Selbstökonomisierung und Flexibilisierung der Arbeitnehmer

Phänomene einer neuen Management-Strategie oder Zeichen eines tiefergreifenden Wandels der Arbeits- und Sozialbeziehungen?


Seminararbeit, 2005

15 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Fragestellung

3. Rückblick: Fordismus – vor der Beschleunigung

4. Phänomene der neuen Selbständigkeit
4.1 „Selbständige Unselbständigkeit“
4.2 Die Dynamik der Selbstökonomisierung der Ressource „Ich“
4.3 Die Konfrontation mit dem Markt und neue Anforderungen an das Arbeitnehmer- Profil

5. Das System der „Indirekten Steuerung“ und dessen Wirkung auf Die Beschäftigten
5.1. Kolonisierung des Willens
5.2. Emotional Engineering

6. Gewerkschaftliche Reaktionen auf „Indirekte Steuerung“ und Selbstökonomisierung
6.1. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Gesellschaft – die Standortfrage
6.2. Gewerkschaften und Beschäftigte

7. Parallele gesellschaftliche Veränderungen – denkt und fühlt eine Epoche neu ?

8. Bibliographie

1. Einleitung

Wilfried Glißmann, Betriebsrat bei IBM, beobachtete bei den Mitarbeitern seines Unternehmens in den letzten Jahren eine extreme Intensivierung des Arbeitsdrucks, eine Maßlosigkeit[1] in den Anforderungen, ein Arbeiten ohne Ende jenseits aller Arbeitszeitvereinbarungen. Die Phänomene der neuen Instrumentalisierung des Denkens und der daraus resultierenden Selbstökonomisierung sind ein Ignorieren aller Arbeitszeit-Regelungen seitens der Arbeitnehmer, ein Druck, der aus sachlichen Verstrickungen der Kollegen und nicht aus Anweisungen des Managements entsteht, ein grausamer Mechanismus des Mitziehen-Müssens und ein Dauerstress durch ein Arbeiten mit extremen Gefühlsschwankungen[2]. H.J.Pongratz[3] sieht die Ursache dafür in „postfordistischen Nutzungssrategien der Arbeitskraft“, bei Hermann Kocyba[4] ist vom Einsatz der „Äußerungsformen menschlicher Subjektivität im Arbeitsprozess“ für die gezielte Prozessoptimierung die Rede. Und Richard Sennett[5] unterstreicht, dass neben erzwungener (aber paradoxerweise mit „Kontrollverlust“ einhergehender) Selbständigkeit automatisch auch Flexibilität eingefordert wird:

„Heute wird der Begriff ‚flexibler Kapitalismus‘ zunehmend gebraucht, um ein System zu beschreiben, das mehr ist als eine bloße Mutation eines alten Themas. Die Betonung liegt auf Flexibilität. Starre Formen der Bürokratie stehen unter Beschuß, ebenso die Übel blinder Routine. Von den Arbeitnehmern wird verlangt, sich flexibler zu verhalten, offen für kurzfristige Veränderungen zu sein, ständig Risiken einzugehen und weniger abhängig von Regeln und förmlichen Prozeduren zu werden“ .

Wie konnte es zu diesem rasanten Paradigmenwechsel kommen? In einer Veröffentlichung der Friedrich-Ebert-Stiftung („Befreiung der Arbeit“) von 1986 schreibt noch Kurt van Haaren als Vorsitzender der dts. Postgewerkschaft: „Der gesellschaftliche Trend einer Abnahme gesellschaftlich notwendiger Arbeit und eines objektiven Wachsens des Freizeitvolumens ist nicht aufzuhalten. Dies ist vielmehr eine logische Konsequenz aus der Weiterentwicklung von Technik und Arbeitsorganisation.“ (165). Franz Steinkühler befindet dazu:

„Ich kann nichts Schlimmes daran finden, wenn der Arbeitnehmer zur Erreichung dieses Lebensstandards immer weniger arbeiten muß. Um 1900 mußte der Arbeitnehmer 60 Std. in der Woche hart arbeiten, um sein kärgliches Dasein fristen zu können. Heute sind es effektiv zirka 40 Std. und Ende der 90er Jahre könnten es 30 Std. sein – und dies bei einem wesentlich höheren Lebensstandard“[6]

