Das narrative Interview. Rekonstruktion der Fallgeschichte Britta Brennigan


Hausarbeit, 2015

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Biografieforschung
1.2 Das narrative Interview

2 Fallrekonstruktion Analyse des Interviews mit Britta Brennigan
2.1 Das Interview
2.2 Analyse der biografischen Daten
2.2.1 Biografische Daten
2.2.2 Hypothesen zu den biografischen Daten
2.2.3 Strukturhypothesen zum gelebten Leben
2.3 Textund thematische Feldanalyse
2.3.1 Hypothesen zum erzählten Leben
2.3.2 Strukturhypothesen zur Selbstpräsentation
2.4 Rekonstruktion der Fallgeschichte
2.4.1 Hypothesen zum erlebten Leben: Thema „Krankheit“
2.4.2 Strukturhypothesen zum erlebten Leben
2.4.3 Feinanalyse
2.5 Kontrastierung

3 Kritik
3.1 Kritik des narrativen Interviews
3.2 Kritik der Fallrekonstruktion

Literaturverzeichnis

1 Biografieforschung

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in der Universität Chicago die Soziologie ‚revolutioniert‘: Die dortigen Soziologen wollten die subjektive Alltagswelt der Menschen untersuchen und sahen diese nicht mehr als passive Forschungsobjekte, sondern als aktive Akteure, also Subjekte, an. Diese Abkehr von einer bis dahin sehr statistischen, quantitativen Forschung forderte nicht nur eine neue Denkweise, sondern auch ein neues Instrumentarium, um diese ‚neu entdeckten‘ sozialen Phänomene zu erforschen. In diesem Zusammenhang wurde die Methode der biografischen Fallrekonstruktion ins Leben gerufen, um “angesichts eines zu untersuchenden Phänomens eine spezifische rekonstruktive Fragestellung“ (Schulze 2010: 572) zu entwickeln. Sie berücksichtigt subjektspezifische Sinnbildungsprozesse, mit dem Ziel, soziale Prozesse nachzuvollziehen (vgl. ebd: 571). Nur durch die Befassung mit den subjektiven Perspektiven könne die sozialen Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit erfasst werden (vgl. Berger & Luckmann 1969: 139-198).

Die Biografieforschung unterscheidet sich von anderen Bereichen der qualitativen Sozialforschung darin, dass der von ihr untersuchten Gegenstand „als einsprachliches Produktin Gestalt der narrativen Zuwendung zur eigenen Lebensgeschichte und als einsoziales Konstrukt, in dem Individuum und Gesellschaft interagieren“ (Schulze 2010: 571) aufgefasst wird. Es müssen also beide Ebenen rekonstruiert werden, um die untersuchte Biografie zu verstehen. Eine geeignete Methode dafür ist das narrative Interview (vgl. Küsters 2009), die den Prinzipien der qualitativen Sozialforschung[1]gerecht wird.

1.2 Das narrative Interview

Die Besonderheit dieser Methode besteht darin, die inneren Wirkmechanismen von kommunikativen Interaktionen – die die gesellschaftliche Wirklichkeit als solche ausmachen – sprachsoziologisch analysieren zu können (vgl. Küsters 2009), um so „besonders authentische Angaben über die Orientierungsstrukturen von Personen in ihrem vergangenem faktischen Handeln und Erleben zu erhalten“ (ebd.: 17)[2][3]. Das geschieht einerseits dadurch, dass die von dem Interviewten[4]erzählte Geschichte die Form einer Stehgreiferzählung annimmt, in der die „Zugzwänge des Erzählens“[5](ebd.: 24) wirken und so der Interviewte unbewusst Informationen preisgibt, die durch direktes Nachfragen möglicherweise nicht hätten erhoben werden können. Andererseits wird durch das Erzählens selbst nicht nur die soziale Wirklichkeit wiedergegeben, sondern sie wird dabei auch neu konstruiert (vgl. Dausien 2001). Dabei ist es unabdingbar, dass der Interviewer einen Erzählimpuls (Stimulus) gibt und dann in die Rolle des Zuhörers schlüpft, um dem Erzähler genügend Raum zu schaffen, damit die Zugzwänge der Stehgreiferzählung wirken können (vgl. Küsters 2009: 57). Erst wenn die Phase der Eingangserzählung vom Erzähler selbst beendet wird, übernimmt der Interviewer wieder seine Rolle als solcher und regt durch erzählgenerierendes Nachfragen weitere narrative Erzählungen an, die für das Nachvollziehen der Erzählung noch notwendig sind (vgl. ebd.: 61). Ist auch diese Phase abgeschlossen, so folgt die Phase des exmanenten Nachfrages, in der der Interviewer andere als in den bis dahin erfolgten Erzählungen Themen oder Lebensbereiche anspricht. Der Erzähler soll an dieser Stelle als „Experte und Theoretiker seiner selbst“ (Schütze 1983: 285) befragt werden. Nachdem auch diese Phase zu Ende ist und die soziodemografischen Daten erhoben worden sind[6], kann das Interview ausgewertet werden.

2 Fallrekonstruktion Analyse des Interviews mit Britta Brennigan

2.1 Das Interview

Das Interview fand im Rahmen des Projekts „Selbstständig statt hilfebedürftig? Gründungsförderung durch Einstiegsgeld“, das vom Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung Nürnberg Ende 2010 an das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München und die Ludwig-Maximilians-Universität München in Auftrag gegeben wurde. Dabei ging es um die Evaluation von Maßnahmen der Jobcenter, die die Gründungsförderung von Arbeitslosengeld-II-Empfängern fördern sollen.[7] Von den Forschern wurden jedoch nicht nur 40 Arbeitslosengeld-II-Empfänger befragt, sondern auch 22 Fallbearbeiter und leitende Angestellte der Jobcenter sowie sieben Gründungsberatungen; zusätzlich wurden acht Kundengespräche beobachtet.

Das Interview mit Frau Brennigan fand 2011 in einem Café statt. Nachdem in der Einführung ihr das Ziel des Projekts und den Ablauf des Interviews erklärt wurden, gab der Forscher den Erzählimpuls, über die berufliche Erfahrung vom Ende der Schulzeit bis zur Gegenwart zu erzählen.

2.2 Analyse der biografischen Daten

2.2.1 Biografische Daten

1952 Geburt in der DDR[8]

1953 Feststellung einer Lebensmittelunverträglichkeit

Seit 1966 Mitgliedschaft in der FDJ

1968 Besuch der polytechnischen Oberschule mit Abschluss

1970 Ausbildung zum Floristen mit Abschluss

1968 ?? Arbeit in einem Blumenladen

?? Abbruch der Erwerbstätigkeit im Blumenladen wegen der Krankheit

??? Geburt eines Kindes

???? Geburt eines zweiten Kindes fünf Jahre nach dem ersten

1981 1990 Arbeit als Sekretärin in einem Transportunternehmen

1990 „Wende“

Seit 1990 Arbeitslosigkeit (unregelmäßige Beschäftigungen, keine feste Anstellung)

Anfang 1990er Erste OP wegen der Lebensmittelunverträglichkeit

Ende 1990er Zweite OP wegen der Lebensmittelunverträglichkeit

2010 Eröffnung eines Cafés

2.2.2 Hypothesen zu den biografischen Daten

1 1952 Geburt in der DDR

1.1 Britta erlebt eine unbeschwerte Kindheit

1.2 Britta wird streng erzogen

1.3 Brittas Eltern erziehen sie systemkonform

1.4 Britta erfährt eine liberale Erziehung

1.5 Britta hat keine Geschwister

1.6 Britta wächst mit Geschwistern auf

2 1953 Feststellung einer Lebensmittelunverträglichkeit

2.1 Die Lebensmittelunverträglichkeit hat keine Auswirkungen auf ihre Kindheit

2.2 Die Krankheit erfordert keine besondere Maßnahmen

2.3 Die Krankheit wird schnell geheilt

2.4 Britta wird wegen der Krankheit von ihren Altersgenossen fern gehalten

2.5 Die Krankheit verhindert, dass Britta einem normalen Lebensablauf nachgehen kann

3 Seit 1966 Mitgliedschaft in der FDJ

3.1 Britta ist freiwillig der FDJ beigetreten (siehe 1.3 und 3.4)

3.2 Sie tritt der FDJ nur bei, um nicht in der Schule und später im Beruf benachteiligt zu werden

3.3 Sie ist bei der FDJ, um nicht als Außenseiterin aufzufallen (siehe 3.3)

3.4 Die Zeit bei der FDJ gefällt Britta sehr

4 1968 Besuch der polytechnischen Oberschule mit Abschluss

4.1 Die Schulzeit wird von Britta als bereichernd und positiv erlebt

4.2 Sie schließt viele Freundschaften

4.3 Britta versucht, möglichst wenig aufzufallen

4.4 Britta gefällt die sozialistische Ideologie (siehe 1.3)

4.5 Britta teilt die propagierten Werte und Normen nicht

5 1970 Ausbildung zum Floristen mit Abschluss

5.1 Britta wollte schon immer Florist werden

5.2 Britta wurde wegen fehlender politischer Überzeugung nicht zu weiterführenden Schulen zugelassen

5.3 Britta wurde wegen ungenügenden Noten nicht zum Abitur zugelassen

5.4 Sie macht eine Ausbildung, um so schnell wie möglich unabhängig werden

6 1968 ?? Arbeit in einem Blumenladen

6.1 Britta möchte nur vorübergehend in diesem Blumenladen arbeiten

6.2 Die Arbeit macht Britta Spaß

6.3 Die Arbeit ist schwer und anstrengend

6.4 Sie ist enttäuscht, weil sie sich die Arbeit ganz anders vorgestellt hat

7 ??? Abbruch der Erwerbstätigkeit im Blumenladen wegen der Krankheit

7.1 Die Krankheit bricht unerwarteterweise erneut aus (siehe 2.3)

7.2 Die Krankheit hat Britta während ihrer Kindheit stark geschädigt (siehe 2.5)

7.3 Die Lebensmittelunverträglichkeit ist nur ein Vorwand, um Job zu wechseln

7.4 Die Krankheit wird diesesmal erfolgreich beseigt

8 ??? Geburt eines Kind

8.1 Das Kind ist ein Wunschkind

8.2 Das Kind erfüllt Britta mit Stolz

8.3 Britta ist besorgt, weil sie keine Einkommensquelle hat, um für das Kind zu sorgen

8.4 Britta ist mit dem Kind überfordert

8.5 Britta ist Familie sehr wichtig

9 ???? Geburt eines zweiten Kindes fünf Jahre nach dem ersten

9.1 Das zweite Kind ist ebenfalls ein Wunschkind (siehe 8.1)

9.2 Britta wollte nicht, dass ihrErstgeborenesals Einzelkind aufwächst

9.3 Britta genießt ihre Familie (siehe 8.5)

9.4 Britta drückt sich durch die Geburt des zweites Kindes vor der Arbeit

10 1981 1990 Arbeit als Sekretärin in einem Transportunternehmen

10.1 Britta freut sich, wieder arbeiten zu können

10.2 Britta würde sich lieber um ihre Kinder sorgen

10.3 Die Arbeit macht Britta Spaß

10.4 Britta vermisst ihre Arbeit im Blumenladen

10.5 Britta muss arbeiten, um ihre Kinder ernähren zu können

11 1990 „Wende“

11.1 Britta verfällt in eine Depression, weil sie an die DDR geglaubt hatte (siehe 1.3, 3.4 und 4.1)

11.2 Britta freut sich über die neu gewonnene Freiheit (siehe 1.4, 3.5, 4.2 und 5.2)

11.3 Britta hat Angst um ihre Arbeit und ihre Zukunft

11.4 Sie fürchtet um Desorientierung bei ihren Kindern

12 Seit 1990 Arbeitslosigkeit (unregelmäßige Beschäftigungen, keine feste Anstellung)

12.1 Britta macht die „Wende“ für ihre Arbeitslosigkeit verantwortlich

12.2 Sie fasst die Arbeitslosigkeit als Herausforderung auf und versucht, das Beste daraus zu machen

12.3 Britta zieht in den Westen, um dort Arbeit zu suchen

12.4 Britta nutzt die Gelegenheit aus, um sich ihren Kindern zu widmen

13 Anfang 1990er erste OP wegen der Lebensmittelunverträglichkeit

13.1 Britta hofft, dass dies der letzte Eingriff ist

13.2 Britta musste operiert werden, weil die Krankheit sie zu stark beeinträchtigt hat (siehe 2.5)

13.3 Die OP ist zwar nötig, allerdings hat die Krankheit keine Auswirkungen auf Britta (siehe 2.3)

13.4 Britta ist verzweifelt und glaubt, die Krankheit wird nie geheilt

14 Ende 1990er zweite OP wegen der Lebensmittelunverträglichkeit

14.1 Brittas Zustand hat sich dramatisch verschlechtert (siehe 2.5 und 13.2)

14.2 Britta hat jede Hoffnung aufgegeben (siehe 13.4)

14.3 Sie hat Angst, dass die Krankheitvererbbarist

14.4 Britta hat kein Vertrauen mehr in die herkömmlichen Medizin und setzt auf Alternativmethoden

15 2010 Eröffnung des eigenen Cafés

15.1 Das Café zu eröffnen war Brittas Idee

15.2 Britta wollte schon immer einen Café eröffnen

15.3 Das Café soll dazu dienen, ihren Kindern einen sicheren Arbeitsplatz anzubieten

15.4 Britta sucht dort die Bestätigung, die sie im Berufsleben nicht erfahren hat

15.5 Britta ist mit ihrem Lokal erfolgreich

15.6 Britta erhofft sich, durch die Eröffnung des Lokals ihren Kindern nahe zu sein

[...]


[1]„Der Begriff >qualitative Sozialforschung< wird in der Regel ­in Abgrenzung zu dem der >quantitativen Sozialforschung< als Überbegriff für solche Verfahren verwendet, die ein Interesse an der Erforschung vonSinnzusammenhängen und derenQualitäthaben“ (Kraimer 2000: 23). Ihr Fokus liegt auf die „Strukturerschließung und die Rekonstruktion des Sozialen“ (ebd.: 24).

[2]Für eine sehr detaillierte Beschreibung der Abläufe des narrativen Interviews sei an dieser Stelle an Brüsemeister (2008) verwiesen.

[3]Die Schwierigkeiten und Nachteile dieser Methode werden in Abschnitt 4.1 diskutiert.

[4]Es werden die maskulinen Formen im Sinne des herkömmlichen Sprachgebrauchs auch da verwendet, wo beide Geschlechter gemeint sind. Ebenso wie „Person“ und „Persönlichkeit“ auch dann als weibliche Nomina verwendet werden, wenn die damit angesprochene allgemeine Vorstellung Männer oder andere Geschlechteroder Genderkategorien miteinschließt

[5]Der Kondensierungszwang bewirkt, dass nur das Wesentliche ausführlich erzählt wird. Der Detaillierungszwang ist verantwortlich dafür, dass eine Situation so detailliert beschrieben wird, dass sie auch nachvollzogen werden kann. Der Gestaltschließungszwang bewirkt, dass das Erzählte in sich geschlossen ist (vgl. Küsters 2009: 27f). Werden Teile der Erzählung, die für das Verstehen der Situation erforderlich sind, weggelassen, so macht sich dies in einem Bruch des Erzählflusses als b.B. Zögern oder Schweigen bemerkbar (vgl. ebd.: 28).

[6]Selbstverständlich müssen weitere Schritte unternommen werden, um das Interview noch abzuschließen und den Text zu transkribieren, um nötige Distanz zwischen Forscher und Befragten wieder zu schaffen (vgl. Küsters 2009). Allerdings sind diese für die vorliegende Arbeit von geringer Relevanz, da der Schwerpunkt dieser in der Auswertung und nicht in der Erhebung der Daten liegt. Darum werden sie hier nicht ausgeführt.

[7]Der Name wurde aus Datenschutzgründen geändert.

[8]Die Daten im Interview sind anonymisiert, so dass es nicht möglich ist, genaue Zeitangaben zu machen. Im Folgenden wird der Übersichtlichkeit wegen statt dem angegebenen Zeitintervall dessen Mitte als Anhaltspunkt angegeben, sofern es möglich ist.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das narrative Interview. Rekonstruktion der Fallgeschichte Britta Brennigan
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Methoden und Techniken der qualitativen Sozialforschung: Einführung in die Methode der biografischen Fallrekonstruktion
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V340116
ISBN (eBook)
9783668298866
ISBN (Buch)
9783668298873
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, qualitative Sozialforschung, DDR, Chicago School, Biografieforschung, narratives Interview, Fallrekonstruktion
Arbeit zitieren
Claudio Salvati (Autor:in), 2015, Das narrative Interview. Rekonstruktion der Fallgeschichte Britta Brennigan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340116

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