Das ambivalente Genie in Achim von Arnims "Raphael und seine Nachbarinnen"


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Künstler-und Geniekonzeptionen

3. Raphael: Zwischen Genie und Normalität

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das menschliche Interesse an Genies existiert schon lange. Außergewöhnliche, überirdisch wirkende Begabungen, das Beherrschen von scheinbar für den Durchschnittsmenschen nicht erlernbaren Fähigkeiten, faszinierten die Menschen schon zu früher Zeit - und doch wandelte sich die Auffassung von dem, was ein Genie ausmacht, bis heute stetig. So verschieden diese Auffassungen waren und sind, so vielfältig finden wir die Genie-Darstellung auch in der Literatur vor. Besonders interessant sind hierbei die literarischen Werke über solche Genies, die historisch tatsächlich existierten. Beispiele hierfür sind die sogenannten Künstlerromane. Einen solchen habe ich für diese Hausarbeit ausgewählt.

Achim von Arnims „Raphael und seine Nachbarinnen“ ist ein Künstlerroman der Romantik.1 Die um 1822 entstandene Erzählung berichtet von der Lebens-und Schaffensgeschichte des historischen Malers Raphael, der in eine fiktiv-biographische Schilderung eingebettet wird. Teile der Erzählung scheinen an den Künstlerbiographen Giorgio Vasari angelehnt, dessen Biographien in der heutigen Forschung zwar nicht völlig unumstritten, aber doch für viele Kenntnisse über Künstler der Renaissance als wichtige Quellen gelten.2 Die Unsicherheiten um die Vertrauenswürdigkeit der Vasarischen Quelle sowie Vergleiche des fiktiven Raphaels mit dem historischen Raphael sollen für meine Untersuchung keine Rolle spielen. Viel mehr Relevanz soll in dieser Hausarbeit der Frage nach dem Genie-Charakter des fiktiven Raphaels zukommen.

Den Erzählpart des Werkes übernimmt der Ich-Erzähler Baviera, der sich als Gehilfe Raphaels zu erkennen gibt und von seiner Zeit mit Raphael und den Geschichten, die dieser ihm über sich selbst erzählt hat, berichtet.

Die vermeintliche Nähe des Erzählers zum Künstler schafft auf den ersten Eindruck eine recht überzeugende Darstellung des Genies Raphaels und seines unumstrittenen künstlerischen Erfolges. Bei genauerem Hinsehen jedoch fallen einige Unstimmigkeiten der Erzählung auf, die die Sicht auf Raphael als vollkommenes Genie in Frage stellen. Solche Unstimmigkeiten sollen in dieser Hausarbeit aufgedeckt werden um der Frage nachzugehen, inwiefern man in „Raphael und seine Nachbarinnen“ tatsächlich von einem künstlerischen Genie sprechen kann.

2. Künstler- und Geniekonzeptionen

Als Basis und Orientierung für die Untersuchung der Geniedarstellung in „Raphael und seine Nachbarinnen“ sollen mir die Künstlerkonzeptionen der Romantik dienen. Die vollständige Erfassung einer Geniekonzeption möchte ich nicht anstreben, da die Auffassungen über eine solche im Laufe der Zeit einem ständigen Wandel unterlegen waren und bis heute keine zufriedenstellende und einvernehmliche Antwort vorliegt. Die Abstraktheit dieses Begriffs lässt sich nicht ohne ausführliche Abwägungen erfassen. Für solch eine Diskussion wäre der Rahmen dieser Arbeit nicht ausreichend. Da diese Arbeit aber eben die Einschätzung des geniehaften Charakters des Protagonisten Raphael zum Thema hat, werde ich einige Merkmale der romantischen Künstlerkonzeption sowie einer allgemeinverständlichen Auffassung über den Begriff Genie als grobe Anhaltspunkte nehmen, wie Peter Huber sie in seinem Aufsatz „Kreativität und Genie in der Literatur“ erläutert hat.3

Bevor ich in die Analyse der Erzählung einsteige, möchte ich kurz einige dieser grundlegenden Punkte ansprechen.

Mit der Romantik sieht man sich einer Epoche gegenüberstehen, die geprägt ist von der Abwendung vom rationalen und wissenschaftlichen Denken der Aufklärung und der Zuwendung zu Themen wie Natur, Phantasie und Traum, Seelenleben und das Erleben von Gefühlen.4 Schlegels Kunst und Wissenschaft zusammenführende progressive Universalpoesie, Individualität, Sehnsucht und Wandermotive5 sind nur einige, aber wichtige Schlagwörter dieser Epoche.

Besonders interessant ist für diese Untersuchung vor allem die Konzeption des genialen Künstlers und ihre Kennzeichnung in der Romantik, die natürlich auch mit den bereits genannten Schlagwörtern einhergeht.

Der Künstler wird in der Romantik als Subjekt verstanden. Diese Subjektivität bezieht sich auch auf sein Schaffen: Viel mehr als die genauste Nachahmung der Natur rückt hier der individuelle Blick des empfindenen Künstlers in den Mittelpunkt, den es zu einem Werk zu machen gilt.6 Wichtig ist dabei vor allem die Verbindung zwischen der Natur und den Emotionen des Künstlers. Die Entwicklung des schaffenden Individuums soll in Künstlerromanen vorgeführt werden. In diesen finden sich wichtige Motive der romantischen Künstlerkonzeption. Als Kern der Entwicklung lässt sich die transzendente Überwindung des Gegensatzes von einschränkendem, alltäglichem und bürgerlichem Rahmen und subjektivem künstlerischem Leben nennen.7 Der Schaffende geht in sich, sein Ziel ist die Rückkehr zum Ursprung, die Abkehr von der Wirklichkeit. Dieser Prozess wird dargestellt durch den immer wieder einfließenden Gegensatz von Himmel und Erde, von Irdischem und Überirdischem, durch den der Künstler auch oftmals durch Gott inspiriert dargestellt wird.8 Traummotive oder phantastische Szenerien sind häufiger Bestandteil.

