Zwischen Zivilcourage und Denunziantentum. Eine kantianische Analyse des Whistleblowing


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
17 Seiten, Note: 1,0
Claus Fischer (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Abgrenzung des Whistleblowing

3 Wie kommt es zum Whistleblowing?

4 Rechtlicher Status des Whistleblower in den USA

5 Kantianische Interpretation des Whistleblowing

6 Konklusion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Es ist der 17. Juni 1972. Von einem Wachmann des Watergate-Gebäudekomplexes wird die Polizei alarmiert: Fünf Personen in Anzug und Krawatte hatten versucht in das Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei einzubrechen und dort Wanzen anzubringen. Der Auftakt für die Watergate-Affäre – Der Anfang vom Ende für Richard Nixons Präsidentschaft.

Heute herrscht allgemein die Meinung vor, zwei Reporter der „Washington Post“ – Bob Woodward und Carl Bernstein – hätten mit Ihren Ermittlungen Präsident Nixon zu Fall gebracht. Weniger bekannt ist jedoch, dass sie bei ebendiesen erheblich unterstützt wurden. Sie hatten einen bis zum heutigen Tage anonymen Informanten aus Nixons eigenen Reihen, der sie mit den pikanten Details ihrer Ermittlungsarbeit versorgte und so zu dem Amtsenthebungsverfahren gegen Nixon und dessen Rücktritt führte.

Ein Zeitsprung in den Juni 2013. Ex-NSA-Mitarbeiter Edward Snowden enthüllt prekäre Details über großangelegte,weltweite Spionage ausgehend von US-amerikanischen Geheimdiensten. Selbst befreundete Staaten wurden auf allen Ebenen abgehört und durchleuchtet – Ein internationaler Spionage-Thriller wird aufgedeckt.

Weder Snowden noch der mysteriöse Watergate-Informant können als einfache Informanten, als Kriminelle oder gar als Hochverräterbetrachtet werden. Sie genießen einen Sonderstatus. Sie sind so genannte „Whistleblower“.

Bereits diese beiden Beispiele werfen einen schier unüberschaubaren Komplex an Fragen auf. Was genau zeichnet einen Whistleblower vor einem schlichten Informanten aus? Ist Whistleblowing legal bzw. legitim? Existiert vielleicht sogar eine moralische Verpflichtung die Öffentlichkeit über etwaig unmoralische Tätigkeiten einer Organisation in Kenntnis zu setzen?

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, wird im folgenden Abschnitt zunächst eine Definition von Whistleblowing gesucht, welche es sowohl ermöglicht Whistleblower von herkömmlichen Insidern abzugrenzen, als auch erklären kann, weshalb innerhalb der Gesellschaft die moralische Bewertung des Whistleblowingbreitgefächert von äußerst tugendhaft bis hin zu absoluter Immoralität reicht. Das bedeutet, es wird erläutert warum Whistleblower einerseits als Kriminelle und Verräter, andererseits jedoch als wahrheitsliebende und mutige Menschenfreunde betrachtet werden, denen das Wohl der Anderen wichtiger als das eigene ist.In diesem Zusammenhang muss insbesondere auf den Begriff der Loyalität eingegangen werden, um die Herkunft dieses Widerspruchs aufzuklären.

Im daran anschließenden dritten Abschnitt wird, aufbauend auf die gefundene Definition, auf die Umstände eingegangen, welche das Whistleblowing in einer Organisation überhaupt erst auslösen. Gleichzeitig führt die Entscheidung mit heiklen Informationen an die Öffentlichkeit zu treten nicht zuletzt zu ungewollten negativen Konsequenzen. Da ebendiese gleichwohl zu einer Entscheidung gegen das Whistleblowing führen können, müssen auch sie betrachtet, sowie Möglichkeiten dies zu vermeiden genannt werden.

