"Full Metal Jacket". Emanzipation vom klassischen Kriegsfilmgenre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

16 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Populärkultur im marxistischen Sinne und das Hegemonie-Konzept nach Antonio Gramsci

3. Entstehungsumfeld von Full Metal Jacket: Hollywood Ende der 80er

4. Full Metal Jacket: Filmanalyse mit Rückkopplung an das Good War-Konzept
4.1 Die militärische Ausbildung vor Kriegseinsätzen
4.2 Gemeinsamkeiten mit Nachkriegsfilmen des Zweiten Weltkrieges
4.2.1 Regeneration through violence
4.2.2 Melting Pot
4.2.3 Gegner-Darstellung

5. Zusammenfassung und eigene Einschätzung

6. Quellen - und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1987 könnte sich ein amerikanischer Zuschauer mittleren Alters Full Metal Jacket angeschaut haben. Zuvor hat er schon andere Kriegsfilme gesehen hat, demzufolge griff er auf einen einschlägigen Erfahrungsschatz an Seheindrücken zurück. Ihm kamen während des Schauens bestimmte Filmszenen vor allem im zweiten Teil des Filmes nicht außergewöhnlich vor. Im Gegenteil, er könnte sich erinnert gefühlt haben an alte Filme zum Zweiten Weltkrieg und so etwas gesagt haben wie „Ja, das hab ich schon öfters gesehen, das ist ja der klassische Fall. Das sieht man immer in Kriegsfilmen!“1 Mit dieser Arbeit soll genau diesen „klassische[n] F[ä]llen“ eines Kriegsfilmes nachgegangen werden. Wie konstituierten sich diese nach dem Zweiten Weltkrieg und wie wurden sie zu Standardthemen von Kriegsfilmnarrativen?

Ich möchte zeigen inwieweit sich der Vietnam-Combat-Film unter der Regie Stanley Kubricks, sich einiger tradierter Mittel, der „klassischen Fälle“ des Good War-Konzepts bedient und zu welchem Zweck.Von dieser Fragestellung ausgehend, möchte ich danach fragen, welche Veränderungen für die US-Gesellschaft in der Zeit nach dem Vietnam- Krieg gegenüber der US-Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit sich daraus ablesen lassen. Abschließend werde ich eine persönliche Einschätzung zum Emanzipationsgrad von Full Metal Jacket zu klassischen Nachkriegsfilmen des Zweiten Weltkrieges geben.

2. Populärkultur im marxistischen Sinne und das Hegemonie-Konzept nach Antonio Gramsci

Eine direkte Auseinandersetzung des klassischen Marxismus und dessen Vertreter Frierich Engels und Karl Marx mit Populärkultur fand nie statt. In den neueren direkten Auseinandersetzungen mit Kultur, die besonders einen marxistisch-theoretischen Ansatz haben, bilden deren Ideen und Vorstellungen dennoch die Grundlage. „Marx formuliert in seiner `Kritik der politischen Ökonomie` zunächst die entscheidende These von der ausschlaggebenden Rolle der Basis in der dialektischen Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau (…).“2 Marx fasst unter den Begriff der Basis alle einer Ökonomie zugrunde liegenden Faktoren, also die Summe der Produktionsbedingungen, die in `forces of production` und `relations of production` differenziert werden. „The forces of production refer to the raw materials of the tools, the technology, the workers and their skills, etc.

The relations of production refer to the class relations of those engaged in production.“3 Der Überbau, im Englischen superstructure, ist der Basis aufgesetzt und setzt sich unter diversen anderen Bereichen wie der Kultur und der Politik zusammen. „In Marxist terms, popular culture is one of the ideological forms of the superstructure“4 Storey sieht das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Überbau und Basis folgendermaßen:„The relationship between base und superstructure is twofold. On the one hand, the superstructure both expresses and legitimises the base. On the other, the base is said to `condition` or `determine` the content and form of the superstructure.“5Die Gesellschaftsklasse, die in einer machtausübenden Position steht und die Produktionsmittel besitzt, ist folglich ebenso Herrscher über Ideenreichtum und -produktion bzw. deren Umsetzung. Im Produktionsprozess entstandene Vorstellungen und Ideen werden daraufhin an die beherrschte Gruppe als die einzig gültigen und vernünftigen Ideen weitergegeben. „Die Massenmedien beherrschen demzufolge als Instrumente der herrschenden Klasse das Denken der Beherrschten.“6Ein auf den klassischen Marxismus eingehendes und weiterentwickeltes Konzept, das die Stellung der Unterhaltungskultur, zu denen auch das Kino zählt, in Abhängigkeit eines Konzeptes einer kulturellen Hegemonie verdeutlicht, lieferte Antonio Gramsci.

