Was unterscheidet die "hôchgezît" im Mittelalter von der heutigen Hochzeit?


Seminararbeit, 2000

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das (Hochzeits-) Fest
1. 1. Schwertleite
1. 2. Die Einladung zum Fest
1. 3. Der Empfang der Gäste
1. 4. Die Unterbringung und Versorgung der Gäste
1. 5. Die Unterhaltung
1. 6. Beschenkung

2. Ehehindernisse
2. 1. Heiratsalter
2. 2. Inzest
2. 3. Religionsverschiedenheit
2. 4. Ebenburt
2. 5. Blutrache

3. Politische Ziele einer Hochzeit
3.1. Friedenssicherung mithilfe der Frauen
3.2. Friedenssicherung mithilfe der Kinder
3.3. Militärische Absicherung
3. 4. Beratung durch die Vasallen

4. Wirtschaftliche und soziale Interessen einer Heirat
4.1. Verwandtenehe
4.2. Wirtschaftlicher und sozialer Abstieg eines Ehepartners
4.3. Das Interesse an Nachkommen

5. Rechtliche Bedeutung einer Heirat
5.1. Die Ehearten Munt- und Friedelehe
5.2. Die Meinung der Kirche in Bezug auf die Eheschließung
5.3. Das Beilager
5.4. Pflichten und Rechte der Ehegatten
5.5. Ehebruch
5.6. Aufgaben der Frau
5.7. Ausnahmen

6. Emotionale Bedeutung einer Heirat

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Leben eines mittelalterlichen Menschen unterschied sich erheblich von dem heutigen. Es war kurz, hart und für die meisten Leute monoton. Ein Fest bildete deshalb einen Höhepunkt im Alltagsleben der Bevölkerung.

Der allgemeine Begriff für das Hoffest war „hôchgezît“ oder „hôchzît“, was soviel wie „dem Alltag enthobene Zeit“ heißt. Häufige Anlässe für Feste waren unter anderem Hochzeiten. Hierbei handelte es sich aber keineswegs um die uns heute so vertraute kleine oder größere Feier im Familien- und Freundeskreis an einem Frühlingssamstag, wo sich zwei Verliebte das Ja-Wort geben, um ihre Beziehung zu manifestieren. Mittelalterliche Hochzeiten waren komplizierte Ereignisse, die aus bestimmten Beweggründen und Interessen vollzogen wurden. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf diese Hintergründe, da diese die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale gegenüber unserer heutigen Einstellung zum Heiraten darstellen.

1. Das (Hochzeits-) Fest

Als „hôchgezît“ oder „hôchzît“ bezeichnete man im Mittelalter keineswegs das Hochzeitsfest, sondern das Hoffest allgemein. Je nach Art des Festes unterschied man verschiedene Bezeichnungen, für Hochzeit unter anderem „brûtlouft“. Die meisten Feste fanden zur Pfingstzeit statt wie das berühmte Mainzer Hoffest 1184 oder auch die Hochzeit des Sohnes des Königs Lac in Hartmanns „Erec“.

Feste dienten stets der Pflege von politischen Beziehungen und der Demonstration der höfischen Pracht und Macht. Mit einem meist mehrere Tage oder sogar Wochen dauernden großzügigen Fest konnte ein Herr seine Beliebtheit erheblich steigern. Häufige Anlässe für Feste waren neben Hochzeiten auch Krönungen, Friedensschlüsse, kirchliche Feiern und Schwertleiten.1

1. 1. Schwertleite

Bei dieser Zeremonie wurde ein Knappe feierlich in den Stand der Ritter erhoben, indem man ihm das Schwert umgürtete. Auf diese Weise tritt er aus der väterlichen „Munt“. Auch das Mainzer Hoffest fand unter anderem wegen der Schwertleite der beiden Kaisersöhne statt. Heinrich VI. Ist 18 Jahre, sein Bruder Friedrich, Herzog von Schwaben 16 Jahre alt. Es ist interessant, dass es für die Schwertleite eines jungen Mannes keine Altersvorgabe gab.

