Die Forderungen aus der Epoche der Aufklärung gelten bis heute als wesentliche Schlagwörter für den Zeitgeist des "siècle des lumières": Kritische Vernunft, eigenständiges Denken, die Kritik an der Vormachtstellung der Kirche und an deren Intoleranz sowie die Rationalisierung von Staat und Gesellschaft. Doch das Ideal des vernunftgesteuerten Handelns wurde nicht nur unterstützt, sondern auch infrage gestellt. Bemängelt wurde von vielen zeitgenössischen Denkern, Schriftstellern und Künstlern, dass das aufklärerische Menschenbild dem ganzen Menschen nicht gerecht werde und ihn auf ein Verstandeswesen reduziere, das in einem maschinenähnlichen Körper wohnt. Im Kontrast dazu steht die Vorstellung des 'Edlen Wilden', ein Mythos, der von Menschen handelt, die auf Südseeinseln leben und als "dem reinen Instinkt der Natur folgend" betrachtet werden und somit im Einklang mit der Natur leben.
Voltaire und Diderot sind zwei Autoren, die diese Zeit besonders geprägt haben. In ihren Werken „Supplément au voyage de Bougainville“ und „L'ingénu“ setzen sie sich auf unterschiedliche Weise mit dem Mythos des 'Edlen Wilden' auseinander. Im Wesentlichen beinhaltet der Mythos des 'Edlen Wilden' die Theorie, dass der Mensch ohne die Bande der Zivilisation von Natur aus unschuldig und gut sei.
Im Jahr 1768 startete Louis Antoine de Bougainville seine Weltumsegelung und schrieb darüber einen Reisebericht, dessen Höhepunkt der Aufenthalt auf der Insel Tahiti darstellt. Das Landesinnere Tahitis beschreibt Bougainville als "jardin de l'Eden" , der seinen Bewohnern alles bereithalte, was sie zum Leben brauchten. Bougainville war eine bekannte Persönlichkeit der Aufklärung und verhalf mit seinem idealisierten Bild der Tahitianer den Thesen von Rousseau zu weiterer Popularität. Auf ebendiesem Reisebericht basiert Denis Diderots Werk „Supplément au voyage de Bougainville“ (1772). Wie der Titel bereits verrät, enthält Diderots Text, der in Form eines Dialogs geschrieben ist, fiktive Zusätze zu Bougainvilles Reisebericht.
Die Frage, die sich stellt, ist, wie der Mythos des ‚Edlen Wilden‘ bei Diderot dargestellt wird. Auffallend ist, dass Diderot einige Feststellungen über den Charakter und die Lebensweise der Tahitianer, die Bougainville in seinem Reisebericht darstellt, bewusst ausgespart hat. Doch was bezweckt Diderot mit dieser idealisierten Darstellung der Tahitianer?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Mythos des 'Edlen Wilden'
3. Der 'Edle Wilde' im Supplément au voyage de Bougainville
3.1 Aotourou
3.2 Les adieux du vieillard
3.3 L'entretien de l'aumônier et d'Orou
3.4 Abschlussgespräch zwischen A. und B.
4. Fazit
5. Quellenangabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Funktion des Mythos vom "Edlen Wilden" in Denis Diderots Werk "Supplément au voyage de Bougainville". Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Diderot das idealisierte Bild Tahitis konstruiert und bewusst einsetzt, um die moralischen, sozialen und politischen Institutionen der europäischen Zivilisation des 18. Jahrhunderts einer kritischen Analyse zu unterziehen.
- Analyse des Mythos des "Edlen Wilden" in der Aufklärungsepoche.
- Untersuchung der fiktiven Charaktere Aotourou, des Greises und Orou als Verkörperungen des Naturzustands.
- Gegenüberstellung von europäischer Zivilisationskritik und tahitischem Naturgesetz.
- Diskussion der Thematiken Sexualmoral, Eheverständnis und Eigentumsbegriff im kulturellen Vergleich.
- Reflexion über die Dekonstruktion des utopischen Ortes durch den Kontakt der Kulturen.
Auszug aus dem Buch
3.3 L'entretien de l'aumônier et d'Orou
Im Dialog zwischen dem Inselbewohner Orou und dem Schiffskaplan wird das Thema des friedfertigen Volkes der Tahitianer vor allem in der Hinsicht auf ihre Sexualmoral noch weiter vertieft. Es ist kein Zufall, dass Diderot für dieses Gespräch ausgerechnet einen Kaplan ausgewählt hat, da man davon ausgehen kann, dass ein christlicher Vertreter die europäischen Moralvorstellungen am ehesten vertritt.
