Mahatma Gandhis Prinzip 'Satyagraha'. Institutionalisierte Gewaltausübung?


Hausarbeit, 2016
26 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie Gandhi

3. Satyagraha
3.1. Herkunft und Bedeutung
3.2. Methoden
3.2.1. Fasten
3.2.2. Ziviler Ungehorsam
3.3. Abgrenzung zum passiven Widerstand
3.4. Gewaltlosigkeit

4. Gewalt
4.1. Annäherung
4.2. Direkte interpersonale Gewalt
4.3. Indirekte strukturelle Gewalt

5. Analyse auf Gewalttätigkeit Satyagrahas
5.1. Fasten
5.2. Die Rowlatt-Gesetze
5.3. Der Salzmarsch

6. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Quellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Übersicht: Aspekte zivilen Ungehorsams

1. Einleitung

„Die Menschheit muss durch die Gewaltlosigkeit aus der Gewalt herausfinden.“[1]

Mit diesem und ähnlichen Zitaten von Mahatma Gandhi wird ein Schwerpunkt seiner Lebensphilosophie und Methoden des politischen Handelns herausgestellt; die Gewaltlosigkeit. Mit dieser unabdingbaren Voraussetzung für seine Methoden prägte Gandhi den (politischen) gewaltfreien Widerstand wie kein anderer und wird selbst heutzutage unter anderem noch dafür verehrt.

Gerade vor dem Hintergrund einer Vielzahl heute schwelender kriegerischer bzw. gewalttätiger Konflikte sowie zunehmender sozialer Ungerechtigkeit(en) weltweit, wird Gandhis Philosophie erneut, nicht nur in der Friedensforschung, stark diskutiert. Es wird untersucht, inwiefern Gandhis Methoden auch auf heutige Konflikte anwendbar sind.

Historisch belegt sind jedoch auch die vielen (Todes-) Opfer im indischen Unabhängigkeitskampf. Das repressive und die hohen Opferzahlen verursachende Vorgehen der britischen Kolonialmacht bleibt auch bei Betrachtung vor dem historischen Kontext unverhältnismäßig.

Dennoch wurde nie die Frage diskutiert, wie ein gewaltloser Widerstand so viele Opfer hervorrufen konnte bzw. ob die Art und Weise dieses Widerstands nicht mit ursächlich dafür war.

Es wird deshalb die Hypothese[2]aufgestellt, dass Gandhis Methoden (Satyagraha) trotz der stets propagierten Gewaltlosigkeit selbst zu einem gewissen Grad gewaltimmanent waren bzw. strukturell Gewalt ausgeübt haben.

Um dieser Frage nachzugehen, wird versucht, diese Hypothese unter dem aktuellen Verständnis von Gewalt zu verifizieren[3]. Hierzu wird Gandhis Satyagraha mit besonderem Augenmerk auf den zivilen Ungehorsam erläutert und in einem nächsten Schritt der Gewaltbegriff sowohl unter dem Gesichtspunkt der direkten, personalen Gewalt als auch der indirekten, strukturellen Gewalt definiert.

Im analytischen Teil dieser Arbeit wird dann anhand historischer Beispiele von Gandhis Widerstandskampagnen untersucht, inwiefern die dabei verwendeten Methoden selbst Gewalt ausübten. Diesbezüglich werden, soweit vorhanden, auch Aussagen von Gandhi selbst herangezogen und auf Hinweise von Gewalt befürwortenden oder billigenden Handlungsanweisungen untersucht.

Für das geschilderte Vorgehen wurde sich der eingehenden Literaturrecherche[4]sowohl von Primär- als auch Sekundärliteratur bedient.

In dieser Arbeit wird keine Schuldfrage untersucht und auch nicht auf die Diskussion über den Widerstand gegen unrechtmäßiges Handeln eines Staates eingegangen, welche bis in die Antike zurückreicht[5]und den hier vorgegebenen Rahmen überschreiten würde.

Die zu Beginn erstellte Biographie stellt lediglich einen kurzen Abriss der wichtigsten Stationen und Handlungen Gandhis dar. Auf notwendige historische Ereignisse wird an gegebener Stelle vertieft eingegangen.

