Erziehung im Nationalsozialismus

Ein Unterrichtsentwurf


Unterrichtsentwurf, 2015
29 Seiten, Note: 1, 0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Fachwissenschaftliche Analyse

3. Die didaktische Analyse
a) Das didaktische Potential
b) Die Analyse der Lerngruppe als Bedingungsfaktor der Unterrichtseinheit
c) Die didaktische Profilierung

4. Der Unterrichtsentwurf

5. Die fachdidaktische Ausarbeitung
a) Die Aktivierungsphase
b) Die Erarbeitungsund Analysephase
c) Die Sicherungsphase
d) Die Darbietungsund Sicherungsphase
e) Die Anwendungsphase

6. Fazit

7. Anhang

8. Bibliographie

1. Einleitung

„Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“1, sprach einst Richard VON WEIZSÄCKER am 8. Mai 1985 in Erinnerung an den 2. Weltkrieg. Der damalige Bundespräsident fordert 40 Jahre nach Kriegsende zur Verantwortung gegenüber der Vergangenheit auf und unterstreicht die historische Bedeutung der Befreiung vom Nationalsozialismus (NS), aus der eine neue Friedensordnung hervorging und die den Antagonismus der Nationalstaaten überwand. Um das ‚neue Europa‘ aufrechtzuerhalten, müssen wir „den Jüngeren helfen, zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wach zu halten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit“2. Diese Gratwanderung zwischen Verantwortung für Demokratie und Menschenrechte sowie historische Aufarbeitung zu meistern, obliegt heute primär der schulischen Ausbildung. Daher versucht die nachfolgende Unterrichtseinheit ‚Jugend im Nationalsozialismus‘, die das Themengebiet des bayerischen Lehrplans ‚Leben im totalitären Staat‘ anbietet, der genannten Aufgabe exemplarisch anhand der Massenmobilisierung der Hitlerjugend (HJ) und des Bundes Deutscher Mädel (BDM gerecht zu werden.

Zentral für diesen Unterrichtsentwurf ist zunächst eine historische Analyse der nationalsozialistischen Erziehungspraktiken, um die inhaltliche Relevanz zu erfassen und eine fachwissenschaftliche Orientierung für die nachfolgende didaktische Analyse zu schaffen. Eine solche Untersuchung nimmt im Anschluss eine Themenbestimmung und eine Betrachtung des didaktischen Potenzials sowie der Lerngruppe vor. Dies bildet wiederum die Ausgangsbasis für eine didaktische Profilierung des Gegenstandes. En Passant sind dabei die Unterrichtsformen sowie Medien von enormer Signifikanz, um die manipulative Wirkung der NS-Propaganda vor Augen zu führen. Im nachfolgenden werden die fachdidaktische Ausarbeitung der Unterrichtseinheit und der Erwartungshorizont beschrieben. Schließlich wird das Ende ein Fazit zieren, in der die Thematik mit Blick auf die fachübergreifende Behandlung sowie der ‚praktische´ lebensweltliche Bezug des Stoffes bewertet wird.

2. Die fachwissenschaftliche Analyse

‚Nationalsozialismus ist organisierter Jugendwille‘ hieß damals eine allgemeine Parole, die die Totalität des Hitler-Regimes zum Ausdruck brachte und in der sich die Jugend als Fundament der Volksgemeinschaft wahrnahm. Im Jahre 1926 formierte sich im Zuge der nationalsozialistischen Bewegung die sogenannte Hitlerjugend, die bis zur Machtergreifung eine nahezu unbedeutende Rolle einnahm; aber bereits 1932 umfasste sie ca. 100. 000 Mitglieder, die infolge des‚Jugendpflichtdienstes‘ auf über 8,7 Millionen Hitlerjungen anstieg.3 In dieser Entwicklung wird evident, wie der Totalitätsanspruch der HJ als Staatsjugend seit 1933 gegenüber konkurrierenden Organisationen sukzessiv internalisiert wurde, indem das Regime möglichst weite Teile der außerschulischen Institutionen usurpierte. Fernab des Schulwesens sollte also mit der HJ eines von vielen Instrumenten der ‚Gleichschaltung‘ des jugendlichen Lebensraumes und damit ein Standbein der Hitlerdiktatur geschaffen werden4.

