Realistik und Phantastik im Comic. Wie konstituiert sich Fiktionalität in "Peter Pan" von Régis Loisel?


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Materialdarstellung

3. Analyse
3.1 Realistik und Phantastik
3.2 Fiktivitätsfaktoren
3.2.1 Ereignisträger
3.2.2 Zeit
3.2.3 Ort
3.3 Reale Objekte in fiktiven Geschichten

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Älter werden heißt, sich daran zu erinnern, einmal Kind gewesen zu sein", sagt Régis Loisel, ein französischer Comicautor, der 1982 mit der Veröffentlichung des Fantasy-Vierteilers Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit bekannt wurde und bis heute zu den international erfolgreichsten Comic-Künstlern zählt.

Régis Loisel interpretiert in Form einer sechsbändigen Comicreihe das zum Klassiker gewordene Märchen um Peter Pan neu. Das Märchen von dem Jungen, der nicht erwachsen werden will1, wurde 1904 von James Matthew Barrie geschrieben. Bei der Comicreihe von Régis Loisel handelt es sich um ein eigenes Szenario, das lediglich den Motiven von J.M. Barries Märchen folgt.

Im Rahmen der Hausarbeit soll der erste Band dieser Comicreihe im Hinblick auf seine Fiktivität untersucht werden. Leitende Fragestellung soll sein, wie Fiktivität im Comic konstituiert und vermittelt wird und wie der Leser diese wahrnimmt.

Die Bestimmung von Fiktivität in Geschichten ist umstritten, da es keine eindeutig geklärte Fiktionstheorie gibt, die sich problemlos anwenden lässt. Problemstellungen bei der Bestimmung von Fiktion sind zum Beispiel die Fragen, wie und wodurch der Leser zwischen faktualer und fiktionaler Erzählung unterscheiden kann, wo Fiktiona- lität anfängt und wo Faktualität aufhört und wie ein Realitäts- bzw. Fiktionscharakter medial vermittelt wird. In unserem Fall ist das Medium ein Comic. Scott McCloud definiert Comics 1993 als "zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen, die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung beim Betrachter erzeugen"2. Doch wie wird Fiktionalität im Comic vermittelt?

Aus einer Vielfalt verschiedener Ansätze bezieht sich die Hausarbeit auf einen An- satz von Frank Zipfel, den er in seinem Werk Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität dar- stellt. Fiktive Geschichten können hiernach im Hinblick auf die Ereignisträger, denen die Ereignisse zustoßen oder die sie auslösen, im Hinblick auf die Orte des Gesche- hens oder im Hinblick auf die Zeiträume bzw. -verhältnisse nicht-wirklich und somit fiktiv sein. Diese Faktoren bezeichnet Frank Zipfel als Fiktivitätsfaktoren. Die Fiktivitätsfaktoren Ereignisträger, Zeit und Ort sollen im Laufe der Hausarbeit an dem Comic Peter Pan näher erläutert werden, um letztendlich zu prüfen, inwieweit der Comic fiktiv ist.

Interessant ist dieser Fall vor allem, da sowohl realistische als auch phantastische Formen der Fiktivität innerhalb einer Erzählung auftreten. Die zentrale Frage ist, wie der Leser realistischer von phantastischer Welt unterscheiden kann.

2. Materialdarstellung - Peter Pan

Der erste Band der Peter Pan Serie "London" wurde in Deutschland erstmals 1991 veröffentlicht und ein Jahr später als bester deutschsprachiger Comic mit dem Maxund-Moritz-Preis ausgezeichnet. Der Comic besteht aus sechs Bänden, der letzte Band wurde 2004 veröffentlicht. Die Reihe erschien im Ehapa Verlag.

Bei dem Comic handelt es sich um eine völlig neu interpretierte Version des Mär- chens. Dunkler und heftiger. Die harte Realität zeigt sich in jedem einzelnen Panel. Der Comic ist daher eher für ein erwachsenes Publikum geschrieben. Er gibt Antwort auf die Frage, die in dem ursprünglichen Märchen von J.M. Barrie offen bleibt: Wa- rum will Peter nicht erwachsen werden? Der Comic liefert Gründe für Peters Hass auf die Erwachsenen.

