sogenannte „Florentiner Camerata“[5], die seit 1570 an einer Veränderung arbeiteten und zu der Akademiker, Musiker aber auch Schriftsteller gehörten. Unter anderem gehörte auch Vincenzo Galilei dazu, der VaterGalileo Galileis. Dieser, der Vater, schrieb bereits 1581 ein Buch über die Veränderungen, in dem er für die Bevorzugung des Sologesangs und auch für die Besinnung auf antike Strukturen, besonders der Einstimmigkeit, plädierte. Somit für eine neue Art des Gesanges, den Sologesang, weshalb bei der seconda pratica von einem „Manifest des Sologesangs“[6] gesprochen wird. Das Buch „Dialogo della musica antica, et della moderna“[7] beinhaltet die Korrespondenz zwischen Galilei und Girolamo Mei über das Thema und beruht somit auch auf Meis Gedanken dazu. Insoweit gilt es als fraglich, ob Galilei alle Neuerungen auch wirklich umsetzen konnte, besonders da in seinem Buch keine Kompositionsvorschläge enthalten sind und es so möglicherweise bei einer reinen Theorie blieb, wenn einige von Meis Gedanken für Galilei nicht umsetzbar waren.Neben Galilei waren auch Jacopo Peri und Giulio Caccini Teil der Camerata und verwendeten die Neuerungen, in dem sie die Regeln des Kontrapunktes brachen und den Text in den Vordergrund stellten und den Gesang nur mit lang ausgehaltenen Akkorden begleiteten und Dissonanzen mit der gewünschten Textverständlichkeit begründeten.[8]

Die Behandlung der Dissonanzen unterscheidet sich, wie bereits erwähnt, bei den beiden Praktiken. Während in der seconda pratica alles erlaubt ist, um eine Verständlichkeit des Textes zu erreichen, gibt es in der prima pratica nur einige Regeln, die einen Gebrauch von Dissonanzen legitimieren. Zum einen als Durchgangston, zum anderen als Vorhalt zwischen beziehungsweise vor zwei konsonanten Klängen oder als Synkope.[9]

Zwischen diesen beiden Linien bestand eine Verbindung. Zwar kann die frühe Florentiner Schule nicht Monteverdi gekannt haben, da sie vor seiner Geburt beziehungsweise in seiner Kindheit prägend waren, aber es ist davon auszugehen, dass Monteverdi ihre Erkenntnisse kannte und in seine Überlegungen mit ein bezogen hat und sie möglicherweise als eine Art Anregung zu eigenem Nachdenken verwendet hat. Doch bestand der Unterschied zwischen der Florentiner Camerata und Monteverdi in ihrem Interesseschwerpunkt. Während Peri und Caccini die Bildung einer Theorie als Schwerpunkt sahen und dann erst Kompositionen dazu schrieben, sah Monteverdi sich zunächst ganz als praktischer Musiker und komponierte erst und schrieb dann anschließend auf welche Leitlinien er verwendet hatte und fertigte daraus seine Theorie.[10]

Die Kontroverse zwischen Giovanni M. Artusi und Claudio Monteverdi

Begonnen hat die Kontroverse offiziell im Jahre 1600 als Giovanni Maria Artusi, ein Schüler des Musiktheoretikers Zarlino, Monteverdi kritisierte ohne allerdings seinen Namen zu nennen. Er nahm einige Madrigale Monteverdis als Beispiel, um an ihnen seinen Umgang mit Dissonanzen zu kritisieren. Auf diese Kritik bekam Artusi zwar keine direkte Antwort seitens Monteverdis, doch ist es wahrscheinlich, dass Monteverdi 1603 bewusst eines der kritisierten Madrigale in sein viertes Madrigalbuch eingegliedert hat. Nach Artusis nächster Kritik im selben Jahr, folgte dann 1605 das bekannte Vorwort aus Monteverdis fünftem Madrigalbuch, in dem er eine Art Erklärungsbuch über die seconda pratica ankündigte.Bei Monteverdis Antwort handelt es sich nicht um einen Versuch seine Anschauung zu verteidigen, sondern um eine Erklärung seiner Anschauung und seiner Intention innovativ zu sein zu geben.[11] Dies spricht gegen die am Anfang erwähnte Frage des bewussten oder unbewussten Eintritt Monteverdis in die Kontroverse, zumal es fünf Jahre gedauert hat, ehe Monteverdi auf Artusis Kritik antwortet. Dass er mit der Kontroverse wahrscheinlich nicht einverstanden war, ist auch bei Leopold zu lesen:

„ Musik sollte nicht zum Diskutieren anregen, sondern zum Weinen“[12]

[...]


[1] Leopold (2002) S. 58

[2] Leopold S.58

[3] Nach Ebd. S. 59

[4] Ebd. S. 62

[5] Leopold S.62

[6] Ebd. S.58

[7] Ebd.

[8] Nach. Leopold S.57

[9] Nach Metzger/Riehn S. 4

[10] Nach Abert (1979) S. 5

[11] Nach Leopold S. 62

[12] Leopold S. 64

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die prima und seconda pratica und die Kontroverse zwischen Giovanni Maria Artusi und Claudio Monteverdi. Streit der Gegensätze oder doch nur ein Meinungsaustausch?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Musikwissenschaft)
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V339339
ISBN (eBook)
9783668292031
ISBN (Buch)
9783668292048
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontroverse, giovanni, maria, artusi, claudio, monteverdi, streit, gegensätze, meinungsaustausch
Arbeit zitieren
Jennifer Böker (Autor), 2013, Die prima und seconda pratica und die Kontroverse zwischen Giovanni Maria Artusi und Claudio Monteverdi. Streit der Gegensätze oder doch nur ein Meinungsaustausch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339339

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