Als Vorbereitung für eine moralphilosophische Bewertung des Whistleblowing müssen im vierten Teil des Schriftstücks schließlich noch dessen rechtlichen Rahmenbedingungen herausgearbeitet werden. Selbstverständlich haben diese nicht nur einen direkten Einfluss auf die Entscheidung des Individuums, sondern auch auf die normativ-ethischen Regeln nach denen das Individuum sich richtet. Da speziell in den Vereinigten Staaten bereits seit langem Gesetze zur Förderung und zur Einschränkung desWhistleblowing bestehen und diese somitdurch wesentlich markantere Beispiele veranschaulicht werden können, wird bei der Analyse insbesondere auf die Rechtslage der USA Bezug genommen.

Um schließlich eine abwägende Entscheidung über den normativen Status des Whistleblowing treffen zu können und hierfür ein ethisches Instrument zur Bewertung notwendig ist,muss im fünften und letzten Abschnitt eine passende ethische Theorie gewählt werden. Dies ist notwendig, da es ansonsten unmöglich wäre die Stärke etwaiger Argumente zu gewichten und gegebenenfalls gegen einander aufzuwägen. An dieser Stelle bietet sich insbesondere die deontologische Ethik Immanuel Kants an, da diese mit ihrer Forderung nach Verallgemeinerbarkeit und ihrer normativen Formulierung beste Ergebnisse zu liefern vermag. Um jedoch einer Forderung nach Zeitmäßigkeit keinerlei Raum zu lassen, wird hierbei nicht direkt auf Kant sondern auf die kantianische Perspektive Norman E. Bowies zurückgegriffen, welcher eine moderne und somit leichter anwendbare Position vertritt.

2 Abgrenzung des Whistleblowing

Vor der Analyse einer jeden Handlung muss stets zunächst klargemacht werden, welche Bedeutung den verwendeten Begrifflichkeiten im Folgenden zugeschrieben wird. So muss auch hier zunächst der Begriff Whistleblowing genau definiert werden um etwaige Missverständnisse zu vermeiden.Dieses Unterfangen gestaltet sich jedoch als eine Herausforderung, da eine absolut gültige und allgemein akzeptierte Definition noch nicht gefunden wurde und es somit notwendig ist eine Definition Schritt-für-Schritt zu erarbeiten, um möglichst alle relevanten Merkmale mit einzuschließen.

Bereits in der Einleitung wurde erwähnt, dass offenbar ein Unterschied zwischen Informanten und Whistleblowern existiert. Demzufolge muss geklärt werden, in welchem Ausmaß Überschneidungen vorliegen und worin genau Unterschiede festzumachen sind.Anhand des beispielhaften Vergleichs zweier Extrema lässt sich dies wohl am deutlichsten bestimmen.

Zum einen wird ein ehemaliges Mitglied eines Verbrechersyndikats, beispielsweise der Mafia, betrachtet. Dieses bricht im Zuge eines Kronzeugenprogramms das Schweigen über die illegalen und illegitimen Aktivitäten seiner früheren „Kollegen“ und seiner einstigen Organisation. Eindeutig erkennbar handelt es sich um einen Informanten.

Jedoch wird zur gleichen Zeit ein ehemaliges Mitglied eines Geheimdienstes, beispielsweise Edward Snowden und die NSA, betrachtet. Auch dieser bricht sein Schweigen über illegale und illegitime Aktivitäten seiner früheren Kollegen und seiner einstigen Organisation. Trotzdem gilt Snowden als Whistleblower.

Die Gemeinsamkeiten sind durch die überspitzte Formulierung deutlich erkennbar, nichtsdestotrotz sind die Unterschiede kaum offensichtlich. Denn auf den ersten Blick scheint es, als ob beide versuchten das falsche Verhalten ihrer einstigen Arbeitgeber ins Scheinwerferlicht zu rücken, sich dabei in allerhöchste Gefahr begäben und alles riskierten nur um für Gerechtigkeit Sorge zu tragen.Scheinbar wären also beide Begriffe synonym zu gebrauchen, wovon die Intuition jedoch abrät.

