Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania unter Einfluss der Globalisierung

Eine theoretische und empirische Arbeit über die NGO MAVUNO in der Region Kagera


Masterarbeit, 2016
139 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis/Table of contents

Abbildungsverzeichnis/List of Figures

Tabellenverzeichnis/List of tables

Abkürzungsverzeichnis/List of abbreviations

1. Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Fragestellungen/Hypothese
1.3 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Abschnitt I – Theoretische Analyse

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Nachhaltigkeit
2.2 Sustainable Development Goals (SDGs)
2.3 Globalisierung

3. Länderdaten Tansania
3.1 Allgemeines
3.2 Das Ujamaa-Konzept
3.2.1 Entstehung
3.2.2 Folgen

4. Wirtschaftliche Globalisierung
4.1 Allgemeines
4.1.1 Globalisierung des Wirtschaftsgeschehens
4.1.2 Wirtschaftliche Globalisierung und die Rolle internationaler Organisationen
4.2 Globalisierung in Tansania
4.2.1 Liberalisierung in den 1980er-Jahren

5. Der Agrarsektor in Tansania
5.1 Der globale Stellenwert des Agrarsektors
5.1.1 Die Grüne Revolution
5.2 Landwirtschaft in Tansania
5.2.1 Allgemeines
5.2.2 Die Rolle der Politik in der landwirtschaftlichen Entwicklung
5.2.3 Klimatische Bedingungen und Boden
5.2.4 Die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft
5.3 Einfluss der Globalisierung auf die Landwirtschaft in Tansania
5.3.1 Allgemein
5.3.2 Freier Handel
5.3.3 Klimawandel und Ernährungssicherung
5.3.4 Landgrabbing
5.3.5 Die neue Grüne Revolution
5.4 Folgen der Globalisierung auf die landwirtschaftliche Entwicklung

6. Landwirtschaft und Nachhaltigkeit
6.1 Nachhaltige Entwicklung
6.2 Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft
6.2.1 Ökologische Landwirtschaft
6.2.2 Konventionelle Landwirtschaft
6.2.3 Industrielle Landwirtschaft
6.2.4 Millennium Development Goals und Sustainable Development Goals
6.2.5 Der Nutzen der nachhaltigen Landwirtschaft zur Armutsreduktion
6.3 Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania
6.3.1 Gegenwartsbezogene Analyse
6.3.2 Umsetzungsmöglichkeiten und Unterstützung im Bereich der Nachhaltigen Landwirtschaft
6.3.3 Ländliche Bewirtschaftung und Unterstützungsprojekte

7. Research Design
7.1 Selection of the Project
7.2 Methodology
7.2.1 Interviews
7.2.2 Questionnaires
7.3 Objectives

8. Project Assessment: evaluation of MAVUNO’s Agricultural Farming Methods
8.1 Project Description
8.1.1 History, Aims and Vision of MAVUNO
8.1.2 Geographic Area and Environmental Conditions
8.1.3 MAVUNO's Agricultural Program
8.2 Empirical Findings
8.2.1 Living and Agricultural situation of MAVUNO farmers
8.2.2 Impact of MAVUNO on its Farmers Agriculture and Living Conditions
8.3 Interpretation der Ergebnisse/Interpretation of results from theoretical and empirical findings
8.3.1 Factors which influence, change or develop the Agricultural Sector in Tanzania
8.3.2 Influence of the Economic Globalisation on the Tanzanian Agriculture
8.3.3 Evaluation of the Impact of Sustainable Agriculture on Tanzanian Farmers and the Country
8.3.4 Importance of sustainable agriculture for MAVUNO Farmers in Kagera District
8.3.5 Evaluation of MAVUNO Agricultural Program

9. Fazit/Conclusion

10. Quellenverzeichnis/List of Sources
10.1 Literaturquellen/Literature
10.2 Interviews

11. Anhang/Appendix
11.1 Interviewleitfaden/Interview Guide
11.2 Fragebogen/Questionnaire
11.3 Tabellen und Abbildungen/Tables and Graphics

Der Stellenwert der Nachhaltigen Landwirtschaft in Tansania unter Einfluss der Globalisierung

Eine theoretische und empirische Arbeit über die NGO MAVUNO in der Region Kagera

Danksagung/Acknowledgement

Ich möchte allen Personen danken, die mich während meines Studiums unterstützt haben, besonders in jener Zeit, in der ich an dieser Arbeit geschrieben und geforscht habe.

Besonderen Dank lasse ich an dieser Stelle dem Welthaus Linz zukommen, welches mich bei der Suche nach einer geeigneten Organisation im landwirtschaftlichen Bereich in Afrika unter- stützt hat. Durch dessen Hilfe konnte ich Kontakt mit MAVUNO, jener NGO, mit deren Hilfe ich schließlich meine Forschungen zum Thema Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania durchfüh- ren konnte, aufnehmen.

Ich möchte mich auch herzlich bei allen MAVUNO-MitarbeiterInnen bedanken. Im Besonderen spreche ich Ibrahim, Projektleiter im landwirtschaftlichen Bereich, sowie Grace, Beraterin im landwirtschaftlichen Bereich, und Charles, Leiter der NGO meinen Dank aus. Ohne sie wären meine Forschung und mein Aufenthalt in Tansania nicht möglich gewesen.

Auch Frau Univ. Prof.In Mag.a Dr.in Veronika Wittmann gilt mein Dank für ihre kompetente und gleichzeitig menschliche Unterstützung während des gesamten Forschungsprozesses.

Abschließend möchte ich mich noch bei meinem Freund, meiner Familie und meinen Freun- dinnen bedanken, welche mir vertrauenswürdige und zuverlässige Wegbegleiter in meinem Leben sind.

I want to thank all people who supported me during my whole studies and especially during the time of writing my thesis.

Special thanks goes to the Welthaus Linz that supported me to find an appropriate organisation that is working with farmers in the agricultural sector.

Due to their help I got the contact from MAVUNO, the NGO which enabled me to carry out my investigations about sustainable agriculture. I want to thank all MAVUNO members, including farmers and staff members. Particularly I want to thank Ibrahim, project coordinator for the agricultural program, Grace, agricultural field technician who also supported me to translate the questionnaires, as well as Charles, project manager of MAVUNO. Without them it would not have been possible to carry out my investigations in Tanzania.

Also I want to thank Mrs. Univ. Prof.In Mag.a Dr.in Veronika Wittmann for her competent and human support during the whole research process.

Last but not least I give thanks to my boyfriend, my family and my friends who are faithful and reliable companions in my life.

Abstrakt/Abstract

„Globalisierung“ sowie „Nachhaltige Landwirtschaft“ sind gegenwärtig weitverbreitete Termini, welchen in einer immer vernetzteren Welt an Wichtigkeit gewinnen. Sich wandelnde finanzi- elle, ökonomische aber auch soziale Veränderungen in einem Teil der Welt haben heutzutage großen Einfluss auf andere, oftmals weit entfernte Länder oder Kontinente. Von diesem „glo- balen Zusammenwachsen“ und der daraus entstehenden Abhängigkeit voneinander ist be- sonders der landwirtschaftliche Sektor betroffen. Immer öfter sichern sich internationale Inves- toren große Landstriche in ökonomisch ärmeren Ländern mit der Absicht, die Nahrungsmittel- sicherheit im eigenen Land sicherzustellen. Zugleich wirken sich international festgelegte land- wirtschaftliche Reformen oder Projekte, wie es auch die sogenannte „Grüne Revolution“ war, auf den weltweiten Agrarsektor aus, indem die landwirtschaftliche Produktion durch die Ver- wendung von chemischen Düngemitteln und Pestiziden beeinflusst wird. (Auch) politische Ziel- setzungen, wie die „Millennium Development Goals“ oder die neuen „Sustainable Develop- ment Goals“, wurden von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossen und versu- chen, das Leben der Menschen auf der Welt zu verbessern. Dabei wird auf eine ganzheitliche Umsetzung unter Einbezug von sozialen, wirtschaftlichen und ökonomischen Aspekten geach- tet.

Die nachfolgende Arbeit analysiert aus diesem Grund – unter Berücksichtigung dieser Gege- benheiten – den Einfluss der Globalisierung auf die Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania. Ein Land, in welchem die Landwirtschaft als das „Rückgrat des Landes“ bezeichnet wird, und rund 88 % der Bevölkerung in diesem Sektor beschäftigt sind (FAO 2014b: 8). In der Arbeit wird gezeigt werden, dass sich sowohl positive als auch negative Einflüsse auf die Landwirt- schaft auswirken. Einer der wichtigsten und gleichzeitig gravierendsten Faktoren ist der Klima- wandel, welcher großteils als Folge der Globalisierung zu betrachten ist. Aber auch andere Einwirkungsmechanismen werden genannt. Auf diese Weise kann die Rolle der Nachhaltigen Landwirtschaft, um mögliche negative Auswirkungen der zuvor genannten Einflüsse zu mil- dern oder auch zu unterbinden, aufgezeigt werden. Ergebnisse basieren dabei auf empiri- schen Daten, die im Rahmen eines Feldforschungsaufenthaltes in Tansania erhoben wurden. Diese verdeutlichen, dass sich die Lebensumstände von Subsistenzbäuerinnen und -bauern im Zuge der Anwendung von nachhaltigen landwirtschaftlichen Methoden merklich verbessert haben.

Globalisation as well as sustainable development are currently widespread terms which are from great importance, not least due to the fact that the world population seems to be con- nected and also dependent from each other more than ever. Financial, economic or social changes in one part of the world will mostly affect other parts. Also the agricultural sector is affected by a globalising world. Investors are attracted by countries with vast agricultural land in order to ensure food security in their home country, international agricultural programs such as the Green Revolution do have influence on agriculture in terms of production and the usage of chemical fertilizers and pesticides. Also internationally established Millennium Development Goals and the new Sustainable Development Goals can be seen as goals in order to reduce poverty, to improve environmental conditions but at the same time to keep in mind the eco- nomic situation of a country.

The following work will therefore analyse the influence of globalisation on sustainable agricul- ture in Tanzania, as agriculture can be seen as the backbone of the country where about 88 percent of the total population are working in this sector (FAO 2014b: 8). It will be revealed that influences are several as there are positive and negative ones. One or even the most chal- lenging challenge which can mainly be seen as a result of globalisation, is climate change but also other factors are presented. Furthermore, the potential of sustainable agriculture in order to overcome or at least reduce some negative impacts, is shown. Empirical findings, which have been gained from a field study in Tanzania, show notable improvement of living condi- tions of small scale farmers due to the implementation of sustainable farming methods.

