Verbale Gewalt bei Jugendlichen. Motive, Erscheinungsformen und Verursacher


Hausarbeit, 2014

10 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Gewalt eigentlich?

3. Motive

4. Verschiedene Sprechakte

5. Das Schimpfvokabular
5.1 Die sexuelle Sphäre
5.2 Weitere Sphären

6. Verbale Aggression im Vergleich - Jungen und Mädchen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Schulhofidyll: Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Kinder spielen Gummitwist. Doch in der Raucherecke geht es anders zu: „Du Schlampe hast mir meinen Freund ausgespannt“ schreit Linda Julia an. Diese versucht sich zu verteidigen: „Scheiße, Julia, ich war voll besoffen!“ „Halt die Fresse! Verpiss dich einfach!“ erwidert Linda und dreht Linda den Rücken zu.

Solche und ähnliche Szenen kommen in unserer heutigen Gesellschaft immer häufiger vor. Beleidigungen, Beschimpfungen und Lästereien, konkreter: verbale Gewalt, scheinen im Schulalltag von Jugendlichen nahezu „normal“ zu sein. Thomas Markert bestätigt den routinemäßigen Gebrauch von Schimpfwörten.[1]

Eine Umfrage des österreichischen Instituts zur Jugendforschung ergab sogar, dass „Verbale Gewalt [..] die am häufigsten erlebte Gewaltform (ist) und […] von zwei Drittel aller Jugendlichen bereits erlebt (wurde), körperliche Gewalt dagegen von der Hälfte der Befragten“. Weiterhin hätte die Umfrage ergeben, dass „mehr männliche Befragte Opfer körperlicher Angriffe wurden, während weibliche Jugendliche eher von verbalen Attacken betroffen sind“. Eine weitere Befragung des österreichischen Instituts zur Jugendforschung zeigte, dass „22 % der Burschen um Vergleich zu nur 4 % der Mädchen bereit (sei), wichtige Sachen durch Einsatz von Gewalt durchzusetzen.“ Mädchen würden eher als Jungen versuchen, Gewalt jeder Art aus dem Weg zu gehen.[2]

Generell muss der Blick für verbale Gewalt geschärft werden, denn verbale Nötigung würde sich noch stärker auf das seelische Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein auswirken als körperliche.[3]

Jana Pajonk vom Goethe-Institut erklärt: „Die öffentliche Wahrnehmung beherrschen extreme Vorfälle offener Gewalt wie Amokläufe. Darüber berichten auch die Medien ausführlich. Aber im Alltag sind es vor allem subtile Formen von Gewalt wie Bedrohung, Ausgrenzung und Mobbing, die Schülern das Leben und Lernen schwer machen.

Diese stillen Formen der Gewalt entziehen sich dem direkten Blick der Erwachsenen.“[4]

Ziel dieser Hausarbeit soll demnach sein, den Unterschied zwischen verbaler und körperlicher Gewalt deutlich zu machen, die Motive und Verursacher verbaler Gewalt herauszustellen, die unterschiedlichen Sphären der Beleidigungen zu verdeutlichen und vor allem das unterschiedliche Gewaltverhalten der Geschlechter herauszustellen und zu erklären.

2. Was ist Gewalt eigentlich?

Der Gewaltbegriff (von althochdeutsch: waltan „stark sein, beherrschen“ → mittelhochdeutsch: walten[5] ) ist seit Jahrzehnten ein weithin negativ besetzter Begriff, in seinem Assoziationsfeld sind Begriffe wie Mord, Folter und Krieg angesiedelt. Ich unterstelle jedem, dass er oder sie mit dem Wort Gewalt ebenfalls zunächst physische Gewalt verbindet, also Raufereien, Amokläufe und Waffen im Kopf hat. Die wenigsten werden an Mobbing, Beleidigungen und Lästereien denken, drei typische Äußerungsformen der psychischen oder verbalen Gewalt. Dass die verbale Gewalt vor allem bei den Jugendlichen eine besondere Rolle spielt tritt erst seit Kurzem als Forschungsgegenstand auf, denn Jugendliche gelten als besonders aggressive Altersgruppe und bekommen aufgrund dessen die eine besondere Aufmerksamkeit der Wissenschaftler zugeteilt. Hier tritt jedoch eher die physische Gewalt als Forschungsgegenstand auf, verbale Aggressionen hingegen sind noch weitgehend unerforscht. Für die Jugendlichen spiele die verbale Aggression jedoch eine große Rolle, da sie mit Hilfe dieser versuchen „die soziale Balance zwischen dem erwachsenen und seinem pubertierenden Status aus dem Gleichgewicht zu bringen“. „Verbale Gewalt, (sei) die Schädigung oder Verletzung eines anderes durch beleidigende, erniedrigende oder entwürdigende Worte“, so der Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann[6].

Gewalt allgemein kann „als eine zielgerichtete direkte Schädigung begriffen, (werden) […] die unter körperlichem Einsatz und/oder mit psychischen oder verbalen Mitteln erfolgt und sich gegen Personen oder Sachen richten kann“[7]

3. Motive

Oskana Havryliv beschreibt als typische Intention von verbaler Gewalt „das Abreagieren von negativen Emotionen und/oder das Beleidigen des Adressaten“. Es würde jedoch noch weitere Motive geben[8]:

- das sprachliche Verhalten von Mitschülern wird kopiert
- Provokation der Erwachsenen
- Der Wunsch, erwachsen zu scheinen

Havryliv beschreibt die verbale Gewalt hier unter Anderem als Schutzmechanismus gegen die „typischen sexuellen und anderen Ängste und Phobien“

