Großstadtlyrik in den 1920er Jahren und die Neue Sachlichkeit. Bertolt Brechts "Lesebuch für Städtebewohner"


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Vorbetrachtungen
1.1 Gesellschaftsbild der Weimarer Republik
1.2 Begriff der Neuen Sachlichkeit
1.3 Entstehungsgeschichte des Lesebuchs für Städtebewohner

2. Analyse und Interpretation
2.1 Verwisch die Spuren
2.2 Einordnung in das gesamte Lesebuch

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begann in Deutschland eine neue Ära. Die Weimarer Republik brachte viele neue Phänomene wie kulturelle, naturwissenschaftliche und technische Errungenschaften, Urbanisierung, aber auch Inflation, Weltwirtschaftskrise, soziale Unterschiede und Massenelend mit sich. Diese Ereignisse schlugen sich auch in der deutschen Lyrik nieder. Ein großes Gebiet bildete die Großstadtlyrik, die seit dem Naturalismus, insbesondere aber seit dem Expressionismus verstärkt in den Vordergrund trat. Ihre Vertreter verarbeiteten ihre Erfahrungen, die sie in den Großstädten machten, in Form von Romanen, Prosa oder Gedichten. Einer von ihnen war Bertolt Brecht. Mit den Gedichten aus seinem Lesebuch für Städtebewohner, die er 1926 und 1927 schrieb, entwarf er nicht nur ein Bild des damaligen Großstadtlebens mit seinen Menschen, sondern gab darüber hinaus Anweisungen, wie man sich in der Großstadt verhalten sollte, um kein Opfer der gesellschaftlichen Missstände zu werden.

In der Seminararbeit „Großstadtlyrik in den 1920er Jahren und die Neue Sachlichkeit - Bertolt Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ soll anhand einer Analyse und Interpretation des ausgewählten Gedichts Verwisch die Spuren die Frage „Stellt Bertolt Brechts Lesebuch für Städtebewohner ein Abbild der zerbrochenen Gesellschaft in der Weimarer Republik dar?“ diskutiert und beantwortet werden.

Die Arbeit basiert hauptsächlich auf den Forschungsergebnissen der beiden Brecht-Handbücher, jeweils geschrieben und herausgegeben von Jan Knopf, sowie dem Aufsatz „'Wenn ich mit dir rede kalt und allgemein'? Bert Brechts Lesebuch für Städtebewohner im Kontext von Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre“ von Hans Vilmar Geppert, da diese ausführliche Erläuterungen zum Lesebuch für Städtebewohner bieten.

Im Folgenden stelle ich meine Vorgehensweise vor. Zunächst werden unter den Vorbetrachtungen das Gesellschaftsbild der Weimarer Republik, der Begriff der Neuen Sachlichkeit und die Entstehungsgeschichte des Lesebuchs für Städtebewohner dargestellt, um eine Einführung in die Thematik zu geben und den Hintergrund zu skizzieren. Darauf folgt der analytische Teil mit Interpretation, der nochmals in zwei Gliederungspunkte unterteilt ist. Zuerst soll das Gedicht Verwisch die Spuren analysiert und interpretiert werden und in einem zweiten Schritt wird es in das gesamte Lesebuch eingeordnet. Ich entschied mich für dieses Gedicht, da es das Erste der Sammlung ist und laut Geppert bereits die Gesamtthematik darstelle.1 Doch dazu werde ich mich zu einem späteren Zeitpunkt genauer äußern. Abschließend wird die Ausgangsfrage beantwortet, in dem die Analyseergebnisse nochmals zusammengefasst werden.

Bezüglich des Forschungsstandes muss erwähnt werden, dass dieser Themenkomplex im Gegensatz zu anderen Werken Brechts noch nicht ausreichend untersucht worden ist. Es gibt nur wenige Forschungsliteratur, die sich mit den Gedichten des Lesebuchs auseinandersetzt. Daher wählte ich es als Untersuchungsgegenstand meiner Seminararbeit, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.