Abbildungsverzeichnis/List of Figures

ABBILDUNG 1: SDGS

ABBILDUNG 2:LANDWIRTSCHAFTLICHE BETRIEBE NACH GRÖßE

ABBILDUNG 3: WELTPRODUKTION DER WICHTIGSTEN ERNTESORTEN VON 1961 -2009 (IN MRD. TONNEN)

ABBILDUNG 4: DIE WELTKARTE DER UNTERERNÄHRUNG 2011–2013

ABBILDUNG 5 :TANSANIAS SIEBEN (ACHT MIT SANSIBAR) LANDWIRTSCHAFTLICHE HAUPTREGIONEN

ABBILDUNG 6: LANDNUTZUNG 2011

ABBILDUNG 7: VERTEILUNG DER LANDBESITZTÜMER ZWISCHEN MÄNNERN UND FRAUEN IN TANSANIA

ABBILDUNG 8: LANDBESITZ ZWISCHEN MÄNNERN UND FRAUEN NACH REGION

ABBILDUNG 9: VERTEILUNG VON GRABBED LAND (A) UND GRABBED WATER (B).

ABBILDUNG 10: 3-SÄULEN-MODELL

FIGURE 1: LOCATION OF MAVUNO IN KAGERA REGION

FIGURE 2: KAGERA DISTRICT

FIGURE 3: PEOPLE INVOLVED IN THE DAILY MANAGEMENT OF THE AGRICULTURAL PROJECT

FIGURE 4: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 5: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 6: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 7: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 8: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 9: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 10: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 11: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 12: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 13: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 14: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 15: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 16: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 17: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 18: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 19: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 20: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 21: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 22: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 23: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

FIGURE 24: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

Tabellenverzeichnis/List of tables

TABLE 1: MAVUNO VILLAGES AND NUMBER OF DISTRIBUTED QUESTIONNAIRES

TABLE 2: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 3: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 4: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 5: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 6: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 7: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 8: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 9: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 10: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

TABLE 11: QUESTIONNAIRE MAVUNO – PARTICIPANT SURVEY, FEBRUARY – MARCH 2016

Abkürzungsverzeichnis/List of abbreviations

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Sicherstellung von Nahrungsmitteln zur Reduktion von Hunger und Armut auf der Welt ist ein zentrales Ziel vieler politischer Pläne und Programme weltweit. Auch die sogenannten

„Sustainable Development Goals“, welche im Jänner 2016 die „Millennium Development Goals“ abgelöst haben und die Lebensumstände aller Menschen auf der Welt nachhaltig po- sitiv verändern wollen, beschäftigen sich in einem der insgesamt 17 definierten Ziele mit der Reduktion von Hunger: „End hunger, achieve food security and improved nutrition and promote sustainable agriculture“ (United Nations, o.J.) Den Hunger beenden, Nahrungsmittelsicherheit gewährleisten, die Ernährung der Menschen verbessern und eine Nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben – diesen Punkten/Themen gilt das Hauptaugenmerk der vorliegenden Masterar- beit.

Gegenwärtig steht der Agrarsektor auf der ganzen Welt und im Besonderen in ärmeren Län- dern vor großen Veränderungen und Herausforderungen. Einerseits erschweren die Folgen des Klimawandels für viele Bäuerinnen und Bauern (weltweit) den Anbau, indem Temperatu- ren steigen, Trockenzeiten sich ausdehnen und Regenfälle oft unerwartet stark auftreten. An- dererseits kommt es auch mittels globaler Einflüsse und Mechanismen zu Veränderungen im Agrarsektor. Zahlreiche internationale Handelsabkommen wurden bzw. werden nach wie vor abgeschlossen, um den Warenaustausch auf der Welt zu vereinfachen. Aber auch die Nach- fragen von ausländischen Investorinnen und Investoren an fruchtbaren Landflächen in ande- ren Staaten steigt.

In einem Land wie Tansania, in welchem die Landwirtschaft die wichtigste Einkommens- und Überlebensquelle für die Bevölkerung darstellt (Ching 2011: 187f), können solche Umbrüche weitreichende Folgen für das Leben vieler Menschen mit sich bringen. Somit scheint es von großer Bedeutung zu sein, alternative, neue und gleichzeitig nachhaltige Wege zu finden, um landwirtschaftliche Tätigkeiten an diese neuen Gegebenheiten anzupassen, zumal die Versor- gung der Menschen mit Nahrungsmitteln größtenteils mithilfe von Bäuerinnen und Bauern ge- währleistet wird (Zukunftsstiftung Landwirtschaft 2013: 1).

Ob und wie sich eine Nachhaltige Landwirtschaft auf das Leben von Subsistenzbäuerinnen und -bauern in Tansania auswirken kann, wird in der folgenden Arbeit anhand theoretischer Erörterungen sowie empirischer Daten veranschaulicht. Dies ist möglich, indem die allgemeine Situation der Landwirtinnen und Landwirte analysiert und in Folge dessen erkennbare Fort- schritte durch angewandte nachhaltige landwirtschaftliche Techniken aufgezeigt werden. Da- bei kommt der der NGO MAVUNO eine spezielle Rolle zu. Sie versucht, die Lebensbedingun-

gen der Bäuerinnen und Bauern in der Region Kagera im Nordwesten Tansanias mittels Wis- sensvermittlung im Agrarbereich zu verbessern. Die Organisation wurde in dieser Arbeit als stellvertretende Fallstudie ausgewählt, um die Effekte nachhaltiger landwirtschaftlicher Ver- hältnisse empirisch darstellen zu können. Dadurch ist es schließlich möglich, den Stellenwert der nachhaltigen Landwirtschaft in Tansania aufzuzeigen und zu bewerten.

1.1 Zielsetzung

Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der aktuellen Situation von Bäuerinnen und Bauern in Tansania unter der Betrachtung verschiedener (externer) Einfluss- faktoren. Da die Landwirtschaft in Tansania als wichtigste Einnahmequelle – um das Überle- ben der Bevölkerung sicherstellen zu können – gilt, soll diese Arbeit Einblicke in die oftmals schwierigen Lebensbedingungen und Umstände im Agrarsektor ermöglichen. Das Ziel dabei ist, den Stellenwert einer nachhaltigen Landwirtschaft in einer von Globalisierungsdynamiken beeinflussten Welt zu analysieren, indem sowohl Literatur als auch empirisches Datenmaterial aufgearbeitet und einander gegenübergestellt wird. Auf diese Weise ist es möglich darzustel- len, inwieweit Globalisierung in einem noch sehr "ursprünglichen" und von Handarbeit gepräg- tem Land Einfluss auf die Situation der Bäuerinnen und Bauern nimmt, aber auch, inwiefern Nachhaltige Landwirtschaft eine Verbesserung oder Veränderung der Lebensumstände von Menschen im Land bewirken kann.

1.2 Fragestellungen/Hypothese

Im Folgenden soll vor allem der Stellenwert der nachhaltigen Landwirtschaft analysiert und bewertet werden, wodurch sich folgende Forschungsfragen ergeben:

-Welche sind die ausschlaggebenden (Einfluss)Faktoren, die für Entwicklungen und Verän- derungen der Landwirtschaft in Tansania verantwortlich sind?
-Welche Auswirkungen hat die ökonomische Globalisierung auf die Landwirtschaft in Tan- sania?
-Kann die Nachhaltige Landwirtschaft als Reaktion auf mögliche negative Globalisierungs- effekte gesehen werden? Wenn ja, worin liegt das Potenzial bzw. die Stärke der nachhalti- gen Landwirtschaft für die Bäuerinnen und Bauern, aber auch für die gesamte Bevölkerung in Tansania? Was wird durch Nachhaltige Landwirtschaft erreicht?
-Welchen konkreten Beitrag liefert die Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania für das Leben der Bäuerinnen und Bauern bei MAVUNO?
-Wie ist die Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern durch nicht gewinnorientierte land- wirtschaftliche Projekte am Praxisbeispiel MAVUNO zu beurteilen?

1.3 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Um die oben angeführten Forschungsfragen beantworten zu können, wird auf eine Kombina- tion aus Literaturrecherche sowie quantitativen wie qualitativen Forschungsmethoden zurück- gegriffen. Dadurch ergibt sich eine Gliederung der Arbeit in drei Abschnitte, wobei Abschnitt eins in deutscher Sprache- und die weiteren beiden Abschnitte in englischer Sprache verfasst wurden. Dadurch können die empirisch gewonnenen Daten von der NGO MAVUNO ebenso verwendet werden.

Im ersten Teil wird eine theoretische Auseinandersetzung, Analyse und Bewertung bestehen- der Datenquellen in der Literatur vorgenommen, um einen Überblick über die aktuelle Situation der Bäuerinnen und Bauern in Tansania zu geben. Dabei erfolgt eingangs eine Erläuterung der zentralen theoretischen Begriffe wie „Globalisierung“, „MDGs“ und „SDGs“ und Nachhal- tigkeit. Diese Termini stellen Schlüsselkonzepte in der Arbeit dar. Anschließend kommt es im dritten Kapitel zu einer allgemeinen Landesbeschreibung Tansanias, insbesondere mithilfe der Darstellung des sogenannten sozialistischen „Ujamaa-Konzepts“, welches unter dem ersten Präsidenten im Land, Julius Nyerere, eingeführt wurde.

Im vierten Kapitel wird das Thema „Globalisierung“ im Allgemeinen aufgegriffen, wobei vor allem auf deren historische Entwicklung im Zusammenhang mit einer zeitgleich aufkommen- den Wirtschaftsliberalisierung im Land eingegangen wird. Auf diese Weise ist es möglich auf- zugeigen, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf das gegenwärtige wirtschaftliche System haben bzw. hatten. In Kapitel fünf erfolgt eingangs eine kurze Darstellung der Land- wirtschaft weltweit. Darauf folgend wird ausführlich auf den tansanischen Agrarsektor und die damit in Zusammenhang stehenden Themen- bzw. Problemfelder wie klimatische Verände- rungen, die Rolle der Frau, aber auch der Einfluss der Politik im landwirtschaftlichen Bereich eingegangen. Des Weiteren werden verschiedene Einflussfaktoren wie Landgrabbing oder die Grüne Revolution erläutert, um abschließend die Folgen der Globalisierung im Landwirt- schaftsbereich zu thematisieren.

Weiterführend erfolgt im Kapitel sechs – dem letzten Kapitel im Abschnitt I – eine Einführung zur Thematik „Nachhaltige Landwirtschaft“ und ferner eine Darstellung ebenjener in Tansania, zudem werden Beispiele für praktische Umsetzungsmöglichkeiten angeführt.