Auch das Wandermotiv dient als Darstellungswerkzeug der Transzendenz. Der Künstler tritt, um seine Entwicklung zu fördern, aus seiner gewohnten Umgebung hinaus in eine fremde Welt, an deren verschiedenen Stationen er immer wieder auf seine Vergangenheit trifft und die Rückkehr zum Ursprung sucht.9

Oftmals einhergehend mit dem Entwicklungsweg ist zum einen die innere Zerrissenheit des Künstlers ob der Versuche einer Überwindung der unvereinbar scheinenden Gegensätze, zum anderen die Isolation von der Gesellschaft, in die er nicht passen kann. Nicht selten endet der Versuch im Wahnsinn oder Tod.10

Soweit zu einer groben Orientierung einer Darstellung eines genialischen Künstlers der Romantik.

Wie ich eingangs bereits erwähnt habe, hat sich die Genieauffassung im Laufe der Zeit verändert und viele Aspekte überschneiden sich mit der romantischen Künstlerkonzeption. Deshalb möchte ich im Folgenden versuchen eine ungefähre allgemeingültige Genieauffassung zu umrahmen.

Peter Huber unterscheidet in seinem Aufsatz „Kreativität und Genie in der Literatur“ die Kreativität und das Genie.11 Für die Kreativität konstatiert er einige Eigenschaften, die unabdingbar sind. Es ist nicht überraschend, dass als Basis das Talent steht. Das allein ist aber nicht ausreichend, um als Kreativität zu gelten. Viel mehr wird das Talent noch angereichert mit bestimmten anderen Eigenschaften, zu denen Huber die Phantasie zählt und als „Vergegenwärtigung des Nichterlebten“12 beschreibt. Des Weiteren braucht der Kreative auch noch Originalität, die erreicht, dass seine Werke einmalig bleiben und einen starken Wiedererkennungswert haben. Schließlich ist es noch die Erfindungsgabe, die für den Kreativen ein wichtiger Faktor ist, denn sie ist die Fähigkeit immer wieder Neues zu schaffen. Diese Eigenschaften dürfen jedoch nicht für sich stehen, sie müssen im gemeinsamen Ergebnis zu Produktivität führen, denn ohne diese wäre jede Kreativität ohne Sinn. So weit die Eigenschaften, die zusammen bildend für die Kreativität sind. Doch wo hört die Kreativität auf und wo beginnt das Genie? All diese Eigenschaften zählen auch für das Genie. Huber macht den Unterschied am Minimalsten fest: An dem Unterschied zwischen der talentierten Kreativität und der „Einzigartigkeit und Inkommensurabilität“13 des Genies. So sind Genies solche Künstler, deren über die Maßen ungewöhnliches, schöpferisches Talent nicht mehr greifbar und mit dem Verstand zu fassen und v.a. nicht erlernbar und nachahmbar ist. Die Talente eines Kreativen lassen sich im Gegensatz dazu im Prinzip erlernen und v.a. mit Rationalität leicht erklären.

Dieser kurze Überblick, der keine Vollständigkeit beansprucht, soll als Basis für die Untersuchung des Geniecharakters der Figur Raphaels dienen. Mit dieser Voraussetzung möchte ich nun in die Analyse einsteigen.

[...]


1 Alle Angaben, die in dieser Arbeit zu Achim von Arnims „Raphael und seine Nachbarinnen“ gemacht werden, beziehen sich auf folgende Ausgabe: von Arnim, Achim: Raphael und seine Nachbarinnen. In: Ders. (Hg.): Novellen. Reproduktion des Originals (1. Aufl.). Paderborn 2013, S. 73-143.

2 Vgl. Blum, Gerd: Giorgio Vasari. Der Erfinder der Renaissance. Eine Biographie. München 2011, S. 144-164.

3 Vgl. Huber, Peter: Kreativität und Genie in der Literatur. In: Heidelberger Jahrbücher 44 (2000): Kreativität, S. 205-225.

4 Vgl. Matuschek, Stefan: Romantik. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff. 3 Aufl. Stuttgart 2007, S. 665.

5 Ebd.

6 Vgl. Weidenmüller, Chantal: Das Problem des künstlerischen Subjekts. Am Beispiel von Musiker- Darstellungen in Erzählungen des 19. Jahrhunderts (Mörike, Grillparzer etc.). Hamburg 1998, S. 9.

7 Ebd., S. 8.

8 Ebd., S. 59.

9 Vgl. Kremer, Detlef: Prosa der Romantik. Stuttgart 1996 (Sammlung Metzler 298), S. 120-124.

10 Ebd.

11 Vgl. Huber, Peter: Kreativität und Genie in der Literatur, S. 205-207.

12 Vgl. Huber, Peter: Kreativität und Genie in der Literatur, S. 205.

13 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das ambivalente Genie in Achim von Arnims "Raphael und seine Nachbarinnen"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Das Genie in Literatur und Film
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V341709
ISBN (eBook)
9783668315099
ISBN (Buch)
9783668315105
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genie, achim, arnims, raphael, nachbarinnen
Arbeit zitieren
Sarah Fromm (Autor), 2016, Das ambivalente Genie in Achim von Arnims "Raphael und seine Nachbarinnen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341709

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