Bei einem sogenannten Bibelkreis beginnt man oft mit einem Gebet, das die Teilnehmer auf die bevorstehende Bibelbetrachtung einstimmen soll. Daraufhin wird eine Perikope, also ein kleinerer Erzählabschnitt innerhalb eines biblischen Buches, ausgewählt und gemeinsam laut reihum vorgelesen. Gemeinsam wird danach über diesen Text diskutiert. Je nach Schwerpunkt des einzelnen Kreises kann hier über die Hintergründe der Erzählung, den Bezug des Gelesenen zum eigenen Glauben oder über persönliche Erfahrungen der Teilnehmer, die im Zusammenhang mit der Geschichte stehen, offen gesprochen werden. Da dies alles freiwillig geschieht, ist es offensichtlich, dass ein derartiges Treffen nur im kleinen Kreis von maximal acht Personen durchgeführt werden kann. Ein Amtsträger der Kirche muss heutzutage hierfür nicht obligatorisch anwesend sein.
Laien wie Theologen spricht diese Form der Glaubenskommunikation bis heute an, weshalb sich neben dieser klassischen eben beschriebenen Bibelstunde viele weitere Formen entwickeln konnten, wie der Bibliolog oder Mischformen, die vor allem in der Gemeindearbeit entstanden sind, um die Bibelbetrachtung noch ansprechender zu gestalten.
Die geschichtliche Entstehung solcher Bibelkreise ist den meisten aber weitgehend unbekannt, weshalb die vorliegende Arbeit diese dem Leser vorstellen möchte. Dafür wird die Abhandlung auf die Anfänge der pietistischen Bewegung und den oft als Vater des deutschen Pietismus betitelten Philipp Jakob Spener eingehen sowie auf äußere Einflüsse, die die Einrichtung und Gestaltung der Hauskreise, damals meistens Konventikel oder Collegia pietatis genannt, stark geprägt haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Heutige Bibelkreise als Ausgangspunkt der Arbeit
2 Kurze Vorstellung der historischen Situation und des Theologen Philipp Jakob Spener
2.1 Christliche Erbauungsliteratur zur Zeit Speners
2.2 Speners Studienzeit und Jean de Labadie
3 Speners Zeit in Frankfurt a.M. 1666-1686
3.1 Die Situation der Evang.-Luth. Kirche auf Gemeindeebene
3.2 Die Einrichtung des Collegii pietatis in Frankfurt a.M.
3.3 Ablauf des Collegium pietatis unter Spener
3.4 Wandel des Collegii pietatis in Gestalt und Bedeutung
3.5 Wirkungen des Spenerschen Hauskreises
3.5.1 Speners Reformprogramm – die Pia Desideria
3.5.2 Exkurs zu dem Begriff der Erbauung bei Spener
3.5.3 Zuspruch und Widerstände gegenüber den Reformgedanken
3.6 Die Separation von Schütz und Freunden von der Kirche
4 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kirchengeschichtlichen Ursprünge der heutigen Bibelkreise durch eine Analyse der "Collegia pietatis" bei Philipp Jakob Spener. Dabei wird aufgezeigt, wie Spener durch die Förderung einer lebendigen Glaubenspraxis innerhalb der evangelisch-lutherischen Kirche des 17. Jahrhunderts das Modell der kleinen, erbauungsorientierten Hauskreise etablierte, um eine kirchliche Erneuerung von unten anzustoßen.
- Historische Rahmenbedingungen des Pietismus und der Person Philipp Jakob Speners
- Die Entstehung und Funktion der Collegia pietatis in Frankfurt am Main
- Analyse des Reformprogramms "Pia Desideria" und des Verständnisses von "Erbauung"
- Spannungsfeld zwischen Reformbemühungen und separatistischen Tendenzen
- Relevanz der historischen Hauskreise als Vorläufer heutiger Glaubensgruppen
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Einrichtung des Collegii pietatis in Frankfurt a.M.
Obwohl Spener die Umkehr in Schützens Verhalten sehr interessiert verfolgt hatte, kommt er jedoch erst ein paar Jahre später darauf, die Bibel anderen Erbauungsbüchern vorzuziehen und ihren besonderen Eigenwert bezüglich des Gemeindeaufbaus zu erkennen. Er sucht zunächst seine Gemeinde auf andere Möglichkeiten der Erbauung neben dem Gottesdienst aufmerksam zu machen. In seiner Predigt vom Herbst 1669 schlägt Spener vor, dass „sonntags zuweilen gute freunde zusammenkämen/ und an statt der gläser/ karten/ oder würffel/ entweder ein buch vor sich nähmen/ darauß zu aller erbauung etwas zu lesen/ oder aus den predigten/ was sie gehöret/ wiederholten ...“ Er spricht damit die Heiligung des Sonntags an.
Unter ein paar Gemeindegliedern entstand ebenfalls eine ähnlich klingende Klage, die Spener später jedoch nie in einen Zusammenhang mit seiner eben zitierten Predigt stellt, sondern mit der von 1669 über Mt 5,20. Im Folgenden soll diese Klage in ihrer ganzen Ausführlichkeit vorgestellt werden, damit sich dem Leser ein besserer Eindruck der Stimmung und Bedenken mancher Gläubigen in dieser Zeit vermitteln kann:
„Alle Geselligkeit sei so verderbt, daß man bei ernsthafter Selbstprüfung kaum mit unverletztem Gewissen aus einer Gesellschaft kommen könne. Alle Gespräche im gemeinen Leben gingen nur um Dinge dieser Welt. Denen, die doch den Namen Christi trügen, sei nichts fremder, als über erbauliche Dinge zu reden. Statt dessen würden bei allen Zusammenkünften nur eitle und sündhafte Dinge gehört, man ziehe über Nebenmenschen her, treibe Narreteien und unziemliche Scherze, belustige sich mit kurtzweil und zeitvertreib – ohne Sorge, daß man sich damit versündige und dereinst für jedes unnütze Wort Rechenschaft zu geben habe. Fange man selbst aber an, von erbaulichen Dingen zu reden, so würde einem durch Schweigen oder durch deutliche Gebärden das allgemeine Mißfallen ausgedrückt, im besten Fall suche man schleunigst auf ein anderes Thema zu kommen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Heutige Bibelkreise als Ausgangspunkt der Arbeit: Einführung in die zeitgenössische Praxis der Bibelkreise und Begründung der Untersuchung ihrer historischen Wurzeln.
