Die Frage der Schuld in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“


Hausarbeit, 2013
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 EINE FRAGE DER SCHULD

3 SCHULDVERSTÄNDNIS IN DER LITERATUR

4 EINE SCHULDSITUATION AM LITERARISCHEN BEISPIEL
4.1 THIELS SCHULDIGKEIT UND SEIN WEG IN DEN „IRRSINN“
4.2 ASPEKTE DES „IRRSINN“

5 EXKURS ZU THIELS SCHULD UND „IRRSINN“ AUS PSYCHOLOGISCHER SICHT

6 FAZIT

7 LITERATURVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Die folgende Hausarbeit soll sich mit der Schuldfrage in Gerhart Hauptmanns Novelle „Bahnwärter Thiel“ beschäftigen.

Die Schuldfrage ist häufiges Untersuchungsthema in der Literatur und besonders häufig im Bezug auf die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges zu finden. Da Schuld kein feststehender Begriff ist, müssen die Untersuchungen zu diesem Thema immer auf der Interpretationsebene stattfinden. Das bedeutet auch immer, dass persönliches Empfinden und Nuancen des eigenen gesellschaftlichen Umfeldes mit in die Interpretation einfließen.

In der Novelle treten mehrere Momente auf, in denen moralische und ethische Schuld vorhanden ist.

Die verschiedenen Schuldsituationen der Novelle werden im Verlauf dieser Hausarbeit genannt und im Hinblick auf das Vergehen von Schuld untersucht. Da es sich bei Hauptmanns Erzählung um eine fiktive Erzählung handelt, erfolgen die Untersuchungsaspekte interpretativ.

Zu Beginn soll ein Überblick darüber gegeben werden, worum es sich bei dem Phänomen Schuld handelt und wie Schuld jeweils dem Kontext angepasst interpretiert werden muss.

Die Frage, ob Schuld gleich immer Schuld ist, soll dabei, den Kontext des Geschehens mit inbegriffen, erläutert werden.

Da in der Novelle häufig Aspekte einer geistigen Erkrankung Thiels auftauchen, sollen diese auch im Hinblick auf Thiels Schuld berücksichtigt werden. Dies wird im Rahmen eines kurzen Exkurses stattfinden, da eine vollständige psychologische Charakterisierung des Hauptcharakters durch mich nicht geleistet werden kann und außerdem zu umfangreich wäre.

Es soll ebenfalls darauf verzichtet werden die Schuld unter Berücksichtigung einer rechtlichen Schulddefinition zu betrachten, da dies ebenso zu umfangreich wäre.

2 EINE FRAGE DER SCHULD

Der Begriff Schuld ist ein komplexes Phänomen, bei dem es schwerfällt, es außerhalb seines Kontextes zu betrachten und zu definieren. Wird der Begriff Schuld verwendet, so geht man im allgemeinem davon aus mit der Bedeutung vertraut zu sein. Doch Schuld bzw. der Schuldbegriff greift weiter als den Zustand zu bezeichnen, in dem sich ein Individuum nach einer falschen Handlung befindet.

In früheren Zeiten verstand man die Begriffe Schuld und Sünde noch als gleichbedeutend. Schuld bzw. Sünde war etwas, das einem nicht nur durch eine aktive Tat angelastet wurde, sondern auch unbewusstes oder gemeinschaftliches Fehlverhalten galt als persönliche Schuld. Der Mensch ist von Natur aus schuldig und wird es nicht erst durch sein Handeln. Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff Sünde nur noch im religiösem Kontext verwendet.[1]

Auffällig ist, dass Schuld immer stark mit den herrschenden, ethischen und moralischen Vorstellungen einer Gesellschaft, sowie dessen Rechtssystem zusammen hängt. Sie kann sich hierbei aber sehr unterschiedlich darstellen. Zum Beispiel kann die individuelle Betrachtung von Schuld, von der durch das Rechtssystem hervorgehenden Definition abweichen, oder auch gar nicht durch das Rechtssystem abgedeckt werden.

Außerdem kann Schuld mehr sein als die Reaktion einer zumeist negativ behafteten Aktion. Sie kann ebenso eine Bringschuld oder Zahlschuld beschreiben, in Form von Leistungen oder (Wert)- Gegenständen die Einer an den Anderen zu erbringen hat.

