Potenziale von Großwohnsiedlungen für nachhaltige Mobilitätsstrukturen in Städten


Hausarbeit, 2016
32 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Großwohnsiedlungen in Deutschland
2.1 Stadtentwicklung von 1950 bis 1990 in der BRD und DDR
2.1.1 1950er Jahre
2.1.2 1960er Jahre
2.1.3 1970er Jahre
2.1.4 1980er Jahre
2.1.5 1990er Jahre
2.2 Die Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland
2.2.1 Großwohnsiedlungen Westdeutschland
2.2.2 Großwohnsiedlungen Ostdeutschland
2.2.3 Zusammenfassung Großwohnsiedlungen in Deutschland

3 Nachhaltige Mobilität
3.1 Was ist (Nachhaltige) Mobilität?
3.2 Wege zu nachhaltiger Mobilität

4 Leitbild „Stadt der kurzen Wege“

5 Fallbeispiel: Klimafreundliche Mobilität für Berlin-Lichtenberg

6 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Mobilität ist zu einem Grundbedürfnis in unserer Gesellschaft geworden. Sie schafft den Zu- gang zu alltäglichen Dingen des Lebens, wie Bildung, Arbeit, Versorgung und auch Freizeit. Sie ermöglicht die Teilnahme am sozialen Leben. Aufgrund dessen muss Mobilität für jeden Menschen langfristig gesichert werden (Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH et al. 2015:2f).

Durch den hohen Motorisierungsgrad unserer heutigen Gesellschaft sind schädliche Emissio- nen, sowohl Abgase als auch Lärm, zu einem immer größeren Problem herangewachsen. Langfristiges Ziel ist, die Umweltqualität für die nachkommenden Generationen zu sichern und zu erhalten. Eine nachhaltige Mobilität ist zur Erreichung dieses Ziels elementar. 2014 wurden in Deutschland durch den Verkehrssektor 18% der Treibhausgasemissionen verursacht. Hier- von 95% durch den Straßenverkehr (Umweltbundesamt 2014). Das Thema der nachhaltigen Mobilität und der damit verbundenen nachhaltigen Stadtentwicklung ist bereits seit den 1990er Jahren aktuell. Das städtebauliche Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“ wurde 1990 entwickelt und hat unter anderem das Ziel, eine nachhaltige Mobilität in der Stadt sicherzustellen (Beck- mann et al. 2011:5).

Werden die Planungen der Großwohnsiedlungen, sowohl in West- als auch in Ostdeutschland, näher betrachtet so sind, neben zahlreichen negativen Merkmalen, auch Potenziale festzustellen. Großwohnsiedlungen sind unter dem Leitbild „Urbanität durch Dichte“ entstanden. Hohe Einwohnerdichten, ein hohes Maß an städtebaulicher Dichte und polyzentrische Strukturen prägen die großen Wohnsiedlungen im Geschosswohnungsbau. Diese engmaschigen Strukturen sind Grundsätze, die das Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“ nennt, für eine nachhaltige Stadtstruktur (Fuhrich/ Mannert 1994:573f).

„Die Idee der Großwohnkomplexe […] kann heute wieder als zukunftsweisend angesehen werden“ (Beckmann 2015:25).

Ziel dieser Arbeit ist, mögliche Potenziale von Großwohnsiedlungen für nachhaltige Mobilitäts- strukturen herauszustellen. Das Thema der vorliegenden Arbeit verlangt, dass zwei verschie- dene Themenschwerpunkte, sowohl städtebaulich als auch verkehrlich, bearbeitet werden. Somit umfasst der erste Themenkomplex, als städtebaulicher Schwerpunkt, die Darstellung der Großwohnsiedlungen in Deutschland. Die Großwohnsiedlungen der ehemaligen DDR und der BRD werden näher untersucht und es wird auf etwaige Unterschiede eingegangen. Der zweite Themenkomplex, als verkehrlicher Schwerpunkt, beinhaltet das Thema der nachhalti- gen Mobilität. Neben der Frage „Was nachhaltige Mobilität überhaupt ist?“ soll auch der Fra- gestellung nachgegangen werden, „Wie eine nachhaltige Mobilität erreicht werden kann?“. Das Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“ wird aufgegriffen und auf die Großwohnsiedlungs- planungen bezogen. Es folgt ein Fallbeispiel, an dem näher erklärt wird, inwieweit bestimmte Eigenschaften und Strukturen eines Gebietes Potenziale für nachhaltige Mobilitätsstrukturen aufweisen können. Das Fazit der Arbeit beinhaltet eine kritische Einschätzung zu dem Thema und damit auch des zuvor genannten Zitates von Beckmann.