2. Biografie Gandhi

Mohandas Karamchand Gandhi (auch Mahatma Gandhi) wurde am 2. Oktober 1869 in Probandar, Bundesstaat Gujarat/Indien geboren und wuchs in Porbandar bzw. in Rajkot in einem streng gläubigen, aber sehr toleranten Haushalt auf.[6]1882 wurde Gandhi im Alter von dreizehn Jahren mit seiner Frau Kasturba Makthaji verheiratet.

Die Gandhis gehörten der Bania-Kaste an, welche zum Stand der Vaishya, der Kaufleute, und damit der gesellschaftlichen und politischen Oberschicht angehörte.[7]Die Familie Gandhis arbeitete jedoch seit mehreren Generationen bereits als politische Ratgeber für damalige Fürsten[8].

1888 reiste Gandhi trotz Ausschluss aus seiner Kaste für ein dreijähriges Jurastudium nach London und kehrte 1891 mit einer Zulassung als Anwalt nach Indien zurück.[9]

Für eine Stelle als Rechtsberater reiste Gandhi 1893 nach Südafrika, wo er mit Unterbrechungen bis 1914 lebte. In Südafrika startete Gandhi, auch aufgrund persönlicher Erfahrungen mit der dortigen Diskriminierung, sein politisches Engagement und setzte sich unter Verwendung des gewaltlosen Widerstandes für die Rechte der indischen Minderheit in Südafrika ein.[10]Unter anderem führte er Proteste gegen den Registrierungszwang und die Kopfsteuer für Inder an.[11]In diesem Rahmen entwickelte Gandhi das Prinzip Satyagraha.[12]

Ende 1914 kehrte Gandhi nach Indien zurück. Dort trat Gandhi dem „Indian National Congress“ (INC) bei[13], wurde später dessen Präsident[14], und etablierte sich als Anführer der Widerstands- bzw. Unabhängigkeitsbewegung der Inder gegen die britische Kolonialmacht. Von Gandhi ins Leben gerufene und landesweit durchgeführte Protestkampagnen (Nichtkooperation, Spinnrad-Kampagne[15], Generalstreiks, Salzmarsch[16], „Quit India“-Kampagne[17]) zwangen die britische Kolonialmacht, trotz teils repressiven Vorgehens gegen die Proteste und mehrmaliger Inhaftierungen Gandhis (sowie dessen Anhänger), immer wieder zu Verhandlungen und Eingeständnissen gegenüber dem indischen Volk, an deren Ende 1947 die Unabhängigkeit Indiens (und Pakistans) stand.

Am 30. Januar 1948 wurde Gandhi in Delhi von einem fanatischen Hindu erschossen.

3. Satyagraha

3.1. Herkunft und Bedeutung

Der Duden definiert Satyagraha als den „Gedanke[n] der gewaltlosen Durchsetzung des als wahr Erkannten in der Philosophie M. Gandhis“.[18]

Der Begriff Satyagraha setzt sich dabei aus den Wörtern „Satya“ und „Agraha“ aus dem indischen Sanskrit zusammen. „Satya“ bedeutet „Wahrheit“ und „Liebe“ und „Agraha“ kann mit „Kraft, Beharrlichkeit oder stark an etwas Festhalten“ übersetzt werden.[19]

Gandhi entwickelte den Begriff Satyagraha neu, da dieser Gandhis Philosophie besser umfasste und insbesondere um die von Gandhi propagierten Methoden besser vom passiven Widerstand abzugrenzen (siehe Punkt 3.2.).[20]

Gandhi selbst beschrieb Satyagraha in der von ihm herausgegebenen Zeitung „Young India“ wie folgt. „Satyagraha heißt wörtlich Festhalten an der Wahrheit und bedeutet deshalb Macht der Wahrheit. Wahrheit ist Seele oder Geist. man könnte auch sagen: Macht der Seele. Wahrheit schließt die Anwendung von Gewalt aus, da der Mensch nicht fähig ist, die absolute Wahrheit zu erkennen und deshalb auch nicht berechtigt ist, zu strafen.“[21]

Mit Satyagraha soll demnach die Wahrheit, welche Gandhi mit Gott gleichsetzt[22], verteidigt werden. „Gewaltlosigkeit ist [dabei] das absolute Gesetz.“[23]Diese Verteidigung findet jedoch ohne jeglichen Kampf, im Sinne einer physischen Auseinandersetzung, statt, da davon ausgegangen wird, dass sowohl physische als auch psychische Gewalt dem Ziel entgegenwirken. Ziel ist, den Gegenüber mit Geduld und Wohlwollen für die eigene Sicht der Dinge zu sensibilisieren und zur Not dafür große Leiden auf sich zu nehmen.[24][25]

Auf die theologische Diskussion, inwiefern Gott als Wahrheit bezeichnet werden kann, wird in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen.

