Der Gewaltbegriff ist seit Jahrzehnten ein weithin negativ besetzter Begriff, in seinem Assoziationsfeld sind Begriffe wie Mord, Folter und Krieg angesiedelt. Ich unterstelle jedem, dass er oder sie mit dem Wort Gewalt ebenfalls zunächst physische Gewalt verbindet, also Raufereien, Amokläufe und Waffen im Kopf hat. Die wenigsten werden an Mobbing, Beleidigungen und Lästereien denken, drei typische Äußerungsformen der psychischen oder verbalen Gewalt.
Dass die verbale Gewalt vor allem bei den Jugendlichen eine besondere Rolle spielt tritt erst seit Kurzem als Forschungsgegenstand auf, denn Jugendliche gelten als besonders aggressive Altersgruppe und bekommen aufgrund dessen die eine besondere Aufmerksamkeit der Wissenschaftler zugeteilt. Hier tritt jedoch eher die physische Gewalt als Forschungsgegenstand auf, verbale Aggressionen hingegen sind noch weitgehend unerforscht. Für die Jugendlichen spiele die verbale Aggression jedoch eine große Rolle, da sie mit Hilfe dieser versuchen „die soziale Balance zwischen dem erwachsenen und seinem pubertierenden Status aus dem Gleichgewicht zu bringen“. „Verbale Gewalt, (sei) die Schädigung oder Verletzung eines anderes durch beleidigende, erniedrigende oder entwürdigende Worte“, so der Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann.
Generell muss der Blick für verbale Gewalt geschärft werden, denn verbale Nötigung würde sich noch stärker auf das seelische Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein auswirken als körperliche. Ziel dieser Hausarbeit soll demnach sein, den Unterschied zwischen verbaler und körperlicher Gewalt deutlich zu machen, die Motive und Verursacher verbaler Gewalt herauszustellen, die unterschiedlichen Sphären der Beleidigungen zu verdeutlichen und vor allem das unterschiedliche Gewaltverhalten der Geschlechter herauszustellen und zu erklären.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Was ist Gewalt eigentlich?
3. Motive
4. Verschiedene Sprechakte
5. Das Schimpfvokabular
5.1 Die sexuelle Sphäre
5.2 Weitere Sphären
6. Verbale Aggression im Vergleich - Jungen und Mädchen
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit zielt darauf ab, den Unterschied zwischen verbaler und körperlicher Gewalt im Kontext des Jugendalltags zu verdeutlichen, die zugrunde liegenden Motive zu analysieren, verschiedene Sphären der Beleidigungen aufzuzeigen und das geschlechtsspezifische Gewaltverhalten zu untersuchen und zu erklären.
- Analyse der Definition und psychologischen Einordnung von verbaler Gewalt.
- Untersuchung von Motiven für verbal aggressives Verhalten bei Jugendlichen.
- Klassifizierung verschiedener Sprechakte (z.B. Beschimpfung, Fluch, Drohung).
- Systematische Einteilung des Schimpfvokabulars in sexuelle und weitere Sphären.
- Vergleichende Betrachtung des aggressiven Sprachgebrauchs zwischen Jungen und Mädchen.
Auszug aus dem Buch
4. Verschiedene Sprechakte
Die Beschimpfung bildet eine präsens-indikative Äußerung an einen anwesenden oder abwesenden Adressaten. Das Ziel ist nicht nur, den Adressaten zu beleidigen, sondern auch negative Emotionen abzureagieren. Beispiel: „Du Arschloch“ (siehe Havryliv 2011, S. 123)
Im Gegensatz zur Beschimpfung ist der Fluch nicht adressaten-, sondern situationsbezogen. Die häufigsten Flüche sind laut der wiener Studie „Scheiße“ und „fuck“. Geflucht wird ebenfalls zum Abreagieren negativen Emotionen. (vgl. Havryliv 2011 S. 132)
Auch die aggressive Aufforderung wird zum Abreagieren benutzt. Mithilfe dieser kann man verschiedenes Erreichen: Eine Verhaltensänderung des Adressaten („Halts Maul“), ein generelles Abweisen („Du kannst mich mal“) oder die Provokation des Adressaten („Leck mich am Arsch“). Einer aggressiven Aufforderung kann mit Ironie („Leck mich am Arsch“ – „Das mag ich nicht so“) oder mit einer Gegenaufforderung begegnet werden („Du mich auch“) (siehe Havryliv 2011 S. 133-134)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verdeutlicht die Allgegenwart verbaler Gewalt im Schulalltag und stellt deren Auswirkungen auf das seelische Wohlbefinden von Jugendlichen dar.