Die Geschichte beginnt im späten 19. Jahrhundert in London. Peter wächst bei seiner alkoholkranken Mutter auf, seinen Vater kennt er nicht. Einzig seine Phantasie, die er bei dem Erzählen von Geschichten an Waisenkinder auslebt und die Geschichten, die ihm der alte Herr Kundal erzählt, sind Momente des Glücks, die er inmitten des Elends und der Absurdität der Welt der Erwachsenen erlebt.

Ereignisse wie sexuelle Belästigung durch Prostituierte auf den Straßen Londons und die Konfrontation mit der Brutalität seiner Mutter bringen ihn dazu, die Erwachsenen zu hassen und niemals erwachsen werden zu wollen. Nachdem er von seiner Mutter verstoßen wurde, begegnet er einer Fee, die ihm die Fähigkeit zu fliegen verleiht und ihn mit in eine andere Welt - auf die Insel Nimmerland - nimmt. Dort wird er zunächst von Piraten entführt. Hier endet der erste Band.

Die Geschichte um Peter Pan ist fiktiv. Es lassen sich in dem Comic zwei unter- schiedliche Arten von Fiktivität feststellen: Im ersten Teil des Comics befindet sich der Protagonist in London, einer real existierenden Stadt. Hier wirkt die Geschichte durchaus realistisch. Im zweiten Teil ist Peter in einer anderen Welt, lernt zu fliegen und macht die Bekanntschaft einer Fee. Hier nimmt die Geschichte eindeutig phan- tastische Züge an.

Eine realitätsnahe Alltagswelt mit realistischen Handlungsträgern wird konfrontiert mit einer realitätsfernen und irrealen Anderswelt, die nach eigenen Normen und physikalischen Gesetzen funktioniert und nach unserem gültigen Wirklichkeitsmodell als unmöglich anzusehen ist.

Im Folgenden soll der Begriff der Fiktion und der der Fiktivitätsfaktoren näher beleuchtet werden, um anschließend die Fiktivität des Comics zu prüfen.

3. Analyse

Der Duden definiert das Wort Fiktion als "etwas, was nur in der Vorstellung exis- tiert"3. Es lässt sich dann von Fiktion sprechen, wenn das Dargestellte entweder jeg- lichen Wirklichkeits- bzw. Wahrheitsbezug entbehrt oder entscheidende Ereignisträ- ger wie Personen, Ort und Zeit fingiert sind.4 Folglich besagt ein als fiktiv erklärtes Geschehen, dass ihm kein reales Ereignis zugrunde gelegt werden kann oder zumin- dest einige Elemente des fiktiven Textes als nicht-wirklich zu bezeichnen sind.5

Fiktive Vorstellungswelten sind nie ganz und gar fiktiv, sondern stets auf die eine oder andere Art und Weise auf die reale Welt bezogen. Geschichten, die in keinerlei Relation zu unserem Wirklichkeitskonzept stehen, könnten weder erzählt noch verstanden werden, denn man könnte sie sich nicht einmal vorstellen.6Fiktive Geschichten sind also durch ein komplexes Verhältnis zwischen fiktiven und realen Elementen gekennzeichnet. Man unterscheidet hierbei zwischen native, immigrant und surrogate objects. Dies soll in Abschnitt 3.3 untersucht werden.

Für die Konstituierung fiktiver Welten nennt Frank Zipfel unterschiedliche Prinzi- pien. Zum einen das sogenannte "Realitätsprinzip" (reality principle). Es besagt, dass zu der fiktiven Welt neben dem, was in einem Erzähltext explizit erwähnt wird, au- tomatisch auch alle Sachverhalte der realen Welt angenommen werden, sofern sie durch den Erzähltext nicht explizit aufgehoben oder negiert werden.7 Hierzu gehören sowohl historische Ereignisse und Umstände als auch allgemeine Annahmen über natürliche Gegebenheiten, sprich über die Gesetze der Physik, das Verhalten von Lebewesen oder die menschliche Psychologie. Die fiktive Vorstellungswelt weicht demnach von der wirklichen soweit ab, wie es der Text explizit vorgibt, ist aber an- sonsten identisch mit der allgemeinen Vorstellung von Realität. Daraus folgt, dass die fiktionale Vorstellungswelt mit der realen Welt identisch ist, minus dessen, was von dem Text explizit als anders beschrieben wird.