In dem Gespräch äußert Orou Kritik an den europäischen Moralvorstellungen, besonders im Hinblick auf Sexualität. Die künstlichen Schranken der Moral, die in Europa so viele Verbrechen hervorrufen, seien den Tahitianern unbekannt. So hebt Orou seinem europäischen Gesprächspartner gegenüber immer wieder hervor, dass das harmonische, friedfertige und glückliche Zusammenleben des Inselvolkes auf dieser natürlichen und triebgerechten Ordnung beruhe.
Die europäische Sexualmoral und die darauf aufbauenden Gesetze führen – so die Kritik, die Orou äußert – nur dazu, dass sich die Zahl der Missetäter und der Unglücklichen vermehren würde. In scharfem Kontrast zu der europäischen Sexualmoral hält sich das tahitische Volk genau an das Naturgesetz und kommt damit einer guten Gesetzgebung näher als irgendein zivilisiertes Volk.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das aufklärerische Menschenbild und den Mythos des "Edlen Wilden" ein und stellt Diderots Werk als Instrument zur Kritik an europäischen Gesellschaftsstrukturen vor.
2. Der Mythos des 'Edlen Wilden': Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung des Konzepts vom "guten Wilden" als moralischen Gegenentwurf zur europäischen Zivilisation und christlichen Sündenlehre.
3. Der 'Edle Wilde' im Supplément au voyage de Bougainville: Das Hauptkapitel analysiert Diderots fiktive Ergänzungen zu Bougainvilles Reisebericht und die damit einhergehende Relativierung des europäischen Entdeckergeistes.
3.1 Aotourou: Hier wird die Figur Aotourou als Beispiel für die Entwurzelung eines "Wilden" durch die europäische Zivilisation und als Anlass für eine Differenzanalyse zwischen den Kulturen untersucht.
3.2 Les adieux du vieillard: Dieses Kapitel behandelt die Abschiedsrede des Greises, welche als scharfer Angriff auf den europäischen Kolonialismus und die Zerstörung des tahitischen Naturzustands fungiert.
3.3 L'entretien de l'aumônier et d'Orou: Im Zentrum stehen hier die Kritik an europäischen Ehevorstellungen und die Verteidigung der tahitischen Sexualmoral als naturgebundene Ordnung.
3.4 Abschlussgespräch zwischen A. und B.: Das Kapitel schließt mit einer Reflexion der beiden Rahmenerzähler, die den Widerspruch zwischen Naturrecht und gesellschaftlicher Gesetzgebung zusammenfasst.
4. Fazit: Das Fazit resümiert Diderots Vorgehen, Tahiti als Utopie zu nutzen, um Reformbedarf in der zeitgenössischen europäischen Gesellschaft aufzuzeigen.
5. Quellenangabe: Hier werden die verwendeten Primär- und Sekundärliteraturquellen aufgeführt.
Schlüsselwörter
Aufklärung, Edler Wilder, Diderot, Bougainville, Tahiti, Zivilisationskritik, Naturgesetz, Kolonialismus, Sexualmoral, Utopie, Rousseau, Aotourou, Naturzustand, Gesellschaftsreform, Supplément.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Denis Diderots Werk "Supplément au voyage de Bougainville" und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Mythos des "Edlen Wilden" im Kontext der Aufklärung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Aufeinandertreffen von Naturzustand und Zivilisation, die Kritik am europäischen Kolonialismus sowie der Vergleich gesellschaftlicher Normen wie Ehe, Moral und Eigentum.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin aufzuzeigen, wie Diderot durch die fiktive Darstellung Tahitis einen kritischen Spiegel für die Unzulänglichkeiten der europäischen Gesellschaft seiner Zeit schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext in den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext der Aufklärungsphilosophie stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Diderots fiktive Nachträge zu Bougainvilles Reisebericht, insbesondere durch die Figuren Aotourou, den Greis und Orou, detailliert auf ihre inhaltliche Stoßrichtung hin untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Aufklärung, Edler Wilder, Zivilisationskritik, Naturgesetz, Tahiti und Kolonialismus.
Welche besondere Bedeutung hat die Figur des Orou für die Argumentation?
Orou fungiert als Sprachrohr für die tahitische Lebensweise und setzt der europäischen Moral, insbesondere bei Sexualität und Ehe, ein logisches, auf Bevölkerungswachstum ausgerichtetes Naturgesetz entgegen.
Warum wird Tahiti laut Fazit als "zerstörter Ort" bezeichnet?
Der utopische Charakter Tahitis erlischt, sobald der Kontakt zwischen Tahiti und Europa stattfindet, da dieser die Unvereinbarkeit zwischen dem Naturgesetz und dem europäischen Staats- bzw. Religionsgesetz offenbart.
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- Anonym (Autor), 2013, Der Mythos des 'Edlen Wilden' in Diderots 'Supplément au voyage de Bougainville', Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340022