Das ambivalente Figurenkonzept der Meliur in Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur"


Hausarbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Roman

3. Die Figur der Meliur
3.1. Meliur und ihre Zauberkraft
3.2. Der Einfluss auf Partonopier
3.3. Die Wandlung der Meliur nach dem Tabubruch.

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Konrads von Würzburg höfischer Roman „Partonopier und Meliur“ entwirft ein Bild einer in der mittelalterlichen Literatur bekannten Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einem weiblichen Wesen, dass der Zauberei kundig ist und die Verbindung unter ein Tabu legt. Das Paar muss durch den Bruch des Tabus eine schwere Zeit der Trennung durchstehen, findet letztendlich aber wieder versöhnlich zueinander. Soweit die Stofftradition. Konrad von Würzburg jedoch weicht von dieser in seiner Umsetzung von Handlung und Figuren ab - nicht nur durch seine zusätzlich eingefügten Szenen oder den plötzlichen Abriss der Erzählung mitten im Geschehen.

Der Protagonist Partonopier ist auf den ersten Blick der alleinige Mittelpunkt des Romans, der Held, um den sich die übrigen Figuren gruppieren. Schaut man jedoch genauer hin, wird klar: Gerade die Frauenfiguren sind wichtige Konstanten, die die Handlung und den Protagonisten maßgeblich beeinflussen. Zu den drei Wichtigsten gehören Meliur, ihre Schwester Irekel und Partonopiers zauberkundige Mutter Lucrete. Vor allem Meliur ist viel mehr als nur die passive Auserwählte in Märchengestalt, um die er zu kämpfen hat. Viel mehr ist sie treibende Kraft hinter der Erzählung und größte Einflussnehmerin auf das Fühlen und Handeln des Protagonisten. In ihr finden wir Ambivalenzen angelegt, die im Zusammenspiel mit den weiteren Verwebungen und Verkreuzungen verschiedener Erzähllogiken „Partonopier und Meliur“ zu einem interessanten und vielschichtig untersuchbaren Roman machen.

Für diese Arbeit habe ich deshalb die Figur der Meliur ausgewählt, die Gegenstand meiner Untersuchung sein soll. Als Basis dienen mir dafür die Figurentheorien Ralf Schneiders1 und Matías Martínez.2 Im Fokus soll dabei für mich die Frage nach der Darstellung und Wandlung Meliurs innerhalb des Romans stehen. Dafür lege ich einen besonderen Augenmerk auf Meliurs Zauberkraft, ihren Einfluss auf den Protagonisten Partonopier und die Folgen des Tabubruchs.

2. Der Roman

Bevor ich weiter auf die Meliur-Figur eingehe, möchte ich noch einige Worte über den Roman selbst verlieren, um der Untersuchung einen Rahmen zu geben.

Für seine Version „Partonopier und Meliur“ bediente sich Konrad von Würzburg der französischen Vorlage, „Partonopeus de Blois“, dem Werk eines anonymen Dichters. Die beiden Erzählungen weisen ähnliche Strukturen, aber auch klare Differenzen auf.3 Geboren wahrscheinlich um etwa 1230 in Würzburg, wie sein Name vermuten lässt, schrieb Konrad von Würzburg seine Version wohl in der Mitte des 13. Jahrhunderts in einem Zeitraum vor 1277.4 Mit „Partonopier und Meliur“ liegt uns ein spätmittelalterlicher Roman vor, der in der Forschung immer wieder kontrovers diskutiert wird. Geschuldet ist dieser besondere Status den vielen Widersprüchlichkeiten, die sich aus der Verschränkung verschiedener moralischer Vorstellungen und Erzähllogiken ergeben.5 Der Stoff der Erzählung, der „Martenehe“, ist also kein Unbekannter, seine Umsetzung jedoch schon. Er bedient sich anderer Mittel und unterläuft zum Teil die Erwartungen an höfische Prinzipien.