Die ideologische Basis formulierte Hitler bereits in seiner Kampfschrift, das das Idealpostulat und Wertesystem aus Kameradschaft, Pflichterfüllung und Aufopferung der ‚völkischen Jugend‘ für den Staat vorgab: „Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen […] Ihr sollt sein: Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde"5. Somit formierten sich von Beginn an alle Jugendverbände als Nachtwuchsorganisationen der NSDAP, wodurch sie verfassungsrechtlich im NS-Staat verankert waren. Insbesondere darin wird das vorrangige Telos der allgegenwärtigen Indoktrination sichtbar, also den Einfluss originärer Sozialisationsinstanzen wie der Familie auszuschalten und die Jugend „dicht an der nationalsozialistischen Gesellschaft“6 zu erziehen.

Als Staatjugend war die HJ bzw. der BDM straff hierarchisch organisiert sowie reglementiert, wobei der Leitspruch ‚Jugend führt Jugend‘ eine autonome Position neben dem adoleszenten Staatsapparat suggerierte. Die omnipräsente lebensweltliche Stellung des nationalsozialistischen Systems wird bereits in der Konzeption der HJ augenscheinlich: Im Alter von 10 Jahren wurden Jungen wie Mädchen im sogenannten Deutschen Jungvolk bzw. in den Jungmädel erfasst, bevor sie mit Anfang 14 in die eigentliche HJ bzw. BMD überwiesen wurden7. Das Rüstzeug für ihre vorrangige Integration in das Regime als werdende Mütter und Hausfrauen erwarben die Jungmädel im Anschluss im BDMWerk ‚Glaube und Schönheit‘, in dem sie nach dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach zu "körperlich vollendet[en] durchgebildet[en] Trägerin[nen] nationalsozialistischen Glaubens"8 ausgebildet wurden und ab 21 Jahren ihrer ‚Berufung als Erhalterin des Volkes‘ nachkamen. Die männliche Jugend trat indes in den Arbeitsdienst ein und erhielt den letzten, militärischen Feinschliff im Wehrdienst, der in der Reserve, Landwehr oder auch -sturm münden konnte.

Wie bei den Jungmädl, bildete der Ausgangspunkt des Erziehungsprogramms im Jungvolk die Rassenlehre, welcher der Sport und der körperliche Aktivismus als einzigartiges Werkzeug zur Auslese erschienen und die sich in Beförderungen, Rangabzeichen und -stufen äußerte. Die HJ-Erziehungsziele folgten dem Prinzip der „Aktivismus-Leistungs-Kampf-Sport-Körperertüchtigung“9: Dementsprechend bot die Jugendorganisation ein breites Angebot an Sportarten an: Von Leichtathletik über Turnen, vom Schwimmen bis zum Schießsport und auch verschiedene Geländeübungen. In dieser breit angelegten Leibeserziehung sticht das Telos der Wehertüchtigung hervor, wodurch die HJ im Wesentlichen einer „vormilitärischen Ausbildung“10 glich. Diese kam inbesondere in den Sondereinheiten zu tragen, wie bspw. der Fliegeroder Motor-HJ. Neben der wehrsportlichen Erziehung konzentrierte man sich aber gleichzeitig auf die politische wie kulturelle Entwicklung: So war die Hitlerjugend „für die Ausgestaltung von Feierstunden, Heimatabenden, Rundfunksendungen, Filmfeierstunden und Dichterabenden“11 verantwortlich. Dadurch schuf das Hitlerregime ein System, das den kompetitiven Charakter körperlicher Fähigkeiten bis zu Erreichung der persönlichen Höchstleistung ausformte sowie den kollektiven Sozialisationsprozess straff organisierte12, um das Fundament einer umfassenden Reichswehr zu schaffen.

Demgegenüber steht das Selbstbildnis des Bundes Deutscher Mädel: „Die Jungen werden zu politischen Soldaten und die Mädel zu starken und tapferen Frauen erzogen, die diesen politischen Soldaten Kameradinnen sein sollen und unsere nationalsozialistische Weltanschauung später in ihrer Familie als Frauen und Mütter leben und gestalten und so wieder großziehen eine neue Generation der Härte und des Stolzes.“13 Folglich stand auch hier die Volksgemeinschaft im Mittelpunkt der pädagogischen Maxime, weswegen Sport, Ausflüge und Jugendlager, aber insbesondere die hauswirtschaftliche Erziehung im Sinne von Säuglings-, Kleinkinderpflege und Hausarbeit die prägenden Aktivitäten im nationalsozialistischen Alltag der weiblichen Jugend wurden14. Ebenso wie in der HJ dienten dabei die Heimatabende als weltanschauliche Schulungskurse für Volksund Rassenkunde, sodass sie „Kameradschaft, Zucht, Einsatzbereitschaft und Treue leben“15, die mit Leistungsabzeichen und sukzessiven Aufstieg innerhalb des Regimes belohnt wurden.

