Betrachtet man einen Auszug aus der Eheordnung der Fürstentums Neuburg aus dem Jahr 1577, so mag man sich doch etwas wundern. Die weltliche Obrigkeit sieht sich aufgrund ihrer Stellung und ihrer christlichen Aufgabe dazu veranlasst, eine Eheordnung aufzusetzen, um die Beziehung zwischen den Geschlechtern zu regeln. Was in diesem kurzen Ausschnitt aus der Quelle jedoch in den Vordergrund zu treten scheint, ist die Unterbindung der Unzucht.
Die Frage danach zu stellen, wie und vor allem wo die Unzucht zu unterbinden und die Reinheit zu finden sei, damit stand die Obrigkeit in Neuburg keineswegs allein. Die Eheordnung reihte sich in eine lange Reihe von Ordnungen und Erlässen in verschieden Territorien ein, die das Geschlechterverhältnis auf der normativen Ebene neu beschreiben und ordnen sollten. Die Historikerin Susanna Burghartz hat in ihrem Aufsatz „Umordnung statt Unordnung?“ darauf hingewiesen, dass „[die] Regelung der Geschlechterverhältnisse von der Gesellschaft als grundlegende Ordnungsaufgabe verstanden [wurde]“. Bei der Beschäftigung mit diesem Thema stößt man auch auf andere Abhandlungen und Schriften, die sich mit eben diesem Ordnungssystem beziehungsweise mit der Konstruktion einer Ordnung beschäftigen, in der das Geschlechterverhältnis geregelt wird.
Zu diesen Schriften gehören auch die sogenannten Hauslehren oder die Hausväterliteratur. Im Rückgriff auf die antike Traditionen der Ökonomie und Landwirtschaftsliteratur sollten die Ausführungen Auskunft darüber geben, „Warauff die haushaltung zu richten sey.“. Dies leisten sie auch, doch sie beschränken sich nicht auf die Problemstellungen des christlichen Haushaltes, sondern sind gleichzeitig Spiegel der konfessionellen Vorstellungen in Hinsicht auf die Weltauffassung und die Idealvorstellungen der Geschlechterordnung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Hausväterliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts
3. Kirchenzucht und Reinheitsdiskurs in der Reformationszeit
4. Die Konstruktion von Ehe und Jungfrauenschaft in den Hauslehren des 15. und 16. Jahrhunderts am Beispiel von Aegidius Albertinus und Justus Menius
4.1 Die Jungfrauenschaft in der Haußpolicey des Aegidius Albertinus
4.1.1 Aegidius Albertinus (1560-1620)
4.1.2. Die Haußpolicey
4.1.3 Dedicatio
4.1.4 Die Jungfrauenschaft bei Albertinus
4.2 Die Ehe in der Oeconomia Christiana des Justus Menius
4.2.1 Justus Menius (1499-1558)
4.2.2 Die Oeconomia Christiana
4.2.3 Dedicatio
4.2.4 Die Ehe bei Justus Menius
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konzepte von Sexualität und Geschlechterverhältnissen in zwei zentralen Hauslehren des 16. und 17. Jahrhunderts, der Oeconomia Christiana von Justus Menius und der Haußpolicey von Aegidius Albertinus. Ziel ist es, die jeweilige Konstruktion von Ehe und Jungfrauenschaft im Kontext des konfessionellen Reinheitsdiskurses und der Sozialdisziplinierung zu analysieren.
