Während des internationalen Umweltgipfels in Rio de Janeiro rief die bolivianische Regierung zu einer alternativen Weltkonferenz auf, die sich mit dem Klimawandel und den Rechten der Mutter Erde befassen sollte. Zahlreiche internationale NGOs nahmen daran teil und entwickelten eine Charta der Rechte der Mutter Erde. Zentral darin ist das indigene Konzept des Buen vivir/Vivir bien, welches ein paar Jahre zuvor in die Verfassungen Boliviens und Ecuadors in unterschiedlicher Weise aufgenommen wurde. Weiterer Anlass für dieses Treffen war die Tatsache, dass das Thema Umwelt, Natur- und Klimaschutz in den letzten zwei Jahrzehnten omnipräsent in Politik und Nachrichten geworden ist.
Auch in Deutschland bestimmen Klimagipfel, Temperaturschwankung, Umweltkatastrophen und düstere Zukunftsvoraussagen die Berichterstattung. Gleichzeitig ist in Deutschland aber auch das ökologische Bewusstsein in der Bevölkerung gestiegen. Umweltschutz wird im privaten, wie im öffentlichen Bereich vermehrt thematisiert. Andine Konzepte, wie das des Buen Vivir kennt die deutsche Verfassung zwar nicht, der Umweltschutz ist darin aber dennoch festgeschrieben (§ 20a des GG).
Vor dem Hintergrund der jährlich steigenden Brisanz des Themas Umweltschutz möchte ich in dieser Arbeit untersuchen, inwiefern sich die in die Verfassung Ecuadors aufgenommene Konzepte des Buen Vivir und der Pachamama von dem in der deutschen Verfassung verankerten Umweltschutz unterscheiden und welche elementaren Konzeptionen der Welt sich dahinter jeweils verbergen. Dazu führe ich zuerst in die Begriffe Pachamama und Buen Vivir ein und lege dann ihre Verankerung in der ecuadorianischen Verfassung dar. In einem zweiten Schritt erläutere ich auf das okzidentale Verständnis der Welt und zeige anschließend auf, wie der Umweltschutz in der deutschen Verfassung eingebettet ist. Im Anschluss erarbeite ich die grundlegenden Unterschiede in der Gesetzgebung der beiden Staaten vor dem Hintergrund des jeweils prävalenten Verhältnisses zur Natur. Bisherige Aktionen und Reaktionen im Zuge der ecuadorianischen Verfassungsänderung darstellend, ziehe ich ein Fazit für den künftigen Umgang der Politik mit dem Umweltgedanken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pachamama und die Konzeption des „Vivir bien“
3. Die neue ecuadorianische Verfassung
4. Okzidentale Ontologie
5. Umweltschutz in der deutschen Verfassung
6. Der verfassungsmäßig bestimmte Umgang mit Natur im Vergleich: Ecuador und Deutschland
7. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede zwischen dem in der ecuadorianischen Verfassung verankerten Konzept des „Buen Vivir“ sowie der „Pachamama“ und dem Umweltschutzverständnis der deutschen Verfassung, um die zugrunde liegenden weltanschaulichen Konzeptionen und deren Auswirkungen auf die Gesetzgebung zu analysieren.
- Gegenüberstellung von anthropozentrischen und biozentrischen Weltbildern.
- Analyse der andinen Kosmologie und des Rechtsstatus der Natur.
- Vergleichende Untersuchung der Umweltgesetzgebung in Ecuador und Deutschland.
- Diskussion über Fortschrittsglauben und post-materialistische Wirtschaftsmodelle.
- Kritische Betrachtung der westlichen dualistischen Ontologie.
Auszug aus dem Buch
4. Okzidentale Ontologie
Dies ist deshalb so bahnbrechend, da sich ein solches Konzept fundamental von einer okzidentalen Denkweise unterscheidet. In den Anden wird die Natur als integraler Bestandteil des Lebens in Form einer allesumfassenden Pachamama betrachtet. In ihr ist menschliches, wie auch nichtmenschliches Sein vereint: „Pachamama is in us and we are in Pachamama“ (Mignolo 2011: 168). In Ländern des globalen Westens dagegen existiert der Begriff Natur nur als Gegenteil von Kultur, innerhalb welcher das menschliche Sein verortet wird (Mignolo 2011: 11). Schon zu Zeiten der Aufklärung machte Kant unmissverständlich klar, dass „der Verstand (...) seine Gesetze nicht aus der Natur [schöpft], sondern (...) sie dieser vor[schreibt]“ (Kant 1783: 113). Damit stellt sich der Mensch über die Natur und betrachtet sich als König der Schöpfung (Huanacuni: 17).
