Die englische(n) Revolution(en) im 17. Jahrhundert. Kritische Überprüfung der Ereignisse durch eine theoriegeleitete Bedingungsanalyse


Hausarbeit, 2016
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Englands politische Umwälzungen im 17. Jahrhundert
2.1 Der erste große politische Umbruch (1629–1660): Die sog. puritanische Revolution
2.2. Der zweite große politische Umbruch (1688–1689): Die sog. glorreiche Revolution

3. Theoriesynthese: Begriffsdefinition und Herleitung der an eine Revolution gestellten Bedingungen aus der Revolutionsforschung
3.1 ‚Ergebnis‘ als übergeordnete Bedingungskategorie von Revolutionen
3.2 ‚Akteure‘ als übergeordnete Bedingungskategorie von Revolutionen
3.3 ‚Mittel, Motivation, Organisation‘ als übergeordnete Bedingungskategorie von Revolutionen
3.4 Prozesse und Ereignisse als übergeordnete Bedingungskategorie von Revolutionen
3.5 Zwischenfazit: Eigene Definition von Revolution

4. Bedingungsanalyse und Schlussfolgerungen
4.1 Bedingungsanalyse und Schlussfolgerungen zum ersten großen politischen Umbruch (1629–1660)
4.2 Bedingungsanalyse und Schlussfolgerungen zum zweiten großen politischen Umbruch (1688–1689)

5. Fazit

Anhang1

Anhang2

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zwar gilt vielen die Französische Revolution als Inbegriff einer Revolution (Waschkuhn 2002: 380), doch schon vor der französischen Revolution kam es im 17. Jahrhun­dert in England zu gravierenden politischen Umwälzungen. Wie selbstverständlich werden auch diese politischen Umbrüche als Revolution bezeichnet. Dabei ist sogar in der fachwissenschaftlichen Literatur eine klare und eindeutige Definition zu diesem laut Enzmann (2013: 206) sehr „facettenreichen Phänomen“, zu dem „verallgemeinernde Aussagen nur begrenzt möglich sind“ (ebd.), schwer zu finden (Freeman 2001: 622; Harrison 2014: 1673). Eine präzise Definition des Begriffs, welche auf klaren Merkmalen, Bedingungen bzw. Kriterien aufbaut, ist jedoch essentiell wichtig zur Einordnung, Beurteilung und Analyse eines politischen Ereignisses. Oft bleibt nämlich unklar, ob es sich bei einem bestimmten politischen Ereignis tatsächlich um eine Revolution handelt oder ob zur Beschreibung dieses Ereignisses besser eines dem Begriff Revolution verwandtes Wort, wie etwa Aufstand, Rebellion, Staatsstreich, Reform, Protest, Widerstand, Invasion genutzt werden sollte.

Auch aufgrund der fehlenden „allgemein anerkannten Definition (Enzmann 2013: 212), sind sich viele Autoren uneinig darüber, ob es sich bei den angesprochenen historisch bedeutenden politischen Umwälzungen (vgl. von Greyerz 1994), die den Begriff Revolution im Namen tragen, tatsächlich um Revolutionen handelt oder nicht. Das Ziel dieser Arbeit ist daher eine kritische Überprüfung der Ereignisse vorzunehmen. Dafür werden im ersten Schritt zunächst die historisch-politischen Ereignisse beschrieben. Anschließend wird sich die Arbeit ausführlich mit der revolutionstheoretischen Einordnung des Begriffs Revolution beschäftigen. Es wird also zu klären sein, welche Bedingungen, Kriterien, Merkmale erfüllt sein müssen, um bei einem umwälzenden politischen Ereignis tatsächlich von Revolution sprechen zu können. Aus verschiedenen Definitionen und revolutionstheoretischen Überlegungen aus der Fachliteratur werden nach dem Prinzip der größten Schnittmenge besonders häufig genannte Bedingungen und Kernmerkmale für eine Revolution hergeleitet und als hinreichende oder notwendige Bedingung gekennzeichnet.

Im dritten Schritt wird dann die Bedingungsanalyse folgen. Diese wird dazu dienen die zuvor herausgearbeiteten Bedingungen mit den Ereignissen in England abzugleichen und zu prüfen, ob die Ereignisse die aus Sicht der modernen Revolutionsforschung an eine Revolution gestellten Bedingungen erfüllen oder nicht. Hieraus kann dann abschließend geschlussfolgert werden, ob es vor diesem Hintergrund formal zutreffend oder unzutreffend ist die Ereignisse als Revolution zu kategorisieren.