Beide Personen handeln in augenscheinlich ähnlichen Situation auf die gleiche Weise. Dessen ungeachtet lässt die jeweilige Konnotation der Begriffe erahnen, dass diese nicht gleichwertig verwendet werden können. Das gesuchte Unterscheidungsmerkmal lässt sich folglich vielleicht weniger in den Informanten selbst oder in ihren Handlungen festmachen, vielmehr müssen die jeweils von ihnen bezichtigten Organisationen und die darin involvierten Angestellten verglichen werden. Im Falle eines Verbrechersyndikats ist es einem Großteil der Öffentlichkeit bewusst, dass diese sich mit illegalen Aktivitäten finanzieren. Trotzdem gelingt es der Exekutive nicht, das Syndikat aufzulösen und seine Mitglieder ihrer jeweils gerechten Strafe zuzuführen. Der Grund dafür liegt in der hierarchischen Struktur, welche ihre obersten Ränge unter einem schein-legalen Deckmantel verbirgt. Der Informant liefert der Polizei die fehlenden Beweise, um die Anführer und somit das Syndikat aus dem Verkehr zu ziehen.

Im Gegensatz dazu genießt eine von einem Whistleblower denunzierte Organisation einen Nimbus moralischer Makellosigkeit, aus welcher sich häufig sogar der Unternehmenserfolg begründet. Beim Whistleblowing sind es nicht grundlegend die juristischen Konsequenzen, die der Organisation am Meisten schaden, sondern großen Teils auch die Reputationseinbußen in der Bevölkerung. Der Whistleblower setzt die Bevölkerung demzufolge über Sachverhalte in Kenntnis, welche ohne ihn unmöglich bekannt geworden wären und erreicht dadurch eine absolute Schlüsselposition.

Diesenegativen Konsequenzen werden in vielen Fällen von Teilen der Bevölkerung jedoch nicht als gerechte Strafe für Fehlverhalten, sondern als Folge eines weitaus schlimmeren Verbrechens erachtet. Als Verrat. Einerseits ist es nur natürlich, dass eine bestimmte Handlung stets sowohl auf positive, als auch negative Kritik stößt. Andererseits ist letztere insofern gerechtfertigt, als dass eine Strafe für eine bestimmte Organisation häufig in erheblichem Maße Dritte in Mitleidenschaft zieht. Würde über eine Kaufhauskette von Billigkleidung beispielsweise bekannt werden, dass diese Kinder bis aufs Blut ausbeutet und würde dies anschließend zur Schließung der Kette führen, dann könnten ärmere Familien dort nicht mehr einkaufen. Da diese jedoch finanziell darauf angewiesen blieben und nun effektiv weniger Geld zur Verfügung hätten, wären sie auf den Whistleblower sicherlich nicht gut zu sprechen. Denn das Eigene hat stets Vorrang vor dem Fremden. Als Grund für die entstandenen Probleme würde trotzdem der Verrat gelten, der Bruch der Loyalität gegenüber dem Unternehmen und der Gesellschaft. Um dies zu verstehen muss im Folgenden der Begriff der Loyalität zunächst erläutert werden.

Entsprechend der „Stanford EncyclopediaofPhilosophy” ließe sich Loyalität als eine Form vonBeharrlichkeit, bezogen auf die Verfolgung von Zielen denen sich eine Person auf eigenen Wunsch hin und als Teil ihrer Identität verpflichtet (vgl. Kleinig 2013), definieren. Diese Ziele können materieller und ideeller Natur sein. Das heißt es ist sowohl möglich sich Personen und Institutionen gegenüber, als auch Prinzipien und Wünschen gegenüber loyal zu verhalten.

Von einem Großteil der Gesellschaft wird Loyalität als eine Tugend und etwas absolut Erstrebenswertesangesehen. In diesen Fällen wird Loyalität mit Treue gleichbedeutend genutzt. Als Beispiele ließe sich Loyalität in einer Freundschaft, in welcher sie die Grundlage ebendieser darstellt und somit das notwendige gegenseitige Vertrauensverhältnis überhaupt erst ermöglicht. Und auch im Kontext eines Staates ist sie wesentlich, denn dort fungiert sie als Grundlage jeglicher Ordnung. Ein Rechtssystem kann nur funktionieren, wenn jeder Bürger die Gesetze achtet und der exekutiven Staatsgewalt das notwendige Vertrauen entgegenbringt, welche diese Übertretungen ahndet und bestraft. Somit kann auch die Treue vor dem Gesetz als Loyalität bezeichnet werden.