1. Vorbetrachtungen

1.1 Gesellschaftsbild der Weimarer Republik

Die Zeit der Weimarer Republik wurde durchzogen von wirtschaftlichem Wachstum, wirtschaftlichem Strukturwandel, Sozialpolitik und sozialen Konflikten, Finanzpolitik und ihren Auswirkungen auf die sozialen Gegensätze, von unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Interessengruppen. Infolgedessen kristallisierte sich der Dualismus zwischen Sozial- und Wirtschaftspolitik heraus, der eine einheitliche gesellschaftliche Entwicklung verhinderte. Verstärkt wurden diese Gegensätze durch Ereignisse wie Inflation, Wirtschaftskrisen und Massenarbeitslosigkeit, die die Aufspaltung des deutschen Bürgertums nach und nach besiegelten. Es entstand ein gesellschaftliches Spannungsfeld zwischen den Vertretern des alten Obrigkeitsstaates, denen der neuen demokratischen Republik und anderen politischen Gruppierungen. Die Großstädte bildeten dabei ein Spannungsfeld in sich, da hier die Verarbeitung der gesellschaftlichen Missstände durch Künstler und Literaten in Form von Theaterstücken, Malerei, Dichtkunst oder Presseartikeln öffentlich gemacht wurden.

1.2 Begriff der Neuen Sachlichkeit

„Wir leben in einer nüchternen, klareren und ehrlicheren Welt […]. Die Problematik der Zeit muß nüchtern geklärt werden“2 So beschreibt Erich Troß das neue literarische Konzept der 1920er Jahre in dem Artikel „Die neue Sachlichkeit“ vom 11. September 1925, der in der Frankfurter Zeitung erschienen ist. Der Begriff wurde allerdings erstmals von dem Mannheimer Museumsdirektor G.F. Hartlaub geprägt. Die Literaten und Künstler dieser Zeit beschäftigten sich mit der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit, nahmen ihr gegenüber eine kühl distanzierte Haltung ein und stellten sie objektiv, illusionslos und nüchtern dar. Das Individuum war nur noch ein Teil einer großen Gruppe in der Gesellschaft. Die Neue Sachlichkeit war somit eine Gegenreaktion auf den vom Pathos geleiteten Expressionismus.

1.3 Entstehungsgeschichte des Lesebuchs für Städtebewohner

Die zehn Gedichte, die Bertolt Brecht 1926 und 1927 schrieb, wurden 1930 in dem 2. Heft der Versuche gedruckt. Zuvor wurden 1926 das zweite und dritte Gedicht unter dem Titel Vom fünften Rad und An Chronos und 1927 das siebte und achte Gedicht unter dem Titel Aus einem Lesebuch für Städtebewohner und den Nummern 1 und 2 im Berliner-Börsencourier veröffentlicht. Die Gedichte gehörten aber ursprünglich in den Zusammenhang der Städtegedichte, die zwischen 1921 und 1926 entstanden.

Laut eines Tagebucheintrags von Elisabeth Hauptmann vom 08. Juni 1926 „[wollte] Brecht seine Städtegedichte in die Hauspostille aufnehmen“3, doch er entschied sich letztlich gegen die Eingliederung. Gründe dafür waren, dass die Gedichte nur einen Teil der Mahagonny-Gesänge aufwiesen und sie eher in das größere Vorhaben, „den Einzug der Menschheit in die großen Städte zu gestalten“ einzuordnen waren. Das Lesebuch sollte dem Menschen Haltung zeigen, die den tatsächlichen Umständen entsprachen. Die Individualität und die Möglichkeit zu ungestörtem Selbstgenuss wurden hier erloschen. Dieses Menschenbild hätte dem der Hauspostille widersprochen, da es hier Individuen gab, die sich durch Genuss und Selbstgenuss in der Welt behaupten wollten.