2. Englands politische Umwälzungen im 17. Jahrhundert

Über das gesamte 17. Jahrhundert hinweg erlebte[1] England eine Zeit eines grundlegenden ge­sellschaftlichen Wandels (Stone 1980: 25-40) und erheblicher politischer Turbulenzen und Instabilität, welche in zwei große politische Umbrüche, im Zeitraum von den 1620er Jahren bis hin zum Jahr 1689, gipfelten (Stone 1980: 23ff). Die zwei folgenden Abschnitte sollen einen möglichst wertneutralen Überblick über diese politischen Umwälzungen vermitteln.

2.1 Der erste große politische Umbruch (1629–1660): Die sog. puritanische Revolution

Der erste große politische Umbruch in England im 17. Jahrhundert wird vielfach als „puritanische Revolution“ (vgl. z.B. Hill 1982: 39) oder schlicht als „englische Revolution“ (Waschkuhn 2002: 384) betitelt. Der Umbruch entwickelte sich aus einem Ringen um mehr Macht zwischen dem Parlament und dem Monarchen. Die Auseinandersetzungen begannen schon Anfang der 1620er Jahre, spitzten sich dann mit Beginn der Regierungszeit von Charles I. ab dem Jahre 1625 aber zunehmend zu (ebd.).

Dies lag einerseits daran, dass sich allmählich in dem in England als Institution etablierten Parlament ein grundlegender Paradigmenwechsel verbreitete. Die Vorstellung, dass sich sämtliche Rechte und Privilegien des Monarchen ausschließlich von Gott ableiten und dieser sich daher auch nur Gott gegenüber und nicht gegenüber dem Volk verantworten muss, wurde mehr und mehr hinterfragt. Allmählich setzte sich die Vorstellung durch, dass auch Könige fehlbare Menschen sind, die ihre Autorität vielmehr durch die Zustimmung des Volkes erhalten und diese Autorität nutzen sollten, um dem Volk Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit zu bieten (Stone 1980: 35f). Stone (ebd.) nennt den sich durch diese veränderte Vorstellung über das Machtgefüge im Staat entstehenden Konflikt „DivineRight [of King] versus ContractMonarchy“. Außerdem wurde die große Wertschätzung für die „Unantastbarkeit des Privatei­gentums und die Sphäre der persönlichen Freiheit gegenüber Eingriffen“ royaler Willkür (Waschkuhn 2002: 384f) zu einem weiteren Streitpunkt zwischen dem vor allem aus wohlhabenden Bürgern bestehenden Unterhaus bzw. Parlament und dem absolutistischen Führungsanspruch des Königs. Damit einhergehend entwickelte sich zudem ein „gesteigertes Machtbewusstsein“ (ebd.) seitens des Parlaments, das deutlich mehr Mitsprache- und Zustimmungsrechte in zahlreichen zentralen politischen Fragestellungen – wie etwa Finanz- und Steuerpolitik, die Gestaltung der Verwaltung und des Militärs, sowie die Einnahmen und Ausgaben der Administration (ebd.; vgl. Stone 1980: 33f) – einforderte. Beruhend auf diesem weitreichenden Paradigmenwechsel entstand allmählich eine Idee von Volkssouveränität bzw. Souveränität des das Volk repräsentierende Parlament (Waschkuhn 2002: 384f).[2]

Andererseits lag die Zuspitzung des Konflikts zwischen König und Parlament auch im Handeln des Königs begründet. Nach absolutistischer Herrschaft strebend versuchte er stets zu regieren ohne das Parlament zu beteiligen. So zog er ohne Zustimmung des Parlaments Steuern ein, zwang wohlhabende Bürger ihm Kredite zu gewähren und bestrafte diese mit Verhaftungen ohne vorherige Anhörung, falls sie sich weigerten. Dadurch, dass das Parlament ihm „für seine Politik keine ausreichenden Finanzen bewilligte“ (Waschkuhn 2002: 384), sah der Monarch sich permanent in einem finanziellen Notstand und berief immer dann ein Parlament ein, wenn die finanzielle Not besonders groß wurde. Das Parlament jedoch übte Widerstand gegen die aus ihrer Sich finanziell verschwenderische Politik, sodass von fünf vom König einberufenen Parlamenten „vier kurz nacheinander aufgelöst“ (ebd.) wurden. Insgesamt riskierte Charles I. so die Entfremdung der einflussreichen Schichten (Waschkuhn 2002: 384f; Parliament.uk a,b).