2 Großwohnsiedlungen in Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sehr schnell für viele Menschen Wohnraum geschaffen werden. Zwischen 1950 und 1975 wurden die sogenannten Großwohnsiedlungen erbaut. Es entstanden hochverdichtete, homogene Siedlungen in Form von Geschosswohnungsbau. Eine Wohnsiedlung umfasst, je nach Definition, mindestens 2.500 Wohneinheiten. Häufig wur- den Dimensionen von neuen Stadtteilen geschaffen. Sowohl in der BRD als auch in der DDR waren Gliederung und Auflockerung die Ideale des Städtebaus der 50er Jahre. Der flächenin- tensive Geschosswohnungsbau wurde vorwiegend am Rand der Städte, in innenstadtnahen Lagen verwirklicht und als „Randstädte“ bezeichnet. Man versuchte die städtischen Funktio- nen den verschiedenen Stadträumen zuzuordnen und somit die Nutzungen voneinander zu trennen (Beckmann et. al 2000:45f).

Es existiert keine einheitliche Definition für den Begriff Großwohnsiedlung. Besonders hinsichtlich der Anzahl der Wohneinheiten unterscheiden sich die Definitionen. Für die folgende Arbeit wird der Begriff Großwohnsiedlung nach Fuhrich und Mannert (1994:569) definiert. Großwohnsiedlungen sind Siedlungen, die nach dem zweiten Weltkrieg unter einem einheitlichen städtebaulichen Konzept erbaut wurden. Die Siedlungen müssen eine Mindestanzahl von 2.500 Wohneinheiten aufweisen. Fuhrich und Mannert nennen weder die Standorte der Großwohnsiedlungen noch gehen sie auf ihre städtebauliche Dichte in ihrer Definition genauer ein. Grund dafür sind die differierenden Merkmale der Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland, die im Folgenden noch näher beschrieben werden.

In den meisten Fällen waren die Ergebnisse des Großwohnsiedlungsbaus andere als in den Planungen vorgesehen. Oft fehlte es an einfachen Versorgungsmöglichkeiten, Infrastrukturen des öffentlichen Verkehrs und auch an Arbeitsplätzen (Siverts 2006:163).

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme in den damaligen beiden Teilen Deutschlands waren die Stadtentwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg in der BRD und DDR sehr verschieden. Der Zerstörungsgrad des Zweiten Weltkrieges war in West- deutschland insgesamt höher als in der DDR. Während in der BRD 18,4 % der Wohnungen zerstört wurden, waren es in der DDR gerade einmal 9,1 % (Beckmann et. al 2000:45ff/ Hei- neberg 2000:221f).

2.1 Stadtentwicklung von 1950 bis 1990 in der BRD und DDR

Bevor auf die Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland genauer eingegangen werden kann, müssen zuvor einige wichtige Punkte in den Stadtentwicklungen der beiden damaligen Länder herausgestellt werden. Es folgen fünf Kurzzusammenfassungen der Stadtentwicklungen für die Jahre 1950 bis 1990.

2.1.1 1950er Jahre

Das Leitbild der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ war sowohl in der BRD als auch in der DDR grundlegend für den Städtebau der 50er Jahre. Des Weiteren waren die Planungen geprägt durch die „Charta von Athen“. Die städtischen Funktionen wurden den verschiedenen Stadträumen zugeordnet, um so die Nutzungen voneinander zu trennen. Durch die Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten und Freizeit mussten die Menschen viele Wege zurückle- gen. Jedoch waren die Kosten, sowohl für den Pkw als auch für den ÖPNV, auf Dauer untrag- bar.