Was moralische oder ethische Schuld allerdings immer beim Menschen voraussetzt, ist das Bewusstsein seiner persönlichen Verantwortung und die Möglichkeit freie Entscheidungen zu treffen.[2] So kann zum Beispiel bei einer Unfallsituation, die durch höhere Gewalt verursacht worden ist, dem Fahrer keine Schuld zugesprochen werden. Der Fahrer trug zwar die Verantwortung für sein Fahrzeug, diese wurde ihm aber in dem Moment entzogen, als beispielsweise ein Unwetter den Unfall herbeiführte. Die Entscheidung zum Unfall wurde vom Fahrer dabei nicht bewusst gewählt und er hatte auch keine Möglichkeit sich dagegen zu entscheiden.

Wie bereits angedeutet wurde, ist Schuld immer stark kontextgebunden und es kann nicht von einer universellen Schuld gesprochen werden, die immer zutrifft. Die Bestimmung von Schuld liegt im moralischen und ethischen Bereich, welchen die Psychologie außen vor lässt.

In der Psychologie spricht man aus diesem Grund nur von Schuldgefühlen oder Schuldempfindungen, da ein Schuldgefühl auch nicht immer mit einer tatsächlichen Schuld in Verbindung steht.[3]

Die allgemeine Auffassung von Schuld, sieht diese immer als Konsequenz von moralisch falschem Handeln. Schuldig ist der, der Böses tut. Was genau für eine Gesellschaft böse ist, ist durch deren ethische und moralische Wertvorstellungen festgelegt.

In der Soziologie besteht die These, dass diese Wertvorstellungen die Ursache von Schuld in jeglicher Form sind. Gesellschaftsstrukturen, Gesetzte und Moral schränken den Menschen in seiner Natur ein und das Missachten dieser ist nur die logische Konsequenz. Anders als die frühere Annahme, der Mensch sei von Natur aus böse, geht die Soziologie davon aus, dass der Mensch im Grunde genommen gut ist und das Drängen in gesellschaftliche Strukturen ihn zwangsläufig zum Bösen führt.[4]

3 SCHULDVERSTÄNDNIS IN DER LITERATUR

Die vielschichtige Schuldproblematik ist auch in der Literatur ein stark verbreitetes Thema. Dort lässt sich besonders gut die Abhängigkeit des Schuldverständnisses mit einer Gesellschaft und deren Entwicklung nachvollziehen.

Die Auffassung von Schuld in der Literatur durchzog sich, genau wie die Auffassung der Gesellschaft, einem Wandel. Besonders mit der Zeit der Aufklärung kann ein erster Wandel festgestellt werden. Die Erkenntnis der Aufklärung einen freien Willen zu besitzen, kam mit der Erkenntnis die Ursachen von Schuld zu hinterfragen. Wie wird man schuldig? Wodurch wird man schuldig?

Im Zuge dieser Entwicklung schwankte die Gesellschaft zwischen freier Willenskraft und Determination.[5] Man war sich der Determination bewusst, konnte sich dieser aber nicht entziehen. Der Begriff der Determination, beschreibt die Annahme, dass ein jeder Mensch in seinem Denken, Fühlen und Handeln bereits durch sein soziales Umfeld, die Familie und deren sozialer Status in der er aufwächst, determiniert ist.[6] Diese Annahme widerspricht natürlich der Existenz eines freien Willen und somit dem Prinzip der ethischen und moralischen Schuld. Da sich der Mensch nicht gegen sein vorbestimmtes Schicksal wehren, kann hebt sich seine Schuldigkeit auf. Vielmehr ist es nun die Gesellschaft und die gesellschaftliche Entwicklung die, die Schuld des Menschen trägt.

Im weiteren literarischen Verlauf spielt eine besondere Form der Schuld, die Mitschuld, eine wichtige Rolle. Der Holocaust wurde dabei mehrfach in Verbindung mit der Problematik der Mitschuld literarisch verarbeitet. Mitschuld definiert sich dabei nicht allein durch ein Mitwirken an der eigentlichen Schuldtat, sondern auch durch Gleichgültigkeit oder Einverständnis gegenüber dem Geschehen.

[...]


1vgl. Dorn, Anton Magnus: Schuld - was ist das? S.14 u. S.20 ff.

2vgl. Gründel, Johannes: Schuld und Versöhnung. Mainz 1985.

3vgl. Dorn, Anton Magnus: Schuld - was ist das? S.46 ff.

4vgl. ebd. S. 72 ff.

5vgl. Dorn, Anton Magnus S.24 ff.

6vgl. Wiese, Lothar: Gerhart Hauptmann - Bahnwärter Thiel. Oldenburg Interpretationen. Band 8. München 2008. S.51 ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Frage der Schuld in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V339568
ISBN (eBook)
9783668292505
ISBN (Buch)
9783668292512
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, frage, schuld, gerhart, hauptmanns, bahnwärter, thiel
Arbeit zitieren
Sarah Kaiser (Autor), 2013, Die Frage der Schuld in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339568

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