Während ein Großteil der Jugend in der HJ und BDM die Massenbasis des aufstrebenden Nationalsozialismus bildeten, wurde der Führungsnachwuchs in den Eliteschulen herangezogen, den sogenannten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA) und Adolf-Hitler-Schulen (AHS). Speziell die volkstümlich genannte Napola vertrat die bereits geäußerten Vorstellungen der Auslese und Elitenbildung für dießund Wehrmacht. Vorteilhaft und für die didaktischen Ziele der NSDAP besonders geeignet, vereinigten diese Anstalten die Erziehungsfaktoren von Elternhaus, Schule und Hitler-Jugend16.

Paraden, Lagerleben jenseits der Erwachsenenwelt in neuen Heimen, die Teilnahme an inszenierten Großveranstaltungen sowie das breitgefächerte Freizeitangebot und das daraus resultierende Gemeinschaftsgefühl ließen die HJ sowie die BDM für Kinder wie Jugendliche insgesamt attraktiv erscheinen, unabhängig der späteren Pflichtmitgliedschaft. Den gesellschaftlichen Aufstieg garantierten letztlich nur die Erziehungsanstalten, die unabhängig der sozialen Stellung auch der „breiten Masse […] ein höhere Studium“17 ermöglichen sollten. Diese gesamtgesellschaftliche Verankerung und Omnipräsenz der HJ bzw. BDM spiegeln den Totalitarismus des 3. Reichs exemplarisch wieder.

3. Die didaktische Analyse

a) Das didaktische Potential

Diese desoptischen Auswüchse drangen folglich in den allgemeinen Alltag ein und bestimmten kollektive wie individuelle Denkund Verhaltensmuster der Jugend. Daher wird der Klassenverband mit Blick auf die geschichtswissenschaftliche Dimension angehalten, Eigenund Fremdbilder in der damaligen Erziehungswirklichkeit zu deuten, die das ‚Potenzial der arischen Rasse‘ gegenüber Minoritäten zu entfalten suchte. Mit diesen utopischen Vorstellungen waren massive Integrationsbemühungen der deutschen Jugendlichen verbunden, während gleichzeitig weite Teile desintegriert wurden, die dem völkischen Ideal widersprachen. Demzufolge wird es denßermöglicht, das Selbstverständnis und die Ausformung der nationalsozialistischen Ideologie in allen Lebensbereichen zu reflektieren, die im Vergleich zur modernen Zivilgesellschaft in ihrem stark hierarchischen Aufbau die Machtteilhabe des Einzelnen begrenzte und das Führerprinzip ohne demokratische Legitimation umsetzte. Hiermit werden in Bezug auf das Historische Lernen die Erkenntnispotenziale der Dimensionen Lebensphasen/ Lebensformen, Selbstund Fremdbilder in der NS-Ideologie und Ausprägungen von Macht und Herrschaft tangiert18.

Das vorangestellte Weltbild evozierte folglich eine starke Einschränkung des Freiheitsspielraumes und des Mitbestimmungsanspruches des Einzelnen, der der bürokratischen Maschinerie und der Monopolstellung der Jugendorganisationen zum Opfer fiel.19 Aus diesem Schlüsselproblem entwickelte sich ein gewisser Antagonismus zwischen Individuum und Gesellschaft, Selbstbestimmung und Einordnung in das politische System, das in der Phase der jugendlichen Identitätsfindung eine tragende Rolle spielte20. Auf diese Persönlichkeitsbildung nahm insbesondere die Propagandamaschinerie, die die Massenmedien und Kulturschaffenden kontrollierte und für eine staatsnahe Alltagskultur der Jugend instrumentalisierte, Einfluss. Darunter fielen neben Presse, Funk und Fernsehen, auch Literatur, Kunst und Musik, die der ‚völkischen‘ Weiterbildung in der HJ und BDM dienstbar gemacht wurden. Folglich entspringt diesem Schlüsselproblem ein starres Geschlechterbild im Nationalsozialismus, dessen patriarchales und militaristisches System das Telos des Mannes im Kampf, das der Frau in der ‚Reinhaltung der Rasse‘ sah. Die Subjektivität und Identitätsbildung des Individuums war stark auf das Kollektiv ausgerichtet und ihm stets untergeordnet, um alternative Lebensentwürfe fernab der nationalsozialistischen Lebensplanung aufzuheben.