2. Was ist Gewalt eigentlich?: Dieses Kapitel definiert den Gewaltbegriff und unterscheidet zwischen der gesellschaftlich dominierenden physischen Gewalt und der oft unterschätzten verbalen Aggression.
3. Motive: Hier werden die Beweggründe für verbale Gewalt dargelegt, darunter emotionale Abreaktion, Provokation und der Wunsch nach sozialer Selbstrealisierung.
4. Verschiedene Sprechakte: Das Kapitel kategorisiert verbale Aggressionen in spezifische Sprechakte wie Beschimpfungen, Flüche, aggressive Aufforderungen, Drohungen und Verwünschungen.
5. Das Schimpfvokabular: Eine empirische Analyse des jugendlichen Schimpfvokabulars, unterteilt in sexuelle Kategorien und weitere allgemeine Sphären der Beleidigung.
5.1 Die sexuelle Sphäre: Untersuchung pejorativer Begriffe mit Bezug zu sexuellem Verhalten, Homosexualität, Sexualorganen und der sozialen Wahrnehmung von Promiskuität.
5.2 Weitere Sphären: Betrachtung von Beleidigungen, die auf Äußerlichkeiten, körperliche Gebrechen, Nationalschelten sowie auf die Verwendung von Internationalismen und Tabubrüchen abzielen.
6. Verbale Aggression im Vergleich - Jungen und Mädchen: Eine Analyse der geschlechtsspezifischen Unterschiede, geprägt durch traditionelle Rollenbilder und differierende Gewaltformen.
7. Fazit: Die Zusammenfassung unterstreicht die Zunahme verbaler Gewalt und deren psychische Relevanz, wobei auf die Bedeutung des Internets als neuen Aggressionsraum hingewiesen wird.
Schlüsselwörter
Verbale Gewalt, Jugend, Schimpfvokabular, Aggression, Schule, Mobbing, Geschlechtervergleich, Sprechakte, Pejorativa, Pubertät, Beschimpfung, Psychische Gesundheit, Soziale Balance, Gewaltprävention, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der verbalen Gewalt unter Jugendlichen, ihre Erscheinungsformen, Motive und die Unterschiede im Sprachgebrauch zwischen den Geschlechtern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Kernbereichen gehören der Gewaltbegriff, die Klassifikation verbaler Aggression in Sprechakte, die Analyse von Schimpfvokabular in verschiedenen Sphären und geschlechtsspezifische Sozialisation.
Was ist die primäre Forschungsfrage oder Zielsetzung?
Ziel ist es, den Unterschied zwischen verbaler und körperlicher Gewalt herauszuarbeiten und zu erklären, wie und warum Jugendliche verbale Aggression als Mittel der sozialen Interaktion einsetzen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung bestehender empirischer Studien, insbesondere jener von Oksana Havryliv zur verbalen Aggression bei Jugendlichen.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Kategorisierung von Schimpfwörtern nach inhaltlichen Sphären sowie einen direkten Vergleich des Gewaltverhaltens von Jungen und Mädchen.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind verbale Aggression, Pejorativa, Sozialisation, Rollenbilder, Jugendliche, verbale Nötigung und das seelische Wohlbefinden.
Inwiefern beeinflusst das Geschlecht die Wahl der Schimpfwörter?
Die Arbeit zeigt, dass Jungen häufiger zu direkten, oft auf Mütter oder Homosexualität bezogenen Beleidigungen neigen, während Mädchen indirektere oder situationsbezogene Formen der Aggression bevorzugen.
Warum ist das Thema verbale Gewalt im schulischen Kontext so bedeutsam?
Verbale Gewalt wird oft als „normal“ wahrgenommen, hat jedoch gravierende Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden und die Lernfähigkeit, was sie zu einem kritischen Feld für pädagogische Interventionen macht.
Welche Rolle spielen "Internationalismen" im jugendlichen Sprachgebrauch?
Die Arbeit stellt fest, dass Begriffe wie „fuck“ oder „shit“ aufgrund einer niedrigen Hemmschwelle zur Verwendung fremdsprachiger Begriffe bei Jugendlichen weit verbreitet sind.
Was wird im Fazit bezüglich der Zukunft der verbalen Gewalt prognostiziert?
Es wird betont, dass das Internet als neuer, enthemmter „Spielplatz“ für verbale Aggressionen die Bedeutung des Themas weiter erhöhen und die Anforderungen an Psychologen verstärken wird.
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- Janina Reimann (Author), 2014, Verbale Gewalt bei Jugendlichen. Motive, Erscheinungsformen und Verursacher, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341897