Ein Problem des Realitätsprinzips zeigt sich bei der Anwendung auf fiktionale Texte aus vergangenen Epochen oder aus anderen Kulturkreisen. So würde eine strikte Anwendung des Realitätsprinzips dazu führen, eine Erzählung aus dem 18. Jahrhun- dert mit Sachverhalten aus der heutigen Welt in Verbindung zu bringen. In diesem Fall wird auf das "Prinzip der allgemeinen Überzeugungen" (mutual belief principle) verwiesen, das "eine auf die jeweilige Wirklichkeitskonzeption des Produktionszu- sammenhangs relativierte Form des Realitätsprinzips"8darstellt. Dies bedeutet, dass die Rezipienten über die Entstehungszeit des Textes reflektieren müssen. Realität bedeutet in diesem Fall also nicht die gerade geltende Wirklichkeitskonzeption, sondern die Wirklichkeitskonzeption zur Entstehungszeit.

3.1 Realistik und Phantastik

Frank Zipfel unterscheidet zwei unterschiedliche Formen von Fiktivität. Erstens die Realistik, zweitens die Phantastik. Realistik und Phantastik sind Bezeichnungen, die auf den Anteil an Erfundenem in Geschichten beziehungsweise auf die Ähnlichkeit zwischen realer und fiktiver Welt verweisen.

Darstellungen gelten als realistisch, wenn "die Geschichte einer Erzählung in Bezug auf das jeweils gültige Wirklichkeitskonzept möglich ist".9Realistik im Sinne der Fiktionstheorie ist nicht notwendig mit der Epoche des Realismus oder mit realistischem Stil verknüpft.

Unter Phantastik werden Geschichten verstanden, in denen "Elemente enthalten [sind], die von dem im Hinblick auf die gültige Wirklichkeitskonzeption Möglichen abweichen".10 Phantastisch ist also all das, was nach unserem Verständnis und unse- rer Welterfahrung nicht möglich ist. Ereignisse, die in einer phantastischen Erzäh- lung stattfinden, setzen Fähigkeiten oder Sachverhalte voraus, die es in unserer rea- len Welt nicht bloß nicht gibt, sondern die es in der Wirklichkeit nach unserer Erfah- rung auch gar nicht geben kann.

Eine von Andreas Kablitz gelieferte Definition lautet:

Diejenigen Erzählungen, die Gesetzesannahmen implizieren, die durch kein kulturell als möglich bzw. gültig erachtetes Wirklichkeitsmodell abgedeckt werden, verdienen das Prädikat [phantastisch].11

Der fiktionsspezifische Unterschied der Schauplätze in dem Comic Peter Pan ist von interpretatorischer Relevanz, da es für die Geschichte nicht unerheblich ist, ob sie an einem realen Ort oder an einem imaginären spielt. Die Geschichte um Peter Pan ist fiktiv. Sie besitzt zu Beginn noch Formen von Realistik, was im Folgenden näher analysiert werden soll.

[...]


1Originaltitel: Peter Pan or The Boy Who Wouldn’t Grow Up (1904).

2 McCloud, Scott: Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst. Hamburg: Carlsen 2009, S. 17. 1

3http://www.duden.de/rechtschreibung/Fiktion

4Zipfel, Frank: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Berlin: Schmidt 2001, S. 80.

5Hempfer, Klaus W.: "Zu einigen Problemen einer Fiktionstheorie". In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur (1990), S. 114f.

6Siehe Anm. 4, S. 82.

7Siehe Anm. 4, S. 85.

8 Zipfel, Frank: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Berlin: Schmidt 2001, S. 87f.

9 Siehe Anm. 8, S. 107.

10Siehe Anm. 8, S. 109.

11Kablitz, Andreas: "Erzählung und Beschreibung. Überlegungen zu einem Merkmal fiktionaler er zählender Texte".. In: Romanisches Jahrbuch 33 (1982), S. 69. Kablitz verwendet an dieser Stelle das Wort "fiktional".

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Realistik und Phantastik im Comic. Wie konstituiert sich Fiktionalität in "Peter Pan" von Régis Loisel?
Hochschule
Universität Hamburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Comics: Referenz und Intermedialität
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V340023
ISBN (eBook)
9783668295889
ISBN (Buch)
9783668295896
Dateigröße
1494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
realistik, phantastik, comic, fiktionalität, peter, régis, loisel
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Realistik und Phantastik im Comic. Wie konstituiert sich Fiktionalität in "Peter Pan" von Régis Loisel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340023

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