Eine synästhetische Wahrnehmung ist immer etwas Zusätzliches, niemals überlagert sie andere Wahrnehmungskanäle wie Hören, Sehen oder Schmecken. Sie ist einfach da. Wie können sich Synästhetiker zurecht finden, wenn ihnen ständig so etwas im Kopf herum spukt? Der amerikanische Neurologe Richard Cytowic hat dafür eine ganz einfache Erklärung. „ Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Gesellschaft von lauter Blinden. Die würden Sie wohl auch fragen, wie Sie es aushalten, ständig etwas sehen zu müssen.“
Inhaltsverzeichnis
1. Synästhesie – ein alter Hut?
2. Die traditionelle Darstellung der Gehirnarbeit
3. Synästhetische Wahrnehmung: Fantasie oder reales Phänomen?
4. Häufigkeit der Synästhesie
5. Ursachen der Synästhesie
6. Was hat das denn mit Pflegeinhalten zu tun?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit setzt sich kritisch mit dem Phänomen der Synästhesie auseinander, um aufzuzeigen, wie ein erweitertes Verständnis von Wahrnehmung und Gehirnfunktion unser Bild vom Menschen, insbesondere im pflegerischen Kontext, verändern sollte. Ziel ist es, die einseitige Überbewertung rein rationaler Hirnleistungen zu hinterfragen und die Bedeutung emotionaler und unbewusster Wahrnehmungsprozesse für die Patientenversorgung hervorzuheben.
- Historische Betrachtung und wissenschaftliche Einordnung der Synästhesie
- Kritik an traditionellen, linear-mechanistischen Modellen der Gehirnarbeit
- Analyse synästhetischer Wahrnehmung als reales, neurologisches Phänomen
- Untersuchung der Relevanz von Bewusstseinsdefinitionen in der Pflege
- Plädoyer für eine ganzheitliche Wahrnehmung in der klinischen Praxis
Auszug aus dem Buch
3. Synästhetische Wahrnehmung: Fantasie oder reales Phänomen?
Diese Frage stellten sich Wissenschaftler in der Vergangenheit häufig und dies war auch Cytowics erste Frage. An den Anfang seiner Untersuchungen stellte er die Hypothese, das es ein Phänomen der Fantasie war und versuchte seine eigene Hypothese zu widerlegen, was ihm auch gelang.
Unmittelbar konfrontiert mit dem Phänomen Synästhesie wurde er 1980 auf einer Dinnerparty, als er seinen Gastgeber dabei überraschte, wie er vor dem Küchenherd stand und kritisierte, dass sein Hühnchen zu wenig Spitzen hätte. Cytowics Neugier war erwacht und er verwickelt seinen Gastgeber, Michael Watson, in ein Gespräch, in dem dieser über seine synästhetischen Erfahrungen berichtete. Daraus entstand eine Forschungsarbeit, in deren Verlauf klar wurde, dass sich Synästhesie nicht auf traditionelle Weise erforschen ließ. Wissenschaft verlangte messbare Ergebnisse, doch gerade hier entzog sie sich; es war nicht möglich zu messen!
Synästhesie beruht auf sehr subjektiven Eindrücken, jeder Synästhetiker hat seine eigene Wahrnehmung- ein schwieriges Unterfangen.
Sie gleichen einander also nicht, jeder Synästhetiker hat seine ganz eigene Wahrnehmungswelt. So verbinde Person A mit dem Buchstaben Z die Farbe gelb, Person B mit gleichen Buchstaben die Farbe blau und Person C wieder eine andere usw. Damit es noch komplizierter wird: nicht jedes Gelb wird mit dem Buchstaben Z in Verbindung gebracht! Es sind die Nuancen, die entscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Synästhesie – ein alter Hut?: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung des Synästhesiebegriffs von ersten Beschreibungen im 17. Jahrhundert bis hin zur Entfaltung in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts.
2. Die traditionelle Darstellung der Gehirnarbeit: Hier wird das veraltete, linear-hierarchische Verständnis der Hirnfunktionen kritisiert und eine modernere, multimodale Sichtweise auf das Gehirn eingeführt.
3. Synästhetische Wahrnehmung: Fantasie oder reales Phänomen?: Dieses Kapitel setzt sich mit der wissenschaftlichen Diagnostik auseinander und belegt, dass Synästhesie ein reales, neurologisches Phänomen und keine bloße Einbildung ist.
4. Häufigkeit der Synästhesie: Ein kurzer Überblick über die statistische Verbreitung und die demografische Auffälligkeit, dass Synästhesie überwiegend bei Frauen auftritt.
5. Ursachen der Synästhesie: Dieses Kapitel diskutiert die genetischen und neurobiologischen Hintergründe, wobei die Tendenz zur familiären Häufung hervorgehoben wird.
6. Was hat das denn mit Pflegeinhalten zu tun?: Der praktische Teil der Arbeit überträgt die Erkenntnisse über Synästhesie und Bewusstsein auf die Pflegepraxis und hinterfragt den Umgang mit als "bewusstlos" eingestuften Patienten.
Schlüsselwörter
Synästhesie, Wahrnehmung, Gehirnforschung, Neurologie, Pflege, Bewusstsein, Kortex, Multimodalität, Richard Cytowic, Wahrnehmungspsychologie, Basale Stimulation, Sinneseindrücke, Subjektivität, Neurophysiologie, Patientenzentrierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Synästhesie und nutzt dieses als Ausgangspunkt, um die traditionelle naturwissenschaftliche Sichtweise auf menschliche Wahrnehmung und Bewusstsein kritisch zu hinterfragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die neurophysiologischen Grundlagen der Synästhesie, die historische Entwicklung der Hirnforschung sowie die ethische und praktische Relevanz für den Pflegealltag.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Überbewertung einer rein rational-mechanistischen Sicht auf den Menschen zu dekonstruieren und eine ganzheitliche Wahrnehmung in die pflegerische Versorgung von Patienten zu integrieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, wobei insbesondere die Forschungsarbeiten des Neurologen Richard Cytowic als theoretische Grundlage für die Argumentation dienen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung und neurologische Natur der Synästhesie, räumt mit Mythen über die Lokalisierbarkeit von Hirnfunktionen auf und verknüpft diese Erkenntnisse mit der pflegerischen Betreuung schwerstkranker Patienten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Synästhesie, Wahrnehmung, Gehirnfunktion, Bewusstsein und patientenzentrierte Pflege definiert.
Welche Rolle spielen die "drei Gehirne" bei der Argumentation?
Das Modell der drei Gehirne (Reptil-Hirn, limbisches System, Neokortex) wird genutzt, um aufzuzeigen, dass Verhalten und Menschsein nicht allein durch den Kortex, sondern maßgeblich durch emotionale und ältere Hirnareale bestimmt werden.
Warum ist das Verständnis von "Bewusstlosigkeit" für die Pflege so wichtig?
Die Autorin argumentiert, dass die medizinische Definition von Bewusstlosigkeit oft zu eng gefasst ist und dazu führt, dass Patienten vorschnell als "ohne Wahrnehmung" eingestuft werden, was die Qualität der pflegerischen Zuwendung gefährdet.
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- Pflegewissenschaftlerin BScN Sabine Fiedler (Author), 2002, Einführung in die Synästhesie und Gedanken zur Pflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34026