Während in der BRD die Planungshoheit bei den Kommunen lag, wurde die Stadtplanung in der DDR zentralisiert. Aufgrund der Verfügbarkeit des Staates über Grund und Boden, konnte in der DDR die Idee der „sozialistischen Stadt“ planerisch und baulich durchgesetzt werden.

Zwei verschiedene Vorgehensweisen kennzeichnen den Wiederaufbau in Westdeutschland. In vielen Fällen wurden alte Stadtgrundrisse parzellenscharf wiederhergestellt (Beispiel: Müns- ter). Diese Vorgehensweise verhinderte jedoch häufig, aufgrund von kleinteiligen Besitzver- hältnissen, traditionsbewussten Bürgern und auch aufgrund der alten Infrastrukturen, entschei- dende Veränderungen. In anderen Fällen wurden die Kriegszerstörungen als Neuanfang ge- nutzt. Historische Stadtkerne konnten so maßgeblich auf die neuen Ansprüche der Infrastruk- tur angepasst werden. Die ehemalige Blockrandbebauung wurde vielerorts durch neue, mo- derne Zeilenbauweise ersetzt (Beckmann et. al 2000:47, BBSR 2011a, Heineberg 2000:230).

In den Anfängen des Wiederaufbaus wurden in der DDR noch die Städtebauformen der StalinÄra verwirklicht. „[…] groß dimensionierten Achsen, zentrale Plätze und monumentale Einzelgebäude[…]“ (BBSR 2011a) prägten diese Ära.

2.1.2 1960er Jahre

Die Stadterweiterungen der BRD in den 60er Jahren waren die Folge des wirtschaftlichen Auf- schwungs. Durch die starke wirtschaftliche Entwicklung wurden weitere Industrie- und Gewer- bestandorte benötigt. In Folge dessen stieg auch das Transport- und Verkehrsaufkommen. Ebenfalls ermöglichte das Wirtschaftswunder vielen Familien den Kauf eines eigenen Autos. Die Politik beschloss den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Neben Autobahnen wurden in den Städten neue Straßen und auch S- und U-Bahnen gebaut (BBSR 2011b). Durch das 1960 in der BRD eingeführte Bundesbaugesetz (BBauG) bekam die Stadtplanung in Westdeutschland einen neuen rechtlichen Rahmen. Die Bauleitplanung wurde nun einheitlich vollzogen. Durch Lücken im BBauG konnten Bodenpreissteigerungen stattfinden. In Folge dessen kam es in den Stadträumen zur Verdrängung von Wohnnutzungen und kleineren Gewerbebetrieben. Be- schleunigt wurde dieser Verdrängungsprozess durch das „Wirtschaftswunder“ und die damit verbundene Steigerung des Lebensstandards. Immer mehr landwirtschaftliche Fläche wurde zu Wohn- und Gewerbegebieten umgenutzt. Durch die steigende private Motorisierung konnte der suburbane Raum immer attraktiver als Wohnstandort werden. Die rasante Zunahme des Verkehrsaufkommens führte dazu, dass dem Leitbild einer „autogerechten Stadt“ eine immer größere Bedeutung zukam (Beckmann et. al 2000:47ff, Heineberg 2000:124,227-233). Die Stadterweiterungen der 60er Jahre waren in der BRD geprägt durch zwei verschiedene For- men des Städtebaus. Auf der einen Seite entstanden kompakte Großwohnsiedlungen am Rand der Städte, als reine Wohngebiete unter dem Grundsatz der Trennung der Funktionen. Auf der anderen Seite wurden Einfamilienhausgebiete geschaffen, die aufgelockert und offen gestaltet wurden.