- Sprachliche Selbstrealisierung
- Zugehörigkeit zu einer Teenagergruppe wird demonstriert
- Verbale Aggression als Kontaktaufnahme
- Überprüfung „sozialer Standhaftigkeit“
- Routinemäßiger Gebrauch von Schimpfwörtern oder als Pausenfüller in einem Gespräch

(siehe Havyrliv 2011, S.120-121)

4. Verschiedene Sprechakte

- Die Beschimpfung

Die Beschimpfung bildet eine präsens-indikative Außerung an einen anwesenden oder abwesenden Adressaten. Das Ziel ist nicht nur, den Adressaten zu beleidigen, sondern auch negative Emotionen abzureagieren. Beispiel: „Du Arschloch“ (siehe Havryliv 2011, S. 123)

- Der Fluch

Im Gegensatz zur Beschimpfung ist der Fluch nicht adressaten-, sondern situationsbezogen. Die häufigsten Flüche sind laut der wiener Studie „Scheiße“ und „fuck“. Geflucht wird ebenfalls zum Abreagieren negativen Emotionen. (vgl. Havryliv 2011 S. 132)

- Die aggressive Aufforderung

Auch die aggressive Aufforderung wird zum Abreagieren benutzt. Mithilfe dieser kann man verschiedenes Erreichen: Eine Verhaltensänderung des Adressaten („Halts Maul“), ein generelles Abweisen („Du kannst mich mal“) oder die Provokation des Adressaten („Leck mich am Arsch“). Einer aggressiven Aufforderung kann mit Ironie („Leck mich am Arsch“ – „Das mag ich nicht so“) oder mit einer Gegenaufforderung begegnet werden („Du mich auch“) (siehe Havryliv 2011 S. 133-134)

- Die Drohung

Die Drohung ist einer Handlungsankündigung des Sprechers gleichzusetzen. Auch hier ist die Intention das Abreagieren negativer Emotionen. Der Adressat soll gezwungen werden, nach dem Wunsch des Sprecher zu handeln. Weiterhin wird die Drohung als Chance gesehen, physische Aggression zu vermeiden, denn bei gelungener Drohung kommt es zu einem Sieg des Sprechers ohne den gedrohten Einsatz umsetzen zu müssen. Zudem stärken Drohungen das Selbstwertgefühl und dienen dem verbalen Angeben. (vgl. Havryliv 2011 S. 135-136)

- Die Verwünschung

Bei dem Sprechakt der Verwünschung gibt es einen irrealen Hörer (Gott, Teufel, Buddha) während der Adressat eine eher passive Rolle spielt („Ich hoffe du landest in der Hölle“). Sie bezieht sich auf den Adressaten bzw. sein Hab und Gut oder ihm nahe stehenden Menschen, es wird ein Unheil herbei gewünscht. (Siehe Havryliv 2011 S. 139)

5. Das Schimpfvokabular

Die empirische Basis von Havrylivs Beitrag bildet eine schriftliche Umfrage bei 200 Wiener Schüler/innen von 13-18 Jahren. Untersucht wurden „die Besonderheiten der verbalen Aggressionsäußerungen bei Jugendlichen aus dem Blickwinkel des Geschlechts[9] “ Havryliv unterteilte das jugendliche Schimpfvokabular in folgende neun Kategorien, welche ich nochmal in sexuelle oder weitere Sphären unterteilt habe, da auch Havryliv die sexuelle Sphäre als besonders wichtig ansieht.

[...]


[1] Markert, Thomas (2007): Zur Praxis verbaler Gewalt unter Schülerinnen und Schülern. In: Steffen Kitty Herrmann/Sybille Krämer/Hannes Kuch (Hrsg.): Verletzende Worte. Bielefeld: Transcript. S. 295-310.

[2] Zuba, Reinhard (2006). Jugend und Gewalt. Gewalt innerhalb und außerhalb der Schule. Unter Mitarbeit von Iris Schirl. Wien. Institut zur Jugendforschung.

[3] Ziegler, Holger (2013) Gewaltstudie „Seelische Gewalt ist stärker verbreitet als körperliche" in: Zeit online/ Familie

[4] Pajonk, Jana (2012), Mit Mediation gegen Gewalt an Schulen, Goethe- Institut e. V., Internet-Redaktion

[5] Henning, Beate (HG) (2007), Kleines mittelhochdeutsches Wörterbuch. 5. Auflage. Tübingen. Max Niemeyer Verlag, S. 450

[6] Hurrelmann, Klaus (2003). Lebensphase Jugend. 7. Auflage. Weinheim, München : Juventa Verlag.

[7] Melzer, Wolfgang (2000): „Gewaltemergenz- Reflexionen und Untersuchungsergebnisse zur Gewalt in der Schule“. In: psychosoial, Heft 1, Bd. 79, s. 7-16, hier 9

[8] Havryliv, Oksana (2011): Einige Besonderheiten des verbalen aggressiven Verhaltens von Jugendlichen in: Kreim, Inken (Hg) : Mehrsprachige Lebenswelten. Sprechen und Schreiben der türkischstämmigen Kinder und Jugendlichen. Tübingen. Narr Francke Attempto Verlag. S. 119- 143

[9] Havryliv, Oksana (2009): Verbale Aggression. Formen und Funktionen am Beispiel des Wienerischen. FaM. u.a.: Peter Lang.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Verbale Gewalt bei Jugendlichen. Motive, Erscheinungsformen und Verursacher
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V341897
ISBN (eBook)
9783668316799
ISBN (Buch)
9783668316805
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Germanistik, Gewalt, Verbale Gewalt, Hausarbeit, Klaus Hurrelmann, Sprachakt, Fluch, Mobbing, Drohnung, Havryliv, Verbale Aggression, Nationalschelten
Arbeit zitieren
Janina Reimann (Autor), 2014, Verbale Gewalt bei Jugendlichen. Motive, Erscheinungsformen und Verursacher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341897

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