Narzissmus in Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsang". Eine psychoanalytische Interpretation


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vogelsang

3. Karl Krumhardt

4. Helene Trotzendorff

5. Velten Andres

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Hauptfiguren der Erzählung „Die Akten des Vogelsangs“ von Wilhelm Raabe1 aus dem Jahr 1896. Ziel ist es Züge von Freuds Psy- choanalyse und deren Ablegern, wie die Selbst-Psychologie, in der Erzählung aufzude- cken. Die Schwierigkeit und zugleich das Interessante an diesem Versuch ist, dass die Psychoanalyse zum Zeitpunkt der Niederschrift und Veröffentlichung der „Akten“ noch vollkommen unbekannt war, so dass Raabe nicht darauf zurückgreifen konnte.

Besondere Aufmerksamkeit widmet diese Arbeit der Narzißmustheorie. Ich werde nachweisen, dass zwei der drei Hauptcharaktere Narzißten sind, wenn auch in unterschiedlicher Gestalt und dass dies eben die Quelle ihres Unglücks ist, weil sie einander unzugänglich sind. Hierbei beziehe ich mich auf Theorien von Freud, Kohut, Balint, Kernberg und Grunberg, zusammengefasst von Hans-Rudolf und Peter Schärer.2 Ebenso beziehe ich mich auf Sahlbergs „ Selbsterschaffung des Genies3 und den Kommentar zu Freuds „ Unbehagen in der Kultur “ von Michael Masanetz.4

Zunächst wird die Umgebung, in der die Hauptcharaktere aufwachsen, untersucht, danach richtet sich der Fokus auf die einzelnen Figuren und ihre Interaktion. Aufgrund des Umfangs der Arbeit muss sie auf werkinterne Abläufe beschränkt werden. Autorenebene und Theorien, wie zum Beispiel Freuds Theorie der Spaltung von Konfliktströmungen im Seelenleben des Autor in mehrere Partial-Ichs,5 d.h. mehre- re Figuren (vgl. Freud: Dichter 177), oder eine Untersuchung der Parallelen in den Mut- ter-Kind Beziehungen6 der untersuchten Figuren können hier leider nicht geleistet wer- den.

Der Primärtext wird ohne Name in Klammern nur mit Seitenzahl zitiert (es sei denn, die sprechende Figur ist von Relevanz, sie wird nach Komma angefügt), die Sekundärliteratur mit Namen und Seitenzahl.

2. Der Vogelsang

Zur Betrachtung des Sozialisationsprozesses der drei Hauptcharaktere ist der Blick auf die Nachbarschaft als Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen, unumgänglich: Karl Krumhardt, Velten Andres und Helene Trotzendorff sind weit mehr als Nach- barskinder. Sie sind alle Einzelkinder und ihr Verhältnis zueinander lässt sich als ge- schwisterlich bezeichnen. Verstärkt wird dies dadurch, dass Karls Vater die „einzige treue, sorgliche männliche Stütze in der nahen Nachbarschaft und der weiten Welt“ (42, Amalie) ist, denn Veltens Vater starb, als der Junge noch so klein war, dass er keine ei- genen Erinnerungen an ihn hat, und Helenes Vater hat seine Frau und Tochter wegen fi- nanzieller Schwierigkeiten aus Amerika nach Deutschland zurückgeschickt und lässt bis auf einen sporadischen Geldwechsel nicht viel von sich hören. Nach Dr. Valentin Andres Tod wurde Karls Vater die Obervormundschaft als „Familienfreund“ übertra- gen, womit er für Velten zum rechtlichen Vaterersatz wird, der auf den Jungen aber lan- ge nicht soviel Einfluss hat, wie auf den eigenen Sohn. Karls Vater ist es auch, der ver- sucht, Vernunft in Agathe Trotzendorff zu erwecken, dies aber schnell aufgibt. In der sexuellen Sozialisation spielt nach Freud der Ödipuskomplex die entscheiden- de Rolle bei der Lösung der natürlichen Bindung des Kindes zur ersten Bezugsperson (der Mutter), um eine reife Persönlichkeit mit reifer Objektwahl und Partnerbeziehung zu entwickeln (vgl. Masanetz 142). Hierzu ist der Vater als Dritter wichtig, der die Dualunion stört und das Draußen in die Welt des Kindes bringt. Velten und Helene fehlt dieser, was sich darin bemerkbar macht, dass Velten bis zuletzt eine extrem starke Bin- dung zu seiner Mutter hat, sein Über-Ich dagegen naiv und überhaupt wenig ausgeprägt scheint (Wert- und Normbildung nach bürgerlichem Vorbild haben nicht stattgefunden). Sowohl er als auch Helene sind beide nicht in der Lage eine reife Ob- jektwahl zu treffen, was später noch im einzelnen ausgeführt wird. Kohut führt dies zu- rück auch eine Unterstimulierung der Kinder infolge von Veränderung der Familie- struktur und der familiären Interaktion, Verschwinden eines klar konturierten Vater-I- mago und daher Schwächung der ödipalen Triangulierung (vgl. Schärer 34). Nach Sahl- berg ist die Auseinandersetzung mit dem Vater für die Realitätsbewältigung von hoher Relevanz (vgl. Sahlberg 13). Hieran scheitern sowohl Velten als auch Helene; Velten ersetzt diesen Vater durch die Dichter, nach deren Wort er zu leben versucht und doch scheitert und sich selbst unglücklich macht - es gipfelt in: „Sei gefühllos! Ein leicht be- wegtes Herz ist ein elend Gut auf der wankenden Erde.“ (142) Helene verlebt ihre Kind- heit und Jugend mit den Phantasien ihrer Mutter, die sie nur ungenügend auf das Leben in Amerika vorbereiten und für das Leben im Vogelsang unbrauchbar machen.