Anders als in Westdeutschland dominierte in der DDR zu dieser Zeit nur der Geschosswohnungsbau. Mit der Baukonferenz 1955 wurde die industrielle Plattenbauweise eingeführt. Somit konnten zahlreiche neue Wohnkomplexe in kurzer Zeit errichtet werden. Oft entstanden neue Stadtteile oder sogar neue Städte (BBSR 2011b).

2.1.3 1970er Jahre

In Folge der Ölkrise, Anfang der 70er Jahre, stiegen die Benzinpreise stark an. Die „autofreien Sonntage“ wurden eingeführt. Besonders die abgewanderten Bewohner und Betriebe in Stadt- randbereiche traf diese Krise. Viele waren auf das Auto und damit auf bezahlbare Benzinpreise angewiesen. Zu Beginn der 70er Jahre war die Stadtentwicklungspolitik nun nicht mehr fixiert auf den Wohnungsneubau, sondern auf die Verbesserung des Gebäudebestandes (BBSR 2011c).

In der DDR lag die Priorität immer noch bei der Schaffung von Wohnraum. Ziel war es, bis 1990 den Wohnraumbedarf abzudecken. Durch die industrielle Plattenbauweise konnten über 2,1 Millionen Wohnungen geschaffen werden. Aufgrund der Konzentration des Neubaus an den Stadträndern, verfielen die Altstadtkerne immer weiter.

In der BRD gewannen die innerstädtischen Altbauquartiere an Bedeutung zurück. Gleichzeitig kam Kritik an der Unwirtlichkeit der Großwohnsiedlungen am Stadtrand auf. Städtische Funk- tionen sollten von nun an nicht mehr getrennt, sondern durchmischt werden. „Städtebauliche Dichte wurde als unverzichtbar für städtische Lebensweisen wiederentdeckt“ (BBSR 2011c).

Während der Anfänge der Stadterneuerungsphase wurden in Westdeutschland ganze Wohn- blöcke abgerissen, um an derselben Stelle neue zu errichten. Geradezu „radikal“ sind auch die Innenstädte der BRD saniert worden. In Folge dieser Sanierungen sind viele historische Stadtstrukturen vernichtet worden. Nach kurzer Zeit bemerkte man aber, dass kulturhistori- sches Erbe und traditionelle Architektur schützenswert sind. Somit wurden folgende Stadter- neuerungen deutlich schonender durchgeführt. Während der Stadterneuerungsphase sind oft auch Fußgängerzonen, Parkhäuser und Tiefgaragen ergänzt worden. In der DDR sind die in- nerstädtischen Altbaugebiete weiterhin vernachlässigt worden. Der Neubau war nach wie vor Priorität. In Folge der standardisierten Plattenbauweise gingen städtebauliche Qualitäten und auch die Gestaltung der neuen Quartiere und Gebäude immer weiter verloren (BBSR 2011c).

2.1.4 1980er Jahre

In den 80er Jahren verlor der Neubau von Großwohnsiedlungen in der BRD immer mehr an Bedeutung. Stattdessen gewann der verdichtete Einfamilienhausbau an Attraktivität. Die Altbauquartiere erfuhren eine behutsame Stadterneuerung. Die bestehende Bausubstanz wurde ausgebessert und Baulücken durch Neubauten geschlossen. Die Anzahl an Eigentumswohnungen nahm während dieser Zeit deutlich zu.

Während in der BRD die Altbaugebiete wieder an Attraktivität gewonnen hatten, verfielen die der DDR immer weiter. Weiterhin wurden Neubauten errichtet, die immer mehr an städtebau- licher Qualität verloren. Teilweise mussten aus Sicherheitsgründen ganze Quartiere abgeris- sen werden. Auf den freiwerdenden Flächen wurde Ersatzneubau in Plattenbauweise errichtet. Die Neubaugebiete der DDR waren sehr begehrt. Denn diese boten, im Vergleich zu den verfallenen Altbaugebieten, attraktiven Wohnraum. In der BRD wurde hingegen wieder das Wohnen in den sanierten Altbaugebieten präferiert. Die alten Stadtstrukturen der DDR gewannen erst Ende der 80er Jahre an Bedeutung zurück (BBSR 2011d).