Als das Parlament sich im Jahre 1628 schließlich mit der „Petition ofRight“, in der „bürgerliche Freiheiten so eindeutig wie selten zuvor fixiert sind“ (Gerste 2008: 2), vor der Willkür des Königs zu schützen versucht, ist es nicht mehr weit bis zum endgültig Bruch mit dem Königshaus. Diese Petition ofRights sollte die Bürger unter anderem vor „willkürlicher Verhaftung durch Beamte des Königs“, vor unrechtmäßiger Besteuerung sowie anderer Rechtsverletzungen schützen (Gerste 2008: 2). Aus seiner finanziellen Abhängigkeit dem Parlament gegenüber war Charles I. gezwungen dem Beschluss widerwillig zuzustimmen (ebd.; Stone 1980: 23; Parliament.uk a,b). Charles I. hält sich jedoch kaum an die neuen Regeln, sodass die Fraktion im Parlament, die gegen den König eingestellt ist immer stärker wird. Folglich werden 1629 öffentlich Beschlüsse gegen den König verlesen, in denen das „königli­che Steuerrecht ebenso verdammt wird […] wie die schleichende Rekatholisierungder anglikanischen Kirche“ (Gerste 2008: 2). Verärgert über das Vorgehen des Parlaments und auf seine königlichen Vorrechte beharrend löste Charles I. das Parlament auf (Parliament.uk a,b) und regierte elf Jahre lang, also bis 1640, ohne Parlament und dessen Unterstützung (Stone 1980: 23; Waschkuhn 2002: 384f).

In diesen elf Jahren bringt er durch seine Finanzpolitik und auch seine Religionspolitik immer größere Teile der Opposition gegen sich auf (Gerste 2008: 2f). Auf eine Einmischung in Religionsfragen in Schottland hin, beginnt ein Krieg Schottlands gegen England, in dem Charles I. unterliegt. Charles ruft das Parlament zur finanziellen Unterstützung beim Krieg ein und löst dieses nach weniger als einem Monat wieder auf, da das protestierende Parlament die Forderungen des Königs nicht erfüllen wollte. Doch letztlich ist Charles nach der erneuten Niederlage im zweiten Krieg gegen Schottland „gedemütigt“, innenpolitisch enorm geschwächt und in einer solchen finanziellen Enge (ebd.), dass er gezwungen ist fortan auf die Zusammenarbeit mit dem Parlament zu setzen seine Forderungen zu erfüllen (vgl. Parliament.uk b). Dies hat für ihn zur Folge, dass er mehr und mehr Souveränität an das Parlament abtreten muss und der parlamentarischen Kontrolle übergeben muss (Gerste 2008:2). Umfassende Reformen sollten das neue Machtgefüge auch formal besiegeln und so sicherstellen, dass der Monarch nicht wie-der ohne Parlament würde regieren können (Waschkuhn 2002: 384f). Eine weitere Maßnahme des neuen Parlaments war im Jahr 1641 – aus Protest gegen die königliche Politik in der elfjährigen parlamentslosen Zeit – einen wichtigen Berater und engen Vertrauten des Königs wegen Verrats anzuklagen und hinrichten zu lassen.

Neben den politischen Machtkämpfen entfachen auch religiöse Streitigkeiten. 1642 widersetzt sich das Parlament abermals dem König als dieser versucht fünf Parlamentarier verhaften zu lassen. Diese Aktion des Protests bzw. Widerstands löst letztendlich einen Bürgerkrieg aus, bei dem die vom Parlament gegründete Streitmacht, angeführt vom puritanischen Oliver Cromwell, gegen die Truppen des Königs kämpfen (Waschkuhn2002: 185). Hill zufolge (1982: 41) war Puritanismus „hauptsächlich eine politische Bewegung mit revolutionärer Ideologie“. Die Puritaner waren eine radikale protestantische Gruppe, die sich laut Hill (ebd.) insbesondere auch dadurch auszeichneten, besonders patriotisch und extrem anti-katholisch zu sein. Dies machte die Puritaner auch auf religiöser Grundlage zu Gegnern des herrschenden Monarchen, denn diesem wurde eine große Nähe zur katholischen Kirche nachgesagt (Gerste 2008: 2).