Mit Blick auf die Basisnarrative ist die Behandlung des Themas ‚Jugend im Nationalsozialismus‘ daher von großer Bedeutung: An ihrem Beispiel können wesentliche Wirkmächte totalitärer Herrschaftssysteme des 20. Jahrhunderts auf die Bevölkerung abstrahiert werden. Für das Verständnis des Holocausts und die gesellschaftlichen Voraussetzungen des 2. Weltkriegs ist die Behandlung der Massenmobilisierung unabdingbar21. Der Gegenstand zeichnet sich aber hauptsächlich durch die hohe geschichtskulturelle Präsenz im kollektiven Gedächtnis aus: Neben dem Gegenwartsbezug in der privaten Erinnerungskultur, in denen mögliche Zeitzeugen über ihre jugendlichen Erfahrungen berichten können, den zahlreichen historischen Dokumentationen, populärwissenschaftlichen Aufsätzen, Arrangements in Museen und auch Gedenkund Erinnerungsstätten werden die nationalsozialistischen Erziehungspraktiken auch in historischen Spielfilmen wie ‚Hitler Junge Salomo‘ oder auch ‚Napola Elite für den Führer‘ vergegenwärtigt. Schließlich fand das 3. Reich auch im modernsten Medium Eingang, dem Social Web, das nach ERK mit Blick auf die Erfahrungswelt der heranwachsenden Altersgruppe domminiert: „Als nächstes könnte es bereits die erste Generation an Schülern geben, die auf YouTube mehr über das Dritte Reich und Hitler erfährt als aus dem Geschichtsunterricht“22.

b) Die Analyse der Lerngruppe als Bedingungsfaktor der Unterrichtseinheit

Um eine Brücke zu dieser Wissensbasis zu schaffen, ist eine wesentliche Voraussetzung, dass bereits im Vorfeld die Weltanschauung des Nationalsozialismus insbesondere die Kategorien Führerkult, Antisemitismus und die nationalsozialistische Agitation in ihren Grundzügen behandelt worden ist.

Von ebenso großer Bedeutung wäre eine bereits fruchtbringende Auseinandersetzung mit der Systemstabilisierung durch die Machtergreifung sowie Gleichschaltung der gesellschaftlichen Institutionen zu Beginn des 3. Reiches23. Gepaart mit dem vorhanden bereichsspezifischen Vorwissen sind zwar möglicherweise keine fachwissenschaftlichen Erkenntnisse zu erwarten, aber zumindest die ideologische Ausrichtung, das Telos und die Ursachen der Breitenwirkung nationalsozialistischer Propaganda wird für die Schülerinnen und Schüler erfahrbar. Dadurch fügt sich die Problematik um die Erziehung im 3. Reich harmonisch in die nachfolgenden Themen ein, die die Verfolgung und Entrechtung der Juden sowie ‚München als Hauptstadt der Bewegung‘ behandeln.24 Schließlich offeriert die Stoffauswahl die Möglichkeit, fachübergreifende Kompetenzen mit Bezug auf die Schulfächer Katholische/ evangelische Religionslehre und Ethik im Rahmen der 9. Jahrgangsstufe zu erwerben, die das NS-Regime im Zuge der Unterrichtseinheiten ‚Gewissen und Handeln‘ bzw. ‚Manipulationstechniken‘ behandeln25. Aufgrund ihrer stringenten Beziehung innerhalb des Schulprofils, des Lehrplans für das Fach Geschichte und ihrer Verknüpfung mit Unterrichtseinheiten anderer Fächer eignet sich das Thema ‚Jugend im Nationalsozialismus‘, die Funktionsund Propagandamechanismen totalitärer Systeme sowie deren Zugriff auf sämtliche Lebensbereiche näher zu betrachten.