3.2. Methoden

Nachfolgend werden die Formen von Satyagraha aufgeführt. Es wird sich bei der Aufzählung an Galtung (1987) orientiert, welcher zwischen 15 Formen von Satyagraha-Kampagnen unterschied. Einzelne Formen werden hier jedoch aufgrund zu vernachlässigender Unterschiede bzw. fließender Übergänge zusammengefasst. Die hier verwendete Reihenfolge entspricht der von steigenden Eskalationsstufen, beginnend mit der niedrigsten.[26]

- Unterhandlungen
- Schlichtung
- Agitation, Demonstration, Ultimatum
- Hartal, (General-) Streik
- Picketing (Agitation zur Bekehrung)
- Wirtschaftlicher Boykott
- Sozialer Boykott
- Dharna (Sitzblockade kombiniert mit Fasten)
- Hizrat (Auswanderung)
- Fasten (Hungerstreik)
- Steuerboykott
- Nicht-Zusammenarbeit
- Ziviler Ungehorsam
- Parallelherrschaft

Auf eine ausführliche Erläuterung jeder einzelnen Form wird verzichtet, da es an dieser Stelle für diese Arbeit zu weit führen würde. Es sollen nur zwei Methoden kurz beleuchtet werden, da auf diese im analytischen Teil nochmals ausführlicher einzugehen sein wird.

3.2.1. Fasten

Fasten bezeichnet allgemein die (vollständige oder teilweise) Enthaltung von Lebensmitteln und Getränken über einen bestimmten Zeitraum und wird sowohl aus gesundheitlichen als auch aus religiösen Gründen durchgeführt.

Fasten bedarf in dieser Arbeit eigentlich keiner ausdrücklichen Definition, soll an dieser Stelle jedoch hervorgehoben werden, da es für die spätere Bewertung eine Rolle spielt. Gandhi fastete regelmäßig, nicht nur aus gesundheitlichen und religiösen Gründen. Gandhi fand im Fasten ein geeignetes Mittel zur Selbstzucht und ermunterte andere, es ihm gleich zu tun.[27]Die Vehemenz mit der Gandhi dies tat, wird an späterer Stelle genauer zu betrachten sein.

3.2.2. Ziviler Ungehorsam

Bereits Henry Thoreau (1817-1862) entwickelte die Idee des zivilen Ungehorsams in seiner 1849 verfassten Schrift „Resistance to Civil Government“, welche vom Verlag in die heute gebräuchlichere Version „civil disobedience“ umbenannt wurde. Thoreaus Ausgangspunkte für seine Kritik waren die Sklaverei und der Krieg gegen Mexiko 1846.[28]

Thoreau nutzte dabei bereits die bewusste Missachtung von Gesetzen und akzeptierte die damit einhergehende Strafe. Dabei bezog er sich auf eine höhere moralische Instanz. Thoreaus Gedanken machten seine Ausführungen im 20. Jahrhundert noch so einflussreich, da seiner Ansicht nach der „gewaltlose[r] Widerstand einer Minderheit diese Minderheit ´unwiderstehlich` machen wird“.[29]

Thoreau war ein Vorbild für Gandhi (und auch Martin Luther King), Gandhi bezog sich in seiner Lehre bezüglich des zivilen Ungehorsams auch auf Thoreau. Der Unterschied in der Auslegung von Thoreau und Gandhi liegt in der Theorie hauptsächlich, dass Thoreau seinen Widerstand auf individueller Basis sah, Gandhi dies dagegen als Methode für die Massen umsetzte.