Die Ablösung von den engen Gefühlsbanden der Familie, so Freud, ist eine ent- scheidende Entwicklungsaufgabe. „Löst er [der Mensch] sie nicht, bleibt er auf einer infantilen Stufe stehen.“ (Masanetz 142) Auch dies wird an Velten und Helene deutlich, die beide bis zuletzt an der Kindheit festhalten, ja sich an sie klammern, doch auch dies wird im einzelnen noch behandelt werden. Karl und Velten wachsen also, wenn nicht als leibliche Geschwister so doch als beste Freunde auf und holen Helene nach deren Ankunft im Vogelsang (die Jungen sind zwischen zehn und zwölf Jahre alt, Helene um die zehn) in ihren Kreis.7

Wie die Kinder sind auch die Mütter8 noch aus Kindertagen miteinander befreundet. Karls Mutter, Adolfine, ist eine passive, hinter ihrem Mann zurückstehende Frau, die laut Karl immer der Meinung ihres Mannes ist, jedoch „eine gute Mutter und die beste der Gattinen“ (7, 8). Helenes Mutter ist eine Diva und Egozentrikerin, was mit der abso- luten Unfähigkeit, sich um ihre Tochter zu kümmern, geschweige denn, sie zu erziehen einhergeht. Helene macht einen recht verwahrlosten Eindruck, was nicht nur daran liegt, dass ihre Mutter kein Geld hat, sondern auch nicht einsieht, sich in ihre neuen Verhält- nisse (die immerhin acht bis zehn Jahre andauern) einzufinden. Selbst ihre Freundinnen bezeichnen „das Frauenzimmer“ als „komplette Närrin“ (20). Versucht jemand (berech- tigte) Kritik an ihr oder ihrer Tochter zu üben, verhält sie sich überaus defensiv: Ihre

Tochter sei eben bestimmt für ein größeres Leben (vgl. 15), was nichts anderes ist als eine Abwehr, um den eigenen Narzißmus nicht zu gefährden (vgl. Schärer 40). Über Veltens Mutter Amalie wird gesagt, wie schön sie doch die Welt sehe, gefolgt von Vater Krumhardts Ausruf: „Die Frau ist unzurechnungsfähig.“ (13) Sie bezeichnet sich denn auch selbst als mit dem Jungen überfordert, wisse nicht, was mit ihm zu tun

Namensbedeutungen:

Adolfine, zusammengesetzt aus edel, Adel, vornehmes Geschlecht, und Wolf, sehr spekulativ: ihr Sohn ist für den „Adel“ also die gehobene Gesellschaft. bestimmt.

Agathe, die Gute, hier zur Närrin verkommene.

Amalie, die tüchtige, die Tapfere, tapfer hält sie bis zuletzt im Vogelsang aus, der sich so sehr verändert, um auf ihren Jungen zu warten.

sei. Sie handelt inkonsequent, indem sie ihrem Sohn Kleinigkeiten verbietet (Vogeleier sammeln), ihn aber, wenn er richtig etwas angestellt hat, (Hartmanns Hütte in Brand gesteckt) weder ausschimpft, noch ausschimpfen lässt. Velten sagt von ihr, dass sie „von der Scheußlichkeit der Menschheit […] nur sehr dunkele Begriffe [hat] und [er] tue deshalb auch [s]ein möglichstes, ihr nach und nach klarere beizubringen.“ (52) Sie selbst meint, ihr Mann hätte sie in die Höhen gezogen und nun sei sie unvernünftig und unverständig (vgl. 42). Dem gegenüber hat sie ein sehr mitleidiges, liebendes Herz und versteht die meisten Menschen intuitiv besser als sonst jemand. Karl schildert die Erinnerungen an sie auch als hell und freundlich (vgl.12).

Die Fehltritte von Velten (der immer als Haupttäter bezeichnet wird) und Helene werden immer mit der Abwesenheit der Väter entschuldigt. Mit Schärer und Schärer ausgedrückt, ist diese Übertreibung der väterlichen Macht ein Ablehnen der eigenen Verantwortung und Möglichkeit das eigene Versagen auf andere abzuwälzen (vgl. Schärer 51) Das mag hart klingen, ist aber Raabe anzurechnen, der (wohlgemerkt zeitgemäß) sehr schwache Frauenfiguren gezeichnet hat.

„Nachbarschaft“ bedeutet imVogelsang noch echten Zusammenhalt, man hilft sich wo nötig, macht sich seine lieben Sorgen und um Herrn Hartleben, den Vermieter der Trotzendorffs nicht auszuschließen: holt der anderen Kinder aus den Bäumen. Jedoch „begreifen“ sich die Eltern nicht.

Anders scheint das für das Dreiergespann der Kinder.9

3. Karl Krumhardt

Habe ich mir so sehr Pantoffeln und so sehr ‚was Trockenens’ nach dem Rat meiner armen, guten Mutter angezogen, daß man es mit Mißbehangen aus diesen Blättern mir anmerkt?

Ich glaube nicht.

Was erzieht alles an dem Menschen? Und wie werden mit allen anderen Hoffnun- gen und Befürchtungen Eltern-Sorgen und -Glücksträume zunichte und erweisen sich als überflüssig oder besser als mehr oder weniger angenehmer Zeitvertreib im Erdendasein!

Als ein wohlgeratener Sohn, als ein älterer, verständiger Mann, als wohlgestellter Familienvater, als ‚angesehener’, höherer Staatsbeamter erzähle ich heute […]

Für Karl Krumhardt, war die Vergangenheit ein abgeschlossenes Kapitel - in Erin- nerungen versunken. Als jedoch der Brief von Helene über Veltens Tod eintrifft, nimmt ihn das deutlich mehr mit, als er gedacht hätte. Zeichen hierfür sind sowohl die sofortige Abreise, die die Niederschrift der Akten des Vogelsangs auslösen wird, als auch die Dauer des Schreibprozesses von gut einem halben Jahr, passend zu Ostern abgeschlos- sen - zum Einläuten eines neuen Lebens für Karl. Die Akten müssen zwischendurch niedergelegt werden und das nicht nur weil der Sohn schwer erkrankt, sondern der Pro- zess emotional anstrengend ist. Karl schweift in seinen Erzählungen permanent ab, so- dass die Akten im Endeffekt keine sind; er verliert seinen klaren Anwaltsstil, was für eine hohe affektive Besetzung spricht. Für ihn ist die Niederschrift eine Therapie, das Schreiben dient der Verarbeitung und wohl erstmaligen Betrachtung der Geschehnisse aus einer etwas entfernteren Perspektive, aber eines neuerlichen Durchlebens. Karl hat das „Bedürfnis nach einem, nach etwas, das einen ruhig anhört, aussprechen lässt […]“

(8) - nach Freud die Aufgabe des Therapeuten. Er beginnt die Niederschrift „zu eigenster Seelenerleichterung.“ (8)

Karl begibt sich in die Beobachterrolle und schreibt, wie er sagt, alles in neuem Lichte, ihm wird vieles bewusst, was er damals, als er in diesem vergangenen Leben noch steckte, nicht bemerkt hatte, oder ihm so nicht klar gewesen war. Er schreibt die Akte ‚Helene Trotzendorff gegen Velten Andres’, doch im Laufe der Arbeit wird sie auch zu einer Akte ‚Karl Krumhardt gegen Velten Andres’. Im Prozess stellt er nicht nur die Handlung der beiden in Frage sondern reflektiert seine Rolle, sowohl in der

Freundschaft, als auch in seiner Familie. Sein Titel, seine Errungenschaften werden zum Anker, an dem er sich festzuklammern versucht, sich zu rechtfertigen sucht, gegen die Freunde, gegen sich selbst.

Wenn ich jetzt, mit dem Kopf in der Hand, überlege, was ich dagegen tun konnte, daß sie ihren Willen, auf ihrem und - meinem Weg aufwärts als grämliche Sieger zu fallen, nicht bekamen, und mir sagen darf: ‚Wenig!’, so ist das ein Trost, aber nur ein geringer, und man hat erst an seine eigenen Nachkommen und deren Tröstung zu denken, ehe man sich wieder beruhigter, gelassener vor solch einem Aktenbündel wie dieser [sic!] hier vorliegende im Sessel zurechtrückt. (128)

Die Niederschrift ist für ihn ein Entwicklungschschritt. „Die Wiederkehr des Ver- drängten im Werk zielt auf eine Selbstaneignung, auf Selbsterkenntnis […].“ (Sahlberg 36) Als er sie abschließt, ist es ihm vielleicht gelungen seine Vergangenheit zu verarbei- ten - denn es sind nahezu die letzten Worte, dass was am Ende zählt, die Kinder sind - und er kann die Vergangenheit ‚zu den Akten legen’. Dass er sie allerdings zu den Fa- milienakten legt, zeichnet den persönlichen Wert aus und vielleicht kann es als ‚doch noch nicht loslassen können und wollen’ gelesen werden.

Hier möchte ich nun in die Akten eintauchen, um die Erkenntnisgewinnung Karls zu illustrieren.

Auf den ersten Blick ist es Karl, den man allein, als wohlgeratenen, als im gutbür- gerlichen Sinne ‚normal’ bezeichnen kann. Er ist das Musterkind der drei, er weiß sich zu benehmen und seinen Eltern keine Schande zu machen; er hat gute Noten, nicht das Genie Veltens, aber doch genug Vorstellungskraft und Disziplin um zum Ziel zu kom- men. Im Gegensatz zu Velten besteht er das Abitur im ersten Versuch solide und sein Studium der Jurisprudenz (wie der Vater es wollte) beginnt, nicht zuletzt wegen Veltens Abwesenheit, sehr gut.

Karl ist derjenige, an den alle hohe Erwartungen stellen. Seine Eltern haben in ihrem Leben nicht alles erreicht (der Vater hat nicht studiert und es über den Oberregierungs- sekretär mit Anwartschaft auf den Titel Rat nie hinaus geschafft) und deshalb ihr Leben darauf ausgerichtet, ihrem Sohn den Weg bis ganz oben in die Gesellschaft zu ermögli- chen. Sie opfern dem sehr viel und erwarten von Karl, dass er sich dem fügt. Daher er- zieht der Vater ihn sehr streng, trennt ihn, wo er kann, vom schlechten Einfluss Veltens (nimmt ihn mit in die Studierstube) und redet ihm ständig ins Gewissen. Als Kind hat Karl Angst vor seinem Vater, er ist eine richtige Autoritätsperson. Dass diese Erzie- hung, beziehungsweise das nach Freud noch wichtigere Vorbild, zur Erschaffung eines stark ausgeprägten Über-Ichs verholfen hat, sieht man in der Verinnerlichung der elterli- chen Werte. Ausdruck dafür ist das Bild des Vaters über Karls Schreibtisch, das in ihm Gewissensbisse auslöst. Freud spricht hier von einer Verinnerlichung der Elterninstanz.

Sexual-sozialisatorisch gesehen ist Karl als treuer Ehemann (in wiefern liebend wird nicht genau klar, jedoch wird ein Eindruck von Verliebtheit zum Zeitpunkt des ‚auf Freiersfüßen sein’ erweckt) und Vater zu echter Objektliebe (nach Balint) fähig. Es ist allerdings ebenso bezeichnend, dass seine Frau seiner Mutter sehr ähnelt.10 Sie füllt die Rolle der perfekten Ehefrau zum Ende des 19. Jahrhunderts ebenso aus, wie Karls Mutter. Sie unterstützt Karl, ist nachsichtig mit ihm, ist verständnisvoll, vergebend und geduldig11 - genau was er braucht, denn seine Vergangenheit hat ihn geprägt. Durch den Umgang mit Velten und Helene, sowie Veltens Mutter hat Karl eine starke Empathie für die „Phantasten“ entwickelt.

Für Karl werden die Entscheidungen getroffen, seine Eltern bestimmen seine Kar- riere, seine Frau bestimmt das Eheleben, Velten bestimmt, wann er sich von ihm trennt. Er ist eine eher passive Figur, bis zu dem Zeitpunk an dem er die Initiative ergreift und beginnt die „Lebensakten“ zu schreiben.

Auf der anderen Seite ist er der einzige der drei, der später ernst genommen wird, der einzige, dem zugetraut wird, alle zu verstehen: „Sieh, Kind, ich rede ja nur so of- fen und frei mit dir, weil du von uns allen hier im Vogelsang der einzige wirklich Verständige bist und mit deinem Herzen und Gemüte doch auch zu mir und Helene und deinem Freunde gehörst - weil du zu meinen Vogelsangkindern gehörst! (96)

Seine Freundschaft zu Velten besteht zu einem Großteil aus Bewunderung und Fas- zination. Velten ist in dem Dreiergespann der Dominante, der Anführer, Anstifter, was auch daran liegt, dass Karl als Sohn seiner Eltern besonders gut folgen kann. Dennoch ist Karl unabkömmlich und sei es als Puffer zwischen Helene und Velten, zwei Extre- men, die Vermittlung brauchen, wobei Karl diese Rolle, so scheint es, nicht wirklich ausfüllt. Er liebt und versteht Velten auch genug um über dessen ‚Macken’ hinwegzuse- hen. Veltens Art Karl gegenüber ist nicht immer unbedingt freundlich, teilweise sogar herablassend, wenn er Leon Karl als langweilig vorstellt, oder Karls Sohn regelrecht be- leidigt, obwohl dieser ein Säugling ist. Velten zieht Karl mit seiner bloßen Anwesenheit in seinen Bann („In Berlin verfiel ich ihm sofort wieder.“ (62)) und Karl ist unfähig, sich diesem zu entziehen. Erst viel später geht ihm auf, wie fatal diese Bewunderung wirklich ist:

Mein ganzes Leben lang habe ich mit diesem Velten Andres unter einem Dach woh- nen müssen, und er war mit Herz und Hirn nicht immer ein Hausgenosse von der be- quemsten Art - ein Stubenkamerad, der Ansprüche machte, die mit der Lebensge- wohnheit des anderen nicht immer leicht in Einklang zu bringen waren, ein Kumpan mit Zumutungen, die oft den ganzen Seelenhausrat des soliden Erdenbürgers ver- schoben, daß kein Ding anscheinend mehr an der rechten Stelle stand. Ich hatte ver- sucht - wer weiß wie oft! -, Während er draußen sich umtrieb und ich zu Hause ge- blieben war, ihn auf die Gasse zu setzen. Das war vergeblich, und nun - da er für im- mer gegangen ist, will er sein Hausrecht fester denn je halten: ich aber kann nicht

länger mit ihm allein unter einem Dach wohnen. So schreibe ich weiter. - (152)

Karl fühlt sich Velten immer unterlegen: „War das der Mensch, dem ich im Innersten doch mit meiner deutschen Burschenherrlichkeit zu imponieren gewünscht hatte? Es ging ein Zug von so frühreifer Welterfahrung und Weltgewandtheit“ (64), dass Karl sich unterlegen fühlt. Die Anziehungskraft die von Velten auf Karl ausgeht ist nicht von Ungefähr. Nach Freud sind Narzißten für diejenigen in Werbung um Objekt-Beziehun- gen (also nicht narzißtische Personen wie Karl) extrem anziehend (vgl. Schärer 37) Deswegen findet sich Karl als Bewunderer bei Leon und besonders Leonie, aber auch bei der Fechtmeisterin in bester berliner Gesellschaft.

[...]


1 Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Stuttgart: Reclam 2008 (= RUB 7580). (Im Folgenden nur mit Seitenzahl angegeben.)

2 Schärer, Hans Rudolf; Schärer, Peter: „ Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt “ .

Literaturwissenschaft und Narzißmustheorie. In: Literatur und Psychologie (IV). Literaturwissenschaft und Narzißmustheorie. Luzern und Altendorf 1993. (Im Folgenden als: Schärer)

3 Sahlberg, Oskar: Die Selbsterschaffung des Genies. Elemente einer Grammatik der künstlerischen Phantasie. Freiburg: 1995, S. 27-47. (Im Folgenden als Sahlberg)

4 Masanetz, Michael: Siegmund Freuds „ Das Unbehagen der Kultur “ Kritik und Apologie der

Zivilisation. Versuch eines Kommentars. Bibliotheque des Nouveaux Cahiers d’allmand, Concours 98, S. 137 − 155. (Im Folgenden als Masanetz)

5 hier Karl und Velten, nach Freud, Siegmund: Der Dichter und das Phantasieren. In: Bildende Kunst und Literatur 1908, S. 169-179.

6 Velten - Amalie, gegenüber Wilhelm Raabe und seine Mutter, die auch ein enges Verhältnis hatten.

7 Anders als bei wirklichen Geschwistern, haben alle drei eine andere Mutter, müssen hier also nicht im Freudschen Sinne um die Liebe und Milch der Mutter konkurrieren, sodass sich kein Neid daraus en- twickelt. Neidisch sind Karl und Helene jedoch auf Velten, weil dessen Mutter die mit Abstand liebevoll- ste ist. Sie wird später auch von Helene „Tante“ genannt. Auf Karl sind die anderen nur neidisch, weil er einen Vater hat, sie beneiden ihn nicht um den strengen ordentlichen Vater selbst. Wobei Helene immer wieder betont, dass sie einen Vater hat, was ihr allerdings nicht hilft, da dieser weit weg ist und somit für die Sozialisation verwirkt.

8 Symbolisiert wird diese Beziehung sehr schön durch den geteilten Anfangsbuchstaben der Vornamen Adolfine, Agathe und Amalie. Das A kann hier auch Zeichen für den Beginn und Mutterschaft gelesen werden.

9 Von Velten oft Karlos, (nach Schillers Don Karlos) genannt. Ich möchte in den Fußnoten zu den sprechenden Namen der Figuren wenigstens einige Gedanken aufschreiben: Eine der ersten Assoziation zu Karl ist „Karl der Große“, von den Eltern ein gut ausgewählter Name für ein Kind, dass in seinem Leben viel erreichen soll. Krumhardt - krummes Herz (hardt von engl. heart, meiner Meinung nach legitim, weil viel mit engl. Namen gespielt wird im Roman) ein krummes Herz, weil Karl nicht der stabile Bürger ist, für den ihn sein Umfeld hält, von seiner Vergangenheit doch stark beeinflusst.

10 Ihr Vorname, Anna (die Gnädige, von Gottes Gnade, begnadet), beginnt wie die der anderen Mütter mit einem A.

11 Attribute die nach Balint eine wirkliche Objektliebe ausmachen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Narzissmus in Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsang". Eine psychoanalytische Interpretation
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Psychoanalyse in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V340919
ISBN (eBook)
9783668303751
ISBN (Buch)
9783668303768
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freud, Raabe, Akten des Vogelsang, Narzissmus, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Anna Schenck (Autor), 2012, Narzissmus in Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsang". Eine psychoanalytische Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340919

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