Deutschlands verspätete Nationalstaatsgründung und der deutsche Sonderweg


Seminararbeit, 2001

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Vorstellung vom Deutschen Sonderweg

3 Deutsche Sonderbedingungen und europäische Gemeinsamkeiten

4 Deutschland als verspätete Nation

5 Schlußbetrachtungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Vorstellung von einer besonderen deutschen Entwicklung hat eine lange Tradition[1]. Sie diente schon seit dem 19. Jahrhundert - mit wechselnden Inhalten - als Interpretationsschema deutscher Geschichte. Besonders in den Historikerdebatten der neuesten Zeit war sie häufig der Kritik ausgesetzt, sich weniger mit konkreten historischen Gegebenheiten als mit Deutungen solcher zu einem bestimmten politischen Ziel hin, zu beschäftigen.[2] Durch die Jahrzehnte hinweg wurde diese These immer wieder aufgegriffen und ganze Wissenschaftlergenerationen beschäftigten sich mit der Ursachensuche für die deutsche Sonderentwicklung: die schwierige geopolitische Mittellage, das Ausbleiben einer bürgerlichen Revolution, der unvergleichbar starke Verwaltungsstaat, der relativ spät einsetzende, dann aber rasch erfolgende Industrialisierungsprozeß und am wichtigsten: die verspätete Nationalstaatsgründung - sind einige der in diesem Zusammenhang gebrauchten Schlagworte. Vorliegende Arbeit soll zunächst aufzeigen, wie sich die Vorstellung vom Deutschen Sonderweg herausbildete und welche spezifisch deutschen Bedingungen dabei als konstituierend angesehen werden.

In den sich anschließenden Kapiteln soll das Hauptdeutungsschema des Deutschen Sonderwegs, das Bild von der „verspäteten Nation“, betrachtet werden. Daß es in Deutschland erst 1871 und damit später als in den meisten anderen europäischen Ländern zur Nationalstaatsbildung kam, ist ein historischer Fakt, was aber meint „verspätet“ ? Handelt es sich bei diesem Attribut, das einem 1935 erstmals erschienen und 1959 in einer Neuauflage unter dem Titel „Die verspätete Nation. Über die politische Verfügbarkeit bürgerlichen Geistes“[3] neu aufgelegten Buches von Helmuth Plessner entstammt, nicht bereits um eine Deutung über die historischen Tatsachen hinaus? Vorliegende Arbeit soll untersuchen, inwieweit es sich bei der These von Deutschlands Verspätung um eine konkrete historische Gegebenheit und inwieweit es sich lediglich um ein bestimmtes Deutungsmuster Deutscher Geschichte handelt. Aufgabe kann dabei natürlich nicht sein, einen Überblick über die deutsche Geschichte zu liefern. Vielmehr geht es um eine Art „Phänomenologie der deutschen Nation“[4], eine Erklärung ihres Wesens verbunden mit der Erläuterung, warum die Deutsche Geschichte kaum Möglichkeiten hatte, anders zu verlaufen und der Untersuchung, inwieweit sie von einem Normalweg abwich.

2 Zur Entstehung der Vorstellung vom Deutschen Sonderweg

Im Geschichtsbewußtsein des vormärzlichen Bildungsbürgertums überwog zunächst noch eine Sichtweise, die den europäischen Zusammenhang hervorhob. Die vorherrschende Sicht der Historiker betonte, daß die unterschiedlichen Revolutionen untereinander verknüpft waren und eine Kette bildeten: Reformation, englische Revolution, amerikanische Revolution und französische Revolution. Somit hatte die deutsche Nation, die ja eigentlich zu diesem Zeitpunkt noch keine war, mittels der Reformation Teil an dieser Entwicklung. Nach verbreiteter Lehrmeinung wies dieser Prozeß zwei Entwicklungslinien auf: eine germanisch-amerikanische und eine romanisch-französische.