Abschnitt II stellt eine empirische Studie dar und wurde in Kooperation mit der NGO (Non Governmental Organisation) MAVUNO durgeführt, welche im landwirtschaftlichen Bereich zahlreiche Unterstützungsleistungen und Projekte für Bäuerinnen und Bauern in der nordwest- lichen Region Kagera im Nordwesten Tansanias anbietet. Eingangs wird in Kapitel sieben das Forschungsdesign erläutert. Zur Datenerhebung wurden Fragebögen und qualitative Inter- views im Rahmen einer Feldforschung, durchgeführt. Das Ziel des auf diese Weise gewonne- nen Datenmaterials besteht darin, die zuvor theoretisch gewonnenen Informationen im Bereich nachhaltiger Landwirtschaft in Tansania empirisch zu untermauern oder aber auch gegebe- nenfalls zu widerlegen. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der Darstellung der Lebensum- stände der Bäuerinnen und Bauern, welche Unterstützungsleistungen in Form von Schulungen oder materiellen Ressourcen im Landwirtschaftsbereich von MAVUNO erhalten. Eine genau- ere Beschreibung des Forschungsverfahrens erfolgt im empirischen Teil der Arbeit.

In Kapitel acht werden zu Beginn MAVUNO im Allgemeinen sowie dessen Ziele und Projekte vorgestellt. Anschließend erfolgen die Darstellung und Erläuterung des gewonnenen Daten- materials in Bezug auf MAVUNO und die Bäuerinnen und Bauern. Dabei wird maßgeblich der Einfluss von MAVUNO – durch das angebotene Schulungs- und Fortbildungsangebot – auf die Lebensumstände der Mitglieder analysiert.

Anzuführen gilt an dieser Stelle, dass die gewonnenen Daten lediglich einen kleinen Ausschnitt der landwirtschaftlichen Situation in Tansania darstellen. Die in der vorliegenden Arbeit prä- sentierten empirischen Ergebnisse können aus diesem Grund keinerlei Anspruch auf Vollstän- digkeit gewährleisten. Dies ist zum einen auf starke regionale Unterschiede hinsichtlich klima- tischer Bedingungen in Tansania zurückzuführen. Zum anderen wurde die Untersuchung in Kooperation mit der NGO MAVUNO, welche sich auf die Förderung von Subsistenzbäuerinnen und -bauern in der Kagera-Region in Tansania konzentriert, durchgeführt. Daraus folgend kann keine verallgemeinernde Schlussfolgerung der Ergebnisse auf andere Regionen im Land gezogen werden.

ABSCHNITTI – THEORETISCHEANALYSE

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Nachhaltigkeit

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist im entwicklungspolitischen Diskurs von großer Bedeutung. Dennoch herrscht oft Unklarheit über die richtige Verwendung bzw. ist eine klare begriffliche Anwendungsweise nicht immer möglich. Alleine die Tatsache, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ zumeist mit dem Terminus nachhaltige Entwicklung gleichgesetzt wird, kann Verwirrung stiften (Otto 2007: 28).

Um den Begriff Nachhaltigkeit fassbarer aber auch verständlicher zu machen, bedarf es einer Analyse der Etymologie, der geschichtlichen Entwicklung und Relevanz dieses Wortes.

Die erstmalige Verwendung kommt in der deutschen Forstwirtschaftslehre im 18. Jahrhundert vor (Karafyllis 2002a: 252f, in: Döring, Ott 2008: 22f) und wurde über Jahrzehnte hinweg immer wieder operationalisiert. Der Kern der Nachhaltigkeitsdefinition aus dieser Zeit liegt darin, dass eine nachhaltige Forstwirtschaft aus einer ökonomischen und ökologischen Größe besteht. Ein gesunder, reproduzierender Wald und die dadurch erst möglich werdende Holzwirtschaft müssen aufeinander abgestimmt werden. Nur so kann langfristig ein optimaler Ertrag erwirt- schaftet werden. Auf Grund dessen wird die Nutzung der natürlichen Ressource Holz mittels normative Werte in die Schranken gewiesen (Döring, Ott 2008: 22f) Daraus kann geschlossen werden, dass der Nachhaltigkeitsbegriff schon seit jeher eine wertende Komponente beinhal- tet. Auch in den darauffolgenden Jahrzehnten wurde unter anderem von Persönlichkeiten wie Thomas Robert Malthus und John S. Mill – zwei der wichtigsten Sozialwissenschaftler im 19. Jahrhundert – als auch George Perkings Marsh, einem Unternehmer als auch Privatgelehrten, über den Zusammenhang des Bevölkerungswachstums und der gleichzeitigen Erhaltung und Nutzung der Natur diskutiert. Besonders Marsh plädierte dafür, die natürlichen Ressourcen vernünftig zu nutzen und kam daher in seinen Forderungen und Ansichten der heutigen Defi- nition von Nachhaltigkeit, welche im Jahr 1987 durch die Weltkommission für Umwelt und Ent- wicklung entstand, bereits sehr nahe (ebd.: 26f)

Dennoch war vor allem der sogenannte „Club of Rome“, welcher im Jahr 1968 gegründet wor- den war, ausschlaggebend für die heute gültige Definition der Nachhaltigkeit. Diese Vereini- gung von Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft hatte es sich seit ihrer Gründung zum Ziel gemacht, eine „lebenswerte und nachhaltige Zukunft der Menschheit“ (Deutsche Gesellschaft CLUB OF ROME o.J.) zu sichern.

Der so bezeichnete „Brundtlandbericht“, welcher von der zuvor bereits erwähnten Weltkom- mission für Umwelt und Entwicklung (WCED, World Commision on Environment and Develo- pment) verfasst und nach der Vorsitzenden Gro Harlem Burndtland benannt worden war, sollte als Leitbild für eine Nachhaltige Entwicklung dienen. Er setzte somit die Diskussion über die Grenzen des Wachstums, welche bereits vom „Club of Rome“ aufgegriffen wurde, fort. In die- sem Bericht wurde festgehalten, dass weltweite Umweltprobleme auf die Armut im globalen Süden sowie auf nicht langfristig ausgerichtete Konsum- und Produktionsmuster der Indust- rieländer zurückzuführen sind (Bundesamt für Raumentwicklung ARE, o.J.)

Nachhaltige Entwicklung wurde darin folgendermaßen definiert:„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“(Beyer 2004: 13)

Dadurch sollte es nun möglich sein, soziale, ökologische und auch wirtschaftliche Ziele in Ein- klang zu bringen, um eine einseitige wirtschaftliche Sichtweise zu verhindern (Conference of NGOs 1987). Heute wird auch gerne der Begriff „Sustainable Development“ verwendet, wel- cher ebenfalls in der Namensgebung der Post-Development-Goals, den sogenannten „Sustainable Development Goals“ (SDGs) wiederzufinden ist.

Damit wird deutlich, dass die Definition breiten Zuspruch fand und nachwievor findet, nicht nur im wissenschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskurs, sondern auch bei der Entwicklung von Nachhal- tigkeitskonzepten. Im Brundtland-Bericht wurde Nachhaltigkeit auf globaler Ebene mit umwelt- und entwicklungspolitischen Aspekten verknüpft, genauso wie eine generationenübergrei- fende Verteilungsgerechtigkeit thematisiert wurde (von Hauff 2014: 9).

Diese sehr allgemeine Definition von Nachhaltiger Entwicklung lässt Platz für viele Interpreta- tionen, die – wie zu Beginn schon angesprochen – oft verwirrend sein können. Somit kann die Definition einerseits mittels der Vereinbarung verschiedener Querschnittsthemen wie Umwelt, Soziales und Wirtschaft als Chance gesehen werden, aber auch das Risiko für mögliche Fehl- interpretationen bleibt bestehen.

Eine besondere Möglichkeit, die sich durch die entstandene Nachhaltigkeitsdebatte ergab, war der von den Vereinten Nationen angesetzte Gipfel zum Thema Umwelt und Entwicklung, unter dem Namen „Rio+20 Konferenz“ bekannt, welcher 1992 in Rio de Janeiro stattfand. Dort wur- den verbindliche Maßnahmen für das Erreichen einer globalen nachhaltigen Entwicklung de- finiert. Festgehalten wurden die Ergebnisse in der sogenannten „Rio-Deklaration“ und der be- kannten „Agenda 21“, aus welcher im späteren Verlauf die MDGs entstehen sollten. Bezieht sich die Rio-Deklaration eher auf entwicklungs- und umweltpolitische Themen, kann die Agenda 21 als Aktionsprogramm mit klaren Zielen und Maßnahmen zur Erreichung Nachhal- tiger Entwicklung angesehen werden (Grießler, Littig 2004: 16ff). Selbst wenn sich mehr als 170 Länder der Ratifizierung der Berichte anschlossen, besteht aus rechtlicher Sicht keine Einklagbarkeit der Vereinbarungen (ebd.: 17).

Das Ergebnis des Brundtland-Berichts sowie der Rio-Deklaration und der Agenda 21 waren zahlreiche, unüberschaubare Interpretations- und Umsetzungsversuche für das Erreichen ei- ner Nachhaltigen Entwicklung (ebd.). Der Anschluss an diese Nachhaltigkeitsdebatte kann in den MDGs im Jahr 2000 gesehen werden, welche im nächsten Abschnitt genauer behandelt werden.

An dieser Stelle zu erwähnen gilt es jedoch, dass trotz oftmals geäußerter Kritik an der Nach- haltigkeitsdefinition im Brundtland-Bericht für die vorliegende Arbeit Nachhaltigkeit im Sinne dieser verstanden wird und somit das Hauptaugenmerk auf die Vereinbarkeit von sozialen, ökologischen und ökonomischen Zielen über mehrere Generationen hinweg ausschlaggebend ist. Die Begründung dafür liegt darin, dass diese Definition einerseits international anerkannt ist und die meistverwendete Definition von Nachhaltigkeit darstellt und andererseits auch der landwirtschaftliche Bereich als Querschnittsmaterie von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft gesehen werden kann (siehe Kapitel 6.1)

2.2 Sustainable Development Goals (SDGs)

Seit dem Jahr 2010 wurde bereits an der sogenannten „Post-2015-Debatte“ gearbeitet, die gemeinsam mit den SDGs die MDGs im September 2015 ablösten und bis zum Jahr 2030 Gültigkeit haben sollen (Bell 2014: 28).

Die vorherigen MDGs setzten sich aus acht Zielen, mit jeweils mehreren Unterzielen zusam- men und konnten als Top-down-Konzept1 verstanden werden, deren Resultat auf der Mikro- Ebene messbar war. Beispiele für die Messung solcher Zielumsetzungen in verschiedenen Regionen wären die lokale Bildung der Bevölkerung oder der Zugang zu Wasser. Das zentrale Thema der MDGs beschäftigte sich vor allem mit der Armutsbekämpfung. Dies war gleichzeitig aber auch der stärkste Kritikpunkt von vielen Expertinnnen und Experten, der immer wieder an ihnen geübt wurde. Durch den starken Fokus der Armutsbekämpfung wurde den MDGs vorgeworfen, das verwendete Entwicklungsverständnis sei zu eng gewählt. Eine damit gleich- zeitige Konzentration auf soziale, produktive als auch ökonomische Ebene sei aus diesem Grund nicht möglich (Loewe 2012) Auch dem Fokus der Nachhaltigen Entwicklung – welcher in dieser Arbeit von großer Wichtigkeit ist – wurde laut Expertinnen und Experten in den MDGs zu wenig Beachtung geschenkt.

