Die erzählerische Konstruktion einer Lebensgeschichte in ihrem zeitlichen Ablauf gehört zu den bedeutendsten Gegenständen des neuzeitlichen Romans. Die für diese Romane gewählte Ich-Erzählsituation erzeugt durch die Identität des Erzählers mit der Romanfigur eine hohe Glaubwürdigkeit des Erzählten: es ergibt sich das Verifikationsschema des Ich-Romans.
Allerdings war die Ich-Erzählsituation gemäß dem historischen, naturwissenschaftlichen und soziologischen Erkenntnisanspruch des europäischen Realismus und Naturalismus untypisch. Diese verlangte eher eine heterodiegetische Erzählinstanz, die das Geschehen vom olympischen Standpunkt aus kritisch kommentierte. Der Erzähler trat in der Funktion des Wissenschaftlers als Autorität auf, so etwa bei Balzac, der mit der Comédie humaine eine Sittengeschichte verfassen wollte.
Dennoch wählte López, der entsprechend dem Untertitel („Costumbres bonaerenses“) beabsichtigte, eine argentinische Sittengeschichte zu verfassen, eine nicht den europäischen Vorbildern entsprechende Erzählsituation, obwohl er sich hinsichtlich des Realismus offensichtlich an ihnen orientierte. Damit werden die Erläuterung der Figur des Ich-Erzählers und die Bedeutung der Erzählinstanz zu zentralen Fragen der Untersuchung dieses Romans.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeit der Ich-Erzählsituation
3. Die Figur des Ich-Erzählers in der Erzählsituation
3.1. Die chronologische Einbettung der Figur des Ich-Erzählers
3.2. Die Figurenkonstellation
4. Die soziale und politische Positionierung der Ich-Erzählerfigur
4.1. Die politische Positionierung von Julio
4.2. Ausbildung und berufliche Entwicklung
4.3. Die ökonomischen Verhältnisse
4.4. Die Figur des Ich-Erzählers im Geschlechterverhältnis
5. Die Ich–Erzählsituation und die Gesellschaftskritik
6. Typologische Erfassung des Romans
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Funktion und Wirkung der Ich-Erzählsituation im Roman La gran aldea von Lucio Vicente López unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Stellung und Perspektive des Protagonisten Julio.
- Analyse der Ich-Erzählsituation und deren Typologie
- Untersuchung der sozialen und politischen Außenseiterrolle Julios
- Erörterung der Bedeutung von Geschlechterverhältnissen und Familiendynamiken
- Kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und den moralischen Wertvorstellungen der Zeit
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Figurenkonstellation
Charakteristisch für den Roman ist die intensive beschreibende Einführung von Figuren, die in der Fortführung der Handlung nur wenig Raum erhalten. So werden zahlreiche Parteifreunde von Medea, Julios Lehrer im Internat oder ein Händler aus Buenos Aires ausführlich, teilweise karikaturartig eingeführt, um danach sofort wieder aus der Handlung zu verschwinden. Auf dieser Ebene ergibt sich ein deskriptiver Charakter: die Personen wirken wie eine kuriose Dekoration des historischen Umfelds, ohne jedoch im Plot signifikant einzugreifen. Sie bleiben daher ohne Veränderung und „flach“. Allerdings wird damit im Sinne des historischen Realismus auch eine Betonung von nebensächlichen Figuren und damit eine Darstellung der Komplexität der Realität erzielt.
Größere charakterliche Veränderungen durchlaufen nur wenige Figuren. Entwicklungen und intensive Interaktionen mit anderen Figuren ergeben sich vor allem für Julio, Ramón, Medea, Blanca, Alejandro und Don Benito.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Romans ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Wirkung der gewählten Ich-Erzählsituation.
2. Begrifflichkeit der Ich-Erzählsituation: Hier werden theoretische Grundlagen der Ich-Erzählsituation und des Ich-Romans dargelegt.
3. Die Figur des Ich-Erzählers in der Erzählsituation: Dieses Kapitel widmet sich der konkreten Untersuchung der Ich-Erzählerfigur, inklusive deren chronologischer Einordnung und der Figurenkonstellation.
4. Die soziale und politische Positionierung der Ich-Erzählerfigur: Hier wird der Status des Protagonisten als Außenseiter im Kontext von Politik, Bildung, Ökonomie und zwischenmenschlichen Beziehungen analysiert.
5. Die Ich–Erzählsituation und die Gesellschaftskritik: Dieses Kapitel beleuchtet, wie der Erzähler durch seine Distanz und persönliche Perspektive eine scharfe Kritik an der korrupten Gesellschaft seiner Zeit übt.
6. Typologische Erfassung des Romans: Abschließend wird der Roman typologisch eingeordnet und die Kombination aus peripherem und quasi-autobiographischem Erzählen zusammengefasst.
Schlüsselwörter
Ich-Erzählsituation, La gran aldea, Lucio Vicente López, Realismus, Naturalismus, argentinische Literatur, Außenseiter, Gesellschaftskritik, Identität, Sozialstruktur, Geschlechterverhältnisse, Narratologie, Costumbrismo, 19. Jahrhundert, Buenos Aires
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit untersucht die spezifische Konstruktion des Ich-Erzählers im Roman La gran aldea von Lucio Vicente López und dessen Funktion als Medium für Gesellschaftskritik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Erzähltheorie, die soziale Außenseiterrolle, politische Milieus im Argentinien des späten 19. Jahrhunderts, Geschlechterbeziehungen und die Kritik an einer korrupten Gesellschaftsordnung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie López durch die Wahl einer untypischen Ich-Erzählsituation eine Distanz schafft, die ihm eine kritische Beleuchtung sozialer und politischer Zustände ermöglicht, die einem auktorialen Erzähler so nicht zugänglich gewesen wäre.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyseansätze, insbesondere narratologische Konzepte zur Erzählsituation (nach Stanzel), um die Funktion des Erzählers im Roman zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die chronologische Einbettung der Erzählerfigur, deren soziale Positionierung im familiären und politischen Gefüge sowie das Scheitern seiner persönlichen Beziehungen in einem ökonomisch geprägten Wertesystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ich-Erzählsituation, Realismus, Gesellschaftskritik und Entfremdung charakterisieren.
Inwiefern ist der Ich-Erzähler Julio ein Außenseiter?
Julio ist aufgrund seiner sozialen Herkunft aus einer niedrigeren Schicht, seiner ökonomischen Abhängigkeit und seiner moralischen Distanz zu den korrupten Idealen seines Umfelds ein Außenseiter.
Warum spielt die zeitliche Komponente eine Rolle bei der Unzuverlässigkeit des Erzählers?
Die häufigen Widersprüche in Alters- und Datumsangaben lassen den Erzähler unzuverlässig erscheinen, was jedoch die subjektive, durch Erinnerung und persönliche Transformation geprägte Natur des Erzählaktes betont.
Welche Rolle spielen die Frauenfiguren für den Erzähler?
Die Frauenfiguren (Medea, Blanca, Valentina) werden vom Erzähler oft als Spiegelbilder für den moralischen Verfall oder als unerreichbare Ideale dargestellt, deren Verfügbarkeit oder Verhalten seine Entfremdung vertieft.
- Citar trabajo
- Magister Artium Klaus Tietgen (Autor), 2007, "La Gran Aldea" von Lucio Vicente López. Ich-Erzählsituation und die Figur des Ich-Erzählers im realistischen und naturalistischen Roman, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342482