Obwohl in dieser Phase also durchaus Entwicklungszusammenhänge gesehen wurden, traten etwa zeitgleich auch schon Historiker wie Leopold von Ranke auf den Plan, die stärkeres Augenmerk auf Unterschiede legten. Ranke faßte Staaten und Nationen als Kollektivindividuen auf und hob die Betonung der nationalen Unterschiede hervor. Für Ranke lag die Aufgabe der Historiker hauptsächlich in der Erforschung und Darstellung der unterschiedlichen Entwicklungen der einzelnen Staaten. Somit wies er den Historikern die Aufgabe zu, die besondere deutsche Entwicklung hervorzuheben und zu begründen. Dieses Postulat ist deshalb so bedeutend, weil Ranke damit für die Geschichtsschreibung der Folgezeit ein Paradigma begründete, aus dem heraus nicht nur die Sonderwegsidee geboren wurde, die zu einem Bewußtsein führte, „das auf Unterscheidung vom Westen statt auf Gemeinsamkeiten axiomatischen Wert“[5] zu legen sei. In der Folgezeit begann in der Forschung eine akribische Suche nach derartigen Sonderbedingungen. Ich möchte im folgenden Kapitel zunächst auf einige der wichtigsten dieser Unterschiede Deutschlands zu anderen europäischen Ländern eingehen, um näher zu beleuchten, inwieweit tatsächlich von einer Sonderentwicklung gesprochen werden kann, um anschließend einen der zentralsten Differenzen, die spätere Nationalstaatsbildung gesondert zu betrachten.

3 Deutsche Sonderbedingungen und Europäische Gemeinsamkeiten

Die im 19. Jahrhundert erwachende Sehnsucht nach einem eigenen Staat war keine typisch Deutsche. „Eine eigene Nation zu werden, sich einen unabhängigen Nationalstaat zu schaffen, galt für jedes europäische Volk als ... das geschichtliche Hochziel“[6], das die einen früher, die anderen später anstrebten und verwirklichten.

Nach dem Historiker Theodor Schieder vollzog sich die Nationalisierung des modernen Europas in drei großen Etappen[7]. In der ersten Etappe bildete sich die moderne Nation in England und Frankreich durch die innerstaatliche Revolution, in dem die Bürger den Staat auf gemeinsamen politischen Werten (z.B. in Frankreich dem volonté générale) neu gründeten. Entscheidend ist hier (im Unterschied zu anderen Ländern), daß das subjektive Bekenntnis zum nationalen Staat zu dem Merkmal einer politischen Nationalität wird. Nation ist vor allem Staatsgemeinschaft, die Sprach- und Kulturgemeinschaft gehört sicherlich in diesen Zusammenhang, bildet aber nicht das entscheidende Merkmal.

Die zweite Phase bringt die Entstehung von Nationalstaaten aus getrennten Teilen von Nationen, sie ist die Stunde der nationalen Einheitsbewegungen in Deutschland und Italien. Allerdings gab es in Deutschland keine übergreifende Staatlichkeit mit geschlossenem Staatsbürgerverband, deshalb erhielten hier einigende theoretische Konstrukte wie Herders Idee vom Volk als „reale(r), weltgeschichtlich erscheinende(r) Größe“[8] einen höheren Wert. Nation definiert sich somit über kulturelle Aspekte wie das Vorhandensein einer gemeinsamen Volkssprache, gemeinsamer Werte und einer gemeinsamen Vergangenheit.

In der dritten Phase erhielt die Nationalstaatsfrage Einzug in Osteuropa. (Grob gesagt läßt sich also an dem Weg von West- über Mittel- nach Osteuropa eine zeitliche Diffusion festmachen.) Hier sind die großen Imperiums- und Reichsbildungen geschichtlich entscheidend geworden: die polnisch-litauische, die schwedische, die osmanische, die habsburgische und die russische. Im Bereich der großen dynastischen Reichsgebilde bildet sich der nationale Staat nicht durch Zusammenschluß getrennter Teile, sondern durch Sezession.