Aus dem ersten Bürgerkrieg (1642-1646) gehen die Parlamentarier mit der parlamentstreuen Berufsarmee, „New Model Army“, die das Parlament ohne Einwilligung des Königs eigenständig aufgebaut hatte (Waschkuhn 2002: 384), unter der Führung Cromwells als Sieger hervor. Nachdem jedoch Verhandlungen mit Charles I. scheitern, bricht 1648 der Bürgerkrieg infolge einer Verschwörung von Charles I. erneut aus. Wieder siegen am Ende die Parlamentarier.

Die radikalen Kräfte innerhalb des Parlaments um Cromwell herum schließen sämtliche eher moderaten Mitglieder des Parlaments aus, um dann einen Hochverratsprozess gegen den König anzustreben. Charles I. wird infolgedessen auf Anordnung des restlichen Parlaments hingerichtet. Die Monarchie wird offiziell, zusammen mit dem ‚House of Lords‘, abgeschafft. Das sogenannte Commonwealth wird ausgerufen. Die Souveränität liegt nun voll und ganz in den Händen des Parlaments, an dessen Spitze Oliver Cromwell steht. Aufstände durch königstreue Gruppen gegen das Vorgehen des Parlaments werden brutal niedergeschlagen (Gerste 2008: 4; Waschkuhn 2002: 185; Parliament.uk c). Exakt diese Verbindung aus dem oben geschilderten Prozess des politischen Umbruchs mitsamt Bürgerkrieg bis hin zu dieser erfolgreich abgeschlossenen gewaltsamen Machtübernahme Cromwells ist das, was viele die „puritanische Revolution“ (vgl. z.B. Hill 1982) oder die „englische Revolution“ (vgl. z.B. Waschkuhn 2002: 384; Zimermann 2012: 871)nennen.

Die folgenden vier Jahre (1649-1653) können dann als Phase der Konsolidierung und Machterhaltung beschrieben werden. Darauf folgt eine Phase der politischen Radikalisierung Cromwells und seiner Anhänger, infolge dessen Cromwell das sich von ihm zunehmend abwendende Parlament auflöst. Cromwell entwickelt die Republik stetig in eine Militärdiktatur. In der neuen Rolle als Lordprotektor überschreitet seine Machtfülle sogar die von Charles I. Doch mit Cromwells Tod 1658 fällt das neue staatliche Gebilde wieder zusammen. Einen geeigneten Nachfolger für Cromwell gab es nicht, sodass nach einer kurzen Phase der politischen Unordnung um 1660 die Wiederherstellung der Monarchie mit dem neuen Monarchen Charles II. zusammen mit einem einflussreichen Parlament eingeleitet wird. Das alte System war damit wiederhergestellt (Gerste 2008: 4ff).

2.2. Der zweite große politische Umbruch (1688–1689): Die sog. glorreiche Revolution

1685 übernimmt James II., Bruder von Charles II., den Thron. Zwar gab es bereits in den 1670ern, als allgemein bekannt wurde, dass James katholisch ist, heftige gegen James gerichtete Proteste und den mehrfachen, aber letztlich erfolglosen, Versuch von Seiten des Parlaments James gesetzlich für die Thronfolge auszuschließen (Vallance 2013: 1666; House ofCommons 2010: 2). Doch im Jahr 1685 bestand das Parlament aus deutlich toleranteren Abgeordneten, sodass der neue Monarch ohne Zwischenfall sowohl vom Parlament als auch vom restlichen Volk mehrheitlich willkommen geheißen wurde (Pincus 2009: 92, 94f; vgl. Vallance 2011).