Dieser Dualismus zwischen Natur und Kultur strukturiert das Denken und ist verantwortlich für die Überzeugung alle Umweltressourcen nutzen und ausnutzen zu dürfen, die den Menschen umgeben. Huanacuni sieht den Ursprung dieses Gegenteildenkens in der Sprache, in der nur zwischen Ja und Nein unterschieden wird. Wohingegen in andinen Sprachen (zum Beispiel Quechua und Aymara) für diese beiden Worte eine Vielzahl unterschiedlicher Bedeutungsnuancen existieren (Huanacuni 2010: 17; 20).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des kapitalistischen Wachstumsmodells ein und erläutert die Forschungsfrage, inwiefern andine Konzepte von Verfassungs-Umweltschutz sich von deutschen Ansätzen unterscheiden.
2. Pachamama und die Konzeption des „Vivir bien“: Dieses Kapitel erläutert die andine Kosmologie, in der die Pachamama als lebendige Erdgöttin fungiert und eine reziproke Beziehung zwischen Mensch und Natur definiert.
3. Die neue ecuadorianische Verfassung: Das Kapitel beschreibt, wie Ecuador 2008 die Rechte der Natur und das „Buen Vivir“ als direkte Konsequenz indigener Partizipation in seinem Verfassungsrahmen verankerte.
4. Okzidentale Ontologie: Es wird analysiert, wie die westliche Trennung von Natur und Kultur, geprägt durch aufklärerisches Denken, ein dualistisches Weltbild schafft, das Natur primär als Ressource begreift.
5. Umweltschutz in der deutschen Verfassung: Dieses Kapitel beleuchtet die Verankerung des Umweltschutzes im deutschen Grundgesetz (§ 20a GG) als staatliche Schutzpflicht zur Sicherung natürlicher Lebensgrundlagen für künftige Generationen.
6. Der verfassungsmäßig bestimmte Umgang mit Natur im Vergleich: Ecuador und Deutschland: Hier findet die direkte Gegenüberstellung statt, bei der das biozentrische ecuadorianische Modell dem anthropozentrischen deutschen Modell gegenübergestellt wird.
7. Ausblick: Der Ausblick diskutiert das Potenzial einer biozentrischen Wende und hinterfragt den einseitigen Fortschrittsbegriff zugunsten einer post-materialistischen Wirtschaftsweise.
Schlüsselwörter
Pachamama, Buen Vivir, Umweltschutz, Ecuadorianische Verfassung, Grundgesetz, Andine Kosmologie, Okzidentale Ontologie, Anthropozentrismus, Biozentrismus, Nachhaltigkeit, Naturrechte, Post-materialismus, Dualismus, Rechte der Natur, Klimawandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die unterschiedlichen Ansätze zum verfassungsrechtlichen Umweltschutz in Ecuador und Deutschland und beleuchtet die weltanschaulichen Hintergründe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die andine Kosmologie (Pachamama/Buen Vivir), die moderne ecuadorianische Verfassung, die westlich-dualistische Ontologie sowie das deutsche Grundgesetz im Kontext des Umweltschutzes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie sich die Konzepte der „Pachamama“ von dem deutschen Umweltschutzverständnis unterscheiden und welche elementaren Weltkonzeptionen diesen gesetzlichen Regelungen zugrunde liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse von Verfassungstexten und ontologischen Weltmodellen unter Einbeziehung philosophischer und politikwissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der andinen Konzepte, die Analyse der ecuadorianischen Verfassung, die Darstellung der westlichen Ontologie sowie die Untersuchung der deutschen Verfassungsbestimmungen zum Umweltschutz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Pachamama, Buen Vivir, Anthropozentrismus, Biozentrismus, Natur als Rechtssubjekt und das deutsche Grundgesetz.
Inwiefern unterscheidet sich der Schutzstatus der Natur in Ecuador vom deutschen Recht?
Während in Ecuador die Natur selbst als Rechtssubjekt anerkannt wird, konzentriert sich das deutsche Grundgesetz primär auf den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen für den Menschen als Bürgerrecht.
Wird das „Buen Vivir“ in der Arbeit als rein westliches Fortschrittsmodell betrachtet?
Nein, ganz im Gegenteil: Die Arbeit betont, dass das „Buen Vivir“ auf indigenen Traditionen beruht und explizit mit dem westlichen, kapitalistisch orientierten Fortschrittsglauben bricht.
- Arbeit zitieren
- Silvana Vialova (Autor:in), 2016, Pachamama und Buen Vivir. Unterschiede des verfassungsmäßig bestimmten Umweltschutzes in Ecuador und Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340217