Eine eindeutige Einordnung durch die Forschung ist noch nicht geschehen, es gibt Vertreter unterschiedlicher Ansichten. So sieht ein Teil den Roman als eine Darstellung einer psychologischen Figurenentwicklung, während sich andere strikt dagegen stellen, einem spätmittelalterlichen Roman bereits solche Ziele zu- und klare Schematisierung abzuschreiben.6 Andere betonen einen lehrhaften Charakter der Erzählung, die die letztendlich vorbildliche Zähmung einer ungezähmten freien Sexualität und Liebe thematisiert.7 Inzwischen recht einig ist man sich aber darüber, dass der Roman sich verschiedener Gattungseinflüsse bedient. So lässt sich der erste Teil der Erzählung einer typischen Feenerzählung zuordnen, die zweite Hälfte bedient sich Strukturen des Chanson de geste, des Artusromans und des Liebes-und Reiseromans.8

Die Erzählinstanz ist eher schwach ausgeprägt und übernimmt keine autonome Rolle, vielmehr ist es die Figurenperspektive, die in diesem Roman eine wichtige Aufgabe übernimmt9: Die Gedankenwelt Partonopiers und Meliurs übernimmt einen prägenden Teil für die Ausformung der Figuren und der Handlung und ist damit ein Grund für die Forschungsdiskussionen über Psychologisierung und Individualität in diesem Roman. Der Rahmen dieser Hausarbeit jedoch lässt es nicht zu, auf diese Frage weiter einzugehen. Genau wie der Roman selbst nicht in feste Strukturen eines Erzähltypus einzuordnen ist, so sind es auch nicht die Figuren, die sich in ihren Rollen widersprechen und diese scheinbar auch wechseln, sie sind geprägt durch verschiedene Züge und brauchen einen genaueren Blick, um sie einordnen zu können.

Konkret gilt das in dieser Arbeit für die Figur der Meliur: Sie ist differenzierter und vielschichtiger, als man es zunächst wahrzunehmen vermag.

3. Die Figur der Meliur

3.1. Meliur und ihre Zauberkraft

Die Figur der Meliur ist von Ambivalenzen und einer Wandlung durchzogen, die es in den kommenden Unterkapiteln dieser Untersuchung aufzudecken und einzuordnen gilt. Um dem Ganzen eine Struktur zu geben, möchte ich zunächst damit beginnen, einen genaueren Blick auf die Anfänge der Erzählung zu werfen und dabei vor allem Meliurs Darstellung als Fee betrachten: Eine Darstellung, die sich im Laufe der Erzählung noch wandeln wird. Meliur tritt das erste Mal ab Vers 1226 auf. Die vorangegangenen Verse haben sich v.a. einer intensiven Beschreibung der Figur des Partonopiers gewidmet (V. 268-400); auch er hat einige ambivalente Zuschreibungen bekommen. So ist der 13-Jährige Partonopier zunächst vorbildlich heldenhaft und ritterlich beschrieben, wechselt dann aber in ein ängstliches Kind- Ich (V. 314-1122). Nach einer abenteuerlichen Verirrung im Wald, einer Überfahrt mit einem Geisterschiff und der Ankunft in einer Geisterstadt treffen die beiden Protagonisten in dem Bett, in dem Partonopier sich ausruhen wollte, aufeinander - in Dunkelheit, keiner sieht den anderen (V. 1122-1242). Ab diesem Zeitpunkt ist Meliur wichtiger Bestandteil der Geschichte. Sie begegnet dem Rezipienten als Feengestalt, ihre Einführung steht ganz im Zeichen des Märchenhaften, der Raum, in dem sie auftritt unterstreicht dies: Es ist wie das Paradies. Schon vor der Begegnung wird der Weg dafür geebnet, denn als Partonopier ihr Land erreicht, ist er überwältigt von der Schönheit und dem Prunk dieser Stadt. Die unsichtbare Bewirtung des Gestrandeten lässt keine Wünsche offen (V. 946-1037). Es wird klar: Wer über dieses Land herrscht, muss mächtig und wohl auch der Zauberei kundig sein.

