Der Mythos des 'Edlen Wilden' in Diderots 'Supplément au voyage de Bougainville'


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mythos des 'Edlen Wilden'

3. Der 'Edle Wilde' im Supplément au voyage de Bougainville
3.1 Aotourou
3.2 Les adieux du vieillard
3.3 L'entretien de l'aumônier et d'Orou
3.4 Abschlussgespräch zwischen A. und B

4. Fazit

5. Quellenangabe

1. Einleitung

Die Forderungen der wichtigsten Autoren aus der Epoche der Aufklärung gelten bis heute als wesentliche Schlagwörter für den Zeitgeist des "siècle des lumières": Kritische Ver- nunft, eigenständiges Denken und Hinterfragen, die Kritik an der Vormachtstellung der Kirche und an deren Intoleranz sowie die Rationalisierung von Staat und Gesellschaft. Doch das Ideal des vernunftgesteuerten Handelns wurde nicht nur unterstützt, sondern zum Teil auch infrage gestellt. Bemängelt wurde von vielen zeitgenössischen Denkern, Schrift- stellern und Künstlern, dass das aufklärerische Menschenbild dem ganzen Menschen nicht gerecht werde und ihn auf ein Verstandeswesen reduziere, das in einem maschinenähnli- chen Körper wohnt. Im Kontrast dazu steht die Vorstellung des 'Edlen Wilden', ein My- thos, der von Menschen handelt, die auf Südseeinseln leben und als "dem reinen Instinkt der Natur folgend"1 betrachtet werden und somit im Einklang mit der Natur leben.

Voltaire und Diderot sind zwei Autoren, die diese Zeit besonders geprägt haben. In ihren Werken Supplément au voyage de Bougainville und L'ingénu setzen sie sich auf unter- schiedliche Weise mit dem Mythos des 'Edlen Wilden' auseinander. Im Wesentlichen be- inhaltet der Mythos des 'Edlen Wilden' die Theorie, dass der Mensch ohne die Bande der Zivilisation von Natur aus unschuldig und gut sei. Diese Idee wurde ebenfalls durch Jean- Jaques Rousseau vertreten. Dem Vergleich eines natürlichen mit einem zivilisierten Men- schen liegt das Aufeinandertreffen einer zivilisierten Kultur- mit einer sogenannten 'wil- den' Naturgesellschaft zugrunde. Eine solche Situation bestand vor allem während der Ex- pansionszeit europäischer Mächte im 17. und 18. Jahrhundert. So wie heute Raumsonden ins All geschossen werden, um ein Bild von "dort draußen" zu erhalten, so schickte man zu jener Zeit Segelschiffe um die Welt um die bis dahin unentdeckten Gebiete zu erforschen.

Im Jahr 1768 startete so auch Louis Antoine de Bougainville seine Weltumsegelung und schrieb darüber einen Reisebericht, dessen Höhepunkt der Aufenthalt auf der Insel Tahiti darstellt. Das Landesinnere Tahitis beschreibt Bougainville als "jardin de l'Eden"2, der sei- nen Bewohnern alles bereithalte, was sie zum Leben brauchten. Bougainville war eine be- kannte Persönlichkeit der Aufklärung und verhalf mit seinem idealisierten Bild der Tahiti- aner den Thesen von Rousseau zu weiterer Popularität.3

Auf ebendiesem Reisebericht basiert Denis Diderots Werk Supplément au voyage de Bougainville (1772). Wie der Titel bereits verrät, enthält Diderots Supplément, der in der Darstellungsform eines Dialogs geschriebenen ist, fiktive Zusätze zu Bougainvilles Reisebericht. Die Rahmenhandlung des Textes besteht aus einem Gespräch zwischen zwei Figuren, die A. und B. genannt werden. Auf einem Spaziergang kommen sie auf Bougainvilles Reisebericht zu sprechen und Figur B. stellt Figur A. nicht bekannte Nachträge dieses Reiseberichts vor: Die Abschiedsrede eines Greises ("Les adieux du vieillard") sowie eine Unterhaltung zwischen einem Bewohner Tahitis und dem Schiffskaplan Bougainvilles ("L'entretien de l'aumônier et d'Orou"). Zwischen diesen Einschüben finden wieder Dialoge zwischen A. und B. statt, in denen diese diskutiert werden.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, wie der Mythos des 'Edlen Wilden' bei Diderot darge- stellt wird. Besonders auffallend ist, dass Diderot einige Feststellungen über den Charakter und die Lebensweise der Tahitianer, die Bougainville in seinem Reisebericht darstellt, be- wusst ausgespart hat. Doch was bezweckt Diderot mit dieser idealisierten Darstellung der Tahitianer?