Interessant erscheint aus heutiger Sicht, dass die fortschreitende Entwicklung der EDV und anderer Hochtechnologie als Entlastung des Arbeitnehmers gesehen werden und nicht als Katalysator von Flexibilität und Leistungsdruck (Arbeiten von überall zu jeder Zeit, Kostenanalysen in Sekunden):

„Neue technische Möglichkeiten können alte und scheinbar selbstverständliche Starrheiten auflösen: Die erzwungene Bindung an einen festen betrieblichen Arbeitsplatz; die tendenziell gleiche Arbeitszeit für alle; die erzwungene Anpassung der individuellen Arbeitszeit in die vorgeschriebenen Zeitblöcke von morgens bis nachmittags, die ineffiziente Gleichzeitigkeit der kollektiven Freizeit für alle.

Diese technischen Möglichkeiten sind: Die tendenzielle Entkoppelung von Mensch und Maschine bzw. Betrieb; sowohl räumlich ... wie auch zeitlich. Dies kann zu einer vernünftigen, arbeitskraftbezogenen Flexibilisierung der Arbeitszeit führen, welche die Lebensqualität der Menschen steigert: etwa durch Beweglichkeit der Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeit, durch Verfügungstage, ... durch Langzeiturlaube..."[7]

Diese rosige Zukunft der Arbeitswelt, die 1986 der damalige Bundesgeschäftsführer der SPD, Peter Glotz, entwirft, muß heute aus gewerkschaftlicher Sicht in großen Teilen in krassem Gegensatz zu der realen Entwicklung erscheinen, die durch eine Vermarktlichung der Sozialbeziehungen, Entfremdung und Gesundheitsverschleiß gekennzeichnet ist. Was als „erzwungen“ und „starr“ dargestellt wird, erscheint heute als Barriere gegen Entgrenzung und Maßlosigkeit. Vor allem dort, wo Glotz von „erzwungener Trennung von Arbeit und Freizeit“ und „erzwungen-genormtem sozialem Verhalten“ spricht[8].

2. Fragestellung

Allerdings wird auch 1986 bereits anerkannt, dass die Ausweitung der individuelle Autonomie untrennbar mit der Autonomie in der Erwerbsarbeit verbunden ist[9]. Diese Verflechtung soll im Rahmen dieser Arbeit noch näher untersucht werden. Es soll nicht nur aufgezeigt werden, was „Maßlosigkeit“ in der Arbeit meint und bewirkt sondern auch der Frage nachgegangen werden, ob Selbstvermarktung und Selbstökonomisierung ausschließlich aus der Arbeitswelt zerstörerisch ins Private hineinwirken oder ob nicht die Ökonomisierung der Lebensgewohnheiten und die Ökonomisierung der Arbeitsgewohnheiten zwei Seiten einer Medaille sind und das Fühlen, Denken und Handeln einer neuen Epoche kennzeichnen. Es soll untersucht werden, inwiefern seitens der Gewerkschaften den veränderten Lebensgewohnheiten außerhalb der Erwerbsarbeit Rechnung getragen wird oder ob nicht nur der Blick auf die „Satansmühle des Marktes“[10] und dem „emotionalen Aufputschmittel“[11] der neuen Managementstrategie fokussiert wird. Meine These lautet: Die Veränderungen haben epochalen Charakter und die Gewerkschaften reagieren darauf angemessen. Frühere Erwartungen in eine Humanisierung der Arbeitsgesellschaft sind jedenfalls bereits revidiert:

„Entgegen der Prophezeiungen einer schönen neuen Arbeitswelt in der entstehenden ‚Wissensgesellschaft‘ haben sich die Arbeits- und Leistungsbedingungen verschärft,(...)[12]