Die Empfänger der ritterlichen Würde waren zwischen elf und 30 Jahre alt. In Dichtungen sind vor allem junge Ritter anzutreffen wie Mâbonagrîn in Hartmanns „Erec“, der, nachdem er seine Geliebte entführt hatte, „Schwert leitet“. Da sie Mâbonagrîn mit schon elf Jahren kennenlernte, wird dieser selbst nicht viel älter gewesen sein. (V. 9475 - 9486).2

Obwohl häufig die Schwertleite vor der Heirat fast schon eine akzeptierte Tradition war, stellte sie aber keineswegs die nötige Voraussetzung zum Eingehen einer Ehe dar.

1. 2. Die Einladung zum Fest

Ein Fest begann mit der üblichen Einladung. Entweder richtete sie sich nach der Anzahl bestimmter Gäste oder einfach an jeden, der von der Feierlichkeit erfahren sollte. In Hartmanns „Erec“ trifft letzteres zu. Hier läd Erec Fürsten und jeden zu seiner Hochzeit ein, der davon erfahren sollte.

V. 18993 - 18999 zehant er ûz sande, swar er mohte gereichen, brieve und wortzeichen, daz im die vürsten kæmen und alle diez vernæmen vor allen landen wîten ze sînen hôchgezîten.

Oft waren solche Einladungen als verbindlich aufzufassen, ein Nichtbefolgen konnte negative Konsequenzen haben. So war es manchem Fürst zu seiner eigenen Sicherheit geraten, der Aufforderung seines Herrn nachzukommen, um nicht Land und Leute zu riskieren.3

1. 3. Der Empfang der Gäste

Waren die Gäste dann unterwegs, ritt der Gastgeber ihnen oft entgegen oder schickte einige Ritter und eine Musikkapelle zum Empfang, besonderes wenn es sich um wichtige Persönlichkeiten handelte. Trafen schließlich Gast und Gastgeber zusammen, war die Begrüßung durch genaue Gesten und Gebärden festgelegt. Hierzu gehörte das Niederknien, das Sichverneigen, die Umarmung und der Kuss. Aber der vielleicht wichtigste Bestandteil der Begrüßung dürfte der Gruß gewesen sein. Das Erwidern des Grußes war ein Friedenszeichen, das Verweigern hatte entgegengesetzte Wirkung.4

1. 4. Die Unterbringung und Versorgung der Gäste

Die Gäste kamen nicht allein, sondern brachten hunderte Ritter und zum Teil ihr gesamtes Gefolge inklusive Dienerschaft mit. Beim Mainzer Hoffest sollten etwa 70 Fürsten und mehrere zehntausend Ritter gekommen sein.5Dass hierfür die örtliche Kapazität an Herbergen nicht ausreichte, ist verständlich. Deshalb richtete man meist außerhalb der Stadt viele Zelte mit dem gesamten Zubehör ein, vor allem an Speis und Trank durfte es nicht fehlen.

Bei den Mahlzeiten gab es feste Regeln wie z.B. die sich allmählich entwickelnden Umgangsformen oder die Sitzordnung am Tisch. Der beste Platz war rechts vom Herrn, z.B. dem König. Der zweitbeste auf der linken Seite. Die Inhaber dieser Vorzugsplätze konnten aber sehr schnell vom Herrschenden ausgetauscht und nach Belieben wieder neu besetzt werden.6Über die restlichen Plätze ist wenig bekannt, doch man kann annehmen, dass mit der Entfernung zum Herrn auch die Wichtigkeit der Tischgenossen sank.

1. 5. Die Unterhaltung

Nicht fehlen durfte es ebenfalls an Unterhaltung und Vergnügung. So gab es alle Art von Spielen wie z. B. Schach oder Würfeln, Musik und Tanz mit den Spielleuten, Spaßmacher, sportliche Wettbewerbe wie Sperrwerfen, Frauendienste und Turniere.

Beliebt bei den Männern war auch das „Betrachten von Damen“, das bei jeder Gelegenheit stattfand.7Jeder sollte auf seine Kosten kommen und sich vergnügen, denn ein glücklicher Gast war auch ein treuer Verbündeter in Konflikten, die an jeder Ecke lauerten.