Doch schon einige Monate später verlangte James II vom Parlament nicht nur mehr Geld zur Aufrüstung seines stehenden Heeres, sondern vor allem auch die Aufhebung der erst 12 Jahre zuvor verabschiedeten ‚Test Acts‘. Dieses Gesetz verbat Katho­liken ein offizielles Amt zu bekleiden. Aus Sorge James II würde (wie schon sein Vorgänger) versuchen vornehmlich Beamte einzusetzen, die wie er selbst auch katholisch sein würden, um dadurch eine schleichende Rekatholisierung des Landes zu initiieren, lehnte das Unterhaus beide Forderungen des Königs ab. James II reagierte mit der Auflösung des Parlaments, setzte jenes Gesetz ohne Zustimmung des Unterhauses aus und setzte fortan mehr und mehr Katholiken in bedeutende öffentliche Positionen (Armee, Universitäten, Verwaltung etc.) ein. (House ofCommons 2010: 2). Im Volk aber vor allem auch innerhalb der führenden politischen Schicht wuchs aufgrund von James‘ Politik die Sorge davor, dass James dem Land seine katholischen Vorstellungen aufzuzwingen versucht, stetig (ebd.; vgl. Vallance 2011). James, der, wie Waschkuhn (2002: 386f) feststellt, sich der „komplizierten religions- und verfassungspolitischen Lage nicht gewachsen“ zeigte, „verlor rasch an Autorität“ (ebd.), sodass zunächst passiver Widerstand aufkam.

Bekannt geworden sind dabei die sieben Bischöfe, die sich offen gegen eine pro-katholische königliche Anordnung stellten und dem König illegales Verhalten vorwarfen. James II. ließ diese dafür verhaften. Doch nur einige Tage später wurden diese freigesprochen, was die Massen feierten, für James jedoch eine deutliche innenpolitische Schwächung darstellte. Aus Verärgerung über James‘ pro-katholische Politik brachen gleichzeitig auch erste anti-katholische Unruhen aus. In der gleichen Woche wurde James‘ erster Sohn (er hatte schon zwei protestantisch erzogene Töchter) geboren und katholisch getauft (House ofCommons 2010: 3; Bruners o.J.: 10f). Letztlich war es dieses für James erfreuliche Ereignis im Jahr 1688, welches die als die „glorreiche Revolution“ bekannt gewordenen umbruchartigen Ereignisse auslösten.

Allein die Vorstellung, dass nun – da ein katholischer Thronfolger geboren war – eine neue katholisch geprägte Dynastie ihren Anfang nehmen konnte, bereitete dem Parlament und den führenden Schichten allgemein so große Sorge, dass sie sich zum Handeln gezwungen sahen. Schnell bildete sich eine elitäre oppositionelle Koalition mit sieben prominenten Politikern an der Spitze. Diese Koalition war zwar in sich heterogen aber doch in dem Groll gegen den König und in dem Vorhaben die eigenen religiösen und finanziellen Interessen zu wahren vereint. Wohlwissend um die militärische Stärke des Monarchen mit seinem gut ausgebildeten stehenden Heer (Pincus 2009: 7), wollte diese Opposition eine offene Konfrontation, die wie in den 1640ern in einen Bürgerkrieg ausarten könnte, allerdings um jeden Preis verhindern (Stone 1980: 63f). Daher schrieben sie eine Einladung an den niederländischen Wilhelm von Oranien, der auch James‘ Schwiegersohn war. Darin baten sie Wilhelm in England militärisch einzu­greifen, um das englische Volk sowie die anglikanische Kirche von der Tyrannei des James II. zu befreien und ein freies Parlament einzuberufen. Die oppositionelle Koalition sichert dem niederländischen Führer sowohl ihre als auch die volle Unterstützung des Volkes zu, denn die Bevölkerung sei so unzufrieden mit der aktuellen Regierung und ihrer sich täglich verschlechternden Lebenssituation, dass 95 Prozent der Menschen dem Wandel herbeisehnen und sich an diesem auch beteiligen würden, wenn sie nur vor der staatlichen Tyrannei beschützt würden (Pincus 2009: 228; Childs 1988: 398).