2. Der Mythos des 'Edlen Wilden'

Mit der Entdeckung der sogenannten 'Naturvölker', also jener Völker, die von der Zivilisation lange Zeit unentdeckt auf Südseeinseln lebten, kamen viele Fragen auf, die sich aus diesem Aufeinandertreffen ergaben. Unterschiede in der Art zu leben und in der Entwicklung dieser Menschen führten dazu, dass die Inselbewohner aufgrund ihres Verhaltens und ihrer Lebensform oftmals als "wild" bezeichnet wurden. Somit entstand eine Klassifizierung dieser Menschen als 'primitiv'.

Michel de Montaigne war ein Philosoph im 16. Jahrhundert. Er tadelte die Europäer bereits zu diesem Zeitpunkt für ihre Gewalt und ihren unstillbaren Durst nach Eroberung. In sei- nem 1580 erschienenen Essay Des cannibales schreibt er über Barbarei und Wildheit. Sei- ne These ist, dass die neu entdeckten Völker nicht als "wild" zu bezeichnen seien:

Il n'y a rien de barbare et de sauvage en cette nation, [...] sinon que chacun appelle barbarie ce qui n'est pas de son usage. [...] Ils sont sauvages, de même que nous appelons sauvages les fruits que nature, de soi et de son progrès ordinaire, a produits là où, à la vérité, ce sont ceux que nous avons altérés par notre artifice et détournés de l'ordre commun, que nous devrions appeler plutôt sauvages.4

Montaigne geht hier auf den Widerspruch ein, dass die Früchte, die wir 'wild' nennen, in Wahrheit die natürlichen seien. Früchte, die in der Natur wachsen ohne verändert worden zu sein werden 'wild' genannt, obwohl sie in Wahrheit der Natur näher stehen als die, die verändert worden sind, um den Geschmack zu verbessern. Dies lässt sich nach Montaigne auch auf die Naturvölker beziehen, die ebenfalls als 'wild' bezeichnet werden: Die sogenannten 'Wilden' müssten nach Montaigne eigentlich die 'Natürlichen' sein. Es sei ein Fehler sie 'Wilde' zu nennen, da dies abwertend sei.

Der Begriff des 'bon sauvage' setzt sich im 17. Jahrhundert durch und beinhaltet ein perso- nifiziertes Konzept, das die Vorstellung verkörpert, der Mensch sei von Natur aus gut und voller Unschuld. Das Gegenteil von der althergebrachten christlichen Lehre der Erbsünde also, mit der man im Zuge der Aufklärung aufzuräumen gedachte. Die Idee des 'Edlen Wilden' könnte ein Versuch zur Aufhebung der Ungleichbehandlung darstellen: Der wirt- schaftlichen, politischen und geistigen Unterlegenheit dieser Völker wird eine moralische Überlegenheit gegenübergestellt. Doch trotzdem blieben sie stets 'die Wilden', die auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe stehend betrachtet wurden als der europäische Kultur- mensch.