Natürlich handelt es sich bei dieser Dreiteilung nicht um ein Abbild der Wirklichkeit, sondern um ein vereinfachendes Modell. Tatsächlich haben die „meisten Nationalstaatsbewegungen ... an mehreren der drei Phasen teilgenommen“[9] (z.B. Italien). Doch im hier zu behandelnden Kontext, erweist sich dieses Modell als dienlich, um zunächst einmal aufzuzeigen, daß Deutschland in der zweiten Phase also durchaus nicht zu den letzten staatsbildenden Ländern zählte, dennoch ist unumstritten, daß seine Nachbarländer ihm vorausgingen. Doch welche Bedingungen waren dafür verantwortlich?

Die Geschichte diese Sonderbedingungen begann schon lange bevor an eine nationalstaatliche Einigung überhaupt zu denken war. Bereits seit dem Hochmittelalter haben sich die Deutschen Herrschaftsstände föderal organisiert und in dem Friedensvertrag, der 1648 den dreißigjährigen Krieg beendete, wurde Deutschland in etwa 2000 souveräne Territorien zersplittert, und diese Zersplitterung wurde völkerrechtlich fixiert. Daß die „langfristigen Strukturen der deutschen Geschichte nie national, sondern immer schon föderal ausgerichtet waren“[10] bildet nicht nur den Hauptunterschied zu den Nachbarländern, sondern es waren auch „derartige föderale Strukturen, die über Jahrhunderte hinweg verhindert haben, daß sich eine deutsche Nation im modernen Sinne bildete“[11].

Doch nicht nur die föderale Ausrichtung im Inneren, sondern auch die Bedingungen nach außen waren andere als bei den Nachbarstaaten. Eine freie Entfaltung des deutschen Staates wurde durch die Lage in der Mitte Europas erschwert. Deutschland stand unter einem Zweifrontendruck von Ost und West. Diese Lage und das Fehlen von Siedlungskolonien machte es zum „Volk ohne Raum“[12], anders als z.B. England, das als insularer Staat keinerlei Nachbarschaftskonflikte austragen mußte. Nicht nur die geographische Mittellage, sondern auch die Größe des Reiches wurden hinsichtlich der Einigung zum hemmenden Problem. Das Reich war unter den damaligen Kommunikationsbedingungen zu groß, um als Staat institutionalisiert werden zu können, deshalb konnte sich auch kein organisiertes Staatsvolk, sondern nur territorialstaatliche Völker herausbilden. England hatte den Vorteil, eine Insel und somit ein schon von den natürlichen Bedingungen her abgeschirmter politischer Raum zu sein. Zusätzlich hatte der Bürgerkrieg (mit Sieg der anglikanischen Staatskirche) in Großbritannien alle föderalen Möglichkeiten zwischen England, Schottland, Irland und Wales vernichtet.

Deutschland blieb zu dieser Zeit sowohl von größeren Bürgerkriegswellen als auch von der ersten Phase der großen westeuropäischen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts verschont und dieses Ausbleiben einer großen Freiheitsrevolution wurde für die Folgezeit zur schweren Last. Zugegebener Maßen hatten es die Deutschen Revolutionäre (wie 1848 zeigte) ungleich schwerer als die französischen. In Frankreich bestand der Nationalstaat schon lange vor 1789; es kam „nur darauf an, seine feudal-absolutistische Grundlage durch eine bürgerliche zu ersetzen. In Deutschland gab es keinen Nationalstaat, sondern zwei Großmächte, Österreich und Preußen, sowie viele Mittel- und Kleinstaaten“[13]. Aus Deutschland zur gleichen Zeit einen Nationalstaat und einen Verfassungsstaat zu machen, wäre ein Vorhaben gewesen, „für das es in der europäischen Geschichte keine Vorbilder gab“.[14] Doch somit fehlte Deutschland auf Dauer ein Grundstein für die Verbindung von Nationalstaat und Demokratie, der in den Revolutionen der westlichen Länder gelegt wurde: die Nation wurde zur „Gemeinschaft der mündig gewordenen Bürger“[15], von dem die deutsche Bevölkerung weit entfernt war. Gerade durch das Ausbleiben einer bürgerlichen Revolution wurde der Liberalismus hier „irreparabel geschwächt“[16] und die traditionellen Machteliten in Adel, Heer und Bürokratie blieben so stark, daß sie die „Parlamentisierung und Demokratisierung des politischen Lebens blockieren“[17] konnten. Die modernen westeuropäischen Nationen begründeten hingegen gerade durch ihre erfolgreichen Revolutionen von unten „ein nationales Selbstbewußtsein ..., das sich in der Folge als wertvoller Stabilisierungsfaktor“[18] erweisen sollte. In deutschen Landen gab es von den Bauernkriegen zwar immer wieder Aufstände und kleinere revolutionäre Bewegungen, aber eine siegreiche Revolution von unten blieb aus. Der Nationalstaat wurde schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die traditionelle Führungselite von Dynastien, Adel, Beamtentum und Militär von oben her gegründet. Hierin ist die Ursache dafür zu sehen, daß es auf deutschem Gebiet nicht zur westeuropäischen „Synthese von Nationalismus und Demokratie“[19] gekommen ist.

