In allen bisher durchgeführten PISA-Erhebungen zeigt sich ein Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Kompetenzen der Schüler. Die Lesekompetenz rückt in den Fokus dieser Forschungsarbeit, da sie als universelles Kulturwerkzeug eine Schlüsselrolle für den Schulerfolg einnimmt. Unter dem Begriff „Digitale Ungleichheit“ werden außerdem schon seit längerem Unterschiede in der Internetnutzung zwischen verschiedenen Schichten konstatiert. In der heutigen Zeit, in der die Internetnutzung wie selbstverständlich zu unserem Alltag gehört, stellt sich die Frage, ob die Unterschiede in der Lesekompetenz eventuell auch dadurch zu erklären sind, dass Schüler unterschiedlicher sozialer Herkunft das Internet unterschiedlich häufig zu Lesezwecken nutzen. Die vorliegende Forschungsarbeit basiert auf den Daten der PISA-Erhebung von 2012 und hat das Ziel zu untersuchen, inwieweit es sich beim Online-Lesen um einen mediierenden Faktor handelt, der zumindest einen Teil des Einflusses der sozialen Herkunft auf die Lesekompetenz erklären kann. Die theoretische Grundlage der Untersuchung bildet ein eigens entworfenes Modell, das auf der Vermengung der Kapital- und Habitus-Theorie von Bourdieu und des Matthäus-Effekts des Lesens von Stanovich beruht. Zur Messung der Online-Leseaktivität wird ein Index in Anlehnung an den „Online Reading Acitivities Index“ der PISA Studie von 2009 gebildet. Die Messung der sozialen Herkunft erfolgt mit dem „Index of Economic, Social and Cultural Status“. Als Indikator der Lesekompetenz wird der erste von fünf „Plausible Values“ herangezogen. Die vorliegende Fragestellung wird mittels einer Mediator-Analyse auf Basis von linearen Regressionsmodellen mit einer Stichprobe von insgesamt 3231 Schülern untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Lesekompetenz und Internetnutzung im Fokus sozialer Ungleichheit
2. Forschungsstand
2.1 Lesekompetenz – eine Qualifikation, die Türen öffnet
2.2 Lesekompetenz und soziale Herkunft
2.3 Internetnutzung (Online-Lesen) und soziale Herkunft
2.4 Lesekompetenz und Online-Lesen
3. Theoretische Einbettung und Forschungshypothesen
3.1 Die Kapital-Theorie von Bourdieu
3.1.1 Ökonomisches Kapital
3.1.2 Kulturelles Kapital
3.1.3 Soziales Kapital
3.2 Die Habitus-Theorie
3.3 Modell zum Matthäus-Effekt des Lesens
3.4 Synthese zu einem Erklärungsmodell
4. Datengrundlage
4.1 Die PISA-Studie im Überblick
4.2 Grundgesamtheit und Stichprobenziehung
4.3 Gewichtung
4.4 Plausible Values
5. Konzeptspezifikation und Operationalisierung
5.1 Lesekompetenz
5.2 Soziale Herkunft
5.3 Online-Lesen
5.4 Drittvariablen
6. Datenanalyse
6.1 Deskriptive Analyse relevanter Verteilungen
6.2 Analyse bivariater Zusammenhänge
6.3 Mediator-Analyse
7. Ergebnisse
8. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis der PISA-Studie 2012, ob Online-Lesen als Mediator fungiert, der den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Lesekompetenz von Schülern erklärt. Dabei wird analysiert, ob Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Schichten das Internet verschieden nutzen und inwieweit diese Nutzung die Lesekompetenz beeinflusst.
- Soziale Herkunft und deren Einfluss auf den Bildungserfolg
- Die Kapital- und Habitus-Theorie nach Bourdieu
- Modell zum Matthäus-Effekt des Lesens
- Methodik der PISA-Studie und Einsatz von Plausible Values
- Operationalisierung von "Online-Lesen" als Forschungsgröße
- Statistische Mediator-Analyse zur Überprüfung von Kausalzusammenhängen
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Kapital-Theorie von Bourdieu
Mit seiner Kapitaltheorie liefert Bourdieu einen Erklärungsansatz für die Reproduktion sozialer Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft. Kapital ist aus seiner Sicht akkumulierte Arbeit, die sich in materieller oder verinnerlichter Gestalt ausprägen kann. Diese Formen von, über die Zeit hinweg, angehäuftem Kapital prägen die gesellschaftliche Welt, die wir vorfinden. Die gesellschaftliche Struktur kann daher nicht unter der Betrachtung kurzfristiger Prozesse erklärt werden, sondern nur unter der Berücksichtigung des in der Vergangenheit angehäuften Kapitals.