Wilhelm nahm die Einladung – nicht nur aus Selbstlosigkeit, sondern auch aus politischem Kalkül – an und erreichte die Küste Englands zusammen mit 15000 Soldaten noch im selben Jahr (Childs 1988: 398; House ofCommons 2010: 3). Da James mit den Katholiken und anderen religiösen Minderheiten nur politisch und sozial machtlose Gruppen auf seiner Seite hatte und alle politisch einflussreichen Gruppen sich gegen ihn verbündet hatten, zeigte sich nun, wie schwach James innenpolitisch geworden war. Bis auf ein Gefecht, bei dem 50 Menschen starben (Vallance 2011), hießen die Engländer Wilhelm und seine Truppen fast ohne Widerstand und ohne Angst willkommen (Pincus 2009: 228). Im Gegenteil, es begannen sogar anti-katholische Unruhen in vielen Städten Englands (Vallance 2011). Obwohl James II. sich und seine Truppen auf die Ankunft von Wilhelm gut vorbereitete und sein Heer, dem gegnerischen Heer prinzipiell zahlenmäßig überlegen war, wird relativ schnell offensichtlich, dass James unterliegen würde. Einerseits hat James mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen (ebd.). Andererseits verweigern ihm zahlreiche Mitglieder seiner Sicherheitskräfte und später sogar sein Neffe und seine eigene Tochter die Unterstützung, laufen zu Wilhelms Seite über und stärken somit Wilhelms Position so sehr, dass James nur noch die Flucht nach Frankreich bleibt (Pincus 2009: 225f; House ofCommons 2010: 3). Der König war gestürzt.

Im Anschluss an diese zeitlich dramatisierten Ereignisse verhandelte ein Übergangsparlament einen „tragfähigen Verhandlungskompromiss“ (Waschkuhn 2002: 386f) mit dem als Held gefeierten Wilhelm. Im Zuge dessen werden Wilhelm von Oranien und seine Frau Mary, Tochter von James II., schließlich zu König und Königin gekrönt. Doch zuvor müssen sie der sogenannten DeclarationofRights (vgl. House ofCommons 2010: 6f) zustim­men, die gewisse parlamentarische und bürgerliche Freiheiten festhält, die ärgsten Missstände des alten Regimes aufzählt, das neue Königspaar ernennt, die Thronfolge grundsätzlich regelt und schlussendlich generell die Souveränität des Parlaments über die des Monarchen setzt (ebd.; Schwoerer 1980: 225; Vallance 2011). Innerhalb von nur dreieinhalb Monaten (Childs 1988, S.398) ist also der unliebsame, sich nach absolutistischer Herrschaft sehnende, Monarch durch die in erst passiven und dann auch aktiven Widerstand ausgedrückte große Unzufriedenheit eines kleinen Teils der (wohlhabenden) Bevölkerung erzwungenermaßen abgesetzt und durch eine neue royale Familie ersetzt worden.

3. Theoriesynthese: Begriffsdefinition und Herleitung der an eine Revolution gestellten Bedingungen aus der Revolutionsforschung

Nach der Beschreibung der Ereignisse, folgt nun die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff Revolution. Wie lässt sich der Begriff präzise und trennscharf definieren und welche Voraussetzungen müssenerfüllt sein, damit ein politischer Umbruch als Revolution gelten kann? Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn Revolution als Konzept, bei dem viele verschiedene Faktoren und Wechselwirkungen eine Rolle spielen (Enzmann2013: 213; Lawson2016: 110,112), ist nur schwer greifbar (Harrison2014:1673;vgl. Motyl1999:23).

Etymologisch betrachtet stammt der Begriff Revolution aus dem spätla­teinischen und bedeutet allgemein „Zurückwälzen, Umdrehung, Umwälzung“ (o.A. 1998, S.563; vgl. Wende 2000: 10-14). Es ist ein vielfältig verwendeter Begriff, der durch die heutzutage inflationär hohe Verwendung – ein kurzer Blick in Populärmedien genügt – inzwischen sehr verwässert ist. Eine allgemeine aber für eine politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff auch noch zu ungenaue Definition, welche wohl aber gerade deshalb das Alltagsverständnis von Revolution widerspiegelt, findet sich bei Waschkuhn (2002: 380), der in einer Revolution „eine Umwälzung oder Veränderung tiefgreifender Art“ sieht und damit im Grunde den kleinsten gemeinsamen Nenner der unzähligen Definition auf den Punkt bringt.

Durchforstet man die zahlreichen Definitionen und theoretischen Ausführungen unterschiedlicher Autoren zum politischen Begriff Revolution, so lassen sich im Grunde vier übergeordnete Bedingungskategorien für die Entscheidung, ob es sich bei einem umwälzenden politischen Ereignis um eine Revolution handelt oder nicht, erkennen: (1) Ergebnis, (2) Akteure, (3) Mittel – Motivation – Organisation, (4) Prozesse – Ereignisse.

