Die Arbeit geht der Forschungsfrage nach, ob das Krisenmanagement des Staatsoberhaupts die Krise um seine Person verschärft hat. Ausgehend von dieser übergeordneten Frage wird untersucht, ob der Bundespräsident die Möglichkeit gehabt hat, seiner Krise frühzeitig entgegenzuwirken und bei entsprechenden präventiven Maßnahmen Fehler begangen hat. Ferner wird Wulffs Krisenmanagement auf seine Inhalte und seine Strategie analysiert und die organisatorische Ausrichtung seiner kommunikativen Aktivitäten geprüft. Abschließend soll die Bedeutung und die Auswirkungen der Mailboxnachricht und des TV-Interviews eruiert werden.
Für die Durchführung dieser explorativen Studie wird das teilstandardisierte Experteninterview als empirische Untersuchungsmethode herangezogen. Als Interviewpartner wurden fünf Personen ausgewählt, die von Berufs wegen mit dem politischen Alltag und dem Thema Krisenkommunikation vertraut sind und so über fundiertes Hintergrundwissen in dem forschungsrelevanten Fall verfügen. Ihre Aussagen und Ansichten zur Causa Wulff werden einer vergleichenden Analyse unterzogen. Am Ende seiner praktischen Untersuchung stellt der Autor die Ergebnisse zur Diskussion und gibt Empfehlungen für zukünftige Forschungsansätze zur Krisenkommunikation von Politikern.
Grundsätzlich muss Christian Wulff an vielen Stellen eine Fehlsteuerung seines Krisenmanagements und ein Versagen hinsichtlich der getroffenen Vorkehrungen zur Krisenabwehr attestiert werden. Der Bundespräsident hat die Eskalation seiner Krise und damit seinen Rücktritt durch diverse Versäumnisse und Verfehlungen selbst verschuldet. Als verheerendste Fehler haben sich Wulffs absente moralische Einsicht und seine defensive Verteidigungstaktik ausgewirkt. Das Bestreben des Mauerns hat die Bedürfnisse der Medien nicht befriedigt und stattdessen neue Nachforschungen heraufbeschworen. Durch diese Haltung war den kommunikativen Aktionen des Bundespräsidenten ihre Wirkung entzogen. Seine Botschaften sind nicht mehr zur Öffentlichkeit durchgedrungen, wodurch Wulff seinen Kredit bei den ihm lange wohlgesonnen Bürgern verspielt hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Krise und ihre Merkmale