Auch heute bezeichnet man mit zivilem Ungehorsam, auch bürgerlicher Ungehorsam oder Widerstand, eine gewaltfreie (nicht militärische) Form des Protests in einem Rechtsstaat nach Scheitern von Verhandlungen und Ausschöpfung verfassungsmäßiger Rechte. Dabei werden öffentlich und in der Regel unter Vorankündigung gezielt einzelne Rechtsnormen überschritten, um auf deren moralisch empfundene Ungerechtigkeit hinzuweisen. Bei einem solchen Protest soll es sich um eine Ausnahme des Rechtsbruchs handeln, da die Protestierenden (in der Regel) die Legitimität des jeweiligen Rechtsstaates an sich nicht in Frage stellen. Die aufgrund des Rechtsbruchs zu erwartenden Sanktionen werden von den Teilnehmern akzeptiert.[30][31][32]

Um die in der Literatur sehr ausführliche Behandlung des zivilen Ungehorsams auf ein dieser Arbeit angemessenes Maß zu reduzieren, wird bezüglich der diversen Aspekte dieser Protestform auf nachfolgende Abbildung (Abb. 1)[33]verwiesen. „Die Kennzeichnung „↔“ in der Übersicht soll deutlich machen, dass es sich bei den jeweiligen Aspekten nicht notwendigerweise um ein „entweder-oder“ handelt, sondern um ein Kontinuum, von dem hier die jeweiligen zwei Pole benannt sind.“[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Pabst in APuZ der BpB (2012), S. 25

3.3. Abgrenzung zum passiven Widerstand

Gandhi grenzte das von ihm entwickelte Konzept Satyagraha vom Begriff des passiven Widerstands ab. Gandhi sah in Letzterem „eine Waffe der Schwachen“[35]. So sehr passiver Widerstand nämlich die Anwendung von Gewalt vermeide, würde dies lediglich mangels der Verfügbarkeit von Waffen für die Schwachen getan. Passiver Widerstand schließt Gewalt jedoch nach Meinung Gandhis nicht grundsätzlich aus.[36]

Ziviler (auch bürgerlicher) Ungehorsam dagegen war für Gandhi ein Teilbereich von Satyagraha. Für Gandhi gehen mit dem zivilen UngehorsamaktiveMethoden unter Beachtung der absoluten Gewaltlosigkeit einher.

[...]


[1]Rothmann (Hrsg.) (1999), S. 75

[2]s. Sandberg (2013), S. 24

[3]s. Sandberg (2013), S. 3

[4]s. Sandberg (2013), S. 67–71

[5]s. Holzer 1985, S. 9

[6]s. Gandhi (1960), 24 f.

[7]s. Gunturu (1999), S. 19

[8]Ebd. S.19

[9]s. Rothermund (1997), S. 27–37

[10]s. Wolff (1963), S. 21-35

[11]s. Rothermund (1997), S. 67-71

[12]s. Fischer (1993), S. 45 f

[13]s. Gandhi (1960), S. 423–425

[14]s. Rothermund (1997), S. 186–190

[15]s. Gunturu (1999), S. 122

[16]s. Fischer (1993), S. 126-13)

[17]s. Gunturu (1999), S. 155 f, s. Rothermund (1997), S. 417–422

[18]Duden Online, online unter URL:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Satyagraha, [Abruf: 29.08.2016]

[19]s. Prell (1984), S. 11

[20]s. Gandhi (1960), S. 283

[21]Prell (1984), S. 11

[22]s. Ebd. S. 25

[23]Gunturu (1999), S. 243

[24]s. Fischer (1993), S. 46

[25]s. Prell (1984), S. 27

[26]s. Galtung (1987), S. 145 f

[27]s. Gandhi (1960), S. 293

[28]s. Casper in Albach (2007), S. 48–49

[29]Ebd. S. 47 und 51

[30]s. Holzer (1985), S. 49 ff

[31]Habermas (1983), S. 35

[32]Zinn (1968), S. 119

[33]Pabst in APuZ der BpB (2012), S. 25

[34]Ebd. S. 24

[35]Gandhi (1960), S. 283

[36]s. Prell (1984), S. 10

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Mahatma Gandhis Prinzip 'Satyagraha'. Institutionalisierte Gewaltausübung?
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin  (Fernstudieninstitut)
Veranstaltung
Modul 3
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V340793
ISBN (eBook)
9783668302693
ISBN (Buch)
9783668302709
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gandhi, Mahatma, Satyagraha, Gewaltlosigkeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Mahatma Gandhis Prinzip 'Satyagraha'. Institutionalisierte Gewaltausübung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340793

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