Die Textilindustrie in Augsburg. Bedingungen und Ursachen ihres Aufstiegs im Industriezeitalter


Hausarbeit, 2013
18 Seiten, Note: 2, 0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ursprünge der industriellen Revolution
2.1 Die Fuggerzeit
2.2 Die Entwicklung der Wirtschaft im Schatten des dreißigjährigen Krieges
2.3 Die Protoindustrialisierung in Augsburg
2.4 Augsburg und die Neuordnung Europas
2.5 Der Siegeszug der industriellen Revolution

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

Die pax Augusta bildete für das römische Imperium eine Zeit des Friedens und des Wohlstandes im Imperium, die selbst die nördlichen Provinzen berührte und dort zur wirtschaftlichen Blüte führte. Hier liegt auch der Grundstein für die Hauptstadt der römischen Provinz Raetia II: Augsburg. Unter diesem günstigen Vorzeichen erreichte die Stadt in den Jahrhunderten danach an beachtlicher wirtschaftlicher Stärke. Während sich das Mittelalter zwar noch vorwiegend der Eigenversorgung der Stadt widmete und sich außerdem in einer für diese Zeit “typischen“ Starre befand, waren aber gleichzeitig schon erste Ausprägungen einer differenzierten Arbeitsteilung und Gewerbelandschaft vorhanden, wie z.B. der Lodweber, Schneider etc.. Es etablierte sich ein Gewerbe deren Produkte und Handwerk sich über die Jahrhunderte hinweg veränderten, verbesserten und auch verworfen werden sollten, aber bis ins 21. Jahrhundert hinein das Fundament der Stadt bildete: das Textilhandwerk. Das aufsteigende leder-, metallsowie textilverarbeitende Gewerbe Augsburg löste sich jedoch bald von den Fesseln der Subsistenzwirtschaft und erlangten darüber hinaus bereits im 13. Jahrhundert internationalen Rang und Namen. Im Zuge der unterschiedlichsten Kaufmannsgeschlechter der Fugger und Welser kam es dann zu veränderten Bedingungen dieses, ältesten Gewerbes der Stadt, die durch ihre Innovationsbereitschaft und ihr wirtschaftliches Geschick der Stadt ihren Stempel aufdrückten. Auch der dreißigjährige Krieg sollte der Blüte der wichtigsten Handelsregionen der damaligen süddeutschen Gebiete keinen Abbruch tun. Erst mit der französischen sowie der industriellen Revolution auf dem Kontinent, dem Wiener Kongress etc. und den mit ihnen verbundenen internationalen Veränderungsprozessen auf staatlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene, sollten jahrhundertelange Strukturen der Stadt Augsburg aufgebrochen werden und sich der Weg der Industrialisierung im langen 19. Jahrhundert ebnen.

Das schon bestehende Zentrum der Textilindustrie mit europäischem Rang ging nun in Phase 1 über, in der altständische Elemente abgeworfen wurden. Unter welchen Bedingungen diese Entwicklung stattfand und welche Ursachen im wirtschaftlichen Prozess der augsburgischen Textilindustrie liegen, soll im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Daher werde ich im Folgenden mit den Ausgangsbedingungen für die Textilbranche zur Zeit der Fugger beginnen und den schon beschriebenen Weg bis zu ihrem industriellen Aufstieg im 20. Jahrhundert verfolgen, wo im Wesentlichen der Höhepunkt der industriellen Entwicklung liegen dürfte.