1. 6. Beschenkung

Den Abschluss eines gelungenen Festes bildete in der Regel die Beschenkung der Gäste durch den Gastgeber, der hier noch einmal die Gelegenheit hatte, sich freigiebig zu zeigen und seine Beliebtheit erneut zu steigern. Auch hier wurden weder Mühen noch Kosten gescheut. Passende Präsente waren Pferde, kostbare Stoffe und Schmuck, für die Herren Streitrosse und Reitpferde.

Pferde hatten im Mittelalter eine große Bedeutung. In den Dichtungen widmete man der Beschreibung von Rossen einen sehr großen Teil des gesamten Textes. Das ist auch deutlich bei Hartmann zu sehen, der im „Erec“ Enîtes Pferd ausführlich beschreibt (V. 7278 - 7766). Ihr Pferd hat neben prächtigem Zaumzeug einen außergewöhnliche Färbung und bemerkenswerte Eigenschaften. Der Übergang zum Mystischen ist hier fließend.

Je nach Rang und Stellung des Beschenkten fielen die Gaben unterschiedlich aus. Die Mächtigsten unter ihnen bekamen oft kostbare Edelsteine, Ritter eher Gold und so stuften sich die Präsente nach unten ab. Sogar Spielleute erhielten in aller Regel Geschenke wie Pferde oder Kleider, denn sie waren willkommene Gäste, da sie das Unterhaltungsangebot anreicherten.8

2. Ehehindernisse

2. 1. Heiratsalter

Das Heiratsalter dürfte wohl als das am schwierigsten zu definierende Ehehindernis sein, da es unzählige Varianten und Ausnahmen gab. Zunächst kann man festhalten, dass man im 13. Jahrhundert wohl ein Alter von 12 Jahren bei der Braut und von 14 Jahren beim Bräutigam üblich war, was unter anderem den Vorgaben des römischen Rechts entsprach.

Die Kirche machte zu dieser Zeit keine genauen Angaben über das richtige Alter für eine Heirat. Später entschloss man sich für die Geschlechtsreife als den richtigen Zeitpunkt, da diese auch den ausreichenden Verstand und die Fähigkeit zur Kopula der Brautleute gewähren sollte. Dennoch kamen die Kleriker oft den Wünschen der Mächtigen entgegen und billigten auch frühere Ehen, besonders wenn diese politisch wertvoll waren. So war eine Verlobung beispielsweise gültig, wenn die Verlobten mindestens über sieben Jahre alt waren.9(siehe auch politische Interessen)

[...]


1 Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Mittelalter, München 1986, S. 276.

2 Versangaben und zitierte Verse nach Hartmann von Aue: Erec, Mittelhochdeutscher Text und Übertragung von Thomas Cramer, Frankfurt/Main 1972.

3 Bumke: Höfische Kultur, S. 299f.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 277.

6 Heinrich Fichtenau: Lebensordnungen des 10. Jahrhunderts. Studien über Denkart und Existenz im einstigen Karolingerreich, München 1992, S. 46.

7 Bumke, Höfische Kultur, S. 304.

8 Bumke: Höfische Kultur, S. 314f.

9 Brigitta Maria Faber: Eheschließung in mittelalterlicher Dichtung vom Ende des 12. Jahrhunderts bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, S. 25f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Was unterscheidet die "hôchgezît" im Mittelalter von der heutigen Hochzeit?
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft - Abteilung Mediävistik -)
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V340799
ISBN (eBook)
9783668302716
ISBN (Buch)
9783668302723
Dateigröße
1125 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochzeit, Heirat, Mittelalter, Muntehe, Friedelehe, Hartmann von Aue, Ehehindernisse, wirtschaftliche Gründe, politische Gründe, emotionale Bedeutung, Friedenssicherung, Ehebruch, Geschenke
Arbeit zitieren
Nicole Vollmer (Autor), 2000, Was unterscheidet die "hôchgezît" im Mittelalter von der heutigen Hochzeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340799

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