Gründe für eine Betrachtung als Tugend sind leicht zu finden, jedoch ist eine Auffassung von Loyalität als Übel eher selten. Trotzdem lassen sich auch hier Probleme bei übersteigerter Loyalität feststellen. Ein Beispiel hierfür liefert der amerikanische Vietnamkrieg. Um genau zu sein das Massaker von Mỹ Lai. Am 16. März 1968 kam es in dem Südvietnamesischen Dorf zu einem blutigen Massaker, bei welchem 504 Zivilisten vergewaltigt und getötet wurden. Die Soldaten erhielten von ihrem Offizier den Befehl alle Bewohner, da diese als Unterstützer der Vietcong galten, hinzurichten. Monatelang auf blinden Gehorsam und absolute Loyalität gedrillt, widersetzte sich keiner der Soldaten.

Ein weiteres prägnantes Beispiel für ins Negative übersteigerte Loyalität liefert die junge deutsche Geschichte. Denn auch in militaristisch organisierten Staaten wie dem Dritten Reich unter Hitler wurde Loyalität hoch angepriesen. Bereits von Kindesbeinen an wurde jeder Einzelne durch die Gleichschaltung in den staatlichen Organisationen zum hörigen und absolut loyalen Bürger und Soldaten herangezogen. Auch hier stützte sich die staatliche Ordnung zu großen Teilen auf diese, jetzt jedoch zum Schlechten missbrauchte, Form von Loyalität. Offensichtlich muss bei der moralischen Bewertung von Loyalität äußerst auf den Kontext geachtet werden.

Die Anwendung auf den Akt des Whistleblowing lässt sich nun analog gestalten. Denn auch von einem Whistleblower wird innerhalb seiner Organisation, legitimer Weise, Loyalität erwartet. Doch in einem mit illegalen oder illegitimen Handlungen praktizierenden Unternehmen, wird eine spezielle Form der Loyalität, nämlich eine absolute „unkritische Loyalität dem Unternehmen gegenüber […]“ (Leisinger 2003, S. 23), vom Einzelnen erwartet.Gleichzeitig besteht im Whistleblower jedoch eine zweite, entgegenwirkende, „[kritische] Loyalität gegenüber übergeordneten Interessen[,] z.B. dem Allgemeinwohl […]“ (Leisinger 2003, S. 23). Ebendieser Widersinn zwischen blindem, unkritischem und reflektiertem, die Folgen für die Gesellschaft abwägendem Gehorsam führt zu der beobachteten Spaltung in der moralischen Bewertung. Denn würde ein Whistleblower seiner Organisation einfach blind treu bleiben, gäbe es keine negativen Konsequenzen, so die Argumentation der Kritiker – Ein Fehlschluss.

Ist nun die der Organisation gegenüber empfundene Loyalität geringer als die der Allgemeinheit entgegengebrachte, so ist ein Mitarbeiter dazu verleitet Whistleblowing zu betreiben. Demzufolge ist eine Illoyalität gegenüber einer der beteiligten Parteien unvermeidbar, da der Whistleblower beiden gegenüber eine jeweils entgegenwirkende Verpflichtung empfindet. Somit bleibt an dieser Stelle nur noch die Frage offen, inwiefern es legal und inwiefern es als legitim anzusehen ist, die empfundene Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit über dieder eigenen Organisation gegenüber geforderte zu stellen. Eine Frage welche ihre Antwort in den folgenden Abschnitten finden wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zwischen Zivilcourage und Denunziantentum. Eine kantianische Analyse des Whistleblowing
Hochschule
Universität Bayreuth  (Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik)
Veranstaltung
Stakeholdermanagement (Daimler AG)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V341230
ISBN (eBook)
9783668307179
ISBN (Buch)
9783668307186
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Whistleblowing, Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Kant, Deontologie, deontologisch, Bowie, CIA, Watergate, Reagan, Edward, Snowden, Whistleblower, Spionage, NSA, Affäre, WikiLeaks, Stakeholdermanagement, Wieland, Governance, Stakeholder, Integrität
Arbeit zitieren
Claus Fischer (Autor), 2014, Zwischen Zivilcourage und Denunziantentum. Eine kantianische Analyse des Whistleblowing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341230

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