Die SDGs sollen nun hingegen als ein Bottom-up-Konzept2 fungieren, welches Probleme nicht nur auf der Mikro- sondern auch auf der Makroebene betrachten soll. Jene positiven Aspekte und Bestandteile der MDGs stellten eine Orientierungshilfe für die Entwicklung und Auslegung der SDGs als deren Nachfolgeziele dar. Negativ bewertete Vorgehensweisen in Bezug auf die MDGs sollten sich in den neuen Zielen nicht wiederspiegeln (ebd.). Die SDGs können somit in gewisser Weise als Adaption bzw. Kombination der MDGs und die bei der Rio+20-Konferenz beschlossenen Maßnahmen betrachtet werden.

Auch der Volkswirt Markus Loewe und die Agrar- und Umweltökonomin Carmen Richerzhagen (2014: 38f) sprachen bereits vor der Verlautbarung der neuen Ziele davon, dass die drei Di- mensionen der Nachhaltigkeit – Wirtschaft, Ökologie und Soziales – in gleichem Ausmaß wie- derzufinden sein müssten und folgende Fragen zu thematisieren wären: „(1) Wie wirken sich armutsreduzierende Sozialpolitiken auf die Umwelt aus? (2) Was sind die sozialen Auswirkun- gen von Umweltpolitiken? Und (3) Wie können Politiken gestaltet werden, die sowohl den Schutz der Umwelt und natürlicher Ressourcen als auch soziale Gerechtigkeit als gleichbe- rechtigte Zieldimensionen verfolgen?“ Wichtig dabei sei auch, so Loewe und Richerzhagen, dass den Wechselwirkungen der Dimensionen und den daraus abgeleiteten Zielsetzungen Beachtung geschenkt werde (ebd.).

Endgültige Zieldefinitionen und künftige Herausforderungen

Die neuen, im September 2015 festgelegten und seit dem 1. Jänner 2016 gültigen Zieldefini- tionen bestehen aus 17 Nachhaltigkeitszielen mit jeweils mehreren und insgesamt 169 Unter- zielen. Der überwiegende Teil dieser 17 Ziele orientiert sich unter anderem auch an den Men- schenrechten, darauf einigten sich die UN-Mitgliedstaaten im Jahr 2012 in Rio de Janeiro (Deutsches Institut für Menschenrechte 2015: 1f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: SDGs (Quelle: Welthungerhilfe (o.J.))

Die neuen SDGs beschäftigen sich mit Themen wie Armut, Bildung, Gesundheit, Lebensmit- telsicherung, Familienplanung und Gender. Auch Zieldefinitionen im Infrastrukturbereich, die Wasser- und Sanitärversorgung sowie adäquate Lebensräume und Energieversorgung the- matisieren, sind miteingeschlossen. Somit ist es gelungen, jene drei Bestandteile, welche eine Nachhaltige Entwicklung kennzeichnen, zu vereinen: Umwelt, Soziales und Wirtschaft.

Entwickelt wurden die neuen Zielsetzungen in einem zweijährigen Kosultationsprozess, bei welchem Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und der Zivilgesell- schaft aus allen UN-Ländern teilnahmen. Im Gegenteil zu den MDGs haben die neuen SDGs für die armen wie die reichen Länder der Welt Gültigkeit und umfassen fünf wesentliche Ge- biete: die Menschen, unseren Planeten Erde, die Partnerschaft um globale Solidarität zu stär- ken, den Frieden und den Wohlstand (United Nations o.J.)

„Der Schwerpunkt liegt auf Nachhaltigkeit“, so das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres ein einem Pressebericht (o.J.). Gleichzeitig ist – wie auch schon bei den MDGs

– das wichtigste Anliegen immer noch die Beendung der extremen Armut auf der ganzen Welt, wie zudem aus dem Pressebericht hervorgeht.

Dennoch äußern verschiedene Stellen, unter anderem auch die Welthungerhilfe und WIDE – Entwicklungspolitisches Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven – einzelne Kritikpunkte an den neuen Zielsetzungen: „Hunger“ werde zu stark an die Steigerung von Ag- rarproduktion gekoppelt und dabei außer Acht gelassen, dass Menschen auch oftmals zu we- nig Geld hätten, um sich Lebensmittel zu leisten, was wiederum mit der Schaffung von Arbeits- plätzen verbunden sei. Des Weiteren wurde festgelegt, dass 0,7 Prozent vom Bruttoinlands- produkt der UN-Mitgliedsländer für Entwicklungszusammenarbeit verwendet werden solle, ohne zugleich einen Zeitplan zu erstellen.

Zudem sei die Agenda freiwillig, weshalb sie völkerrechtlich nicht bindend und dadurch mög- licherweise Ziele, welche kurzfristig mehr Profit versprechen, stärker fokussiert werden könn- ten. Wie auch schon bei den MDGs ist es auch bei den neuen SDGs schwierig, messbare und realistische Indikatoren für die Wirkungskraft der einzelnen Ziele zu finden. Ein weiterer allge- meiner Kritikpunkt besteht darin, dass die Unterziele, welche eine Beschreibung der 17 Haupt- ziele darstellen, oftmals sehr vage formuliert seien (Welthungerhilfe o.J.). Aus Frauenperspek- tive wird kritisiert, dass lediglich im Ziel Nummer 5 ausführlich auf deren Perspektive einge- gangen werde, ihnen aber ansonsten wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. Des Weiteren seien vor allem Frauen von extremer Armut betroffen, diesbezüglich wird in den SDGs zu we- nig auf geeignete Maßnahmen und Auswirkungen eingegangen, so Ilse Hanak von WIDE, in einem Bericht (2015). Auch ansteigende Privatinvestitionen als Reaktion auf stagnierende öf- fentliche Mittel können kritisch beäugt werden, nicht zuletzt deshalb, weil gewinnorientierte Unternehmen nicht ohne Eigennutzen handeln (Bornhorst 2015: 43).

Somit können die SDGs zwar als Chance gesehen werden, die Welt zu verbessern, nichts- destotrotz sind auch in den neuen Zielsetzungen wieder gewisse Schwachstellen zu erkennen. Südwindredakteurin Christina Bell (2015) äußerte sich wie folgt zu der geübten Kritik: „Wie immer man den Erfolg der MDGs bewertet, die Ziele lenkten die Aufmerksamkeit der Welt für eine Weile auf Entwicklung und Armutsbekämpfung und sorgten für eine globale Dynamik. Die SDGs, weitaus ambitionierter und im Aufmerksamkeits-Wettstreit mit multiplen Krisen, brau- chen ein ähnliches Momentum. Sonst laufen sie Gefahr, das Schicksal vieler To-do-Listen zu teilen: unerledigt in der Schublade zu verschwinden.“

2.3 Globalisierung

Das Wort Globalisierung ist heutzutage ein weit verbreiteter und vielseitig verwendeter Begriff. Oftmals wird er zur Beschreibung einer bestimmten Dimension verwendet, andere Ansätze versuchen hingegen, mehrere Ebenen gleichzeitig zu fassen. Je nach geschichtlicher Entwick- lung wird der Globalisierungsbegriff immer wieder neu gedeutet und bestimmte Aspekte wie Ökonomie, Ökologie, Kultur oder Politik rücken in den Vordergrund (Fuchs, Hofkirchner 2001). Dies ist vermutlich auch der Grund, warum gegenwärtig kein allgemeiner Konsens über „eine allgemein gültige Definition“ des Begriffs besteht.

Obwohl bereits vor hunderten von Jahren über Globalisierung gesprochen und der Begriff auch von Karl Marx und Friedrich Engels im „Manifest der Kommunistischen Partei“ auf eine

ökonomische Art und Weise thematisiert wurde (Sigalla 2005: 22), entwickelte sich ein rele- vanter wissenschaftlicher Diskurs darüber erst seit den 1990er-Jahren. Vormals wurde noch der Terminus „Internationalisierung“ verwendet, um weltweite Verflechtungen von wirtschaftli- chen oder politischen Beziehungen zu beschreiben (Deutscher Bundestag 2001: 3).

Zu dieser Zeit prägte vor allem der Soziologe Anthony Giddens ein nicht rein ökonomisches Verständnis des Begriffs (Giddens 1990: 64), welcher in der Wissenschaft großen Anklang fand (Kessler, Steiner (Hg.) 2009: 35). Giddens (1990: 64) beschreibt die Globalisierung als den Motor der Entwicklung, welcher unterschiedliche Veränderungen hervorbringt, oft auch gegensätzliche Prozesse und Vorgänge. Es sei eine „intensification of worldwide social rela- tions which link distant localities in such a way that local happenings are shaped by events occurring many miles away and vice versa“. Somit beschreibt Giddens Globalisierung als eine soziale Interaktionszunahme über weite Entfernungen hinweg.

Selbst wenn die Globalisierung für Giddens der Grund einer ansteigenden Ungleichheit in der Gesellschaft sei und ökologische wie finanzielle Risiken die Folge wären, könne sie nicht ein- fach gestoppt werden (Georgantzas, Katsamakas, Solowiej 2009: 5). Giddens spreche davon, dass die Zunahme von transnationalen Kooperationen die Macht und die Handlungsfähigkei- ten von Staaten einschränke, wodurch wiederum die soziale Ungleichheit ansteige. In diesem Zusammenhang gehe er davon aus, dass Staaten in einem so starken Ausmaß beeinflusst würden, dass sie selbst die eigene Wirtschaft nicht mehr steuern könnten (ebd.: 8).

Besonders auf Giddens Aspekt der Interaktionszunahme über nationale staatliche Grenzen hinweg wurde auch immer wieder in anderen Globalisierungsdefinitionen, unter anderem bei Werlen (1997: 234), Zürn (1998: 125) und Held et al. (1999: 15f) sinngemäß zurückgegriffen. Daraus entwickelte Kessler (2007: 8) folgende Definition für Globalisierung: „Globalisierung bezeichnet Prozesse der Zunahme sowie der geographischen Ausdehnung grenzüberschrei- tender sozialer Interaktion.“ Er betont dabei, dass es lediglich ein Vorschlag sei, der aus der Charakterisierung wichtiger Autorinnen und Autoren abgeleitet wurde und dem Prinzip der Präzision und Eindeutigkeit überwiegend entspricht (ebd.). Dies kann so interpretiert werden, als dass Giddens in seiner Definition versucht hat, Globalisierung anhand von Beschreibungen anderer Autorinnen und Autoren zu formulieren sowie gleichzeitig ein klares und eindeutiges Verständnis des Begriffs zu schaffen.

