Georg Simmels "Das Phänomen der Mode und die Suche nach Einzigartigkeit". Bietet die Großstadt in der Realität die besten Voraussetzungen für eine Individualisierung?


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individualität nach Simmel

3. Die Großstadt
3.1 Wichtige Begriffe nach Simmel
3.1.1 Indifferenz
3.1.2 Blasiertheit
3.1.3 Reserviertheit
3.2 Das Geld
3.3 Die Mode

4. Individualität im Vergleich zwischen Großstadt und dem ländlichen Raum anhand des Beispiels der Punkszene

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Zeitschrift ››Die Welt‹‹ veröffentlichte vor einiger Zeit einen Artikel mit der Überschrift „Kleidung steht für den Wunsch nach Individualität“ (welt, o.S.). Auch der Untertitel erweckt großes Interesse: „[…] Dem Ur-Instinkt, sich schmücken zu wollen, sollte man unbeschwert nachgehen“ (ebd.). Bei genauerer Betrachtung des Artikels stellt sich zunächst die Frage, ob die Suche nach Einzigartigkeit tatsächlich einem Urtrieb folgt. Weiterhin resultiert daraus, ob es einer Person durch Mode wirklich möglich ist, seine Individualität herauszubilden. Da besonders in der heutigen Gesellschaft die Großstädte die Zentren der Mode sind, stellt sich darüber hinaus die Frage, ob die Metropolen dem Menschen wirklich mehr Einzigartigkeit ermöglichen als die Kleinstadt oder das Dorf.

Vor allem der deutsche Soziologe und Philosoph Georg Simmel befasst sich mit der Großstadtsoziologe und der Mode im Zusammenhang zu der Individualität. Bereits vor über 100 Jahren hat sich Simmel mit der Relation zwischen dem sozialen, psychischen und kulturellen Wandel der Moderne auseinandergesetzt. Besonders durch die schon immer vorhandenen Diskussionen um den Individualisierungsbegriff werden Simmels Ausarbeitungen regelmäßig wieder aufgegriffen. Vor allem nach ihm gelten die Großstädte als Austragungsort des Individualismus (vgl. Lohmann 1993: 153). Darüber hinaus ist die Mode schon immer ein Bestandteil der Gesellschaften gewesen und diente bereits in früheren Zeiten dazu, sich von anderen Ständen abzugrenzen. Deswegen ist es von besonderem Interesse, ob seine soziologischen Darstellungen tatsächlich noch für die moderne Zeit zutreffend sind.

Gerade die Punkszene ist ein Lebensstil, der in der heutigen Zeit oft vorzufinden ist. Auffällig ist zunächst, dass dieser besonders in Großstädten auftritt. Allein durch ihr äußeres Erscheinungsbild fallen sie in der Masse auf. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang nun stellt, ist, ob sie tatsächlich in der Großstadt mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben als im ländlichen Raum und wenn ja, wodurch das begründet werden kann. Im Großen und Ganzen steht also demnach die Fragestellung im Raum, ob die Großstadt wirklich der Ort der Individualisierung ist.

Aus diesem Grund befasst sich die vorliegende Arbeit mit dem Thema „Georg Simmel: Das Phänomen der Mode und die Suche nach Einzigartigkeit in der Großstadt“. Um die Möglichkeiten der Individualität in der Metropole darlegen zu können, ist es zunächst wichtig, den Begriff der Individualität nach Simmel zu beschreiben. Danach soll das Phänomen der Großstadt dargelegt werden. Anschließend werden die wichtigsten Begriffe Simmels, die im Zusammenhang mit der Großstadt stehen, aufgezeigt. Zu ihnen zählen die Indifferenz, die Blasiertheit und die Reserviertheit, sowie das Phänomen des Geldes. Im Folgenden soll dann auf die Besonderheit der Mode und ihren Zusammenhang zur Individualität eingegangen werden. Danach wird in der vorliegenden Arbeit die Individualität in der Großstadt anhand des Beispiels der Punkszene im direkten Vergleich zum ländlichen Raum beschrieben und somit die Frage beantwortet, ob die Individualitätsmöglichkeiten in der Großstadt tatsächlich am größten sind. Den Abschluss bildet ein Fazit, aus dem hervorgehen soll, inwieweit die Annahmen Simmels zur Großstadt für die Individuen als Austragungsort von Einzigartigkeit geeignet sind.