3.1 ‚Ergebnis‘ als übergeordnete Bedingungskategorie von Revolutionen

Die oben genannte allgemeine Definition von Waschkuhn fokussiert die erste Kategorie, das Ergebnis.

[...]


[1] Die Verwendung der Bezeichnung „Revolution“ für jene Ereignisse ist in der Literatur nicht konsensfähig. Manche Forscher erkennen in den Ereignissen zwei voneinander unabhängige Revolutionen (Stone 1980: 23f), welche als „puritanische Revolution“ (vgl. z.B. Hill 1982: 39) oder „englische Revolution“ (Waschkuhn 2002: 384) und „glorreiche Revolution“ (vgl. z.B. Vallance 2013; Stone 1980: 63ff) bezeichnet werden. Andere Forscher bezeichnen nur eines der zwei Ereignisse als Revolution (entweder „puritanische Revolution“ oder „glorreiche Revolution“) und wieder andere Forscher argumentieren, dass beide Ereignisse nicht als Revolution gelten sollten. Aus diesem Grund und auch aufgrund der begrifflichen Unklarheit bezüglich des Begriffs Revolution selbst, wird der Begriff ‚Revolution‘ für die zu beschreibenden Ereignisse zunächst vermieden werden. Die Etikettierung der Ereignisse kann erst zum Ende der Analyse (Kapitel 4) erfolgen, wenn die Bewertung der Ereignisse mithilfe der theoriegeleiteten Bedingungsanalyse, in die nicht nur eine einzelne Bewertung eines Autors, sondern verschiedene Überlegungen und Bewertungen aus der Literatur mit einfließen werden, abgeschlossen ist.

[2] Trotz des Anspruchs die gesamte Bevölkerung zu repräsentieren, traf dies im Grunde jedoch nur für etwa 10 Pro-zent der männlichen Bevölkerung zu (Hill 1982: 42), da die Mitglieder des Parlaments nur von Männern aus der besitzenden Schicht, „von den Grundeignern, Kaufleuten und dem prosperierenden Mittelstand“ (Gerste 2008: 2) gewählt wurden.

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Details

Titel
Die englische(n) Revolution(en) im 17. Jahrhundert. Kritische Überprüfung der Ereignisse durch eine theoriegeleitete Bedingungsanalyse
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politikwissenschaft an einem aktuellen Themenfeld: Revolutionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V340628
ISBN (eBook)
9783668301733
ISBN (Buch)
9783668301740
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin: "Die Arbeit überzeugt durch eine logische Gliederung, ein klares Analyseziel, eine sehr gute Recherche der Ereignisse, eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Theorie und eine gelungene Einordnung der historischen Ereignisse in die selbst aufgestellten Analysekriterien. Der Grad der selbstständigen Leistung ist daher als sehr hoch einzustufen. Insgesamt ist die Hausarbeit mit sehr gut zu bewerten. Note 1,0"
Schlagworte
englische Revolution, Stuart, Revolution, Cromwell, Oliver Cromwell, puritanische Revolution, glorreiche Revolution, glorious Revolution, Revolutionsforschung, Bedingungsanalyse, Definition von Revolution, 17. Jahrhundert, England im 17. Jahrhundert, politischer Umbruch, politische Umwälzung, Elitenwechsel, Führungswechsel, Legitimationskrise des Staates, 1629-1660, 1689, 1688, Declaration of Rights, Bill of Rights, Charles I, Karl I, House of Commons, Parlament, Unterhaus, Petition of Right, Protest, Rebellion, Aufstand, Widerstand, New Model Army, Bürgerkrieg, englischer Bürgerkrieg, Commonwealth, Machtübernahme, Lordprotektor, Wiederherstellung, James II, Charles II, Test Acts, seven peers, 7 peers, Opposition, Koalition, oppositionelle Elite, Wilhelm, Wilhelm von Oranien, William of Orange, Invasion, Umwälzung, Veränderung tiefgreifender Art, Transformation, neue Elite, Staatsstreich, Gewalt, Auslöser, Ursache, Bedingungen, Kriterien, Merkmale, Merkmale einer Revolution
Arbeit zitieren
Saleem Arif (Autor), 2016, Die englische(n) Revolution(en) im 17. Jahrhundert. Kritische Überprüfung der Ereignisse durch eine theoriegeleitete Bedingungsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340628

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