3. Der 'Edle Wilde' im Supplément au voyage de Bougainville

Diderots Supplément au voyage de Bougainville beginnt mit einem Rahmendialog zwischen den Gesprächspartnern A. und B., die über Bougainvilles Reise um die Welt sprechen und zunächst durchaus wohlwollend über sein Vorhaben urteilen:

Autant que j'en puis juger sur une lecture assez superficielle, j'en rapporterais l'avantage à trois points principaux: une meilleure connaissance de notre vieux domicile et de ses habitants; plus de sûreté sur des mers qu'il a parcourues la sonde à la main, et plus de correction dans nos cartes géographiques. Bougainville est parti avec les lumières nécessaires et les qualité propres à ses vues: de la philosophie, du courage, de la véracité.5

Dieses erste Urteil, das Diderot durch die Figur B. ausdrücken lässt, wird im weiteren Ver- lauf des Supplément relativiert, denn mit der Lektüre zweier bisher angeblich der Öffent- lichkeit vorenthaltener Dokumente lässt Diderot den Leser von dem destruktiven Einfluss erfahren, den die europäische Entdeckung auf die angeblich paradiesischen Zustände in der Südsee haben kann.

Die erste Aussage, die im Supplément im Laufe des Gesprächs zwischen A. und B. über die Wilden getroffen wird, ist folgende:

A: Et des sauvages, qu'en pense-t-il?

B: C'est, à ce qu'il paraît de la défense journalière contre les bêtes féroces, qu'il tient le ca- ractère cruel qu'on lui remarque quelquefois. Il est innocent et doux, partout où rien ne trouble son repos et sa sécurité.6

Die Figur B. beschreibt die 'Wilden' als von Natur aus unschuldig und gut, solange nie- mand ihre Ruhe und ihre Sicherheit stört. Der grausame Charakter, der ihm manchmal an- zumerken sei, rührt lediglich daher, dass er sich täglich gegen die wilden Tiere verteidigen muss.

Der 'Edle Wilde' wird in Diderots Supplément vor allem durch drei Figuren verkörpert: Zum Einen durch Aotourou, der zwar nicht explizit in der Erzählung Diderots auftritt aber dennoch Gesprächsthema zwischen A. und B. ist und zum Anderen durch die zwei Haupt- figuren der Nachträge: den Greis, der die Abschiedsrede hält sowie den Inselbewohner Orou, der sich mit dem Schiffskaplan unterhält. Im Folgenden sollen diese drei Figuren näher analysiert werden, um weitere Merkmale des 'Edlen Wilden' und der tahitischen Le- bensweise heraus zu arbeiten.

[...]


1vgl. Diderot, Denis: Supplément au voyage de Bougianville (ou Dialogue entre A e B sur l'inconvénient d'attacher des idées morales à certaines actions physiques qui n'en comportent pas). Paris: Presses Pocket 1992, S. 85. : "Nous suivons le pur instinct de la nature." Im Folgenden zitiert: Supplément, Seitenzahl.

2Bougainville, Louis Antoine: Voyage autour du monde: par la frégate du roi "La boudeuse" et la flûte "L'étoile". Édition établie par J. Proust. Paris: Gallimard 1992, S. 210-247. Im Folgenden zitiert: Bougainville, Louis Antoine: Voyage autour du monde, Seitenzahl.

3 Dies bezieht sich vor allem auf die ersten zwei Kapitel über den Aufenthalt auf Tahiti. Mehr dazu in Ab- schnitt 3.3.

4Montaigne, Michel: "Des cannibales". In: Montaigne, Œuvres complètes, Textex établis par A. Thibaudet et M. Rat. Introd. et notes par M. Rat. Paris: Gallimard 1962.

5Supplément, S. 78f.

6Supplément, S. 82.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Mythos des 'Edlen Wilden' in Diderots 'Supplément au voyage de Bougainville'
Hochschule
Universität Hamburg  (Romanistik)
Veranstaltung
Vernunft und Vergnügen. Aufklärung in der italienischen und französischen Literatur des 18. und 19. Jh. (Voltaire, Diderot, Manzoni)
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V340022
ISBN (eBook)
9783668297944
ISBN (Buch)
9783668297951
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufklärung, Mythos, der edle Wilde, Diderot, Gesellschaftskritik
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Der Mythos des 'Edlen Wilden' in Diderots 'Supplément au voyage de Bougainville', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340022

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