Ausgangsbasis für diesen multidimensionalen Zugriff ist daher ein ‚gereiftes‘ Geschichtsbewusstsein, insbesondere was das moralische und politische Bewusstsein betrifft: Große Berücksichtigung sollten Normen und Werte aufgrund ihrer Zeitgebundenheit erfahren und es den Schülerinnen und Schülern dadurch möglich sein, kein Verständnis, aber eine Erkenntnis im Hinblick auf die Attraktivität der HJ und BDM zu gewinnen. En Passant rückt erst durch die Folie der Vergangenheit das eigene Wertesystem in den Vordergrund und wird als relativ bzw. wandelbar erfahren. Da sich gerade in diesen Organisationen die Herrschaftsstrukturen des Führerkultes widerspiegeln, ist ebenso ein Bewusstsein für diese Machtkonzentration innerhalb des Staates notwendig, aber auch für deren Wandelbarkeit im Zuge der Niederlage auf eine demokratische Grundordnung mit Gewaltenteilung hin. Schließlich ist aufgrund des gesellschaftspolitischen affektivaufgeladenen Klimas im Hinblick auf das Erbe der Nachkriegszeit ein gewisses Identitätsbewusstsein vonnöten, zwischen der vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaft zu differenzieren, um einen ungetrübten, ‚fachwissenschaftlichen Blick‘ auf die Unterrichtseinheit einzunehmen26.

Bezüglich des Kompetenzniveaus der 9. Jahrgangsstufe wurden dießin diesem neuzeitlichen Thema bereits mit verschiedenen Medien und Quellen auch in modernen Präsentationsformen wie Film und Fernsehen konfrontiert27, wodurch die Methodenkompetenz für die nachfolgende Unterrichtseinheit geschärft wurde. Ähnlich dürfte das Niveau der Urteilskompetenz im Rahmen der bisherigen Textquellenarbeit ausfallen, die die Basis für die nachfolgende Behandlung historischer Quellen bildet. Sachquellen hingegen wurden in diesem Themenkomplex wahrscheinlich nicht genutzt, sondern werden wohl eher im Rahmen der Vertiefung in einer Exkursion zu einem Denkmal der Opfer des Nationalsozialismus eine wesentliche Rolle spielen28. Mit Bezug auf die von ERK geäußerte Präsenz im Internet, der geschichtskulturellen Präsenz im Lebensraum überhaupt und die vorangegangene Behandlung des Nationalsozialismus kann man daher im Gesamten von einer Sachkompetenz, aber auch einer Interessenbasis sowie einem Bewusstsein für das Unterrichtsthema ausgehen, die eine autonome und reflektierte Aufarbeitung ermöglicht.

c) Die didaktische Profilierung

Auf Basis der gesellschaftlichen Brisanz der Thematik sollen daher Instrumente und das Telos nationalsozialistischer Jugendpolitik den Kern der Unterrichtseinheit bilden. Insbesondere vor dem Hintergrund des bevorstehenden Krieges muss die Funktion der Staatsjugend vom Klassenverband bewertet werden. Die HJ, der BDM und die NPEAs als tragende Sozialisationsinstanzen werden folglich exemplifiziert, da sie das Regime repräsentierten und von ihnen ein weitaus größerer geschichtskultureller Zugang zu erwarten ist, als bei anderen Institutionen wie den Adolf-HitlerSchulen. Wesentlich für deren Verständnis sind die Vorstellungen Hitlers über die Jugend und ihre faktische Erfassung in allen gleichgeschalteten Lebensbereichen, die in der Auseinandersetzung mit historischen Quellen erarbeitet wird. Demgemäß ist die Textquellenarbeit multiperspektivisch angelegt und den Schülerinnen und Schülern wird ein breites Differenzierungsangebot unterbreitet, wenn die realen Erfahrungen in Zeitzeugenberichten unter der Folie der ideologischen Vorgaben aus Hitlers Werk ‚Mein Kampf‘ betrachtet werden. Dieses Vorgehen schafft in gewisser Weise einen ‚fachwissenschaftlichen‘ Zugang zum Stoff. Mit Blick auf die fachübergreifende Zielsetzung wird die Entstehung bzw. Entwicklung der Organisation dagegen nicht in den Blick genommen, ebenso wie ihre Bedeutung an der Heimatfront bzw. Kriegsgeschehen im Zuge der drohenden Niederlage.

Die Interpretationskompetenz nach PANDEL, also das „Erkennen manipulativer und propagandistischer Mittel in den Massenmedien“29 soll dabei integraler Bestandteil der Unterrichtseinheit sein30.

[...]