2.1 Was ist eine Krise?
2.2 Krisenarten und -typen
2.3 Krisenphasen und ihr Verlauf
3. Kommunikation in der Krise
3.1 Krisen-PR: was ist das?
3.1.1 Einordnung
3.1.2 Anforderung und Ziele
3.2 Handlungsempfehlungen für einen professionellen Ablauf
3.2.1 Imagepflege und Reputationsmanagement
3.2.2 Issue-Management und Profiling
3.3 Typische Verhaltensweisen und potentielle Fehlerquellen
3.4 Strategiealternativen
4. Medien und Politik – ein Beziehungsgeflecht der speziellen Art
4.1 Medien als Krisenkatalysatoren
4.2 Von wechselnden Abhängigkeiten und gegenseitigem Anbandeln
4.3 Die Rolle der Spin Doctors
Exkurs: Wulff und die Bild-Zeitung – was aus Freundschaft werden kann
5. Der Fall Wulff: Der Niedergang eines Bundespräsidenten
5.1 Vorwürfe, Verfehlungen und Verfahren
5.1.1 Die Sache mit dem Hauskredit
5.1.2 Die Verbindung zum Ehepaar Geerkens
5.1.3 Das Echo der Medien
5.1.4 Wulffs Reaktion
5.1.5 Eine angemessene Krisen-PR?
5.2 Das Verhältnis zu den Medien
5.2.1 Die Mailboxnachricht an den Chefredakteur
5.2.2 Wulffs Reaktion
5.2.2.1 Das TV-Interview
5.2.3 Eine angemessene Krisen-PR?
5.2.4 Das Echo der Medien
5.3 Der ominöse Nord-Süd-Dialog
5.3.1 Klüngelei zwischen Politik und Wirtschaft?
5.4 Urlaub auf Fremdkosten
5.4.1 Die Verbindung zu Filmemacher David Groenewold
5.4.2 Das Echo der Medien I
5.4.3 Die Rolle von Peter Hintze
5.4.4 Zum Rücktritt gezwungen!?
5.4.5 Das Echo der Medien II
6. Zwischenfazit
6.1 Bisherige Erkenntnisse
6.2 Ableiten der Forschungsfrage
6.3 Aufstellen der Forschungshypothesen
7. Empirische Untersuchung
7.1 Aufbau, Methode und Relevanz von Experteninterviews
7.2 Auswahl der Experten
7.3 Auswertung und Vergleich
7.4 Überprüfung der Hypothesen
7.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
8. Fazit und Schlussbetrachtung
8.1 Diskussion der Ergebnisse
8.2 Die Lehren des Falles Wulff
9. Aufbauender Forschungsansatz
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit analysiert den Fall des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff aus der Perspektive der Krisenkommunikation mit dem primären Ziel zu untersuchen, ob dessen Krisenmanagement die Krise um seine Person maßgeblich verschärft hat.
- Krisenkommunikation und deren theoretische Grundlagen
- Die Dynamik zwischen Medien und Politik in Krisensituationen
- Analyse der spezifischen Vorwürfe im Fall Wulff (Hauskredit, Nord-Süd-Dialog, Urlaubsreisen)
- Evaluierung der kommunikativen Handlungen Wulffs, insbesondere des Mailboxanrufs und des TV-Interviews
- Empirische Untersuchung mittels leitfadengestützter Experteninterviews
- Ableitung von Lehren für ein professionelles Krisenmanagement in der Politik
Auszug aus dem Buch
3.1 Krisen-PR: was ist das?
„Krisen meistert man am besten, indem man ihnen zuvorkommt.“47 Der Evergreen von Wirtschaftsguru Walt Whitman Rostow mag einigen PR-Chefs und Krisenmanager als Arbeitsmotto dienen. Der tägliche Umgang mit Störgeräuschen und Härtefällen diverser gesellschaftlicher Facetten ist aber längst nicht so plastisch zu handhaben, wie es der Rostow‘sche Leitsatz impliziert. Krisenkommunikation geht weit über die gewöhnlichen Anforderungen des PR-Alltags hinaus. Die beteiligten Personen sind einer psychischen und emotionalen Ausnahmesituation ausgesetzt, sämtliche ihrer Handlungen unterliegen einem enormen Entscheidungs- und Zeitdruck und sind zudem in einen engmaschigen Handlungsrahmen gepresst.48 Möhrle beschreibt die besondere Anforderung auf plastische Art: „Der Unterschied in der Krise ist: Jetzt richten sich die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf die Protagonisten, das Thema, das Ereignis, den Anlass. In der Regel bleibt da zunächst nur die reaktive Schadensbegrenzung.“49 Was genau Krisen-PR charakterisiert, welche Anforderungen und Ziele an sie gestellt werden und wie sie idealtypisch ablaufen sollte, soll in diesem Kapitel explizit geklärt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Wulff-Krise ein und definiert den Fokus auf dessen Krisenmanagement und mediale Kommunikation.
2. Die Krise und ihre Merkmale: Hier werden theoretische Grundlagen zu Krisenbegriffen, Krisentypen und Krisenphasen erarbeitet, um den Fall Wulff wissenschaftlich einordnen zu können.
3. Kommunikation in der Krise: Dieses Kapitel erläutert die Besonderheiten der Krisen-PR sowie die Anforderungen und Strategien für eine professionelle Krisenbewältigung.
