Im Gegensatz zur westlichen, säkularisierten Staatenwelt der Moderne zeichnet die antike Weltordnung ein völlig anderes Bild in Bezug auf ihre kulturellen, religiösen und philosophischen Lebensbereiche. Statt einer strikten Trennung, wie sie uns aus unserer heutigen Lebenswelt bekannt ist, muss bei der Analyse antiker gesellschaftlicher Verhältnisse immer die starke Verzahnung verschiedenster Kulturphänomene betrachtet werden.
Die unverkennbare Zäsur zwischen der so genannten libera res publica und der Etablierung der Alleinherrschaft des Augustus hatte Auswirkungen in allen gesellschaftlichen Bereichen und damit auch auf die Stellung der Philosophie. Was kann bzw. darf die Philosophie unter dem Monarchen Augustus noch leisten? Wird sie überhaupt noch gebraucht? Wie werden philosophische (und damit immer auch religiöse, politische und soziale) Diskurse von der Festigung des Prinzipats durch Augustus beeinflusst? Kann die Philosophie immer noch geistiger Vorbereiter und Ideengeber für Politik sein?
Vor allem für die gebildeten Kreise bot die Philosophie Grundsätze des moralisch-richtigen Handelns, sie übernahm die Funktion des mos maiorum. Dieser Anspruch wurde nun auch auf das neu eingerichtete Prinzipat übertragen. Der Monarch sollte in seiner Regierungspolitik ethisch überzeugend vorgehen und ein Vorbild an moralischer Sittlichkeit und Tugend für das Volk darstellen. Hier spiegeln sich die Leitideen römischer Geschichtsauffassung wider: Wohl und Unwohl des römischen Volkes sind immer von seinem moralischen Verhalten abhängig. Tugendhaftes Handeln eines jeden Einzelnen ist „gutes“ Handeln und Voraussetzung für das Wohlergehen des römischen Staates im Laufe von Tradition und Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Entwicklung der Fragestellung
2. Augustus und die Philosophie
2.1. Die Etablierung des Prinzipats im öffentlichen Diskurs
2.2. Pythagoreer, Epikureer, Stoiker und der princeps-Begriff
2.3. Augustus - ein „tugendhafter“ Philosoph? Der princeps und sein philosophisches Umfeld
2.4. Die „Hausphilosophen“ des Augustus
3. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen der Philosophie und der Etablierung des Prinzipats unter Augustus. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie der Herrscher philosophische Ideale und Denker instrumentalisierte, um sein neues Machtsystem ideologisch zu legitimieren und das politische Klima im Rom der frühen Kaiserzeit zu kontrollieren.
- Die politische Strategie des Augustus und die Fassade der "libera res publica"
- Der Einfluss pythagoreischer, stoischer und epikureischer Strömungen auf das Herrschaftsbild
- Die Instrumentalisierung philosophischer Ratgeber als "Hausphilosophen"
- Das Spannungsfeld zwischen Machtanspruch und moralischem Vorbildcharakter
- Die Transformation der politischen Diskussionskultur im Übergang von der Republik zur Monarchie
Auszug aus dem Buch
Die Etablierung des Prinzipats im öffentlichen Diskurs
Im Gegensatz zu seinem Adoptivvater Caesar, ging Augustus rücksichtsvoller und taktisch kluger mit den jahrhundertealten republikanischen Gegebenheiten um. Niemals ließ er große Interpretationsspielräume aufkommen, seine Machtansprüche als Usurpation zu deuten, alles geschah unter Rücksichtnahme auf das republikanische Gemeinwesen und unter dem Deckmantel, die bestehenden demokratischen Verhältnisse zu wahren. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Octavians Rückgabe der Allgewalt an Senat und Volk im Jahre 27 v. Chr. Er gab die Befehlsgewalt über die Provinzen und die dort stationierten Legionen wieder zurück in die Hände des Senats. Hier offenbart sich der kalkulierende und berechnende Machtmensch Augustus, dem es ganz und gar nicht darum ging, seine Machtposition abzugeben oder zu teilen.
Mit der Rückgabe der uneingeschränkten Befehlsgewalt an den populus romanus suggerierte Augustus ein scheinbares Desinteresse an Machtzuwachs in den Händen eines Einzelnen und demonstrierte für weite Teile des Volkes seine innige Beziehung zur libera res publica. Diese Bescheidenheit hatte einzig und allein den Zweck, einen Topos zu erfüllen: Den Topos des Herrschers, der alle Machtzuwächse für sich verweigert, sich ihrer nicht legitimiert fühlt, obwohl sie ihm angetragen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Entwicklung der Fragestellung: Das Kapitel führt in die hochbrisante gesellschaftspolitische Lage während des Übergangs von der Republik zum Prinzipat ein und wirft die Frage nach der Rolle der Philosophie als Ideengeber in dieser Zeit auf.
2. Augustus und die Philosophie: Dieser Hauptteil analysiert, wie Augustus taktisch geschickt philosophische Denkschulen nutzte, um seinen Herrschaftsanspruch als princeps zu legitimieren und das geistige Klima im neuen Staat zu formen.
3. Resümee: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass Augustus trotz seiner Inanspruchnahme philosophischer Ideale ein pragmatischer Machtmensch blieb, der die Philosophie primär zur Festigung seines Systems instrumentalisierte.
Schlüsselwörter
Augustus, Prinzipat, Philosophie, Stoa, Epikureismus, Machtkonsolidierung, Legitimierung, Hausphilosophen, Politische Diskussionskultur, Res Publica, Herrschaftslegitimation, Römische Geschichte, Ideologie, Princeps, Ethik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die strategische Rolle der Philosophie bei der Etablierung und ideologischen Festigung des augusteischen Prinzipats im antiken Rom.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das politische Taktieren des Augustus, die Instrumentalisierung verschiedener philosophischer Schulen sowie die Veränderung der öffentlichen Diskussionskultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Augustus durch eine geschickte Fassade der Bescheidenheit und die Nutzung philosophischer Begriffe seine Alleinherrschaft legitimierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die primäre Quellen zur augusteischen Zeit mit moderner Forschungsliteratur verknüpft, um das Verhältnis von Macht und Philosophie zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Etablierung des Prinzipats, der Wirkung stoischer und pythagoreischer Vorstellungen auf den Herrscherbegriff sowie der Rolle konkreter Hausphilosophen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie Augustus, Prinzipat, Herrschaftslegitimation und Politische Diskussionskultur definieren.
Welche Rolle spielte der "Bescheidenheits-Topos" für Augustus?
Er diente dazu, den Anschein einer Machtabgabe gegenüber dem Senat zu erwecken, um die tatsächliche Machtkonzentration auf den Herrscher zu verschleiern.
Warum wird Augustus im Text nicht als Philosoph bezeichnet?
Obwohl er philosophische Ideen nutzte, zeigt die Untersuchung, dass er primär ein politischer Stratege war und kein tiefgreifendes, originäres Interesse an philosophischer Theorie besaß.
Welche Bedeutung hatten die sogenannten "Hausphilosophen"?
Sie fungierten weniger als philosophische Lehrmeister, sondern als Diplomaten und ideologische Berater, die halfen, das Bild des tugendhaften Herrschers in der Öffentlichkeit zu festigen.
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- Matthias Rottländer (Autor), 2008, Stellung und Leistung der Philosophie zur Zeit des Augustus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342642