1 Richard von WEIZSÄCKER, Der 8. Mai 1945 40 Jahre danach, letzte Aktualisierung: 25. 9. 2015, URL: http://www.gym-rinteln.de/50jahre/chronik/gestern/weizsaecker_druck.html, Zugriff am 14. 9. 2015.

2 Ebd.

3 Vgl. Arno KLÖNNE, Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner. Dokumente und Analysen (Köln [u.a.] 1982) 34.

4 Vgl. KLÖNNE, Jugend im Dritten Reich (1982) 122.

5 Hermann RAUSCHNING, Gespräche mit Hitler (Zürich/New York 1940) 237.

6 Christoph SCHUBERT-WELLER, Hitlerjugend. Vom „Jungsturm Adolf Hitler“ zur Staatsjugend des Dritten Reiches (München 1993) 188.

7 Vgl. KLÖNNE, Jugend im Dritten Reich (1982) 42.

8 Gisella MILLER KIPP, Der Bund Deutscher Mädel in der Hitlerjugend, in: U. HERRMANN (Hrsg.), Die Formung des Volksgenossen. Die „Erziehung“ des Dritten Reiches (Weinheim u. Basel 1985) 192.

9 KLÖNNE, Jugend im Dritten Reich (1982) 78.

10 SCHUBERT-WELLER, Hitlerjugend (1988) 164.

11 SCHUBERT-WELLER, Hitlerjugend (1988) 162.

12 Vgl. SCHUBERT-WELLER, Hitlerjugend (1988) 163.

13 KLÖNNE, Jugend im Dritten Reich (1982) 83.

14 Vgl. Martin KLAUS, Mädchen im Dritten Reich. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) (Köln 1983) 61.

15 KLAUS, Mädchen im Dritten Reich (1983) 45.

16 Vgl. Horst ÜBERHORST, Elite für die Diktatur. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten 1933 1945 (Düsseldorf 1980) 48.

17 ÜBERHORST, Elite für die Diktatur (1980) 95.

18 Vgl. Markus BERNHARDT/ Peter GAUTSCHI/ Ulrich MAYER, Themenbestimmung im Geschichtsunterricht der Sekundarstufen, in: Michele BARRICELLI/ Martin LÜCKE (Hgg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, I (Schwalbach 2012) 389 f.

19 Vgl Ebd.

20 Vgl. Markus BERNHARDT/ Peter GAUTSCHI/ Ulrich MAYER, Historisches Lernen angesichts neuer Kerncurricula. Von Bildungsstandards und Inhaltsfeldern zur Themenbestimmung und Unterrichtsplanung im Geschichtsunterricht (Wiesbaden 2011) 18.

21 Ebd.

22 Daniel ERK, So viel Hitler war selten. Die Banalisierung des Bösen oder warum der kleine Mann mit dem Bart nicht totzukriegen ist (München 2012) 23.

23 Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Jahrgangsstufen-Lehrplan. Jahrgangstufe 9,letzte Aktualisierung: 2014, URL: http://www.isb-gym8 lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26228, Zugriff am 1. 9. 2015.

24 Vgl. Ebd.

25 Vgl. Ebd.

26 Vgl. Bernd SCHÖNEMANN, Geschichtsbewusstsein Theorie, in: Michele BARRICELLI/ Martin LÜCKE (Hgg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, I (Schwalbach 2012) 105.

27 Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Jahrgangsstufen-Lehrplan. Jahrgangstufe 9, letzte Aktualisierung 2014, URL: http://www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26228, Zugriff am 1. 9. 2015.

28 Vgl. Ebd.

29 Ebd.

30 Vgl. Hans-Jürgen PANDEL, Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis (Schwalbach 2013) 223. 9

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Erziehung im Nationalsozialismus
Untertitel
Ein Unterrichtsentwurf
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Department der Fachdidaktiken - Lehrstuhl Didaktik der Geschichte)
Veranstaltung
"Dokutainment" zwischen Nutzen und Nachteil - Vom Wert der Geschichtsdokumentationen im Geschichtsunterricht.
Note
1, 0
Autor
Jahr
2015
Seiten
29
Katalognummer
V340110
ISBN (eBook)
9783668302938
ISBN (Buch)
9783668302945
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
BDM, HJ, Nationalsozialismus, Unterrichtsentwurf, NS Zeit, totalitärer Staat, Erziehung, NS-Propaganda
Arbeit zitieren
Markus Hofbauer (Autor), 2015, Erziehung im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340110

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