2 Kurze Vorstellung der historischen Situation und des Theologen Philipp Jakob Spener: Darstellung des Lebensumfeldes Speners im 17. Jahrhundert und seiner frühen theologischen Prägung durch Erbauungsliteratur.
2.1 Christliche Erbauungsliteratur zur Zeit Speners: Analyse puritanischer und deutschsprachiger Einflüsse auf Speners Verständnis von Frömmigkeit.
2.2 Speners Studienzeit und Jean de Labadie: Untersuchung der prägenden Studienjahre und der Auseinandersetzung mit separatistischen Strömungen um Jean de Labadie.
3 Speners Zeit in Frankfurt a.M. 1666-1686: Überblick über Speners Wirken als Senior in Frankfurt und die Entstehung seiner Reformideen.
3.1 Die Situation der Evang.-Luth. Kirche auf Gemeindeebene: Analyse des kritisierten Zustands des kirchlichen Lebens in Frankfurt und der Vernachlässigung der Seelsorge.
3.2 Die Einrichtung des Collegii pietatis in Frankfurt a.M.: Beschreibung der Gründung und der Motive für den ersten Frankfurter Hauskreis.
3.3 Ablauf des Collegium pietatis unter Spener: Erläuterung der Struktur und der Zielsetzung der Zusammenkünfte im Vergleich zu zeitgenössischen Vorbildern.
3.4 Wandel des Collegii pietatis in Gestalt und Bedeutung: Analyse der Veränderungen des Kreises durch wachsende Teilnehmerzahlen und Öffnung für Laien.
3.5 Wirkungen des Spenerschen Hauskreises: Einordnung der praktischen Erfahrungen Speners in seine theoretischen Reformansätze.
3.5.1 Speners Reformprogramm – die Pia Desideria: Analyse der grundlegenden Schrift Speners und ihres Einflusses auf den Pietismus.
3.5.2 Exkurs zu dem Begriff der Erbauung bei Spener: Theologische Vertiefung des Erbauungsbegriffs als Aufgabe der Seelsorge.
3.5.3 Zuspruch und Widerstände gegenüber den Reformgedanken: Dokumentation der positiven Reaktionen sowie der Kritik durch die lutherische Orthodoxie.
3.6 Die Separation von Schütz und Freunden von der Kirche: Beschreibung der Radikalisierungsprozesse und der Abspaltung einzelner Mitglieder.
4 Ausblick: Reflexion über die Bedeutung des pietistischen Erbes für heutige Formen der Glaubenskommunikation.
Schlüsselwörter
Philipp Jakob Spener, Pietismus, Collegium pietatis, Bibelkreis, Pia Desideria, Erbauung, lutherische Orthodoxie, Seelsorge, Kirchenreform, Hauskreis, Geistliches Priestertum, 17. Jahrhundert, Frankfurt am Main, Glaubenspraxis, Johann Jakob Schütz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Anfänge der pietistischen Bewegung und deren Ursprung in den "Collegia pietatis" von Philipp Jakob Spener in Frankfurt am Main.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die historische Entwicklung der Bibelkreise aufzuzeigen und zu verstehen, wie Spener durch diese Versammlungen eine Erneuerung des kirchlichen Lebens anstrebte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Reformprogramm "Pia Desideria", das Konzept der "Erbauung", das Verhältnis von Laien und Geistlichen sowie die Spannung zwischen kirchlicher Bindung und separatistischen Tendenzen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine kirchengeschichtliche Untersuchung, die auf der Analyse von Primärquellen (Speners Schriften) und der Auswertung der zeitgenössischen Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der konkreten Einrichtung und dem Ablauf der Hauskreise in Frankfurt, der theologischen Begründung durch Spener und der späteren kritischen Auseinandersetzung mit diesen Reformideen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören "Pietismus", "Collegium pietatis", "geistliches Priestertum" und "Erbauung".
Warum spielt die Schrift "Pia Desideria" eine so zentrale Rolle?
Sie gilt als das grundlegende Reformprogramm des Pietismus, in dem Spener seine Beobachtungen aus dem Hauskreis verarbeitete und Reformvorschläge für die Kirche formulierte.
Welche Rolle spielt die Person Johann Jakob Schütz in dieser Arbeit?
Schütz dient als Beispiel für einen tiefgreifenden Bekehrungsprozess durch die Bibellektüre, zeigt jedoch auch die Gefahr einer späteren Radikalisierung und Separation von der Kirche auf.
Wie unterscheidet sich Speners Modell von anderen Konventikeln der Zeit?
Im Gegensatz zu vielen anderen radikalen Konventikeln betonte Spener stets die Bindung an die lutherische Kirche und das Ziel der Erbauung innerhalb des bestehenden kirchlichen Rahmens.
- Citation du texte
- Eva Bartkowski (Auteur), 2013, Die Collegia pietatis bei Philipp Jakob Spener als Vorläufer heutiger Bibelkreise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339753