2. Individualität nach Simmel

Zunächst wird der Blick in Simmels Werken auf den Begriff der ››Individualität‹‹ gelegt. Wenn der deutsche Soziologe Georg Simmel von der individuellen Unabhängigkeit spricht, meint er damit, dass ein Individuum nicht durch andere Personen oder einen anderen Gegenstand bestimmt wird. In diesem Zusammenhang spricht Simmel jedoch nicht nur von dem Freisein von „äußeren Bestimmungen“ (Lohmann 1993: 154), sondern es geht ihm auch um die Freiheit der Bestimmungen von innen. Simmel führt weiterhin die Wechselbeziehung zwischen der Bestimmungsfreiheit von innen und dem Anstieg der äußeren Freiheit der Bewegung an (vgl. ebd.). Demnach bedeutet das, dass die innere und die äußere Freiheit in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen, dass das eine ohne das andere nicht existieren kann. Als Resultat entsteht dann die Eigenständigkeit der Individuen. Unabhängigkeit erreicht der Mensch insbesondere durch die andauernden „innerlich bleibenden Grenzüberschreitungen seines Seelenlebens und seiner geistigen Aktivität“ (ebd.: 155). Interpretiert werden kann das insofern, als dass der Mensch die Distinktion seiner inneren Welt erkennt und erst dann seine äußerlich erkennbare Bewegungsfreiheit entsteht. Wenn Simmel an dieser Stelle von der Einzigartigkeit spricht, meint er jedoch zunächst lediglich die individuelle Entwicklung des Menschen (vgl. ebd.). Das bedeutet also, dass der Mensch sich von anderen Menschen unterscheidet und sich aufgrund seiner Eigenschaft von anderen Persönlichkeiten abgrenzt. Der deutsche Soziologe beurteilt dieses Phänomen als das Essenzielle für die individuelle und positive Freiheit, also als die Selbstbestimmung des Menschen. Erst dieses macht deutlich, dass die Daseinsart einer Person nicht durch andere Menschen aufgedrängt wird (vgl. ebd.). Das wird vor allem durch folgendes Zitat untermauert:

„Daß wir den Gesetzen der eigenen Natur folgen - und dies ist doch Freiheit - wird uns und anderen erst dann ganz anschaulich und überzeugend, wenn die Äußerungen dieser Natur sich auch von denen anderer unterscheiden; erst unsere Unverwechselbarkeit mit anderen erweist, daß unsere Existenzart uns nicht von anderen aufgezwungen ist“ (Simmel 1995: 127).

Dieses Zitat verdeutlicht, dass jeder Mensch von Natur aus unverwechselbar ist. Somit folgen wir den von der Natur vorgegebenen Prinzipien. Außerdem besitzt der Mensch den Urtrieb, sich von anderen Persönlichkeiten unterscheiden zu wollen (vgl. Junge 2009: 18). Das Individuelle eines Menschen kann jedoch sowohl in dem Vergleich zwischen anderen Personen, als auch in der Parität und der Überordnung mit anderen Individuen der Gesellschaft liegen (vgl. Simmel 1995a: 300). Erklärt werden kann das dadurch, dass die immer größer werdenden individuellen Verschiedenheiten in der Gesellschaft, den Menschen auch die Gleichheit derer deutlich macht. Das heißt, dass die Gleichheit der Personen immer vergegenwärtigt wird, indem die Menschen immer wieder an diese erinnert werden (vgl. Junge 2009: 19).

Diese unterschiedlichen Differenzierungen treten vor allem als Prozesse der Individualisierung auf. Simmel macht den Differenzierungsprozess an einem Beispiel deutlich: Er geht davon aus, dass es zwei gleichartige Gruppen gibt. Durch den Prozess der Differenzierung wird die Ähnlichkeit der Gruppen zunehmend deutlicher, unterdessen die Mitglieder der einzelnen Gruppen immer verschiedener werden. Die wachsende Verschiedenheit innerhalb der Gruppe kann dadurch erklärt werden, dass die Mitglieder sich durch den Individualisierung- und Spezialisierungsprozess immer weiter voneinander abgrenzen, sprich individualisieren und somit immer größer werdende Unterschiede aufweisen. Dies verstärkt zum einen die Freiheit des Individualisierungsprozesses. Zum anderen werden dadurch auch die Sozialbeziehungen entkrampft. Aufgrund der zuvor dargelegten Behauptungen kann also geschlossen werden, dass der Mensch ein „Unterschiedswesen“ (ebd.) ist. Dies wird vor allem durch folgendes Zitat dargelegt:

„Die Differenzierung gegen andere Wesen ist es, was unsere Thätigkeit größtenteils herausfordert und bestimmt, auf die Beobachtungen ihrer Verschiedenheit sind wir angewiesen, wenn wir sie benutzen und die richtige Stelle unter ihnen einnehmen wollen“ (Simmel 1989a: 200).

Die Prozesse der Auseinanderentwicklung tragen dazu bei, dass die Gesellschaft viele verschiedene Gruppen und Menschen aufweisen kann, die sich in ihren Eigenschaften und Merkmalen voneinander unterscheiden. Der Vergesellschaftungsprozess wird dadurch jedoch nicht gefährdet (vgl. Junge 2009: 20). Die Frage, die sich an dieser Stelle nun aufwirft, ist, wo der Prozess der Individualisierung am größten ist. Auf diese Frage soll im Nachfolgenden näher eingegangen werden.

3. Die Großstadt

Nach Simmel wird die Individualität der Moderne vor allem in der Großstadt zum Austragen gebracht. Insbesondere in Metropolen wollen die Menschen Unabhängigkeit oder eine Identität erlangen. Die moderne Lebensweise wird primär in den Großstädten erkenntlich, denn in ihnen wird nicht mehr vorgegeben, wie man zu leben hat. Dies bedeutet also, dass es nach Simmel nichts gibt, weder Person noch Gegenstand, was einen Menschen autoritativ bestimmen kann. In Simmels Werk ››Die Großstadt und das Geistesleben‹‹ werden zunächst Leitfragen deutlich, die den Bezug zwischen Individualität und Großstadt näher verdeutlichen sollen. Im Allgemeinen geht es darum, wie der Mensch in einer modernen Metropole und somit auch in der Moderne seine Autonomie und Individualität zum Ausdruck bringen kann. Genauer formuliert stellt sich also die Frage, wie die Selbstbestimmungen und die damit in Verbindung stehende Unabhängigkeit einer Person durch die Einflüsse der Großstadt und gegen die Abhängigkeit zur Großstadt geschützt wird. Darüber hinaus wirft sich die Frage auf, wie sich die Individualität, also die Unverwechselbarkeit eines Menschen, gegen das Phänomen der Massengesellschaft behaupten kann (vgl. Lohmann 1993: 154).

Der Wert eines Individuums resultiert insbesondere durch seine Einzigartigkeit (vgl. ebd.: 157). In diesem Zusammenhang stellt sich Simmel daher die Frage, wie das Individuum unter den Bedingungen der Moderne ein einzigartiges Dasein leben kann (vgl. ebd.: 158). Durch diese Aspekte wird deutlich, dass das zentrale Anliegen Simmels hauptsächlich in der Individualität liegt, das heißt die Unvergleichbarkeit zu anderen und die Besonderheit des Individuums, die in jeder Natur vorhanden ist. Wichtig ist allerdings, dass das Individuum in gewisser Hinsicht übertreiben muss, um auf sich aufmerksam machen zu können. Dadurch wird der Mensch zur Überspitztheit verlockt (vgl. ebd.: 159). Dies kann beispielsweise durch einen gewissen Kleidungsstil oder ein bestimmtes Verhalten erzielt werden.