[...]


[1] Vgl. dazu ausführlich: Vierhaus, Rudolf: „Die Ideologie des deutschen Weges der politischen und sozialen Entwicklung“, In: Thadden, Rudolf von (Hrsg.): Die Krise des Liberalismus zwischen den Weltkriegen, Göttingen 1978, S. 96 - 114.

[2] Vgl. dazu: Deutscher Sonderweg - Mythos oder Realität?, Kolloquium des Instituts für Zeitgeschichte, München 1982.

[3] Plessner, Helmuth: Die verspätete Nation: über die politische Verfügbarkeit bürgerlichen Geistes, Frankfurt am Main 1992.

[4] Berbig, Hans-Joachim: Kleine Geschichte der deutschen Nation, Düsseldorf 1985, S. 13.

[5] Wehler, H.U: Umbruch und Kontinuität, München 2000, S. 85.

[6] Schieder, Theodor: Der Nationalstaat in Europa als historisches Phänomen, Köln 1964, S. 13.

[7] Vgl.: Schieder, Theodor: Der Nationalstaat in Europa als historisches Phänomen, Köln 1964, S. 15 ff.

[8] Raschhofer, Herman: „Nationale Selbstbestimmung. Theorie und Geschichte eines Prinzips“, In: Die politische Meinung, 51/1960, S. 31.

[9] Schieder, Theodor: Der Nationalstaat in Europa als historisches Phänomen, Köln 1964, S. 17.

[10] Koselleck, Manfred: „Deutschland. Eine verspätete Nation?“ In: Zeitschichten, Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000, S. 369.

[11] Ebd.

[12] Faulenbach, Bernd: Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980 , S. 30.

[13] Winkler, Heinrich August: Ende aller Sonderwege, In: Spiegel Nr. 24/2001, S. 176.

[14] Ebd.

[15] Schieder, Theodor : Der Nationalstaat in Europa als historisches Phänomen, Köln 1964, S. 18.

[16] Wehler, H.U: Umbruch und Kontinuität, München 2000, S. 85.

[17] Ebd.

[18] Sauer, Wolfgang: „Das Problem des deutschen Nationalstaates“, In: Wehler, H.-U.: Moderne deutsche Sozialgeschichte, Köln 1970, S. 409.

[19] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Deutschlands verspätete Nationalstaatsgründung und der deutsche Sonderweg
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Das Nord-Süd-Gefälle der Nationalstaatsbildung
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V3404
ISBN (eBook)
9783638120869
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschlands, Nationalstaatsgründung, Sonderweg, Seminar, Nord-Süd-Gefälle, Nationalstaatsbildung
Arbeit zitieren
Jana Lippmann (Autor), 2001, Deutschlands verspätete Nationalstaatsgründung und der deutsche Sonderweg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3404

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