Um den Begriff weiter zu systematisieren, kann laut Kessler zwischen verschiedenen Prozes- sen unterschieden werden: erstens die notwendigen Voraussetzungen für Globalisierungsvor- gänge, zweitens Globalisierungsinteraktionen und drittens deren Folgen (ebd.: 9).

In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus auf den Folgen der Globalisierung, auch die Inter- aktionen spielen eine bestimmte Rolle. Die Relevanz der Voraussetzungen hält sich ange- sichts der thematischen Schwerpunktsetzung der Masterarbeit in Grenzen und wird daher nicht näher thematisiert.

3. Länderdaten Tansania

3.1 Allgemeines

Tansania war bis in das 20. Jahrhundert eine englische Kolonie und erlangte im Jahr 1964 seine Unabhängigkeit. Dies war auch jener Zeitpunkt, zu welchem die Insel Sansibar und das Festland Tanganyika eine Einheit bildeten und zur Vereinten Republik Tansania wurden (The World Factbook 2015).

Die offiziellen Sprachen im heutigen Tansania sind Kisuaheli als auch Englisch, letztere wird oft bei geschäftlichen Beziehungen benötigt. Des Weiteren gibt es eine Vielzahl an lokalen Sprachen im Land. Im Jahr 2014 lebten 49.639.138 Menschen in Tansania auf einer Gesamt- fläche von 947.300 km2. Über 60 % der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre, die Lebenser- wartung liegt derzeit bei rund 61,24 Jahren, die durchschnittliche Geburtenrate bei 4,95 Kin- dern pro Frau (Stand 2014). Die Alphabetisierungsrate beträgt 70,6 % (ebd.) und rund 80 % der Bevölkerung sind im Agrarsektor tätig (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammen- arbeit und Entwicklung 2015).

Tansania ist ein Land der Gegensätze und Vielfalt. Wird an den Küsten im Osten sowie auf der Insel Sansibar reger Seefahrerhandel betrieben, kann man im Landesinneren eine Vielzahl von lebenden Wildtieren antreffen. Dicht besiedelte landwirtschaftliche Flächen finden sich rund um den Kilimanjaro im Norden und im südlichen Hochland. Obwohl das Land über zahl- reiche Mineralstoffressourcen wie Eisenerz, Kohle oder verschiedenste Metalle verfügt, ist es immer noch die Landwirtschaft, in welcher ein Großteil der Bevölkerung ihre berufliche Be- schäftigung findet (Reed 1996: 109).

Aus diesem Grund ist auch die Wirtschaft von der Landwirtschaft abhängig, über ein Viertel des Bruttoinlandprodukts wird durch sie erwirtschaftet. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Gold, Kaffee, Cashewnüsse, Baumwolle, Kaffee sowie Industrieerzeugnisse. Das Wirtschafts- wachstum im Land lag über mehrere Jahre hinweg bei rund 7 %. Dennoch oder gerade des- halb ist die Abhängigkeit vom Weltmarkt sowie von fremden Geldgebern enorm, ein Drittel des Staatshaushalts wird mittels Dritte gestellt. Das Klima für Investitionen im Land ist schlecht, auch wenn der Staat bereit dazu ist, den privaten Sektor mehr zu fördern. Dies liegt nicht zuletzt an der Überregulierung, welche als Folge zahlreiche bürokratische Hürden bei der

Vergabe von Genehmigungen und Lizenzen in der Privatwirtschaft zum Ausdruck kommt. Auch die Infrastruktur im Energie- und Transportbereich weist zahlreiche Mängel auf (Bundes- ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2015). Die Wurzeln dieser starken Kontrollen und Einschränkungen scheinen in den 1960er- und 19760er-Jahren zu lie- gen, unter dem damaligen und gleichzeitig ersten Präsident des Landes, Julius Nyerere, die sogenannte „Arusha Deklaration“, welche auch das sozialistische Ujamaa-Model beinhaltet, im Jahr 1967, verabschiedet wurde.

3.2 Das Ujamaa-Konzept

3.2.1 Entstehung

Tansania schlug unter der Präsidentschaft von Julius Nyerere einen neuen eigenen wirtschaft- lichen Weg ein. Dadurch unterschied sich das Land deutlich von vielen anderen Ländern auf der Welt und deren oft kapitalistischen Wirtschaftssystemen. Im Nachhinein betrachtet, prägte Nyerere mit seinem sozialistischen Wirtschaftskonzept das Land maßgeblich für die nächsten zwei Jahrzehnte (1967–1979).

Der Präsident machte vor allem hohe Ölpreise, schlechte Handelsbedingungen für Dritte-Welt- Länder und Korruption im eigenen Land für die missliche Lage Tansanias in den 1960er-Jah- ren verantwortlich. Tatsächlich aber war es vor allem die versuchte Loslösung vom Westen und die Orientierung hin zur Sowjetunion, was von dieser aber abgelehnt wurde. Aufgrund dessen wurden Entwicklungsstrategien im Land gebremst und die Ablehnung seitens der Sow- jetunion führte zu einem raschen Umdenken im Land. Nur ein eigenes sozialistisches Model, das so bezeichnete „Ujamaa-Konzept“, welches sich auf die Tradition der Großfamilie stützt, könne eine Lösung darstellen, so Nyerere (Watzal 1982: 200ff).

Die dazugehörige Arusha-Erklärung, welche als sozialistisches Programm anzusehen ist, be- inhaltete folgende zentrale Absichten:
˗ „Die Betonung der Gleichheit aller Menschen
˗ die Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft ohne Ausbeutung
˗ die Kontrolle der Produktionsmittel
˗ die Gleichsetzung von Sozialismus und Demokratie
˗ die Bezeichnung des Sozialismus als Glaube, das heißt, eine sozialistische Gesellschaft kann nur von solchen aufgebaut werden, die daran glauben
˗ und die Forderung nach „self-reliance", das heißt, Entwicklung durch die eigene Kraft.“ (Watzal 1982: 202f)

Noch im September desselben Jahres publizierte Nyerere ein weiteres Dokument unter dem Namen „Ujamaa VIjijini“, was so viel bedeutet wie „Ujamaa in den Dörfern“. Darin betonte er, dass das Land nur sozialistisch werden könnte, wenn die Dörfer sozialistisch handeln würden. Dazu bedürfe es der Zusammenarbeit der Menschen, die in diesen Ujamaa-Dörfern zusam- menwohnen sollten. Dies jedoch stellte eine enorme Herausforderung für ein Land dar, in dem rund 85 % der Bevölkerung in Streusiedlungen lebten und durch dieses Konzept vor dem Problem der Umsiedlung stand. Aber nicht nur Zusammenarbeit, auch gegenseitige Achtung und gemeinsames Eigentum sowie die Verpflichtung zu arbeiten, stellten grundlegende Pfeiler des Konzepts dar (McHenry 1981).

Um das Vorhaben zu beschleunigen erließ Nyerere eine Verordnung, in welcher er die Anord- nung erteilte, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner bis zum Ende des Jahres 1976 in Uja- maa-Dörfern zu leben hätten. Teils erfolgte dies auch unter Zwang. Tatsächlich lebten bereits 1977 rund 90 % in Ujamaa-Dörfern, sie sollten die Basis für alle weitern ländlichen Entwick- lungsmaßnahmen in Tansania gewährleisten. Diese Vorgehensweise zog auch die Aufmerk- samkeit anderer Länder auf sich. Auch andere Staaten begannen darüber nachzudenken, ob dies eine geeignete Vorgehensweise für ländliche Entwicklung im eigenen Land darstellen könnte (ebd.).

Begründet wurde das Ujamaa-Konzept von Nyerere auf einer moralischen Ebene: Für ihn war der afrikanische Sozialismus in den sozialen Strukturen und Beziehungen verwurzelt, also vor allem in den überlieferten Werten und Strukturen aus einem Afrika vorkolonialer Zeiten. Inspi- riert wurde er dabei auch von sozialen Organisationsformen in Dänemark und Schweden, von kubanischen Erziehungsexperimenten sowie von Mao Tse Tungs’s Bevölkerungsmodel in China. Somit basierte sein Konzept auf internen als auch externen Erfahrungen (Shule 2010: 75f)

Die Erziehung und Forderung nach „self-reliance“ in Kombination mit dem Ujamaa-Konzept sollte junge, gut ausgebildete und hart arbeitende Denkerinnen und Denker und Innovatorin- nen und Innovatoren im Land hervorbringen. Dazu wurde im Jahr 1968 das „Universal Primary Education Program“ (UPE) eingeführt, welches allen Tansanierinnen und Tansaniern eine kos- tenlose Schulausbildung ermöglichte (ebd.: 77).

So einzigartig und anders der tansanische Weg in jener Zeit auch zu sein scheint, dennoch vermochte es Nyerere mit seinem sozialistischen Ujamaa-Konzept nicht, dem Land langfristig zu Wohlstand und sozialer Gleichheit zu verhelfen. Die Gründe dafür sind zahlreich und rei- chen von ökonomischen, über politischen bis hin zu administrativen Fehlern.

3.2.2 Folgen

Ausufernde und korruptionsanfällige Bürokratie sowie strenge Kontrollen in der tansanischen Politik überschatteten mit der Zeit ein ursprünglich ansprechendes Entwicklungsprojekt des ersten Präsidenten im Land. Im Vordergrund standen soziale Versorgung und gleiche Vertei- lung an alle Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig wurden volkswirtschaftliche Vorhaben, zu der vor allem Produktivität und Effizienz zählen, zunehmend vernachlässigt. Auf Grund dessen entwickelten sich schnell inoffizielle Wirtschaftstätigkeiten oder auch Parallelökonomien, um die ausufernden Vorschriften und Kontrollen zu umgehen. Dennoch erhielt das Land gleich- zeitig viele Unterstützungsgelder seitens ausländischer Hilfsorganisationen, mit welchen über- wiegend staatliche Projekte unterstützt wurden. Bereits Mitte der 1970er-Jahre äußerten der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank erstmals Kritik an der von Nyerere aus- geübten Wirtschaftspolitik. Dies bedingte jedoch keinen Abbruch anderer internationaler För- dergeber, wodurch trotz Vernachlässigung von volkswirtschaftlichen Aspekten ein Pro-Kopf- Einkommen von durchschnittlich rund 0,7 % pro Jahr erreicht wurde (Hofmeier 2002: 23, in: der überblick).