Bourdieu bringt damit zum Ausdruck, dass die gesellschaftliche Welt vorgeprägt ist und die Menschen verschiedene Ausgangsbedingungen vorfinden. Das Kapital äußert sich dabei in objektiven und subjektiven Strukturen und es ist „[…] grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“. Auf diese Weise sorgt es dafür, dass „[…] die Wechselspiele des gesellschaftlichen Lebens […] nicht wie einfache Glücksspiele verlaufen, in denen jederzeit eine Überraschung möglich ist“.
Das akkumulierte Kapital beschränkt oder erweitert die individuellen Möglichkeiten im Leben eines Menschen. Die Erfolgschancen in einer Gesellschaft sind also nicht für jedermann gleich, sondern hängen immer auch mit der individuellen Ausgangslage – in Form von akkumuliertem Kapital - zusammen. Bezogen auf den Bildungskontext dieser Arbeit bedeutet dies, dass Schüler, die aus einem Elternhaus mit besserer Kapitalausstattung stammen, im Allgemeinen eher höhere Bildungsziele erreichen und im Speziellen auch eher eine bessere Lesekompetenz ausbilden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Lesekompetenz und Internetnutzung im Fokus sozialer Ungleichheit: Einleitung in die Bedeutung der Lesekompetenz für die Wissensgesellschaft und Problemstellung der ungleichen Internetnutzung.
2. Forschungsstand: Systematische Aufarbeitung bisheriger Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Lesekompetenz, sozialer Herkunft und Internetnutzung.
3. Theoretische Einbettung und Forschungshypothesen: Verknüpfung der Kapital- und Habitus-Theorie von Bourdieu mit dem Matthäus-Effekt zur Herleitung des Erklärungsmodells.
4. Datengrundlage: Detaillierte Beschreibung der PISA-Stichprobe 2012, der Gewichtungsmethodik und des Konzepts der Plausible Values.
5. Konzeptspezifikation und Operationalisierung: Definition und Messung der zentralen Variablen Lesekompetenz, soziale Herkunft und Online-Lesen sowie der verwendeten Drittvariablen.
6. Datenanalyse: Durchführung deskriptiver, bivariater und Mediator-Analysen zur empirischen Überprüfung der aufgestellten Hypothesen.
7. Ergebnisse: Zusammenfassung der statistischen Analysen, die zeigen, dass Online-Lesen keinen signifikanten Mediatoreffekt aufweist.
8. Diskussion: Kritische Reflexion der Ergebnisse vor dem Hintergrund der Querschnittsdaten und methodischer Limitationen der Untersuchung.
Schlüsselwörter
Lesekompetenz, Soziale Herkunft, PISA-Studie 2012, Online-Lesen, Digitale Ungleichheit, Kapital-Theorie, Bourdieu, Matthäus-Effekt, Mediator-Analyse, Regressionsanalyse, Bildungsungleichheit, Plausible Values, Internetnutzung, Wissensgesellschaft, Bildungssoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die unterschiedliche Nutzung des Internets zu Lesezwecken (Online-Lesen) als vermittelnder Faktor zwischen der sozialen Herkunft eines Schülers und dessen Lesekompetenz fungiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Bildungssoziologie, die Theorie sozialer Ungleichheit (Bourdieu), die Leseforschung und die Auswirkungen der Digitalisierung auf Bildungschancen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, mittels statistischer Mediator-Analyse zu prüfen, ob das Online-Lesen einen Teil des Einflusses der sozialen Herkunft auf die Lesekompetenz erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer quantitativen Datenanalyse der PISA-Studie 2012 unter Anwendung linearer Regressionsmodelle und Sobel-Tests zur Prüfung von Mediatoreffekten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Fundierung, die Beschreibung des Datensatzes, die Operationalisierung der Variablen sowie die empirische Datenanalyse inklusive einer Mediator-Analyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Lesekompetenz, soziale Herkunft, Digitale Ungleichheit, Bourdieu und Mediatoreffekt charakterisiert.
Warum spielt die Theorie von Bourdieu eine zentrale Rolle?
Bourdieu liefert mit seinem Kapitalbegriff das theoretische Gerüst, um zu verstehen, wie soziale Ungleichheit durch häusliche Ressourcen und klassenspezifische Habitus-Formen über Generationen reproduziert wird.
Ist das Online-Lesen ein signifikanter Faktor für Bildungsgerechtigkeit?
Nein, die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass das Online-Lesen in der untersuchten Stichprobe nicht als Mediator zwischen der sozialen Herkunft und der Lesekompetenz agiert.
- Citar trabajo
- Thomas Beer (Autor), 2015, Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Lesekompetenz. Ist „Online-Lesen“ ein intervenierender Faktor der Bildungsungleichheit?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342090