3. Rückblick: Fordismus – vor der Beschleunigung

In der alten fordistischen Ordnung gab es strenge Hierarchien und eine klare Arbeitsteilung. Die Mitarbeiter auf dem doing level trugen keine direkte unternehmerische Verantwortung. Unternehmerisches Handeln war bestimmt durch Maximierung der Kapitalverwertung, die Verwertung der Arbeitskraft wurde reguliert und begrenzt durch ein System von Weisungen, Kontrolle und Belohnung. Freizeit war von der Arbeitszeit klar abgegrenzt als eine Zeit, in der nicht getan werden muß, was jemand anders will. Die Stellvertreterpolitik der Gewerkschaften als Gegenmacht war unangefochten, war sie doch „aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die Beschäftigten gegen die Übergriffe der kapitalistischen Kommandanten zu schützen“[13]. Die Stempeluhr wurde für die Betriebsräte zum Kontrollinstrument für ihre Arbeitszeitpolitik. Flächentarifverträge und Normalarbeitszeiten konnten in dieser nicht-individualisierten und nicht-flexibilisierten Arbeitswelt Standard werden. Massenproduktion und Massenkonsum[14], ein lineares berufsbiographisches Idealbild auf der Basis von Loyalität und Langfristigkeit und die Alleinernährer/Hausfrau – Normalfamilie bildeten den sozioökonomischen Rahmen. Bei Sennett stehen für den Fordismus u.a. die „Logik der metrischen Zeit“, die „Logik der Hierarchie“, Stabilität und Routine im Vordergrund – dieser Rahmen ermöglichte es den Menschen, ihr Leben zu „durchhaltbaren Erzählungen zu formen“[15].

[...]


[1] Sämtliche von Glißmann verwendeten Begriffe in „Die Abschaffung der Zeiterfassung“ und „Ökonomisierung der ‚Ressource Ich‘“ werden in diesem Kapitel kursiv angezeigt und nicht einzeln belegt.

[2] Vgl. „Ökonomisierung der ‚Ressource Ich‘“, 5.

[3] Vgl. „Der Arbeitskraftunternehmer...“, 131-158.

[4] Vgl. „Das aktivierte Subjekt. Mit posttayloristischen Formen der Arbeit ändert sich auch die moderne Berufsidee“, in: Frankfurter Rundschau v. 28.9.99.

[5] Vgl.Sennett, Der flexible Mensch, 10, 21.

[6] Steinkühler, Befreiung der Arbeit, 184.

[7] Vgl.Glotz, Die Zuspitzung der Arbeit, 46..

[8] Ebenda, 47.

[9] Vgl. Müller, Neuorganisation der gesellschaftlichen Arbeit, 40.

[10] Bei Pickshaus, Arbeiten ohne Ende, 7. Pickshaus war bis Januar 2000 Gewerkschaftssekretär beim Hauptvorstand der IG Medien, ab Februar 2000 Gewerkschaftssekretär beim Vorstand der IG Metall.

[11] Schmidt, Mit Haut und Haaren, 29.

[12] Pickshaus, Gute Arbeit, 50.

[13] Pickshaus, Arbeiten ohne Ende, 15.

[14] Vgl. hierzu: Bartelheimer, Lebensweise, 45

[15] Sennett, Der flexible Mensch, 37f, 52f..

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Selbstökonomisierung und Flexibilisierung der Arbeitnehmer
Untertitel
Phänomene einer neuen Management-Strategie oder Zeichen eines tiefergreifenden Wandels der Arbeits- und Sozialbeziehungen?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut Berlin)
Veranstaltung
Proseminar: Arbeit und Entgrenzung
Note
2.3
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V34044
ISBN (eBook)
9783638343695
ISBN (Buch)
9783638789905
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit behandelt ein sehr aktuelles Thema, das mit Schlagworten wie "Selbstvermarktung", "peer-to-peer-pressure" oder "emotional engineering" in der Öffentlichkeit debattiert wird und auch von soziologischem Interesse ist. Untertitel der Arbeit: "Phänomene einer neuer Management-Strategie oder Zeichen eines tiefergreifenden Wandels der Arbeits- und Sozialbeziehungen? Die Antworten der Gewerkschaften".
Schlagworte
Selbstökonomisierung, Flexibilisierung, Arbeitnehmer, Proseminar, Arbeit, Entgrenzung
Arbeit zitieren
Bernhard Nitschke (Autor), 2005, Selbstökonomisierung und Flexibilisierung der Arbeitnehmer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34044

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