Jedoch waren langfristig die Versorgung mit Rohstoffen sowie die Infrastruktur im Land nicht gesichert. Auch die Importrestriktionen wurden in den Folgejahren verstärkt, um den eigenen Markt anzukurbeln. Erst auf Grund der Wirtschaftskrise von 1979/80 bis 1985 wurden die Prob- leme des Konzepts weitläufig sichtbar. Verschärft wurde die Situation zusätzlich aufgrund der damaligen Ölkrise und den Krieg mit dem Nachbarland Uganda. Den vom IWF angebotenen Kredit für das geschwächte Land lehnte Nyerere strikt ab. Er setzte mit seinem sozialistischen Konzept auf Selbsthilfe durch die eigene Bevölkerung (Ebner 1981: 40f)

Als Reaktion dieser Verweigerung kam es zu einem Einbruch der Entwicklungstransfergelder um fast ein Drittel zu Beginn der 1980er-Jahre. Erst der Verzicht Nyereres im Jahr 1985, eine weitere Periode zu regieren, machte es möglich, Liberalisierungsmaßnahmen einzuleiten, um die negative Wirtschaftsentwicklung Tansanias zu stoppen. Dies bedeutete gleichzeitig auch das Ende der von Nyerere eingeführten Ujamaa-Politik. Nun war auch die Verhandlungsebene mit dem IWF und der Weltbank vorbereitet, ein Programm zur Erholung der Wirtschaft wurde für die Folgejahre initiiert. Nur sehr langsam wurde unter dem neuen Präsidenten Ali Hassan Mwinyi damit begonnen, die jahrelang internalisierte sozialistische Politik zu verändern. Der staatliche Einfluss wurde zusehends zurückgedrängt, bürokratische Hürden abgebaut und Pri- vatisierungen vorgenommen. Obwohl er von vielen Seiten wegen seiner zu „milden“ Reform- dynamik kritisiert wurde, konnte dennoch wieder ein geringes Pro-Kopf-Einkommen von rund 0,5 Prozent erreicht werden, welches in der Vorperiode unter Nyerere um ca. 1,5 % pro Jahr gesunken war (ebenfalls durch die externen Krisenfaktoren bedingt). Auch die unter dem neuen Präsidenten Benjamin William Mkapa gegründete Regierung im Jahr 1995 arbeitete weiter am Reformprozess, mit Erfolg. Das Pro-Kopf-Einkommen erhöhte sich unter seiner Re- gierung um ca. 1,5 Prozent pro Jahr, 2001 sogar um rund 2,5 Prozent (Hofmeier 2002: 23, in: der überblick).

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass trotz enormer Fehlschläge und negativer wirtschaftlicher Entwicklungen Julius Nyerere eine wesentliche Rolle in der Entwicklung Tan- sanias gespielt hat. Sein Bemühen, eine egalitäre Gesellschaft mittels sozialistische Struktu- ren zu schaffen, war groß. Dennoch resultierte daraus ein starrer, von bürokratischen Hürden überlasteter Staatsapparat, der weder zu einer Wohlstandsvermehrung, noch zu wirtschaftli- cher Entwicklung verhelfen konnte.

4. Wirtschaftliche Globalisierung

4.1 Allgemeines

Ein grundlegender Überblick zum Terminus Globalisierung wurde bereits im Kapitel 2.3 der Arbeit gegeben. An dieser Stelle soll nun gezielt auf bestimmte Aspekte, welche sozusagen als „Bestandteile der ökonomischen Globalisierung“ angesehen werden können, eingegangen werden.

4.1.1 Globalisierung des Wirtschaftsgeschehens

In Tansania wurde nach der Regierung unter Nyerere und seinem sozialistischen Konzept des Ujamaa eine Wende eingeleitet. Wie bereits zuvor erwähnt, wurden staatliche Regelungen wieder gelockert und Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern gefördert. Dadurch war es möglich, das Pro-Kopf-Einkommen (im gesamten Land) zu steigern und in Folge ein wirtschaft- liches Wachstum in den 1990er-Jahren zu erzielen.

Nicht nur in Tansania, sondern auch überall sonst auf der Welt änderte sich nach dem Zusam- menbruch des Sozialismus im Jahr 1989 einiges, viele neue Möglichkeiten eröffneten sich. Neue Märkte wie Indien oder China wurden erschlossen, ein starker Wettbewerb und eine enorme Konkurrenz waren die Folge, die den Wirtschaftsmarkt auch heute noch prägen. Der Niedergang des Ostblocks sowie die rasche technologische Entwicklung ermöglichten es, eine weltweit verbundene Produktionstechnologie zu kreieren und Finanztransaktionsgeschäfte in Sekundenschnelle abzuwickeln (Weizsäcker 2001: 4).

Unbestreitbar ist, dass die Einflussnahme und Handlungsspielräume von Staaten auf Grund der zunehmenden globalen Vernetzung oft eingeschränkt werden. Internationale Kooperatio- nen und Abkommen sind meist unumgänglich. Dennoch ist diese Entwicklungstendenz keine beliebige, sondern durch Politik und Wirtschaft initiiert und gefördert worden. Ernst Ulrich von Weizsäcker, welcher Vorsitzender der Kommission „Globalisierung der Weltwirtschaft – Her- ausforderung und Antwort“ ist, äußerte sich dazu folgendermaßen: „Die zunehmende wirt- schaftliche Verflechtung ist nicht einfach urwüchsig über die Welt gekommen. Sie ist politisch aktiv herbeigeführt worden.“ (ebd.: 2) Somit besagt Ernst Ulrich von Weizsäcker, dass Globa- lisierung politisch gestaltbar ist.

4.1.1.1Strukturwandel und Arbeitsteilung als Folge der wirtschaftlichen Globa- lisierung

Gerade mittels einen angefachten internationalen Wettbewerb wurden bzw. werden ein Struk- turwandel und eine Arbeitsteilung bei der Erstellung von Gütern oder Nahrungsmitteln initiiert. Sieht man „Arbeit“ als einen Produktionsfaktor, wurde dieser durch die Globalisierung immer mehr zu einer gehandelten „Ware“ (Südwind 2005: 11).

Jene Menschen, die ihre Arbeitskraft am billigsten anbieten, sind für Unternehmen lukrativ. Nur diese Unternehmen wiederum können dem internationalen Wettbewerb standhalten, egal unter welchen Arbeitsbedingungen. Die Gefahr dabei liegt darin, dass vor allem große, multi- nationale Konzerne gemeinsam mit ihren ausländischen Tochterfirmen die Nießnutzer des Systems sind – sie beeinflussen die transnationalen Lieferketten. Da es keine weltweit ver- bindlichen Regeln für sie gibt, üben gerade diese Konzerne besonders starken Druck und Ein- fluss auf nationale Staaten aus. Immer wieder verlegen Unternehmen ihre Standorte in Billig- lohnländer, da die Produktion im eigenen Land zu kostspielig sei. Mittels dieser Vorgehens- weise kann auch die Politik im Zaum gehalten werden (Südwind 2005: 11ff).

Nach Schätzungen der International Labour Organisation (ILO) entfallen rund zwei Drittel des weltweiten Handels auf multinationale Konzerne. Auch der Anstieg des Handels mit Kompo- nenten und Zwischenerzeugnissen hat den Welthandel verändert und kann als Folge der Glo- balisierung betrachtet werden (Weltkommission für die soziale Dimension der Globalisierung 2004: 34).

4.1.1.2 Ungleiche Geschlechterverhältnisse als wirtschaftliche Globalisierungs- folge

Nicht nur die Arbeitsverhältnisse haben sich auf Grund der Globalisierung seit den 1990er- Jahren als Folge von einer allgemeinen Liberalisierung der Wirtschaft, von technologischen Fortschritten und von der Erstarkung/dem Erstarken des Finanzsektors verändert. Auch die Art der Produktionstätigkeit wie Subsistenzwirtschaft oder Selbstständigkeit wurde stark be- einflusst. Einige Ökonomen und Ökonominnen teilen die Meinung, dass sich vor allem die Lage der Frauen im Globalen Süden auf Grund dessen in den letzten zwei Jahrzehnten merk- lich verbessert habe, andere Fachpersonen sowie internationale Einrichtungen sind genau der gegenteiligen Ansicht (Südwind 2005: 13f).

Fakt ist, dass die Erwerbszahlen der Frauen in beinahe allen Ländern immer noch niedriger sind, als jene der Männer. Viele der Frauen, die einer Beschäftigung nachgehen, sind schlech- ter bezahlt, haben eine unsichere Anstellung und die von ihnen ausgeführten Arbeiten werden meist weniger als jene von Männern wertgeschätzt. Die berufliche Trennung nach Geschlecht ist also noch allgegenwärtig. Werden die beiden Geschlechter nach Branchen eingeteilt, ist vor allem der Dienstleistungssektor stark von Frauen dominiert, im Industriesektor ist es um- gekehrt. Im landwirtschaftlichen Sektor gibt es global gesehen nur einen geringen Unterschied, 31 % aller Männer sind in diesem Bereich tätig, und 33,2 % aller Frauen (Internationale Ar- beitsgemeinschaft 2014: 38). Zu beachten ist hier jedoch, dass es starke regionale Unter- schiede gibt. Im Nahen Osten, Südasien oder Nordafrika ist die Zahl der Frauen in der Land- wirtschaft um ein Vielfaches höher, als die der Männer. Dies steht damit in Zusammenhang, dass in diesen Regionen der Welt die Frauenbeschäftigung allgemein sehr niedrig ist und so- mit die Landwirtschaft die einzige Möglichkeit einer Arbeit darstellt. Zwar ist die Anzahl der beschäftigten Frauen in sogenannten Entwicklungsländern – vor allem in den Bereichen der exportorientierten Landwirtschaft und in Aus- sowie Einfuhrzonen – gestiegen, dennoch wer- den sie meist sehr schlecht bezahlt und müssen oftmals unerwarteten Kündigungen hinneh- men. Beschäftigungen in anderen Bereichen zu erhalten ist für Frauen aber oftmals sehr schwierig, weshalb viele von ihnen in die Armut stürzen (ebd.: 38f).

4.1.2 Wirtschaftliche Globalisierung und die Rolle internationaler Organisationen

Die Rolle von internationalen Organisationen und multilateralen Handelsabkommen spielt im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der wirtschaftlichen Globalisierung eine wesentliche Rolle. Internationale Organisationen können zum einen zwischenstaatliche Organisationen sein, zum anderen internationale Nichtregierungsorganisationen. Beide aber sind international vertreten (Kreff, Knoll, Gingrich 2011: 172).

Der Grund oder die Notwendigkeit dieser Organisationen liegt darin, dass auf Grund von all- gemeinen Globalisierungsprozessen Staaten Probleme auf nationaler Ebene oft nicht mehr allein lösen können. Somit können auch internationale Organisationen selbst als Teil oder als eine Konsequenz der Globalisierung betrachtet werden.

Vor allem die Geschwindigkeit von wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten als Bestandteil der Globalisierung unterscheidet diese von früheren Globalisierungsformen. Aus der Komple- xität der Probleme als Folge von internationalen Beziehungen entstanden seit Ende des Zwei- ten Weltkriegs einige wichtige und einflussreiche Organisationen. Ihre wichtigsten Funktionen liegen in der Kommunikation und der Schaffung verlässlicher Strukturen, um eine funktionsfä- hige internationale Politik zu fördern.