2. Die Ursprünge der industriellen Revolution

Betrachtet man die Geschichte der Stadt Augsburg, mag es wohl weniger erstaunlich scheinen, dass sich gerade hier das Zentrum der süddeutschen Textilfabrikation gebildet hat. Die Stadt besaß schon wie in der Einleitung genannt größere, häusliche Produktionsstätten für Textilien aller Art, die zwar zünftisch organisiert waren, jedoch schon erste Schritte der Arbeitsteilung aufwiesen, z.B. in der Garnund 1. Darüber hinaus konnte mit der Vorstufe der Manufaktur, dem sogenannten Verlagswesen, die für eine jährliche Produktion von 70 000 bis 80 000 Tuche im Jahre 1500 sorgten, der Prosperität der ganzen Stadt Vorschub geleistet werden. Entscheidend vor allem für die spätere industrielle Produktion war zudem noch die Herstellung von Bachente, einem Gemisch aus Baumwolle und Leingarn, die von 900 bis 1000 Webern der Stadt hergestellt wurden. Somit wandelte sich hier der Markt weg von der Subsistenzwirtschaft des frühen Mittelalters und hin zu einem auf Export ausgerichteten Gewerbe, das neben Frankfurt und Köln, auch Krakau und Breslau mit Leinen versorgte. Nebenbei zeichnete sich auch hier schon die für die Weberzunft typische Armut ab, die sich in den Ungeldunruhen 1457/66 sowie dem Konflikt um die Einfuhr von Garn aus den ostdeutschen Gebieten 1495/1501 niederschlug und sich in ähnlicher Weise in den darauffolgenden Jahrhunderte wiederholen sollte. Beides sind erste Indikatoren wesentlicher Verwerfungen der wirtschaftlichen Verhältnisse in Augsburg, die durch die neuen eben beschriebenen Entwicklungen berwirkt wurden. Später war zudem eine neue Wirtschaftsform signifikant, die zur wirtschaftlichen Blüte der Stadt Augsburg (v.a. im metallverarbeitenden Gewerbe) wesentlich beitrug: das Kreditgeschäft.

2.1 Die Fuggerzeit

Die neuen marktwirtschaftlichen Entwicklungen in Form von Krediten und Anleihen bildeten bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem einem Kaufmannsgeschlecht eine Plattform des wirtschaftlichen Wachstums: den Fuggern. Neben den genannten Kreditgeschäften mit z.B. dem Tiroler Erzherzog 2, expandierte in den nachfolgenden Generationen durch Jakob Fugger das Unternehmen, investierte im Bergbau sowie in Metallverarbeitung in den Gebieten östlich der deutschen Lande (wie z.B. im slowakischen Neusohl) sowie in den südländischen Regionen

Europas (wie z.B. das Spanien der Habsburger). Letzteres mündete aufgrund der hohen Anleihen im spanischen Staatsbankrott von 1557. Auch andere Kaufmanschaften sowie Bankiers wie die Gebrüder Graffter oder Jakob Hörbrot stiegen in das Anleihegeschäft ein und so flossen bald Geldströme u.a. an die französische Krone im Laufe des 16. Jahrhunderts.

Unter diesen Konditionen und dem hohen Einfluss des Fugger‘schen Großunternehmertums vollzog sich auch in Augsburg ein großer Wandel in den wirtschaftlichen Beziehungen und der Reichweite ihrer Produkte. Augsburgische Waren und Finanzgeschäfte wurden verstärkt in Antwerpen (dem europäischen Handelszentrum), Mailand, Florenz, Genua etc. gehandelt. So profitierte auch das Textilgewerbe enorm vom Ausbau derartiger Fernhandelsbeziehungen, besonders was die Größe ihres Exports angeht, die am Ende des 16. Jahrhunderts bei 400 000 Bachenttuche lag. Somit vervierfachte sich der Export bzw. die Produktion der Augsburger Weber seit dem Jahre 1500. Die Schattenseite dieses Erfolges der nun 1451 Mitglieder der Weberzunft war die zunehmende Konkurrenz einerseits, aber auch die wirtschaftlichen Probleme aufgrund der Überproduktion und der Absatzschwierigkeiten auf dem europäischen Markt andererseits. Für die größte Berufsgruppe Augsburgs mit knapp 20 % stellte das anhaltende Wachstum somit eher weitere Armut bereit, doch die Weichen in finanzieller und gewerblicher Hinsicht schienen für die spätere Textilfabrikation günstig gestellt.

2.2 Die Entwicklung der Wirtschaft im Schatten des dreißigjährigen Krieges

Der anhaltenden Prosperität des Leinenund Tuchhandels in der Reichsstadt Augsburg folgten mit dem dreißigjährigen Krieg Rezession und größere Zerstörung des gewerblichen Betriebes in allen Zünften. Dennoch war ein „leistungsfähiges Textil-[...]gewerbe zumindest in Ansätzen erhalten geblieben“3. Wichtiger für den Wiederaufstieg und -aufbau der europäischen Handelsmetropole stellte aber nach wie vor der Wiedereinstieg in den internationalen Handel dar, der durch die Neuknüpfung früherer Handelsbeziehung mit z.B. Venedig, Frankfurt, Lya etc. bis 1650 erreicht werden konnte. Ferner muss hierbei noch der Aufbau von Handelshäusern (Gullmann, Rad und Hößlin u.a.) durch die Zuwanderung aus anderen Handelszentren wie Nürnberg genannt werden, die das Bankengeschäft gewinnbringend mit dem Edelmetallhandel verbanden, um den Gewinn wiederum in andere Branchen der Stadt Augsburg zu investieren. So stieg man nun auch in verschiedene „Aufträge für Heereslieferungen “4 ein, wie z.B. im Türkenkrieg 1716-1718 oder die finanzielle Beteiligung am polnischen Erbfolgekrieg. Die starke Expansion der Handelsbeziehungen