Weiterhin betont Simmel in seinen Werken, dass die Individualität durch die Weltstadt gefährdet ist. Der Mensch kann jedoch durch die Anfechtung gegen die Großstadt seine Individualität schützen. Das geht insofern von statten, als dass der Mensch sich den „Unendlichkeiten der Großstadt zunächst aussetzt und dann in ihnen bewährt“ (ebd.: 156). Interpretiert werden kann das als ein Kampf der Individuen für deren Einzigartigkeit in der Großstadt. Demnach müssen Individuen sich den gegebenen Bedingungen in der Metropole anpassen und danach ihre Einzigartigkeit und Selbstständigkeit entwickeln. Simmel bezeichnet das als „die Steigerung des Nervenlebens“ (ebd.). Diese entsteht durch Eindrücke der Menschen, die einem schnellen und fortwährenden Wechsel unterliegen. Das bedeutet demnach, dass gewohnte Abläufe, Regelmäßigkeiten und bestehende Impressionen weniger Bewusstsein fordern, als der Wechsel der Eindrücke. Der Soziologe unterscheidet die ››Steigerung des Nervenlebens‹‹ in wirtschaftlicher und sozialer Betrachtungsweise. Der wirtschaftliche Aspekt meint vor allem die Thematik der Geldwirtschaft und die Arbeitsteilung. Unter dem sozialen Gesichtspunkt wird hingegen die Größe und Komplexität der Großstadt, die erst die Unterscheidung zur Kleinstadt und dem Land ermöglicht, gemeint. Zum Ausdruck gebracht wird das Phänomen der Großstadt insbesondere durch die Entstehung von Lebensstilen, sowie die sich immer weiter entwickelnde Mode. Aus diesem Grund ist nach Simmel die Metropole der Ort, an dem die fortschreitende Kultur hauptsächlich stattfindet. Der deutsche Soziologe macht das anhand eines Beispiels deutlich, indem er darauf verweist, dass der Gang über die Straße oder die Schnelligkeit des gesellschaftlichen Lebens, sowie der Wirtschaft und der Arbeitswelt diese wechselnden Eindrücke erzeugen. Das steigende Tempo der Rhythmen hat unmittelbar ein Wachsen der Nervosität zur Folge (vgl. Müller 1988: 16). Das bedeutet, dass die Schnelligkeit der Metropole eine Reizüberflutung auslösen kann, wodurch die Nervosität des Einzelnen gesteigert wird. Das Leben auf dem Land ist hingegen durch das langsame und regelmäßige Tempo geprägt. Außerdem sind in der Kleinstadt die vertraulichen Beziehungen deutlich mehr vertreten. Diese entstehen durch den Rhythmus der regelmäßigen Gewöhnungen, die der Kleinstädter erfährt (vgl. Simmel 1995: 117). Aus diesem Grund ist die Nervosität des Menschen aus dem ländlichen Raum nicht besonders hoch. In dem Zusammenhang geht Simmel auch auf den Verstand ein. Simmel betont, dass er am anpassungsfähigsten von allen Organen ist. Weiterhin macht er deutlich, dass sich die Individuen der Großstadt ein „Schutzorgan“ (ebd.) gegen die Kräfte der Metropolen anschaffen, die ihn bedrohen. Somit begründet er, dass die Großstädter im Allgemeinen mit dem Verstand auf Impressionen reagieren anstatt mit dem Gemüt (vgl. ebd.).

3.1 Wichtige Begriffe nach Simmel

3.1.1 Indifferenz

Auch der Begriff der ››Indifferenz‹‹ ist ein bedeutender Aspekt in Simmels Werken. Für ihn ist die Großstadt der Austragungsort des „Geisteslebens“ (Lohmann 1993: 156). Somit ist der großstädtische Mensch den Wandlungsprozessen unterworfen, die das Individuum prägen, wodurch eine Angleichung der Persönlichkeit an die Großstadt stattfindet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Georg Simmels "Das Phänomen der Mode und die Suche nach Einzigartigkeit". Bietet die Großstadt in der Realität die besten Voraussetzungen für eine Individualisierung?
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V342585
ISBN (eBook)
9783668323537
ISBN (Buch)
9783668323544
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
georg, simmels, phänomen, mode, suche, einzigartigkeit, bietet, großstadt, realität, voraussetzungen, individualisierung
Arbeit zitieren
Ulrike Köpke (Autor), 2014, Georg Simmels "Das Phänomen der Mode und die Suche nach Einzigartigkeit". Bietet die Großstadt in der Realität die besten Voraussetzungen für eine Individualisierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342585

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Georg Simmels "Das Phänomen der Mode und die Suche nach Einzigartigkeit". Bietet die Großstadt in der Realität die besten Voraussetzungen für eine Individualisierung?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden