Relativsätze sind eine der komplexesten Satzstrukturen der deutschen Sprache und deswegen sehr schwer zu erlernen. Sie verlangen von sprachlernenden Kindern, dass sie die Satzstellung so ändern, dass das Verb am Ende des Satzes steht, und nicht, wie in normalen Sätzen, an der zweiten Position nach dem Subjekt. Außerdem muss das Verb aufgrund seiner Stellung im Satz anders konjugiert werden. Viele Kinder haben damit Schwierigkeiten und es dauert seine Zeit, bis sie Relativsätze erlernen können. Üblicherweise beginnen sie damit im Alter von 2 Jahren.
Bevor der Forschungsgegenstand erläutert wird, soll erst einmal geklärt werden, wie ein Relativsatz genau aufgebaut ist. Um einem Satz den Titel Relativsatz geben zu können, müssen folgende Merkmale zutreffen:
Der Satz muss
– Ein Nebensatz sein
– Ein Relativpronomen, zum Beispiel der, die oder das, besitzen
– Mit einem Komma abgetrennt sein
– Sich auf jedes Satzglied oder auch auf den kompletten Satz beziehen
Um zu erforschen, welche Faktoren eine Rolle für den Erwerb von Relativsätzen spielen, werden drei Hauptthesen aufgestellt: (1) Der Erwerb hängt von der Ähnlichkeit zu normalen Sätzen ab. Das heißt, je ähnlicher die Relativsätze zu normalen Sätzen sind, umso besser können sie erlernt und angewendet werden. Hierbei spielt auch die Art der Relativsätze eine Rolle; da Subjektrelativsätze ähnlich zu normalen Sätzen sind, sollten sie am einfachsten sein. Genitivrelativsätze hingegen sind am unähnlichsten und somit am schwersten. Weiterhin wird die These (2) aufgestellt, dass die meisten Relativsätze ein pronominales Subjekt und einen unbelebten Head haben. Das pronominale Subjekt steht zumeist in der ersten oder in der zweiten Person und der Head ist zumeist ein Gegenstand, zum Beispiel eine Eisenbahn, und keine Person, zum Beispiel mein Vater etc. Die dritte These (3) besagt, dass Kinder Relativsätze aus einfachen Sätzen mit Verbzweitstellung (V2 Sätze) lernen. Diese sind relativ ähnlich zu Relativsätzen, sie unterscheiden sich nur aufgrund der Stellung des Verbs. Kinder beginnen mit V2 Sätzen und fangen dann an, komplexere Satzstrukturen wie Relativsätze zu bilden.
Um diese Thesen zu überprüfen werden Daten des Kindes Leo im Alter von zwei bis fünf Jahren ausgewertet und analysiert. Zuvor werden die Thesen anhand von verschiedenen Studien und Forschungen erläutert und an Beispielen veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Faktoren des Erwerbs von Relativsätzen
2.1 Ähnlichkeit und Frequenz
2.2 Belebtheit
2.3 Access
2.4 Satzstruktur
2.5 Verbstellung
3. Leos Sprachaufzeichnungen
4. Leos Relativsätze
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Spracherwerb von Relativsätzen bei Kindern am Beispiel der Sprachdaten des Kindes Leo. Ziel ist es, die Hypothese zu verifizieren, dass der Erwerb dieser komplexen Strukturen durch Faktoren wie Ähnlichkeit zu einfachen Hauptsätzen (V2-Stellung), Frequenz und semantische Belebtheit des Heads maßgeblich beeinflusst wird.
- Faktoren der Spracherwerbs von Relativsätzen
- Die Rolle von Ähnlichkeit und Frequenz
- Empirische Analyse von Leos Sprachdaten
- Die Bedeutung von V2-Stellungen als Vorläufer von Relativsätzen
- Syntax und semantische Merkmale im Spracherwerb
Auszug aus dem Buch
2.5 Verbstellung
Brandt et al. stellt die These auf, dass Relativsätze Konstruktionen sind und sich aus einfachen, nicht eingebetteten Sätzen entwickeln (Vgl. Brandt et al. 2008: S. 2). Dies bedeutet, dass sich Relativsätze aus Sätzen entwickeln, die das Verb an zweiter Stelle haben, genauso wie normale Hauptsätze (V2 Stellung) (Vgl. Brandt et al. 2008: S.3). Interessanterweise scheint die Stellung des Verbes der einzige Unterschied zwischen normalen Sätzen und Relativsätzen zu sein, wie folgendes Beispiel zeigt:
(5) Da ist Michael, der mir gestern geholfen hat.
(6) Da ist Michael, der hat mir gestern geholfen.
(Brandt et al. 2008: S.4)
Der einzige Unterschied zwischen den beiden Sätzen ist, dass das Verb hat in Satz (5) am Ende des Satzes steht und in Satz (6) in V2 Position. Ebenso gibt es sogar Sätze, bei denen man nicht unterscheiden kann, ob sie ein Relativsatz sind oder ein Hauptsatz (zweideutige oder ambivalente Sätze).
(7) Dort sitzt ein Mann, der schläft?
(Brandt et al. 2008: S.4)
In diesem Satz könnte man das Pronomen der sowohl als Relativpronomen als auch als normales Pronomen (= Ersatz für Mann) ansehen.
Diese Ähnlichkeiten zwischen Relativ- und Hauptsätzen werden von sprachlernenden Kindern erkannt und können somit als Anfang des Erwerbs von Relativsätzen angesehen werden, beziehungsweise als Hilfestellung, um Relativsätze zu lernen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert Relativsätze als komplexe Strukturen und stellt die drei Hauptthesen zur Untersuchung auf, die sich auf Ähnlichkeit, Pronominalsubjekte/Head-Belebtheit und V2-Satzstrukturen beziehen.
2. Faktoren des Erwerbs von Relativsätzen: Analysiert theoretische Grundlagen und Studien zur Bedeutung von Frequenz, Ähnlichkeit, Belebtheit und der strukturellen Hierarchie beim Erwerb von Relativsätzen.
3. Leos Sprachaufzeichnungen: Dokumentiert chronologisch die ersten Versuche des Kindes Leo, Nebensätze und Relativstrukturen zu bilden, sowie den Übergang von V2-Sätzen zu echten Relativsätzen.
4. Leos Relativsätze: Wertet 49 ausgewählte Relativsätze von Leo aus und kategorisiert diese in Subjekt-, Adverbial- und V2-Relativsätze, um die theoretischen Thesen empirisch zu stützen.
5. Zusammenfassung: Fasst die Ergebnisse zusammen, wonach sich die initialen Thesen durch die Daten bestätigen lassen und die Ähnlichkeit zu einfachen Hauptsätzen eine zentrale Brücke im Spracherwerb darstellt.
Schlüsselwörter
Relativsätze, Spracherwerb, Erstspracherwerb, Germanistik, Syntax, V2-Stellung, Ähnlichkeit, Frequenz, Belebtheit, Subjektrelativsätze, Sprachdaten, Leo, Satzstruktur, Nebensatz, Verbendstellung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Erwerb von Relativsätzen im Deutschen bei Kleinkindern und analysiert, welche syntaktischen und semantischen Faktoren diesen Prozess erleichtern oder erschweren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Ähnlichkeit zwischen komplexen Relativsätzen und einfachen V2-Hauptsätzen, die Rolle der Frequenz sowie interne Merkmale wie Belebtheit und Satzstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die empirische Überprüfung der These, dass Kinder Relativsätze schrittweise aus einfacheren, ihnen bekannten Satzstrukturen (wie V2-Sätzen) entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine linguistische Fallstudie durchgeführt, bei der die Sprachaufzeichnungen des Kindes Leo im Alter von zwei bis fünf Jahren ausgewertet und mit existierenden Forschungstheorien verglichen werden.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Diskussion von Erwerbsfaktoren (Ähnlichkeit, Frequenz, Access-Hierarchie) und die anschließende empirische Analyse der tatsächlichen Äußerungen des Kindes Leo.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Relativsätze, Erstspracherwerb, V2-Stellung, Subjektrelativsätze und syntaktische Komplexität.
Warum spielt die V2-Stellung für das Kind eine so große Rolle?
Die V2-Stellung ist für Kinder einfacher zu produzieren, da sie den bekannten Hauptsatzstrukturen ähnelt; sie dient als „Brücke“ zur Bildung komplexerer, eingebetteter Relativsätze.
Was ist die Bedeutung der "Accessibility Hierarchy" in diesem Kontext?
Diese Hierarchie hilft dabei, die unterschiedlichen Typen von Relativsätzen basierend auf der Funktion des Substantivs zu klassifizieren, um deren Erwerbsschwierigkeit vorherzusagen.
- Citar trabajo
- Larissa Pöltl (Autor), 2012, Faktoren beim Erwerb von Relativsätzen bei sprachlernenden Kindern im Alter von 2-5 Jahren, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339555