Als einige der wichtigsten – aus einer Vielzahl von internationalen Organisationen – können folgende betrachtet werden (Scherer 2014: 1-21):

United Nations (UN):Die UNO wurde 1945 gegründet, hatte im Februar 2014 193 Mitglieds- staaten und setzt sich für die Erhaltung des dauerhaften Friedens, die Einhaltung des Völker- rechts und die Förderung der internationalen Zusammenarbeit ein (Scherer 2014: 5).

International Laber Organisation (ILO):Sie wurde 1919 gegründet und ist seit 1949 eine Sonderorganisation der UN, im Februar 2014 waren 185 Staaten Mitglied der Organisation. Das Hauptziel der ILO ist die Friedenssicherung, durch die Sicherung sozialer Rechte (ebd.: 7).

World Trade Organisation (WTO):Die WTO wurde 1995 gegründet und folgte der GATT (General Agreement on Tarifs and Trade (1948)) nach. Sie setzt sich die Liberalisierung des Handels zur Erhöhung der Wohlfahrt der teilnehmenden Staaten zum Ziel (ebd.: 9f).

Internationaler Währungsfond (IWF):Der IWF wurde 1944 gegründet und hatte im Februar 2014 188 Mitgliedsstaaten. Das Ziel besteht darin, internationale Finanzbeziehungen zu len- ken, in die Geld- und Fiskalpolitik einzugreifen und staatliche Haushaltsdefizite, Auslandsver- schuldungen etc. zu überwachen (ebd.: 12).

Weltbank:Die Weltbank wurde 1944 gegründet und hat 184 Mitgliedsländer. Sie soll Kredite an bestimmte Länder und Regionen gewähren, Entwicklungszusammenarbeitsmaßnahmen leisten und Staatsausgaben überwachen (ebd.: 14).

Organization for Economic Co-operation and Development (OECD):Die OECD wurde 1961 gegründet und hatte im Februar 2014 34 Mitgliedsstaaten. Ziel ist es, finanzielle Stabilität zu sichern und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung zu lenken (ebd.: 16).

Die eben angeführten Organisationen sind oftmals an Verhandlungen auf internationaler Ebene beteiligt. Daraus kann auch Rückschluss auf ihre Bedeutung und ihren Einfluss in Be- zug auf Globalisierungsprozesse und -entwicklungen gezogen werden.

Trotz ihrer relevanten und oft hilfreichen Tätigkeiten geraten eben genannte Organisationen auch immer wieder unter Kritik. Diese wird nicht nur von Fachgremien oder Experten und Ex- pertinnen artikuliert, sondern auch von politischen und gesellschaftlichen Instanzen. Die ge- äußerte Kritik bezieht sich hierbei weniger auf Missstände oder Fehlverhalten internationaler Organisationen, als vielmehr auf den Mangel einer demokratischen Legitimität. Das heißt, es wird oftmals eine ganz andere Steuerungsdynamik im politischen Bereich gefordert, als sie derzeit besteht. Fragen, die in diesem Bezug auftauchen, sind zum Beispiel ob Mitgliedstaaten dieser internationalen Organisationen selbst demokratisch aufgebaut sein müssen, damit auch die Organisationen als demokratisch angesehen werden können? Weiters fehlt solchen inter- nationalen Organisationen eine gemeinsame Öffentlichkeit mit demokratischem Wahlsystem, durch welche sie schließlich zu autoritativen Entscheidungsinstanzen würden. Da dies ohne eine Weltrepublik nicht möglich ist, wird immer wieder eine öffentliche Kontrolle von internati- onalen Organisationen gefordert, um die Souveränität der Nationalstaaten im Globalisierungs- prozess nicht zu unterminieren (Falke 2005: 179ff).

Ein Beispiel für eine solche Unterminierung ist die zuvor bereits erwähnte Abwanderung von Produktionsbetrieben in sogenannte Billiglohnländer, wo meist auch ökologische Standards niedriger sind als im Ursprungsland. In einem solchen Fall würde die WTO über wichtige Sank- tionsmechanismen verfügen. Immer öfter ist es ihre Aufgabe, Konflikte zwischen Handelsre- geln und staatlichen Umweltbestimmungen zu lösen. Dadurch macht sie sich aber auch an- greifbar für den Vorwurf, lediglich ein Instrument wichtiger transnationaler Unternehmen zu sein und im Interesse derer zu handeln (Falke 2005: 186).

So entstand mit der Globalisierungswelle in den 1990er-Jahren auch eine Protestwelle, die bis heute andauert. Immer mehr soziale Netzwerke, deren Mitglieder sich über das Internet welt- weit austauschen, protestierten gegen die Auswirkungen der Globalisierung und internationale Organisationen. Im Jahr 1999 kam es daher zu einer Protestaktion auf der WTO-Konferenz in Seattle von mehr als 1.200 nichtstaatlichen Organisationen, mit der Forderung, die Rechts- sprechungsbefugnisse der WTO nicht weiter auszudehnen, solange nicht ihre Funktionsweise genau untersucht und auch offengelegt würde. Aber auch die UN wurde kritisiert, ihre Ver- handlungsstrukturen seien oft ineffizient, da sie auf dem Souveränitätsprinzip der Mitglieds- staaten beruhe und dadurch Abmachungen und Übereinkünfte sehr schwerfällig von statten gingen (Lemke 2012: 56f).

Untersuchungen zeigen immer wieder, dass die Globalisierung zu einem Voranschreiten von Inklusions- und Exklusionsprozessen führt und infolge die gesellschaftliche Ungleichheit steigt. Das heißt, dass derzeit nicht nur die gegenseitige Abhängigkeit im internationalen Rahmen zunimmt, sondern auch die Ungleichheit (ebd.: 57). Genau dieses Fortschreiten der unglei- chen Entwicklungen auf der Welt veranlasste die UN im Jahr 2000 bei der 55. UN-Generalver- sammlung, auch „Millenniums-Gipfel“ genannt, die „Millenniumserklärung“, welche eingangs bereits kurz erläutert wurden, zu verlautbaren (ebd.: 59).

Folglich ist erkennbar, dass das Entstehen von internationalen Organisationen nicht immer nur positiv zu bewerten ist. Selbst, wenn sie aus jener bestimmten Situation heraus gegründet wurden, um Hilfestellungen im Globalisierungsprozess zu leisten, ist dies nicht immer zur Zu- friedenheit der Menschen geschehen. Immer wieder werden Entscheidungen getroffen oder Handlungen gesetzt, die nicht im Interesse der Betroffenen sind.

4.2 Globalisierung in Tansania

Im nächsten Punkt wird speziell auf die Folgen der ökonomischen Globalisierung in Tansania eingegangen.

4.2.1 Liberalisierung in den 1980er-Jahren

Wie bereits in Kapitel 3.2 geschildert, erfolgte in Tansania ein Wechsel des wirtschaftlichen Systems im Jahr 1985, als Nyerere sein Amt als Präsident niederlegte. Wie in vielen Ländern auf der Welt kam es auch in Tansania zu dieser Zeit zu einer Liberalisierung der Wirtschaft im Land. Preiskontrollen fielen und die Handelspolitik wurde von zahlreichen Einschränkungen befreit. Infolge kam es zur völligen Aufgabe des sozialistischen und von Nyerere eingeführten Ujamaa-Konzepts.

Die Reformprozesse wurden in zwei Etappen umgesetzt. In der ersten Phase – von 1986 bis 1995 – begann eine zusehende Liberalisierung der Wirtschaft, die dazugehörigen Maßnahmen wurden im „Economic Recovery Program“ von 1986 festgehalten (Nord et al. 2009: 3). Dies führte einerseits dazu, dass die Rolle des Staates im Bereich der Produktion, des Marketings, der Importkontrollen und des Fremdwährungstauschs unwichtiger wurde, andererseits wuch- sen zeitgleich der Einfluss und die Teilhabe des privaten Sektors enorm. Die Hoffnung ent- stand, den schweren Krisen der 1980-Jahre und den damit verbundenen negativen Folgen eines stagnierenden Wirtschaftswachstums gegensteuern zu können. Gleichzeitig sollte dem drastischen Rückgang der Exportquoten im internationalen Handel als auch einem Rückgang von industriellen Erzeugnissen Einhalt gewährt werden (Hamad 2014: 515).

Dennoch entsprach das Wirtschaftswachstum nach wie vor nicht den Erwartungen. Erst Mitte der 1990erJahre – in der zweiten Phase, welche 1994 begann – waren positive Effekte der Reformen spürbar (Nord et al. 2009: 3). Zahlreiche halbstaatliche Unternehmen wurden in dieser Zeit privatisiert, um eine finanzielle Entlastung des Staates herbeizuführen, aber auch um die Privatwirtschaft anzukurbeln. Dazu wurde im Jahr 1993 die „Parastatal Sector Reform Commission“ (PSRC) ins Leben gerufen um die Durchführung der Privatisierungen voranzu- treiben, welche auch zum größten Teil bis zum Jahr 2003 abgeschlossen war (ebd.: 18).

Gleichzeitig begann der Export zu florieren und eine vollständige Umstrukturierung des Fi- nanzsektors begünstige Privatinvestitionen. Öffentlichen, bankrotten Betrieben hingegen wur- den keine weiteren Kredite gewährt. So konnte die Inflation im Land wieder gesenkt werden. Das dadurch entstandene Wirtschaftswachstum führte in Folge zu einem Anstieg der Steuer- einnahmen. Zudem stieg auch die Anzahl ausländischer Entwicklungstransferleistungen wie- der an (ebd.:3). Zwei Drittel der veräußerten Betriebe wurden an inländische Investoren ver- kauft, ein Drittel ging an ausländische Interessenten bzw. wurde in Joint Ventures umgewan- delt (ebd.: 18f).

Eine weitere wichtige Entwicklung in Bezug auf wirtschaftliche Änderungen war das veröffent- lichte Dokument zur Reduktion von Armut, das sogenannte „Poverty Reduction Strategy Pa- per“ (PRSP) im Jahr 2000. Das darin angestrebte Ziel war die Reduktion der Armut durch die Politik und öffentliche Gelder. Zudem wurden Maßnahmen zur Dezentralisierung wirtschaftli- cher Aktivitäten angestrebt, um Verantwortlichkeiten in Bereichen der Koordination sowie Im- plementierung von der Staatsebene auf die lokale Ebene zu verlagern. Umgesetzt wurde dies zum Beispiel im Zuge des „Agriculture Sector Development Programs“, bei welchen nicht mehr der Staat, sondern die einzelnen Distrikte selbst für die Planung und Umsetzung ihrer Vorha- ben zuständig waren (Utz, Moon 2008: 305).