sowie die Wiederkehr Augsburgs als europäischer Umschlagsplatz spiegelt sich zuletzt auch noch im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgrund der Gründung verschiedener Bankenhäuser wie von Johann Obwexer von aus Hausen und anderen Bankiers wider. Der dargestellten Konjunktur des metallverarbeitenden und des (nun auch traditionsreichen) Finanzgewerbes folgte ein weiteres, wirtschaftliches Standbein: das Textilgewerbe.

2.3 Die Protoindustrialisierung in Augsburg

Wie im vorausgegangenen Kapitel beschrieben, ging der dreißigjährige Krieg nicht spurlos vorüber und wirkte sich mit seiner Zerstörungskraft verheerend auf den Textilhandel aus und warf ihn in die Produktionskapazitäten des 15. Jahrhunderts zurück: Knapp 60 000 Bachentstücke wurden von nur 735 Weber im Jahre 1662 produziert. Am Vorabend des Krieges um 1612 lagen die Stückzahlen der Tuche noch bei 430 636. Während nun das Goldund Silberschmiedegewerbe relativ schnell im Laufe des 16. Jahrhunderts wieder zu 5 innerhalb des europäischen Marktes gelang, begann der Wiederaufstieg des Webertums erst sehr langsam. Dies lag nicht zuletzt daran, dass das metallverarbeitende Gewerbe vor allem durch seine enge Verbundenheit mit den schon genannten Bankund Wechselgeschäften profitierte. Das zweite großen Exportgewerbe aber machte sich durch seine individuelle Produktionsstruktur dennoch zumindest im Ansatz krisenfest: „Die Textilhandwerke bildeten eine Art Produktionsverband“6. In dieser Kette wurden die verschiedenen Arbeitsschritte zur Herstellung der Bachentstücke gekoppelt und somit das Handwerk des Färbers, Druckers, Tuchmachers, Bleichers etc. verbunden. Folglich wurde in der Art eines vorindustriellen Verlagswesens die Fertigung und Vermarktung durch die Kaufmänner geregelt. Auf andere Rohstoffe, die in Europa im Zuge des Kolonialismus eingeführt wurden, konnte man so flexibel reagieren und dieselben in den Produktionsprozess eingliedern, um mit der ausländischen Konkurrenz mithalten zu können.

Doch diese zünftige Organisationsstruktur, die die Jahrhunderte überdauerte, wurde nun infolge des sogenannten Kattundrucks langsam aufgelö7. Diese neue Innovation konnte von Georg Neuhofer in England und den Niederlanden um das Jahr 1688 ausspioniert und durch die Gründung einer Textildruckerei zusammen mit seinem Bruder Jeremias nach Augsburg importiert 8. Ein solches Vorhaben lag im Sinne der Bachentund Bombassinhändler Augsburgs, die die Reisen von ihm und seinen Bruder finanziell unterstützten und somit die Protoindustralisierung in Gang setzten.

Zwar wurde wie schon beschrieben der Produktionsprozess innerhalb der Zünfte auf die neue Entwicklung hin angepasst, jedoch die Teilschritte nach und nach im eigenen Betrieb vereinigt. Dem „zünftisch geregelten Lohndruck“9 wich nun eine marktorientierte Lohnregelung, welche das Exportgewerbe in ihrer Struktur aufbrach und den Konkurrenzdruck der Weber untereinander verstärkte. Ab diesem Zeitpunkt setzte sich ein auf Gewinn und Markt gerichtetes Denken durch, das durch die Industrialisierung in England die obsolete Organisation innerhalb der Zünfte verdrängte. Dieser Bedrohung der einheimischen Weber, die einen großen Teil der Steuerzahler bzw. Bevölkerung stellten, versuchten dieselben nun über den Großen Rat der Stadt, in dem sie wesentlichen Einfluss besaßen, beizukommen: 1693 reduzierte der Rat die Drucklizenzen auf lediglich 8, später „beschränkte der Augsburger Rat die Zahl der Druckgerechtigkeiten auf sechzehn“10. In dieser Entwicklung wird schnell deutlich, dass zum einen die finanzielle Unterstützung durch die Händler, die hier billigerer Waren einkaufen konnten, eine wesentliche Rolle spielte, und auf der anderen Seite der Rat, der sich gegen die neuen Innovationen, im Hinblick auf den technischen Fortschritt im Ausland, nicht versperren konnte. Zudem standen hinter den technischen Neuerungen reiche Bankiers, die sich hier neue Einnahmequellen zu sichern suchten. Bereits hier zeichnen sich die Konfliktparteien aus Finanziers und Handwerkern, zwischen denen der Magistrat der Stadt stand, ab.

Weiteres Aufsehen erregte auch Jean Francois Gignoux, der für den späteren Fabrikanten Johann Heinrich Schüle Stoffe bedruckte und nun in seiner Kattunmanufaktur ein Appreturverfahren auf Messingrollen einführte, „das den Widerstand der zünft[ischen] Färber erregte“11. Noch deutlicher tritt ab diesem Zeitpunkt die Autonomie und der andauernde Separationsprozess der Manufakturen vom zünftischen Prozess durch das Dekret des Rates zu Tage, das den Fabrikanten erlaubt, nun direkt Rohstoffe vom Erzeuger zu beziehen. An die Kattunmanufakturen gliederten sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts Farbhäuser, Scheggenbleichen, Pantschwerke in der Art von Folgeindustrien an, die den Druck auf die häusliche Produktion der Weber noch verstä12. Die Stoffveredelungsprozesse konzentrierten sich so zunehmend an einem Ort. Zusätzlich wurden in staatlicher Hinsicht Befugnisse der Rohstofflieferung und der Verkauf von Produkten auf die Interessen der Kattunfabrikanten ausgerichtet.

[...]


1 Vgl., HÄBERLEIN, Mark, Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, in: Günther Grünsteudel/Günter Hägele/ Rudolf Frankenberger (Hg.), Augsburger Stadtlexikon, Augsburg 2. Auflage 1998, http://www.stadtlexikonaugsburg.de/index.php?id=155 [letzter Aufruf am 29. 9. 2013].

2 Ebd., http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=155 [letzter Aufruf am 29. 9. 2013].

3 Ebd., http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=155 [letzter Aufruf am 29. 9. 2013].

4 Ebd., http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=155 [letzter Aufruf am 29. 9. 2013].

5 PLÖSSL, Elisabeth: Augsburg auf dem Weg ins Industriezeitalter, München 1985, S. 16.

6 Ebd,. S. 16.

7 Ebd., S. 17.

8 HÄBERLEIN: a.a.O., http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=155 [letzter Aufruf am 29. 9. 2013].

9 PÖSSL: a.a.O., S. 17.

10 HÄBERLEIN: a.a.O., http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=155 [letzter Aufruf am 29. 9. 2013].

11 WÜST, Wolfgang: Kattundruck, in: Augsburger Stadtlexikon. Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Recht, Wirtschaft, Augsburg 1985, S. 196.

12 Vgl. FASSL, Peter, Von der freien Reichsstadt zur bayerischen Industriestadt Augsburg 1750/1850 Ein Überblick, in: Aufbruch ins Industriezeitalter. Band 2. Aufsätze zur Wirtschaftsund Sozialgeschichte Bayerns 1750 1850, München 1985, S. 83.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Textilindustrie in Augsburg. Bedingungen und Ursachen ihres Aufstiegs im Industriezeitalter
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Department Geschichte – Lehrstuhl und Professur für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte)
Veranstaltung
Industrielle Revolution und Bayern ?
Note
2, 0
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V340111
ISBN (eBook)
9783668297180
ISBN (Buch)
9783668297197
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textilindustrie, Augsburg, Entwicklung, Wirtschaft, Mittelalter, Neuzeit, industrielle Revolution
Arbeit zitieren
Markus Hofbauer (Autor), 2013, Die Textilindustrie in Augsburg. Bedingungen und Ursachen ihres Aufstiegs im Industriezeitalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340111

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