Vorgesehen war es auch, das gesamte Lesebuch auf Schallplatte aufzunehmen, es blieb dann aber bei der Publikation in den Versuchen. Die Gedichtsammlung beinhaltet etwas Lehrendes und sollte mit dem Titel Lesebuch als Fibel für die Erfahrung der Großstadt verstanden werden. Brecht vermied es aber, moralische Zwecke zu formulieren. Nach 1927 schrieb er weitere Stadtgedichte, die vermutlich für das Lesebuch bestimmt waren, aber nie in der Sammlung mitaufgenommen wurden.4

2. Analyse und Interpretation

2.1. Verwisch die Spuren

Verwisch die Spuren ist, wie in der Einleitung bereits angesprochen, das erste und modellhaft exemplarische Gedicht aus Bertolt Brechts Sammlung Aus einem Lesebuch für Städtebewohner, da es bereits das Gesamtthema formuliert: Das Überleben des Einzelnen in der Großstadt.5

Bei der Analyse und Interpretation gehe ich folgendermaßen vor. Zunächst gebe ich eine formale Bestandsaufnahme des Gedichts, auf die die innere Analyse folgt, bei der ich jede Strophe inhaltlich kurz zusammenfasse. Danach erfolgt die exemplarische Interpretation. Abschließend wird ein erstes Fazit gezogen, in dem die wichtigsten Analyseergebnisse noch einmal zusammengefasst werden. Das Gedicht besteht insgesamt aus fünf Strophen mit je sechs Versen und einem alleinstehenden Vers am Ende, der mit Klammern versehen wurde und als externer Kommentar verstanden werden soll.6 Analysiert man das Gedicht auf weitere Kriterien, stößt man auf einen ungeregelten Aufbau, denn es besitzt weder ein Reimschema noch einen Rhythmus, so dass man keine Aussage zur Metrik treffen kann. Brecht verwendet durchgängig eine klare, kalte und pathosfreie Sprache, baut die Strophen überwiegend parataktisch und mit vielen Imperativen auf. Somit steht das Gedicht stellvertretend für die Neue Sachlichkeit, da diese Elemente, wie in den Vorbetrachtungen schon erwähnt, typisch für diese Strömung waren. Brecht wollte auf diese Weise das Leben in einer emotionslosen,kalten und rücksichtslosen Gesellschaft realitätsgetreu darstellen.

[...]


1 Geppert, Hans Vilmar: „Wenn ich mit dir rede kalt und allgemein“? Bert Brechts Lesebuch für Städtebewohner im Kontext von Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre, in: Koppermann, Helmut: Brechts Lyrik- Neue Deutungen, Würzburg 1999, S. 49-50

2 Troß, Erich: Die neue Sachlichkeit [1925], in: Becker, Sabina: Neue Sachlichkeit. Quellen und Dokumente (Bd. 2), Köln; Weimar; Wien; Böhlau 2000, S. 27

3 Bertolt Brecht Gedichte I. Sammlungen 1918-1938, in: Hecht, Werner; Knopf, Jan; Mittenzwei, Werner; Müller, Klaus-Detlef (Hgg.): Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe (Bd. 11), Berlin und Weimar 1988, S. 348

4 Knopf, Jan: Brecht-Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. Eine Ästhetik der Widersprüche, Stuttgart 1984, S. 55-56

5 Geppert, Hans Vilmar: „Wenn ich mit dir rede kalt und allgemein“? Bert Brechts Lesebuch für

Städtebewohner im Kontext von Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre, in: Koppermann, Helmut: Brechts Lyrik- Neue Deutungen, Würzburg 1999, S. 49-50

6 Knopf, Jan: Brecht Handbuch. Gedichte (Bd.2), in: Knopf, Jan (Hg.): Brecht Handbuch in fünf Bänden, Stuttgart 2001, S. 185

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Großstadtlyrik in den 1920er Jahren und die Neue Sachlichkeit. Bertolt Brechts "Lesebuch für Städtebewohner"
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturgeschichte der Weimarer Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V341573
ISBN (eBook)
9783668313750
ISBN (Buch)
9783668313767
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
großstadtlyrik, jahren, neue, sachlichkeit, bertolt, brechts, lesebuch, städtebewohner
Arbeit zitieren
Nadja Wolf (Autor), 2015, Großstadtlyrik in den 1920er Jahren und die Neue Sachlichkeit. Bertolt Brechts "Lesebuch für Städtebewohner", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341573

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