4. Medien und Politik – ein Beziehungsgeflecht der speziellen Art: Der Autor beleuchtet das Spannungsfeld zwischen politischen Akteuren und den Medien und geht im Speziellen auf die Beziehung Wulffs zur Bild-Zeitung ein.
5. Der Fall Wulff: Der Niedergang eines Bundespräsidenten: Eine detaillierte chronologische Aufarbeitung der konkreten Vorwürfe und Skandale, die zum Rücktritt des Bundespräsidenten führten.
6. Zwischenfazit: Die Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil werden zusammengeführt, um die Forschungsfrage präzise abzuleiten.
7. Empirische Untersuchung: Dieser Teil beschreibt die methodische Vorgehensweise der Experteninterviews, deren Auswertung und die systematische Überprüfung der aufgestellten Hypothesen.
8. Fazit und Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse der Untersuchung werden diskutiert und die Lehren aus dem Fall Wulff für die politische Kommunikation abgeleitet.
9. Aufbauender Forschungsansatz: Abschließend werden Impulse für zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema politischer Krisen gegeben.
Schlüsselwörter
Christian Wulff, Krisenkommunikation, Krisenmanagement, Public Relations, Bundespräsident, Bild-Zeitung, Medienberichterstattung, Skandalisierung, Reputation, Experteninterview, politischer Rücktritt, Krisenprävention, Krisenphasen, Hauskredit, Spin Doctors
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Krisenkommunikation des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff während der Skandale um seine Person, die schließlich zu seinem Rücktritt führten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Krisen-PR, das schwierige Beziehungsverhältnis zwischen Politik und Medien sowie eine detaillierte Analyse des Krisenmanagements von Christian Wulff.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es herauszufinden, ob das spezifische Krisenmanagement und die kommunikativen Handlungen des Bundespräsidenten die Krise um seine Person unnötig verschärft und damit seinen Rücktritt forciert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung verwendet?
Der Autor wendet das teil-standardisierte Experteninterview als empirische Untersuchungsmethode an, um tiefgreifende Einblicke von Fachleuten aus der politischen Beratung und Krisenkommunikation zu erhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Krisenkommunikation und ein Verhältnisbestimmungs-Kapitel zu Politik und Medien, gefolgt von einer chronologischen Aufarbeitung der Causa Wulff sowie einer empirischen Analyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Christian Wulff, Krisenkommunikation, Krisenmanagement, mediale Skandalisierung und Experteninterview charakterisiert.
Inwiefern hat die "Mailboxnachricht" an Kai Diekmann den Krisenverlauf beeinflusst?
Die Experten bewerten den Anruf mehrheitlich als folgenschweren strategischen Fehler, der den Bundespräsidenten diskreditiert und die Medienlandschaft gegen ihn geeint hat, da er als Angriff auf die Pressefreiheit gewertet wurde.
Warum konnte das TV-Interview von Wulff das Ruder nicht mehr herumreißen?
Laut den befragten Experten war das Interview zu defensiv, inhaltlich zu vage und durch die Diskrepanz zwischen Wulffs Ankündigungen und dem Handeln seiner Anwälte entlarvend, was die Krise eher noch beschleunigte statt sie zu deeskalieren.
Welche Rolle spielte der Wechsel von Olaf Glaeseker zu Petra Diroll?
Der Wechsel wird als Schwächung der kommunikativen Bastion gewertet; die Nachfolgerin konnte Wulff nicht das nötige Schutzschild bieten, und die Kommunikation wurde fortan stärker von juristischen Beratern dominiert, was zu einer defensiven und für die Öffentlichkeit schwer verständlichen Strategie führte.
- Arbeit zitieren
- Marcel Bohnensteffen (Autor:in), 2012, Der Fall Christian Wulff aus Sicht der Krisenkommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340834