„The concept of hegemony is used by Gramsci to refer to a condition in process in which a dominant class (in alliance with other classes or class fractions) does not merely rule a society but leads it through the exercise of moral and intellectual leadership“7 Ein Staat kann Gramsci zufolge alleine keine stabile und zukünftig beständige Herrschaft herstellen. Übt dieser zu großen Druck auf die sich in ihm befindenden Gruppen aus, die dem Staat kritisch gegenüber stehen bzw. sich gegen ihn richten und diese Gruppen nehmen an Größe zu, geschieht der Sturz des Staates.Unter der einzigen Voraussetzung, dass sich ein Konsens in Normen und Werten innerhalb der zahlenmäßig großen und vielschichtigen Gesellschaftsgruppen durchsetzt, kann eine solide Herrschaft entstehen.Erwartungsgemäß gibt es in einer Gesellschaft auch Konflikte, wodurch sich Tendenzen hin zu einer gesellschaftsinternen Dynamik äußern. Gramscis Auffassung entsprechend ist Hegemonie das Ergebnis von kulturellem Wetteifern und die

Unterhaltungskultur ein umkämpftes Gebiet in dieser Auseinandersetzung. Der Beherrschte bzw. der Rezipient übernimmt nach Gramsci in jedem umkämpften Terrain eine aktive Rolle. „Entgegen der im Marxismus vorherrschenden strukturdeterministischen Sicht betont er die Rolle menschlichen Handelns und die Eigenständigkeit kultureller Formationen .“8

Freilich darf dieser Gedankengang nicht übergeneralisiert werden: „To deny the passivity of consumption is not to deny that sometimes consumption is passive; to deny that the consumers of popular culture are not cultural dupes is not to deny that the culture industries may seek to manipulate. But it is to deny that popular culture is little more than a degraded landscape of commercial and ideological manipulation, imposed from above in order to make profit and secure social control.“9

In Filmentstehungsprozessen wirken ebenso Kräfte aus Gesellschaftsgruppen mit- und aufeinander. Man könnte der Hegemonie-Theorie Gramscis folgend und damit von einer aktiven Teilnahme des Rezipienten ausgehend, sagen, dass das vielschichtige weite Kreise der Gesellschaft umspannende Publikumsnetz einen entscheidenden Einfluss auf den finalen Inhalt eines Filmes und dieser wiederum rückwirkend einen Einfluss auf das Publikum, und somit folglich, auch auf später entstehende Filmprojekte hat.

Speziell in Hollywood steht die Gewinnspanne eines Filmes im Zentrum der Filmproduktionsmotivation. Deshalb bestimmt in erster Linie das Publikum was filmisch umgesetzt wird. „Hollywood is first of all an industry, a collection of profit-maximizing corporations operated from studio headquarters in the United States (...).“10 Das Abtasten auf schon vorfindbare und noch kommende Trends in der jeweils gegenwärtigen Gesellschaft ist ein Mittel, dessen sich Hollywood-Filmagenten bedienen um, und dies kommt in Anküpfung an das Hegemonie-Konzept zum Ausdruck, einen gewissen Werte- und Normen-Konsensgrad hinsichtlich der in der filmischen Umsetzung verhandelten Gesellschaftsthemen zu erreichen.

Mithilfe dieses theoretischen Konzepts lassen sich die Dynamiken eines Filmes, dessen bestimmte Aussagen z.B. Filmschlüsselszenen im Rahmen einer historischen Filmanalyse greifbarer machen.

[...]


1Siskel and Ebert: Full Metal Jacket: Filmbesprechung,www.youtube.com/watch?v=EGywMh-Pzjg, Eberts [re. a. d. Sofa] Ansichten zum Filmcharakter von Full Metal Jacket, 3:23 - 3:55, 5:00 - 6:03.

2 Dörner, Andreas: Politische Kultur- und Medienunterhaltung: Zur Inszenierung politischer Identitäten in der amerikanischen Film- und Fernsehwelt, Konstanz, 2000, Seite 64.

3Storey, John: An Introduction to Cultural Theory and Popular Culture, 2.Aufl., Athens, Georgia, 1998 [1.Aufl.1993], Seite 102.

4Storey 1998, Seite 104.

5Ebenda, Seite 102.

6Dörner 2000, Seite 66.

7Storey 1998, Seite 124.

8Dörner 2000, Seite 81.

9Storey 1998, Seite 129.

10Hübner, Emil: Das politische System der USA: Eine Einführung, Becksche Reihe 395, München, 2007, Seite 245.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Full Metal Jacket". Emanzipation vom klassischen Kriegsfilmgenre
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät Historisches Seminar)
Veranstaltung
A War Made Of Dreams: Hollywood und der Zweite Weltkrieg
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V339455
ISBN (eBook)
9783668291249
ISBN (Buch)
9783668291256
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
full, metal, jacket, emanzipation, kriegsfilmgenre
Arbeit zitieren
Maximilian Mattes (Autor), 2011, "Full Metal Jacket". Emanzipation vom klassischen Kriegsfilmgenre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339455

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Full Metal Jacket". Emanzipation vom klassischen Kriegsfilmgenre



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden