Sprache, Rassismus und Gewalt. Diskriminierung durch Sprache


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 1,3

Silvana Vialova (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprache und Gewalt
2.1. Der Gewaltbegriff
2.2. Die Handlungsmacht von Sprache
2.3. Sprache als Gewalt

3. Rassismus in der Sprache
3.1. Rassismus
3.2. Die rassistische Rede
3.3. Rassismuserfahrungen

4. Antirassistische Handlungsmöglichkeiten

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Worte können sein wie winzige Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Victor Klemperer, LTI. Notizen eines Philologen (Arndt und Ofuatey-Alazard 2011: 11)

Im Restaurant bestelle ich mir einen Mohren zu trinken, am Geburtstag gibt es Neger- küsse und meine Freundin sagt zu mir, sie sei doch nicht mein Bimbo. Offensichtlich rassistische Wörter sind Teil unseres Sprachgebrauchs in Deutschland und werden von den meisten Menschen als normal angesehen. „Das ist ja nicht so gemeint“, „Man darf doch auch nicht gleich so empfindlich sein“ oder „Dann kann ich ja überhaupt nichts mehr sagen“, sind häufige Reaktionen, wenn man Menschen auf eine rassistische Äu- ßerung anspricht. Aber nicht nur offensichtlich negativ konnotierte Worte machen den Rassismus in der Sprache aus. Es sind Äußerungen, die sich allein in ihrem Kontext als rassistisch identifizieren lassen und die mir selbst bewusst gemacht haben, dass auch ich, obwohl ich mich mit diesem Thema befasse, lange nicht frei von Rassismus bin. Unsere Sprache ist sehr stark durch „rassistische Diskurse und Wissensfelder geprägt“ und bietet damit die Grundlage für die Ausübung des Rassismus in Deutschland (Arndt und Ofuatey-Alazard 2011: 11).

Im Hinblick auf diese Arbeit habe ich mich mit Rassismus in der Sprache beschäftigt und bin sehr schnell auf die Frage gestoßen, inwiefern Sprache überhaupt Gewalt aus- üben kann. Denn von sprachlichen Diskriminierungen geht Gewalt aus, die sogar Ursa- che für psychische und physische Verletzungen sein kann. Deshalb möchte ich im ers- ten Abschnitt dieser Arbeit erörtern, inwiefern durch Sprache Gewalt ausgeübt und empfunden wird. Im zweiten Abschnitt widme ich mich der rassistischen Diskriminie- rung durch Sprache und beantworte die Frage, wann eine Sprachhandlung rassistisch ist und wie Rassismus von betroffenen Personen erfahren wird. Abschließend möchte ich darstellen, warum es wichtig ist, gegen Rassismus im eigenen Sprachgebrauch vor- zugehen und wie eine Rede als rassistisch identifiziert werden kann. In unserem Semi- nar „Gewalt schreiben“ haben wir uns mit sehr vielen verschiedenen Formen der Ge- walt sowie verschiedenen Gewaltverständnissen auseinandergesetzt. Unter anderem sind wir dabei auf das Thema Rassismus eingegangen, jedoch nicht vordergründig in Bezug auf Sprache. Ich denke, dass in Deutschland ein Großteil der rassistischen Ge- walterfahrungen von sprachlichen Diskriminierungen ausgehen, welche von der gesamten Gesellschaft verübt werden, ohne, dass diese sich dessen immer explizit bewusst ist. Deshalb ist es wichtig sich reflektiert mit diesem Thema auseinanderzusetzen, um zu vermeiden, selbst Teil dieses diskriminierenden Systems zu sein.

2. Sprache und Gewalt

Worte, Sprache und Kommunikation dienen dem allgemeinen Verständnis nach meist eher dazu, einen Streit beizulegen, einen Konflikt zu lösen oder gar in blutigen Kriegen diplomatisch zu vermitteln. Dass Worte nicht nur Mittler der Harmonie, der Einigkeit oder des Friedens sein können, sondern selbst eine Form der Gewalt darstellen, er- scheint auf den ersten Blick unwahrscheinlich. Tatsächlich gibt es in unserer Sprache viele Wörter, die auf einer Meta-Ebene Gewalt beschreiben: Jemanden verletzen, be- leidigen, verfluchen oder wie einen Schlag ins Gesicht treffen sind nur einige davon. Inwiefern Worte nicht nur Gewalt ausdrücken, sondern selbst Gewalt zufügen können, möchte ich im Folgenden erörtern.

2.1. Der Gewaltbegriff

Um Gewalt im Hinblick auf Sprache analysieren zu können, muss zuerst der Gewaltbe- griff an sich betrachtet werden. Gemeinhin verstehen wir im Alltagsgebrauch Gewalt als das Zufügen von körperlichen Schmerzen. So ist es auch in einem interdisziplinären Handbuch beschrieben, das den Kern von Gewalt als das Erleiden und Zufügen von Schmerz bezeichnet. In den 1990er Jahren entstand darüber hinaus eine Diskussion, ob man nicht körperliche Verletzungen überhaupt als Gewalt bezeichnen dürfe. Der Be- griff sprachlicher Gewalt scheint hier überhaupt nicht in Betracht gezogen zu werden, ja gar nicht als Gewalt zu zählen. Es wird sogar statuiert, dass „der Schmerz den Gewalt auslöst, (…) nicht in Sprache übersetzt werden [kann]“ (Christ und Gudehus 2013: 1 f). Wenn über Gewalt zu sprechen schon solche Schwierigkeiten darstellt, wie kann dann Gewalt, die durch Sprache entsteht, überhaupt identifiziert werden? Andrea Geier schreibt dazu in selbigem Handbuch, dass es sich bei sprachlicher Gewalt um die „per- formative Gewalt sprachlicher Akte und um die Beziehung zwischen Sprache und Kör- perlichkeit“ handle (Geier 2013: 263).

Genau diese Beziehung zwischen Sprache und Körperlichkeit stellt die Schwierigkeit des Verständnisses sprachlicher Gewalt dar. Eine Schlägerei, ein Messerstich oder eine Schusswunde werden von jedermann als Verletzungen angesehen. Sie entstehen durch physisch angewandte Gewalt, sie sind körperlich. Doch Gewalt kann nicht nur auf kör- perlicher Ebene erfahren und nicht nur in Einbezug des Körperlichen verübt werden. Auch Worte können Gewalt ausüben, verletzen, beleidigen oder kränken und dabei genauso wirkmächtig sein wie physische Gewalt. Doch verbale Gewalt wird als symbo- lische Gewalt verstanden und damit im Gegensatz zu körperlicher Gewalt konstruiert (Herrmann und Kuch 2007: 180 ff).

Der Unterschied zwischen sprachlicher und physischer Gewalt, der durch die deutsche Terminologie schwer begreifbar ist, wird durch die lateinischen Begriffe „violentia“ und „potestas“ deutlicher. „Violentia“ ist dabei die Gewalt, die sich durch Kraft und Stärke definiert, sie wird verübt und hat eine zerstörerische und schädigende Wirkmacht. Unter „potestas“ wird die verfügende Gewalt verstanden, das Vermögen etwas ge- schehen zu lassen, die die Variable „Macht“ sowie Legitimität, Autorität und Wirk- mächtigkeit beinhaltet. Um rein physische Gewalt anzuwenden, genügt es, sich der „violentia“ zu bedienen. Wer aber sprachliche Gewalt ausübt, muss über „potestas“ verfügen, um „violentia“ anwenden zu können (Krämer 2007: 34, Herrmann und Kuch 2007: 196 f).

Es gibt jedoch keine „reine Gewalt“, da auch jede physische Gewalthandlung sprachliche oder symbolische Dimensionen beinhaltet. Die physische Gewalthandlung einer Ohrfeige beispielsweise besitzt einen hohen symbolischen Gehalt der Demütigung (Krämer 2007: 33). Die Schwierigkeit der Definition sprachlicher Gewalt besteht darin, sie auch als solche wahrzunehmen, da die sichtbare Komponente des Hinzufügens physischen Schmerzes nicht explizit vorhanden ist.

2.2. Die Handlungsmacht von Sprache

Um zu verstehen, warum Sprache eine verletzende Wirkung haben kann, muss man Sprache als eine eigenständige Handlung verstehen. John Langshaw Austin, der Be- gründer der Sprachakttheorie, konstituierte, dass wir, indem wir sprechen, gleichzeitig handeln, da Worte immer auch Taten sind. Durch das Sprechen werden soziale Fakten hervorgebracht. Dabei wird das Sprechen, die Kommunikation, gemeinhin als die Basis sozialer Beziehungen angesehen. Nicht vergessen werden darf aber, dass eben dieses Sprechen das Soziale auch dekonstruieren kann (Krämer 2007: 32 f).

Die Fähigkeit der Sprache, soziale Bedeutungen zu erzeugen, ist auf ihre performative Kraft zurückzuführen. Erst durch die Performativität wird das Gesprochene zu einer sozialen Tatsache. Der Sprechakt besteht nach Austin aus drei verschiedenen Ebenen: Die lokutionäre Ebene eines Sprechaktes beinhaltet seine reine Bedeutung. In der illokutionären Ebene des Sprechaktes steckt die Rolle, die einer Aussage innewohnt, beispielsweise die Rolle einer Drohung. Die letzte Ebene, die für die Gewalt in der Sprache entscheidend ist, ist die perlokutionäre Ebene. Hier zeigt sich die Wirkung, die eine Äußerung auf die adressierte Person hat, bzw. die Reaktion, die eine Äußerung hervorruft. Diese muss nicht zwangsläufig eine Folge der Intention des Sprechers/ der Sprecherin sein (Cicek, Heinemann, Mecheril 2014: 315).

Damit werden sprachliche Äußerungen als Handlungen verstanden, mit denen wir aktiv in die Welt eingreifen können. Denn durch das Ansprechen einer anderen Person geht man eine Beziehung mit ihr ein, ob im negativen oder im positiven Sinn. Wir selbst sind damit auch abhängig davon, von anderen angesprochen zu werden, da darin ein Akt der Anerkennung steckt und dies für uns existenziell ist. Darin liegt auch der Grund, dass manch einer sich lieber mit einer verletzenden Ansprache zufrieden gibt als gänzlich unsichtbar zu bleiben (Herrmann und Kuch 2007: 182 ff).

Die Sprache ist also der Stoff, aus dem ein soziales Wesen überhaupt „gemacht“ ist. So schreibt auch Judith Butler, dass die Sprache das Du und Ich ins Leben ruft, das Subjektsein des Einzelnen erst zum Vorschein bringt (Krämer 2007: 41).

2.3. Sprache als Gewalt

Die Frage, inwiefern Sprache verletzt, kann beantwortet werden, wenn Sprache als eine Handlungsmacht angesehen wird, die das Potenzial hat, Soziales herzustellen. Durch die Ansprache einer Person positionieren wir diese an einen bestimmten sozialen Ort. Ist dieser soziale Ort in seiner Art minderwertig, wird die angesprochene Person an den sozialen Rand versetzt und ist somit einer Abwertung, Herabsetzung oder Demütigung ausgesetzt (Herrmann und Kuch 2007: 192).

Ob eine Äußerung als Erniedrigung und damit als Verletzung wahrgenommen wird, ist jedoch nicht allein (manchmal auch gar nicht) von der Intention der sprechenden Per- son abhängig, sondern vielmehr von dem Verstehen und der Interpretation des Adres-saten/ der Adressatin.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sprache, Rassismus und Gewalt. Diskriminierung durch Sprache
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V340210
ISBN (eBook)
9783668297876
ISBN (Buch)
9783668297883
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Rassismus, Diskriminierung, Gewalt
Arbeit zitieren
Silvana Vialova (Autor), 2015, Sprache, Rassismus und Gewalt. Diskriminierung durch Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340210

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