Dieser Eindruck wird bestätigt, als Meliur auftritt. Trotz ihrer Nicht-Sichtbarkeit macht sie augenblicklich einen ungeheuren Eindruck auf Partonopier, der sich zunächst in Angst verkriecht. Das Übernatürliche, so fürchtet er, sei ein Werk des Teufels (V. 1289-1291) und verdenken kann man ihm diese Reaktion wohl nicht: Die Umstände seiner Reise, die verzauberte Umgebung und die Präsenz Meliurs in der Dunkelheit sind unerklärlich für ihn.10 Doch Meliur zeigt ihre Manipulationskraft schon bei dieser ersten Szene11: Ihre gespielt erschrockene Reaktion, als sie ihn im Bett „auffindet“ und ihre danach forschen Versuchen, ihn unter Drohungen mit Betonung ihrer Macht hinauszuwerfen, sind es, die Partonopiers Sorge in Kombination mit der märchenhaften Umgebung zur Faszination werden lassen (V. 1310-1520, 1570-1677). Mehr noch: Als er ihre Stimme und ihr Reden hört, verliebt der Protagonist sich augenblicklich. Scheint dies doch eher unverständlich - wie kann nur eine Stimme Liebe erzeugen - begründet Schulz diese Reaktion damit, dass die ideale Umgebung, die Schönheit des Reiches auf die Vollkommenheit Meliurs vorausweisen.12 In dieser Erzählung werde viel mit Visualität gespielt, die äußere Schönheit korreliere mit der inneren Schönheit und anders herum, die Präsenz eines idealen Machtbereiches verweist auf einen idealen Herrscher.13 Die schöne Stimme Meliurs, ihre Worte und ihr paradiesisches Reich sind für Partonopier überzeugend genug, dass diese Frau nur ideal sein kann.

Die sich provokant räkelnde Meliur strahlt außerdem eine ungeheure sexuelle Anziehungskraft auf den jungen Partonopier aus. Von Neugierde und Mut gepackt folgt er ihren Reizen als er nach ihrer Brust fasst (V. 1568). Was auf den ersten Blick dreist und übergriffig wirkt, findet seine Auflösung spätestens nach dem vollzogenen Beischlaf (V. 1690- 1722). Nicht nur das: Meliurs ganzes Verhalten wird als gespielt entlarvt. Meliur klärt Partonopier über sich auf, das Mysteriöse löst sich - wenn auch sicherlich nicht vollständig - ein Stück weit auf, indem sie nicht mehr die völlig Fremde, Unsichtbare bleibt (V. 1739-. 1930). Sie sei Königin dieses Landes, in das Partonopier geraten ist und herrsche über eine große Anzahl Untertanen und Fürsten. Aufgrund ihrer hohen Machtposition sei es ihr auch gewährt, sich bei der Partnerwahl frei zu entscheiden und so habe sie Partonopier auserwählt.

Durch ihre Rede werden einige Dinge klar. Meliur ist mächtig und hat eine hohe gesellschaftliche Position inne, was zunächst einmal keine Überraschung ist. Die Umgebung hat es vorausahnen lassen. Jedoch ist sie recht untypisch für eine Frau dieser Zeit, sehr autonom und frei von Vorgaben ihrer Umgebung: Sie hat freie Wahl bei der Partnersuche, sie darf es sich erlauben, unabhängig von Geld und Stand zu wählen, und das betont sie auch: Materialität ist nicht das, was für sie von Bedeutung ist, viel mehr sucht sie den Partner, der auf emotionaler Ebene zu ihr passt.14 Dementsprechend hat sie Partonopier auserwählt und hergelockt.

Diese Tatsache revidiert ihr keusches Verhalten und entlarvt es als Schauspiel. Nicht nur die Begegnung, auch die körperliche Vereinigung war ihr Ziel, die Ziererei hat nur zusätzlich aufgestachelt. Dass sie die Fäden in der Hand hat und Partonopier lenkt, wird hier zum ersten Mal deutlich. Ihre Selbstbestimmung scheint tatsächlich enorm und losgelöst von jeglichen Konventionen. Dieser Eindruck erfährt jedoch bei genauerem Blick auf ihre Rede eine Einschränkung.15 Denn tatsächlich war es nicht sie alleine, die sich auf die Suche nach dem Richtigen gemacht hat, sondern ihre Boten, die sich für sie umgeschaut und Partonopier gefunden haben (V. 1805-1839). Ihre Beschreibungen waren es, die sie dann überzeugt haben, dass er der passende Partner sein würde. Außerdem wird klar, dass ihre Entscheidung auch nicht völlig ohne Absprache gefällt wird, sondern auch die Fürsten des Landes mitzureden haben, die voraussetzen, dass der potentielle Ehemann stille und offenbâr (V. 1835) sein solle.16