Dieser Reformwandel im Jahr 1985 in Tansania kann als neoliberales Paradigma des „New Public Management“ angesehen werden und bedeutet zweierlei: Einerseits ging es dabei um Management kombiniert mit neuen Institutionsökonomien, wodurch private wirtschaftliche Vor- gehensweisen auch im öffentlichen Sektor Anwendung fanden. Auf Grund dessen wurden Leistungen mithilfe bestimmter Kennzahlen auf ihren Erfolg hin gemessen. Des Weiteren galt es, das Angebot nach den Kundenbedürfnissen auszurichten. Andererseits kam es zur Schaf- fung und Anwendung von Anreizmechanismen im öffentlichen Sektor, unter anderem durch Wettbewerbsverhältnisse. Damit sollten bürokratische Hürden abgeschafft werden, um markt- ähnliche Verhältnisse zu erzeugen. Die Rolle des Staates wurde als Folge daraus zusehends unwichtiger (Mgonja, Malipula 2013: 58).

Auf Grund dessen begannen sich auch in Tansania – als eine Konsequenz des Paradigmen- wechsels von einem sozialistischen System hin zu einer liberalen Marktwirtschaft Mitte der 80er-Jahre – Globalisierungsprozesse zu entwickeln. Märkte wurden geöffnet, Privatisierun- gen nahmen ihren Lauf und der Staat wurde in seinen Aufgabenfeldern auf das Nötigste be- schränkt, nicht zuletzt um somit starke Regulierungen zu vermeiden.

5. Der Agrarsektor in Tansania

5.1 Der globale Stellenwert des Agrarsektors

Gegenwärtig werden so viele Lebensmittel pro Person produziert wie noch nie zuvor. Dennoch belegen Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO), dass 840 Millionen Menschen weltweit an Hunger leiden (Zukunftsstiftung Landwirtschaft 2013: 1). Gleichzeitig sind fast 1,5 Millionen Menschen übergewichtig und viele von ihnen sogar fettleibig. Dass die Anzahl der Weltbevölkerung weiter steigen wird und dass nur eine Nachhaltige Landwirtschaft in der Lage sein wird, die dadurch entstehende Lebensmittelversorgung zu decken, wird immer deutlicher (ebd.).

Nicht nur natürliche Klimaveränderungen, sondern vor allem vom Menschen ausgelöste Ver- änderungen, welche sich oft negativ auf die Natur auswirken, zeigen uns, dass ein Wandel im Umgang mit unserer natürlichen und menschlichen Umwelt unerlässlich ist. Denn über 40 % der Treibhausgase werden durch die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion inklusive Verarbeitungs-, Transport-, Verbrauchs- und Entsorgungskosten verursacht. Die Landwirt- schaft ist jener Sektor, der für mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung die Lebensgrundlage darstellt, ohne sie könnten Menschen sich nicht ernähren (ebd.).

Die Landwirtschaft sichert nicht nur die Ernährung, sondern trägt auch zur Erhaltung der Natur bei. Gleichzeitig verhilft sie dazu, die Armut auf der Welt und die Gefahr der Unter- oder Fehl- ernährung zu verringern. Möglich ist dies jedoch nur mithilfe einer „Nachhaltige Landwirt- schaft“, welche von der Politik unterstützt und gefördert werden muss. Warum gerade eine Nachhaltige Landwirtschaft3 zur Ernährungssicherung nötig ist und was diese kennzeichnet, darauf wird in Kapitel 6.2 genauer eingegangen (FAO 2014a: 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2:Landwirtschaftliche Betriebe nach Größe (Quelle: FAO 2014a: 11)

Beim Betrachten von Abbildung 2 wird ersichtlich, dass mehr als 72 % aller landwirtschaftli- chen Betriebe nicht mehr als einen Hektar Grund besitzen. Dennoch sind es gerade diese kleinen Betriebe (0-2 Hektar) und Betriebe mittlerer Größe (2-5 Hektar), welche mehr Ernteer- träge aufweisen, als jene mit viel Fläche. Der Grund dafür ist einfach: Kleinbäuerliche Betriebe nützen ihre Ressourcen und die eigene Arbeitskraft wesentlich intensiver. Betrachtet man wie- derum die Produktivität pro Kopf und nicht pro Hektar, erwirtschaften sie weniger Ertrag als große landwirtschaftliche Betriebe (ebd.: 3f). Hinzu kommt, dass zwar kleine Landwirtschaften mehr Erträge pro Hektar liefern als große, im internationalen Vergleich gibt es jedoch gravie- rende Unterschiede: In ärmeren Ländern ist der Ertrag pro Hektar wesentlich geringer als in reicheren Ländern, eine Folge des durchschnittlich viel geringeren Einkommens (ebd.: 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.1.1 Die Grüne Revolution

Grund für die Veränderungen der Landwirtschaft in den sogenannten Entwicklungsländern ist die Grüne Revolution4 in den 1950er-Jahren. Eine natürliche, auf Ressourcen basierende Her- stellung landwirtschaftlicher Lebensmittel verwandelte sich mehr und mehr in eine durch die Biochemie gesteuerte „Cash Crop“-Erzeugungsmaschinerie. Aufgrund den Einsatz hochtech- nologischer Maschinen konnten die Ernteerträge um ein Vielfaches gesteigert werden. Schäd- linge können seither mit „chemischen Käulen“ bekämpft werden und gentechnisch verändertes Saatgut liefert wesentlich mehr Ertrag als herkömmliche Samen (ebd. 2011: 3). Besonders in Asien führte dies zu einer Belebung der Wirtschaft. Die Anzahl von Getreideanbauflächen ver- doppelte sich um 50 % vom Jahr 1975 bis zum Jahr 2000. Gleichzeitig sank die Armut um 30 % (ebd.: 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 verdeutlicht den Anstieg der wichtigsten Erntesorten in den sogenannten Entwick- lungsländern seit der Grünen Revolution.

Abbildung 3: Weltproduktion der wichtigsten Erntesortenvon 1961-2009 (in Mrd. Tonnen) (Quelle: FAO 2011: 4)

In allen sogenannten Entwicklungsländern 5gemeinsam stiegen die Erträge in der Zeit von 1960 bis 2000 um 208 % für Weizen, 109 % für Reis, 157 % für Mais, 78 % für Kartoffel und 36 % für Maniok/Cassava. Dazu wurden viele tausende Hektar Land in Anbauflächen umgewandelt,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dennoch brachte die Grüne Revolution auch negative Folgen mit sich. Vor allem zahlreiche politische Vorgehensweisen, um eine rasche Intensivierung von Agrarsystemen zu erreichen, sind negativ zu beurteilen. Einige landwirtschaftliche Gebiete wurden dabei völlig außer Acht gelassen und dort, wo die Produktivität gesteigert wurde, war es trotzdem kein Allheilmittel, um allen Hunger-Leidenden und Armen der unteren Schichten zu helfen. Obwohl es zahlreiche Statistiken über die Korrelation zwischen landwirtschaftlicher Produktivitätssteigerung und Ar- mutsreduktion gibt, betrifft dies nur jene Regionen, die von der Grünen Revolution auch als nützlich für ihre Zwecke angesehen wurden. Andere, nicht so vielversprechende und frucht- bare Gebiete profitierten nur sehr marginal, wenn überhaupt, von den neuen Technologien. Eine Vielzahl an Faktoren spielten hierbei eine Rolle: ungleiche Landverteilung oder unsichere Landrechte, Gesetze, die Kleingrundbesitzer benachteiligen, wie mehr Förderungen für hö- here Erträge usw. Auch die Einkommensungleichheit zwischen von Männern und Frauen ge- führten landwirtschaftlichen Betrieben ist ausschlaggebend, denn Frauen verdienten bzw. ver- dienen immer noch weniger als männliche Landwirte. Obwohl sie nicht weniger Erträge liefern, wird ihnen der Zugang zu ertragreicheren Produktionstechnologien oftmals erschwert (ebd.).

Die Grüne Revolution zeitigte nicht nur für den Menschen negative Auswirkungen. Vor allem verheerende Konsequenzen für die Natur waren und sind nach wie vor die Folge. Die zu in- tensiven Nutzung der Landflächen führt zu einer Degradierung des Bodens, zur Versäuerung bewässerter Flächen, zur Übernutzung des Grundwassers, zur Resistenzbildung von Schäd- lingen und zum Abbau der Biodiversität. Hinzu kommen die Abholzung von Wäldern, die zu starken Treibhausgasemissionen und die Verschmutzung von Gewässern (FAO 2011: 5). Er- schreckend daran ist, dass trotz der Ernteertragssteigerungen jeder achte Mensch auf der Welt an Hunger leidet, obwohl mit den erzeugten Lebensmitteln nach Schätzungen zwölf bis 14 Milliarden Menschen versorgen werden könnten (Zukunftsstiftung Landwirtschaft 2013: 4).

In Abbildung 4 ist erkennbar, dass die Zahl an Hungerleidenden insbesondere in Asien und Afrika sehr groß ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die Weltkarte der Unterernährung 2011–2013 (Quelle: FAO 2013c, in: Zukunft der Landwirtschaft 2013: 6)

[...]


1 Planungsvorhaben oder Probleme werden von oben herab definiert und zu lösen versucht, es wird somit nach dem Prinzip "Entwicklung von oben“ vorgegangen. (Schweizerische Eidgenossenschaft 2011: 13).

2 Im Gegensatz zum Top-Down Konzept geht Veränderung oder Planung hierbei von den Betroffenen Menschen aus, nicht von einer übergeordneten Instanz (Schweizerische Eidgenossenschaft 2011: 12f).

3 Grundgesamtheit: 450 Millionen landwirtschaftliche Betriebe in 111 Ländern weltweit.

4 Die Grüne Revolution kann als die Einführung von neuen Technologien wie der Entwicklung von Hochleistungs- sorten sowie dem Einsatz von chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln bezeichnet werden, welche ihren Ursprung in den 1960er-Jahren hat (Jhamtani 2011: 48f).

5 Getreide, Grobkorn, Wurzeln und Knollen, Hülsenfrüchte und Ölfrüchte.

Armut und der Hunger vieler Millionen Menschen weltweit reduzierten sich in Folge (Pingali 2012).

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania unter Einfluss der Globalisierung
Untertitel
Eine theoretische und empirische Arbeit über die NGO MAVUNO in der Region Kagera
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte)
Note
Gut
Autor
Jahr
2016
Seiten
139
Katalognummer
V340840
ISBN (eBook)
9783668309531
ISBN (Buch)
9783668309548
Dateigröße
1551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachhaltige Landwirtschaft;, Subsistenz, Tansania, Globalisierung, MDGs
Arbeit zitieren
Martina Radinger (Autor), 2016, Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania unter Einfluss der Globalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340840

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania unter Einfluss  der Globalisierung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden