Soziales Aushandeln von Normen bei Instagram

Welche Normen gibt es für Jugendliche bei Instagram und woher kommen sie?


Bachelorarbeit, 2016

34 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Anthony Giddens Strukturationstheorie
2.2 Normen
2.3 Instagram: Funktionsweise
2.4 Forschungsstand

3. Empirische Erhebung: Methode
3.1 Erhebungsinstrument
3.2 Kategoriensystem und Leitfaden
3.3 Stichprobe
3.4 Gesprächssituation
3.5 Vorgehen bei der Auswertung

4. Empirische Erhebung: Ergebnisse - Gruppenportrait
4.1 Allokative Ressourcen
4.2 Regeln der Signifikation
4.3 Regeln der Sanktion
4.4 Gruppenidentität als Einflussfaktor für die Gruppennormen

5. Fazit

Literatur- und

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersstruktur der Nutzerschaft von Social-Media-Plattformen 2015

Abbildung 2: Prozess der reflexiven Strukturation

Abbildung 3: Modell der Einflussfaktoren

Abbildung 4: Inhaltetypen auf Instagram

Abbildung 5: Instagram-Nutzertypen

Abbildung 6: Kategoriensystem

Abbildung 7: Übersicht über die Teilnehmer der Gruppendiskussion in Gruppe 1

Abbildung 8: Übersicht über die Teilnehmer der Gruppendiskussion in Gruppe 2

1. Einleitung

Jugendliche, aber auch Erwachsene, sind heute eigentlich „always online“. Das belegen Studien über die Mediennutzung Jugendlicher in Deutschland (vgl. DIVSI, 2014; MPFS, 2015). Sie zeigen in deutlichen Zahlen, was in der öffentlichen Darstellung längst als Tatsache gehandelt wird: Die weite Verbreitung von Smartphones und Tablets machen es möglich, dass Offliner vor allem unter den Jugendlichen eine Seltenheit geworden sind (vgl. DIVSI, 2014, S. 20): Laut JIM-Studie (Jugend, Information, (Multi-) Media) (2015) besitzen 92 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen ein Smartphone und rund drei Viertel dieser Jugendlichen hat eine Flatrate zur Verfügung und kann damit eigentlich immer ungehindert ins Netz (vgl. MPFS, 2015, S. 7). Gerade deshalb, weil Jugendliche überwiegend über das Smartphone mit dem Internet verbunden sind, ist für sie das subjektive Empfinden von „Online- und Offline-Zeiten fließend“ (vgl. DIVSI, 2014, S. 68). 97 Prozent aller Jugendlichen nutzen das Internet, 80 Prozent sogar täglich und weitere zwölf Prozent zumindest mehrmals pro Woche (vgl. MPFS, 2015, S. 29).

Jugendliche (zwölf bis 19 Jahre) gehen nach eigenen Angaben an einem normalen Tag durchschnittlich 208 Minuten online. Davon entfällt der größte Anteil der onlineNutzungsdauer mit 40 Prozent auf den Bereich Kommunikation, womit insbesondere die Nutzung von online-Communities und Messenger-Diensten gemeint ist, und rund ein Viertel dient der Unterhaltung (vgl. ebd., S. 31). Die wichtigste App für Jugendlichen ist WhatsApp (90%), gefolgt von Facebook (33%) und Instagram (30%) (ebd., S. 57).

Social Media ist ein Bereich im Internet, der allgemein stark von einer jungen Nutzerschaft geprägt ist. Doch unter allen Social Network Sites (SNS) ist Instagram die Plattform, die in ihrer Ausschließlichkeit von jungen Anwendern alle anderen SNS übertrifft: Von all jenen, die Instagram zumindest gelegentlich nutzen, sind 70 Prozent im Alter zwischen 14 und 29 Jahren, 21 Prozent zwischen 30 und 49 Jahren und nur 10 Prozent höheren Alters (vgl. Tippelt & Kupferschmitt, 2015, S. 443). Damit ist Instagram unter allen Social Media Plattformen das jüngste Medium (siehe Abbildung 1).

Während die Nutzung von anderen Communitys, wie Facebook, seit 2013 stagniert und zum Teil rückläufig ist, kann Instagram im Vergleich zu 2014 zumindest noch leicht zulegen (vgl. ebd., 2015, S. 443). Diese Attraktivität gerade unter jungen Onlinern ist der vorwiegende Anlass, sich mit der Nutzung dieses Mediums in der vorliegenden Arbeit auseinanderzusetzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Tippelt & Kupferschmitt, 2015, S. 443

Instagram ist eine Foto- und Video-Sharing Plattform mit interaktiven Möglichkeiten, wie das Kommentieren der geteilten Fotos und das Markieren der Bilder, wo eine Verknüpfung mit anderen Nutzern hergestellt wird (vgl. Manikonda, Hu und Kambhampati, 2014). Die Standardeinstellung der Privatsphäre nach Installation der App auf dem Smartphone ist „öffentlich“ und nicht „privat“ wie beispielsweise auf Facebook, was zur Folge hat, dass alle veröffentlichten Inhalte grundsätzlich für jedes Mitglied einsehbar sind, insofern diese Voreinstellung nicht aktiv geändert wird (ebd.). In den vergangen Jahren wurde in der Öffentlichkeit viel und breit über Datenschutz diskutiert. Trotz der Sensibilisierung für die Gefahren, die mit der Preisgabe privater Informationen im Netz verbunden sind, scheinen öffentliche Profile bei Instagram die Regel zu sein (vgl. Furini & Tamanini, 2015). Warum ist das so? Warum erreichen offensichtlich die in der Öffentlichkeit artikulierten Sorgen nicht das Verhalten der Jugendlichen bei Instagram?

Während bei Kindern die Bezugspersonen für Fragen rund um das Internet noch überwiegend die Eltern sind, dominieren bei Jugendlichen die Freunde als Ansprechpartner. Dieser Zusammenhang erklärt sich zum einen mit der allgemein zunehmenden Orientierung an der Peergroup in diesem Alter, aber auch durch den Umstand, dass Jugendliche sich nun mehr Internet-Kompetenz zusprechen als ihren Eltern (vgl. DIVSI, 2014, S. 66 ff.). Auf Grundlage dieser Überlegungen, dass es sich bei Instagram um relativ junge Anwender handelt, die sich stark an den Peers orientieren, ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, der Frage nachzugehen, wie Jugendliche sich Normen für die Nutzung von Instagram aneignen. Ich gehe dabei den Fragen nach: Welche Normen existieren unter Jugendlichen bei Instagram und woher kommen diese?

Zur Beantwortung dieser Fragen bediene ich mich des theoretischen Modells von Anthony Giddens (1995) zu den Themen Handlung und Struktur, da sein Handlungsmodell sowohl das Individuum (Instagramnutzer) als auch die zugrunde liegende Struktur (Medium, andere Nutzer, Gesellschaft) berücksichtigt. Die empirischen Ergebnisse liefert eine qualitative Auswertung zweier Gruppendiskussionen. Die Entscheidung für diese Methode ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Bildung von Normen ein sozialer Prozess ist, der sich am besten in der Interaktion und gegenseitigen Reflexion der Peers abbilden lässt. Zu Beginn der Arbeit werde ich den theoretischen Hintergrund beschreiben, also Giddens Strukturationstheorie, und zeigen, welche Aspekte sich auf den Gegenstand der Arbeit anwenden lassen. Daran schließt sich eine kurze Abhandlung über Normen an, die in der Digitalen Welt eine Rolle spielen. Im nächsten Schritt wird der Untersuchungsgegenstand Instagram beschrieben und der aktuelle Forschungsstand skizziert, der eine Idee davon vermittelt, was der Usus im Medienhandeln von Jugendlichen auf Instagram ist. Im dritten Abschnitt skizziere ich die Methode, das Kategoriesystem, den Leitfaden und die Erfahrungen der Erhebung, um im vierten Abschnitt schließlich die Ergebnisse der Erhebung darzustellen. Ich schließe die Arbeit mit einem Fazit.

2. Theoretischer Hintergrund

Wie viele andere Soziologen vor ihm, beschäftigt sich Giddens mit der Frage des Zusammenhangs zwischen Handlung und Struktur. Er versucht zu klären, inwieweit die Menschen Gefangene der sie umgebenden gesellschaftlichen Strukturen sind (Systemtheorie) bzw. inwieweit sie autonom handelnde Individuen sind (Handlungstheorie).

2.1 Anthony Giddens Strukturationstheorie

Giddens ist es mit seiner Theorie der Strukturation gelungen, zwischen den beiden Lagern der System- und der Handlungstheorie eine Brücke zu schlagen bzw. eine Verbindung zwischen Struktur und Handlung herzustellen (vgl. Weder, 2008, S. 347): Diesen Kern seiner Idee nennt Giddens die „Dualität von Struktur“ oder auch die „Dualität von Handlung und Struktur“ (vgl. Giddens, 1988, S. 55 ff.) und meint damit, dass es keine Handlung und keine Struktur an sich gibt, sondern dass die beiden einander bedingen und erst hervorbringen: Die Strukturen bestimmen, welche Art des Handelns in einem System wahrscheinlicher ist und welche weniger und existieren allerdings auch nur dadurch, dass Akteure diese Strukturen in Handlungen fortschreiben. Sie sind folglich sowohl Medium als auch Ergebnis sozialen Handelns, das sie auf rekursive Weise organisiert. Auf diese Weise ermöglichen Strukturen Handlungen, begrenzen diese aber auch zugleich (vgl. ebd., S. 78).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Weder, 2008, S.349

„In ihrem Alltagshandeln beziehen sich die Akteure immer und notwendig auf die strukturellen Momente übergreifender sozialer Systeme, welche strukturellen Momente sie sogleich reproduzieren“ (Giddens, 1995, S. 77). Soziale Systeme sind bei Giddens die „reproduzierte Ordnung von sozialen Beziehungen zwischen Akteuren und Kollektiven über Zeit und Raum, organisiert als regelmäßige soziale Praktiken“ (ebd., S. 77). Menschen bewegen sich in verschiedenen sozialen Systemen, wie Familie, Schule, Arbeit, Freundeskreis aber auch SNS wie Instagram, die jeweils ihre eigene Weise der Organisation ihrer sozialen Beziehungen haben, und beziehen sich in ihrem Handeln immer auch auf die vorhandene Struktur bzw. die jeweils gängige soziale Praxis. Soziale Praktiken unterscheiden sich grundsätzlich in der Weite ihrer Ausbreitung in Raum und Zeit. Je weiter und länger sie in Raum und Zeit Bestand haben, desto relevanter sind sie für die Breite einer Gesellschaft. Die sozialen Praktiken, die die größte raumzeitliche Ausdehnung haben, heißen Institutionen (vgl. ebd., S. 69).

Strukturen bestehen bei Giddens aus „Regeln und Ressourcen, die rekursiv in Institutionen eingelagert sind“ (ebd., S. 76), auf die sich Akteure in ihrem Handeln beziehen und durch ihr Handeln reproduzieren.

Regeln haben zwei Dimensionen: Zum einen gibt es Regeln der Signifikation, die das Handeln in einer Interaktion mit anderen plausibel machen und organisieren. Die „Wahrnehmungs- und Interpretationsschemata“, die in einem System angewendet werden, bilden die kognitive Ordnung als Grundlage des Handelns (vgl. Weder, 2008, S. 349). Zum anderen gibt es Regeln der Sanktion, die bei Nichtbefolgung eingesetzt werden (vgl. Giddens, 1995, S.49, 69 f.). Weder (2008, S. 349) spricht hier von der „normativen Ordnung“. Sie entsprechen den Normen, also Verhaltensregeln, die im Falle eines Verstoßes auf eine bestimmte Weise geahndet werden können. Bezogen auf den Untersuchungsgegenstand Instagram ist die zu klärende Frage, welche sinnstiftenden Regeln unter den Jugendlichen im Umgang mit diesem Medium existieren und wie diese im Umgang miteinander innerhalb dieses Mediums sichtbar werden bzw. welche Bedeutungs- und Wahrnehmungsmuster (vielleicht auch im verwendeten Vokabular) herrschen, kurz: Was bedeutet Instagram für sie bzw. mit welcher Intention nutzen sie es? Die Normen des Handelns sollten sichtbar werden, wenn Jugendliche meinen sich für ihr Handeln rechtfertigen zu müssen, indem sie sich auf bestimmte Normen beziehen, die sich wiederum auf die „kognitive Ordnung“ des Systems Instagram stützen.

Die Struktur besteht neben einschränkenden Regeln aus Ressourcen, derer es ebenfalls zweierlei gibt: autoritative und allokative (vgl. ebd., 1995, S. 45). Autoritative Ressourcen bezeichnen die Fähigkeit eines Akteurs, andere Menschen in ihrem Handeln zu beeinflussen und sie zu einer bestimmten Handlung zu veranlassen, sprich, die Ausübung von Herrschaft über andere Menschen. Allokative Ressourcen beschreiben die Verfügung von Menschen über materielle Güter, wie Geld, Bodenschätze oder Land. In Bezug auf das Thema der Arbeit kann die Verfügung über ein Smartphone, WLAN oder mobiles Datenvolumen als voraussetzungsvolle allokative Ressource gesehen werden, ohne die eine Teilhabe an der Interaktion innerhalb der SNS Instagram nicht möglich wäre. Ressourcen können aber ganz allgemein gehalten als Möglichkeiten beschrieben werden, „auf die sich Akteure in ihrer Zielverwirklichung beziehen können“ (Weder, 2008, S.349).

Nach Giddens haben Akteure grundsätzlich die Fähigkeit zur reflexiven Selbstkontrolle, „verstehen, was sie tun, während sie es tun“ (Giddens, 1995, S. 36) und können durchaus Auskunft über die Gründe ihres Handelns geben, wenn sie dazu aufgefordert werden. Den handelnden Akteuren wird die Macht zugesprochen, Einfluss auf den Verlauf ihrer Handlungen zu nehmen und damit Ereignisse und Strukturen gezielt zu verändern. Soziale Akteure haben also die Fähigkeit, „einen Unterschied herzustellen’ zu einem vorher existierenden Zustand oder Ereignisverlauf“ (ebd., S. 66).

Giddens unterscheidet grundsätzlich zwischen drei Bewusstseinsebenen, auf denen sich menschliches Handeln vollzieht: Das Unbewusste, das praktische Bewusstsein und das diskursive Bewusstsein. Das diskursive Bewusstsein ist das, was „die Akteure über soziale Zusammenhänge, einschließlich der Bedingungen des eigenen Handelns, sagen oder verbal ausdrücken können“ (Giddens, 1988, S.429). Dies ist ein Hinweis dafür, dass sie schon einmal gezwungen waren, darüber nachzudenken und sich über eine Sache bewusst zu werden. Das praktische Bewusstsein ist hingegen das, was die Akteure über soziale Zusammenhänge wissen, „einschließlich der Bedingungen des eigenen Handelns, was sie aber nicht in diskursiver Weise ausdrücken können“ (ebd., S. 431). Das menschliche Handeln vollzieht sich in Form eines „kontinuierlichen Verhaltensstroms“ (Giddens, 1995, S. 53). Auf dieser Ebene handelt der Mensch in Routinen und bezieht sich auf implizites Erfahrungswissen (vgl. Henning, 2006, S. 91 ff.; Welskopp, 2001, S. 111). Menschen tun viele Dinge einfach, ohne sie zu hinterfragen. Nach Giddens brauchen Menschen geradezu Routinen, um überleben zu können, weil sie dadurch „Seinsgewissheit“ herstellen und „Seinsungewissheit“ vermeiden. Aus diesem Grund haben die meisten unserer Handlungen einen notwendigen Wiederholungscharakter (Giddens, 1988, S. 112 ff.). Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Handlungen von Jugendlichen auf Instagram genauso einem Routinehandeln unterliegt und erst im Kontext der Gruppendiskussion reflexiv wird. Trotz der Fähigkeit zur reflexiven Steuerung ist es den handelnden Akteuren nicht möglich, die Folgen ihren Handelns zu kontrollieren: Zum einen gibt es immer auch unbewusste Ziele des Handelns und zum anderen gibt es aufgrund der Komplexität sozialer Kontexte und der Begrenztheit der Wahrnehmung der Akteure immer auch unentdeckte Handlungsbedingungen, die im Handeln unbeabsichtigte Folgen hervorbringen, die wieder zu unentdeckten Bedingungen werden können (vgl. ebd., S. 60). Akteure haben also nur begrenzt Kontrolle über ihr Handeln und die Folgen ihres Handelns und damit auch auf die gezielte Einflussnahme von Strukturen.

Eine wichtige Handlungsbedingung ist die Kopräsenz: Nach Giddens „kann man Handeln nicht abgetrennt vom Körper, seinen Vermittlungen mit der Umwelt und der Kohärenz eines Handelnden selbst diskutieren“ (Giddens, 1995, S. 54). Menschliche Interaktionen und folglich auch die soziale Praxis sind immer räumlich und zeitlich gebunden. Giddens hat aber auch die Art der Interaktionen bedacht, die durch Vermittlung moderner Kommunikationstechniken zustande kommen und die Notwendigkeit der Kopräsenz einschränken. Diese Konkretisierung erlaubt es SNS, wie Instagram, als soziale Systeme zu betrachten.

„Auch wenn ,die vollen Bedingungen für Kopräsenz’ nur beim unmittelbaren Kontakt zwischen solchen Akteuren gegeben sind, die sich physisch gegenüber stehen, haben heutzutage die elektronischen Kommunikationsweisen, allen voran das Telefon, Kontaktmöglichkeiten geschaffen, die, bis zu einem gewissen Maße, die für Situationen von Kopräsenz typische Intimität zu vermitteln vermögen“ (Giddens, 1988, S. 120).

Auf welche Rechte, aber auch Pflichten, sich Akteure beziehen können, ist nach Giddens immer davon abhängig, welche „soziale Position“ sie innehaben. Soziale Positionen werden durch Erwartungshaltungen hervorgebracht, die bestimmen, welche sozialen Praktiken von einem Akteur ausgeführt werden können:

„Unter einer sozialen Position verstehe ich eine soziale Identität, die um eine Reihe bestimmter Rechte und Pflichten (wie diffus die auch immer gekennzeichnet sein mögen) herum organisiert ist. Diese Rechte und Pflichten kann der Akteur, dem die entsprechende Identität zugeschrieben wird (bzw. der Inhaber der entsprechenden Position ist), fordern bzw. erfüllen. Sie konstituieren die mit der Position verbundenen Rollenerwartungen.“ (ebd., 1995, S. 138)

Die Handlungsressourcen sind folglich sehr kontextabhängig, weil sie sich zum einen aus der sozialen Position des Akteurs speisen und zum anderen aus dem Kontext der übergeordneten Struktur hervorgehen, in der sich ein Akteur gerade bewegt.

2.2 Normen

Die technologische Entwicklung ist nach Preece (2004) immer der Entwicklung von allgemein gültigen Normen voraus. Normen müssen sich im online-Bereich erst mit der Technologie langsam entwickeln und durchsetzen, da hier völlig andere Bedingungen herrschen als in der offline-Welt. Menschen lernen Normen über Erfahrungen und dieser Prozess braucht Zeit und der online-Umgebung angemessene Instrumente. Die Geschichte der sozialen Medien ist tatsächlich noch relativ jung: Erste SNS gehen 1997 online, und berühmte sowie massentaugliche Seiten wie MySpace, LinkedIn und Facebook kommen erst 2003 bzw. 2004 hinzu, wobei das größte soziale Netzwerk Facebook sogar erst im Jahre 2006 für jedermann zugänglich wird, also vor nicht einmal zehn Jahren (vgl. boyd & Ellison, 2007, S. 214 ff.). Die Geschichte von Instagram ist noch viel jünger: Die SNS wurde erst im Oktober 2010 lanciert und besteht folglich noch nicht einmal sechs Jahre (vgl. Instagram- Stats, 2016).

Doch was sind eigentlich Normen? Es gibt eine beinahe unüberschaubare Fülle an verschiedenen Normdefinitionen. In den Sozialwissenschaften wurden Normen nicht selten definiert als „customs, traditions, standards, rules, values, fashions and all other criteria of conduct which are standardized as a consequence of the contact of individuals“ (Sherif, 1963, S. 3). Normen sind also standardisierte Kriterien des Verhaltens, die aus der Auseinandersetzung von Menschen mit Menschen hervorgehen. Opp (1983, S. 4) stellt fest, dass Normen in einem Großteil der Literatur auch als Regeln bezeichnet werden. Dieser Umstand unterstützt die in dieser Arbeit vorgenommene synonyme Verwendung von „Normen“ und den „Regeln“ nach Giddens.

Chung und Rimal (2016, S. 3) sehen die Essenz verschiedener Definitionen in der „collective awareness about the preferred, appropriate behaviors among a certain group of people“. Der hier verwendete Normbegriff meint grundsätzlich implizite Normen, die nicht niedergeschrieben sind, im Gegensatz zu Gesetzen (explizit), die aber im Allgemeinen von einer Gruppe verstanden werden (vgl. .Burnett & Bonnici, 2003).

Eine weitere Differenzierung nach Chung und Rimal (2016, S. 6 f.) wird nach kollektiven, injunktiven und deskriptiven Normen vorgenommen: Kollektive Normen sind die Normen, die tatsächlich zur Anwendung kommen innerhalb einer Gruppe und folglich von den Mitgliedern dieser Gruppe alle geteilt werden. Deskriptive Normen stehen für die Wahrnehmung des Einzelnen, welches Verhalten bei anderen vorherrscht, sprich, wie die „Allgemeinheit“ in einer bestimmten Situation verfährt. Deskriptive Normen lassen sich aus einem Verhalten ableiten, das im weitesten Sinne damit gerechtfertigt wird, dass sich die Instagram Community oder der Freundeskreis innerhalb der Community auf eine bestimmte Weise verhält. Injunktive Normen stehen hingegen dafür, was eine Person glaubt, wie sie sich verhalten sollte, also sogenannte Soll-Normen. Injunktive Normen können u. a. Normen sein, die von außen an sie herangetragen werden, wie „Du sollst nicht zu viel Privates preisgeben“

oder „Du sollst nicht mit Fremden kommunizieren“. Oder sie zeugen zumindest davon, dass eine Art Anschlusskommunikation über ein Thema stattgefunden hat, woraus die Überzeugung erwachsen konnte, dass etwas auf eine bestimmte Weise sein sollte. Grimm (2013, S. 398 f.) hat eine Systematik für Normen speziell für die „digitale Kultur“ erarbeitet, auf die sich meine Untersuchung stützen wird:

1. Informationelle Normen: Darunter werden u. a. Normen in Bezug auf die Meinungsfreiheit, die informationelle Selbstbestimmung sowie den Schutz der Privatheit verstanden. Letzteres scheint besonders in Bezug auf Instagram relevant zu sein, da Studien bestätigen, dass ein großer Teil der auf SNS veröffentlichten Fotos uneingeschränkt zugänglich ist (vgl. Litt & Hargittai, 2014; Furini & Tamanini, 2015).
2. Kommunikative Normen: Damit werden Normen wie der Respekt gegenüber Kommunikationspartnern, Empathie oder die Netiquette verstanden: Welche Regeln der Kommunikation leiten mich an?
3. Inhalte-Normen: Das sind Normen wie die Achtung der Menschenwürde und des Kinder- und Jugendschutzes, etc. In Bezug auf Instagram betrifft es die Frage: Welche Bilder werden als legitim erachtet, welche nicht und wo sind die Grenzen?
4. Nutzungsnormen: Darunter werden u. a. die Verantwortung im Umgang mit problematischen Inhalten verstanden, die zum Beispiel in Form von Cyber-Mobbing auch auf Instagram eine Rolle spielt (vgl. Hosseinmardi, Li, Yang, Lv, Rafiq, Han, Mishra, 2014). Aber hier geht allgemein auch um die Frage, welche dem Medium eigentümlichen Nutzungsmuster zugeschrieben werden können.

Diese digitalen Normenkategorien können immer sowohl deskriptiv als auch injunktiv existieren. Beispielsweise könnte eine informationelle Norm injunktiv dergestalt sein, dass ein Jugendlicher seinen Account deshalb privat justiert, weil er in der Schule erfahren hat, dass mit einem öffentlichen Account gewisse Gefahren einhergehen. Dort wurde ihm vermittelt: „Du sollst dein Profil nicht für jeden öffentlich zugänglich machen.“ Ein Jugendlicher kann allerdings auch die Norm vertreten, seinen Account deshalb öffentlich zu halten, weil das doch ohnehin jeder tut. Diese Regel wäre deskriptiv.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Soziales Aushandeln von Normen bei Instagram
Untertitel
Welche Normen gibt es für Jugendliche bei Instagram und woher kommen sie?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaften (IfKW))
Veranstaltung
Lehrstuhl für qualitative Forschung
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V340994
ISBN (eBook)
9783668319646
ISBN (Buch)
9783668319653
Dateigröße
1443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Social Media, Instagram, Normen, Anthony Giddens, Strukturationstheorie
Arbeit zitieren
Tristan Thaller (Autor), 2016, Soziales Aushandeln von Normen bei Instagram, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340994

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