Als Gegenargument lässt sich anführen, dass die Entscheidung über den frühzeitigen Beischlaf - einer Frau vorehelich nicht gestattet - ihre eigene, unabgesprochene ist, ihr sexuelles Verlangen scheinbar so hoch ist, dass sie dieses Risiko eingeht.17 Der Unsichtbarkeitszauber erlaubt ihr dieses.

[...]


1 Vgl. Schneider, Ralf: Grundriß zur kognitiven Theorie der Figurenrezeption am Beispiel des viktorianischen Romans. Tübingen 2000 (ZAA Studies 9), S. 5-164.

2 Vgl. Martínez, Matías: Figur. In: Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Hg. von Matías Martínez. Stuttgart 2011, S. 145-150.

3 Vgl. Brunner, Horst: Konrad von Würzburg. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon.

Berlin/New York 2010, S. 295.

4 Ebd., S. 293.

5 Vgl. Cieslik, Karin: Typisierung und Differenzierung im spätmittelalterlichen Roman. Überlegungen zu Konrads von Würzburg „Partonopier und Meliur“. In: Mediävistische Literaturgeschichtsschreibung. Gustav Ehrismann zum Gedächtnis. Göppingen 1992, S. 216.

6 Annette Gerok-Reiter nennt u.a. Dietrich Huschenbett, Anne Wawer, Ingrid Kasten, Walter Haug. Für eine ausführlichere Übersicht über den Forschungsstand vgl. Gerok-Reiter, Annette: Individualität. Studien zu einem Phänomen mittelhochdeutscher Epik. Tübingen/Basel 2006 (Bibliotheca Germanica 51), S.

7 Ebd., S. 248-252.

8 Vgl. Huber, Christopher: Brüchige Figur. Zur literarischen Konstruktion der Partonopier-Gestalt bei Konrad von Würzburg. In: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch-und Spätmittelalters. Tübingen 2002, S. 283-284.

9 Vgl. Huber, Christopher: Brüchige Figur, S. 290.

10 Vgl. Wawer, Anne: Tabuisierte Liebe. Mythische Erzählschemata in Konrads von Würzburg „Partonopier und Meliur“ und im „Friedrich von Schwaben“. Köln, 2000, S. 68-69.

11 Vgl. Huber, Christopher: Brüchige Figur, S. 294.

12 Vgl. Schulz, Armin: Schwieriges Erkennen. Personenidentifizierung in der mittelhochdeutschen Epik. Tübingen 2008, S. 411-417.

13 Ebd.

14 Vgl. Kasten, Ingrid: Vorstellungen und Verstellungen. Zum Problem der Subjektivität im höfischen Roman. In: sô wold ich in fröiden singen. Festschrift für Anthonius H. Touber zum 65. Geburtstag. Amsterdam/Atlanta 1995 (Amsterdamer Beiträge zur Älteren Germanistik 43-44), S. 276-277.

15 Ebd., S. 277

16 Ebd.

17 Vgl. Dallapiazza, Michael: Frou minne wunnebaerer solt. Höfische Minne, Eheliebe und der neue Held in Konrads von Würzburg „Partonopier und Meliur“. In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft 1988/1989, S. 355-356.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das ambivalente Figurenkonzept der Meliur in Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Konrad von Würzburg: Partonopier und Meliur
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V341714
ISBN (eBook)
9783668315594
ISBN (Buch)
9783668315600
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figurenkonzept, meliur, konrads, würzburg, partonopier
Arbeit zitieren
Sarah Fromm (Autor), 2016, Das ambivalente Figurenkonzept der Meliur in Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341714

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