2.1.5 1990er Jahre

Bereits Anfang der 90er Jahre, nach der Wiedervereinigung, war das Leitbild der Stadtplanung „nachhaltige Stadtentwicklung“. Von nun an, sollte die Umweltqualität für kommende Generationen erhalten werden. Neben der anspruchsvollen Aufgabe Umweltbelange und Stadtentwicklung miteinander zu vereinen, stand auch „[…] die Sicherung und Verbesserung des großen Wohnbestandes in den sogenannten „Plattensiedlungen“ sowie die Revitalisierung der Innenstädte“ im Vordergrund (BBSR 2011e).

2.2 Die Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland

Die im vorherigen Kapitel beschriebenen Stadtentwicklungen haben bereits in Auszügen gezeigt, wie unterschiedlich diese in West- und Ostdeutschland verliefen. Ebenso waren die Entwicklungen der Großwohnsiedlungen in den beiden ehemaligen Ländern sehr verschieden. Bereits eine Übersicht (Tabelle 1) über die Anzahl und die Größe der Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland zeigt deutliche Unterschiede.

Tabelle 1 Großwohnsiedlungen Ost und West

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, nach Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1994: 27)

Auf der Karte von Fuhrich und Mannert (Abbildung 1) ist direkt erkennbar, dass eine Konzent- ration der großen Wohngebiete mit 2.500 und mehr Wohnungen im Osten vorherrscht. Diesen Eindruck bestätigen ebenfalls Zahlen aus dem Großsiedlungsbericht 1994, die in Tabelle 1 dargestellt sind. Aus dieser kann entnommen werden, dass in der ehemaligen DDR insgesamt 146 Großwohnsiedlungen existieren, während es in der BRD gerade einmal 94 sind. Somit lebte 1994 jeder vierte Bewohner im Osten in einer Großwohnsiedlung, im Westen nur jeder 60ste (Fuhrich/ Mannert 1994:570). Ebenfalls sind prägnante Unterschiede in den Größenord- nungen der Siedlungen zu erkennen. „In der DDR wurden fast viermal soviel Großwohnsied- lungen in der Größenordnung von ganzen Stadtteilen (mehr als 10.000 Wohnungen) gebaut als in der früheren Bundesrepublik Deutschland“ (Fuhrich/ Mannert 1994:570). Es wird deut- lich, dass die Großwohnsiedlungen in Ostdeutschland eine sehr viel größere Rolle für die Wohnraumversorgung gespielt haben als im Westen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Große Wohngebiete mit 2.500 und mehr Wohnungen (Fuhrich/ Mannert 1994:571)

Neben den genannten Unterschieden hinsichtlich Größe und Anzahl der Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland existieren weitere Unterschiede. In den folgenden beiden Unterkapiteln werden die verschiedenen Merkmale, Strukturen und Entwicklungen der Großwohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland weiter ausdifferenziert.

2.2.1 Großwohnsiedlungen Westdeutschland

Der Großwohnsiedlungsbau des Westens kann in drei Zeitabschnitte gegliedert werden (Ta- belle 2). Während der ersten Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg wurden erste Großwohnsiedlungen zur Deckung der Wohnungsnot errichtet. Diese Aufbauphase war ge- prägt durch das Leitbild der aufgelockerten und gegliederten Stadt. In den 1960er Jahren folgte eine extreme Verdichtung der Städte, sowohl vertikal als auch horizontal. Dabei entstanden homogene Großsiedlungen in Form von Geschosswohnungsbau. Bereits Ende der 70er Jahre verloren die Großwohnsiedlungen in Westdeutschland ihr Ansehen. Somit kam in den 1980er Jahren der Großwohnsiedlungsbau nahezu zum Erliegen (Beckmann et. al 2000:45f / Siverts 2006:163). Das Ziel neue, selbstständige Entlastungstädte zu schaffen, wie in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden, gab es in Deutschland nicht. Die Planungshoheit der Kommunen und die föderative Struktur in Westdeutschland ließen derartige Eingriffe in den Städtebau nicht zu (Jessen 2000:105).

Tabelle 2 Großwohnsiedlungsbau im Westen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Eigene Abbildung nach Beckmann et. al 2000:45/ Jessen 2000:104)

Aufgrund des hohen Zerstörungsgrades herrschte in der BRD während der ersten Nachkriegs- phase die Wohnungsbaupolitik vor. Die Wirtschaft des Westens wurde bereits früh, hauptsäch- lich durch den Marshall-Plan, wieder gestärkt und somit konnte der Wiederaufbau schnell be- ginnen. Das erste und zweite Wohnungsbaugesetz bildeten die Basis für den Wiederaufbau in Westdeutschland. Mit dem ersten Wohnbaugesetz förderte man den Bau von preiswerten Sozialwohnungen. Bis 1956 konnten mehr als 2 Millionen Sozialwohnungen, in Form von ein- fachem Miethausbau und offener Zeilenbauweise, geschaffen werden (Jessen 2000:111).

92% der Großwohnsiedlungen im Westen wurden in Verdichtungsräumen und in Ballungsräu- men, am Rand der Großstädte, meist im Zuge des öffentlich geförderten Wohnungsbaus, er- richtet (Liebmann/ Rietdorf 1998:178). Die Großwohnsiedlungen der BRD sollten als reine Wohnsiedlungen entstehen. Ein differenziertes Wohnangebot und die Versorgung mit öffentli- chen und privaten Einrichtungen waren in den Planungen vorgesehen. Statt Arbeitsplätze in enger räumlicher Nähe zu den Wohnungen zu schaffen, sollten die überregionalen Arbeits- märkte durch den ÖPNV gut erreichbar sein. Die Zwei-Generationenfamilie wurde in West- deutschland als Normtypus der Haushaltsform zur Erstellung der Wohnungsgrundrisse fest- gelegt. Andere Haushaltsformen wurden, wenn überhaupt, nur in Sonderwohnformen bedacht. In den Siedlungen sollte meist ein neues Hauptzentrum, teilweise auch Nebenzentren, entste- hen. Auf Grundlage der „Charta von Athen“ wurden die städtischen Funktionen klar voneinan- der getrennt. Großen Wert legte man auf die Begrünung der Siedlungen. Die Großwohnsied- lung München-Neuperlach ist mit knapp 23.000 Wohneinheiten die größte Großwohnsiedlung die je in Westdeutschland entstanden ist (Beckmann et. al 2000:47ff/ Heineberg 2000:124,228f/ Jessen 2000:110f).

Anfang der 1960er Jahre kam Kritik an den Konzepten der aufgelockerten und gegliederten Stadt der fünfziger Jahre auf. Man bemängelte die Homogenität der Großsiedlungen und auch das Defizit an Urbanität. Somit kam es Anfang der 1960er Jahre zu einer Verflechtung und Verdichtung der Siedlungen. In den Siedlungen der sechziger Jahre wurde versucht, das Ge- fühl von Urbanität durch eine höhere Dichte zu erreichen. Somit errichtete man Mitte der 60er Jahre zahlreiche Großwohnsiedlungen im Geschosswohnungsbau. Die Größenordnungen la- gen bei rund 16.000 Wohneinheiten mit circa 60.000 Einwohnern. Die Großwohnsiedlungen der 70er Jahren konnten, genau wie die der 60er Jahre, auch nicht den Vorstellungen von einer höheren Urbanität gerecht werden. Des Weiteren gab es Probleme bei der sozialen An- passung der Bewohner, zeitliche Probleme bei der Schaffung von infrastrukturellen Folgeein- richtungen und auch bei der Verkehrserschließung der Siedlungen. Grundlegend resultierten diese Defizite aus der fehlenden sozialen Stadtentwicklungsplanung. Anfang der 70er Jahre verlagerten die Stadtpolitik und die Kommunalplanung den Schwerpunkt von der Stadterwei- terung auf die Stadterneuerung. Nun wurden die zuvor vernachlässigten innerstädtischen Alt- bauquartiere saniert und gewannen an Attraktivität als Wohnstandort zurück (Beckmann et. al 2000:47ff/ Heineberg 2000:124,227-233).

Die Großwohnsiedlungen sind zunächst sehr „[…] geschätzt und als deutliche Verbesserung gegenüber der alten Wohnsituation empfunden […]“ worden (Johann Jessen 2000:111), verloren aber anschließend sehr schnell an Attraktivität. Hohe Mieten, fehlender Lärmschutz, ein unwirtliches Wohnumfeld und eine defizitäre Ausstattung mit öffentlichen und privaten Infrastruktureinrichtungen ließen die Großsiedlungen zu einem Symbol „inhumanen Städtebaus“ (Jessen 2000:112f) werden (Jessen 2000: 104f, 108, 112f).

Ab Mitte der 80er Jahre verlieren die sogenannten Schlafstädte am Rande der Städte an At- traktivität. „Gründe liegen unter anderem in monotoner Bausubstanz, einem unzureichenden lokalen Arbeitsplatzangebot, schlechter infrastruktureller Ausstattung und ungünstiger Anbin- dung an den öffentlichen Nahverkehr“ (Weber 2013:26). Aufgrund dieses Attraktivitätsverlus- tes, auch hinsichtlich der zunehmenden Konkurrenz der Altbauquartiere als Wohnstandort, kam der Bau der Großwohnsiedlungen Mitte der 80er Jahre nahezu zum Erliegen (Jessen 2000: 104f, 108, 112f).

Für die bestehenden Großsiedlungen entwickelte man Maßnahmen, die zur Nachbesserung beitragen sollten. Denn die Siedlungen wurden lediglich defizitär mit Dienstleistungs- und Ein- zelhandelsangeboten ausgestattet und auch Arbeitsstätten fehlten in den Gebieten. Je nach den örtlichen Anforderungen der Großwohnsiedlung sind individuelle Maßnahmenbündel er- stellt worden. Bautechnische Sanierungen, städtebauliche Korrekturen, organisatorische Er- neuerungen und soziale Programme konnten Teil dieser Maßnahmenbündel sein (Bundesmi- nisterium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1994:27f/ Jessen 2000:112f).

Die Finanzierung des Baus und auch der späteren Sanierungen der Großwohnsiedlungen er- folgte meist durch die gemeinnützige Wohnungswirtschaft. Im Vergleich zu anderen westeu- ropäischen Ländern war die Blütezeit der industriellen Verfahren des Wohnungsbaus, auf- grund der Kritik der Monotonie den Siedlungen, sehr kurz. Die staatliche Wohnungsbaupolitik hatte in Westdeutschland Priorität und diente der sozialen Integration. Zu dieser Zeit war eine Bürgerbeteiligung in den Planungen ausgeschlossen. Die Planungen erfolgten ausschließlich durch fachlich kompetente Planer. In Westdeutschland unterlagen die Großwohnsiedlungen oft umfangreichen Planungsverfahren. Grundlage für die Entwicklung der Siedlungen waren meist Architekturwettbewerbe. Auch wenn die Leitbilder für die Planungen ähnlich waren, sind sehr verschiedene Großwohnsiedlungen in den alten Ländern entstanden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Potenziale von Großwohnsiedlungen für nachhaltige Mobilitätsstrukturen in Städten
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V341435
ISBN (eBook)
9783668310674
ISBN (Buch)
9783668310681
Dateigröße
1958 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
potenziale, großwohnsiedlungen, mobilitätsstrukturen, städten
Arbeit zitieren
Loisa Welfers (Autor), 2016, Potenziale von Großwohnsiedlungen für nachhaltige Mobilitätsstrukturen in Städten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341435

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