- Vergleich der protestantischen und katholischen Position zur Ordnung der Sexualität
- Analyse der Hausväterliteratur als Instrument obrigkeitlicher Sozialdisziplinierung
- Untersuchung der Legitimationsfiguren und Weltbilder beider Autoren
- Die Rolle von Ehe und Jungfrauenschaft als Orte gesellschaftlicher Reinheit
Auszug aus dem Buch
4.1.4 Die Jungfrauenschaft bei Albertinus
Bei der Betrachtung der Vorgehensweise fällt auf, dass Albertinus anfänglich durchaus klassische Begründungen für die Wahl eines jungfräulichen Lebens vorbringt. Der Jungfrauenstand sei „die Hunderfeltige [Frucht]“, während den Keuschen nur die „Die Sechzigfeltige [Frucht]“ zuteil werden kann. Somit muss die Jungfrauenschaft sich nicht nur durch Keuschheit sondern auch andere Vorzüge auszeichnen. Ein solches Merkmal ist die von ihm bezeichnete geistige Geburt.
„Dein Geistliche Geburt soll seyn/ da du verursachest und wirckest gute unnd tugentsame Werck/ daß du lebst in der Keuschheit/ daß du dein Zeit verwendest in der contemploratio unnd Betrachtung der Göttlichen Ding/ unnd daß du Andechtiglich bettest für dich/ für deine Freunde unnd für die ganze Welt:“
Diesen Punkt führt er erst gegen Ende an. Die Jungfrauen unterscheiden sich von den Keuschen durch die Tat gemeinnützige Werke. Es klingt bereits ein Tenor an, der auf die Aufgaben der Klöster verweisen soll.
Albertinus steht jedoch vor der Herausforderung, dass der Jungfrauenstand biblisch nicht angeordnet ist. Deshalb deutet er in der Hauspolicey biblische Darstellungen um: „Also auch ist dises figuriert und vor bedeutet worden/ in der vorbemelten Arch Noe/ in deren Gott bevolchen hatte zu machen/ dreyerley ort der wonung/ nemlich unten/ oben und in mitten: Durch das underiste ort/ wird angezeigt das Beth eines Ehevolks: Durch das mitters wird bedeut der Stuel oder der Sitz der coelibum /ledigen/ geistlichen oder keuschen Personen. Durch die oberste wonung aber/ welche zu nechst am himel ist/ wird angezeigt der Jungfrewlich Standt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Geschlechterordnung und deren Regelung durch obrigkeitliche Ordnungen sowie Definition der Hausväterliteratur als Forschungsgegenstand.
2. Die Hausväterliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts: Erläuterung der Hauslehren als normative Medien, die idealisierte Vorstellungen von Lebensführung und Haushalt vermitteln.
3. Kirchenzucht und Reinheitsdiskurs in der Reformationszeit: Diskussion des Konzepts der Sozialdisziplinierung und der Bedeutung des Reinheitsdiskurses zwischen den Konfessionen.
4. Die Konstruktion von Ehe und Jungfrauenschaft in den Hauslehren des 15. und 16. Jahrhunderts am Beispiel von Aegidius Albertinus und Justus Menius: Analyse der konkreten Konzepte, der Legitimationsstrategien und der Autorenpositionen zu Ehe und Jungfrauenschaft.
5. Fazit und Ausblick: Resümee des Vergleichs, bei dem die unterschiedlichen Ansätze zur Sicherung gesellschaftlicher Reinheit und deren Funktion im Kontext der Sozialdisziplinierung hervorgehoben werden.
Schlüsselwörter
Hausväterliteratur, Sozialdisziplinierung, Reinheitsdiskurs, Ehe, Jungfrauenschaft, Aegidius Albertinus, Justus Menius, Konfessionalisierung, Geschlechterordnung, Kirchenzucht, Haushalt, Frühneuzeit, Herrschaftsordnung, Sexualmoral, Oeconomia Christiana.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie zwei Hauslehren des 16. und 17. Jahrhunderts – eine katholische und eine protestantische – Vorstellungen von Ehe, Sexualität und Reinheit konstruieren, um gesellschaftliche Ordnung zu stiften.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen den konfessionellen Streit um die richtige Lebensweise, die Rolle der Hausväterliteratur bei der Vermittlung von Normen sowie die Konzepte von Ehe und Jungfrauenschaft im Kontext der Sozialdisziplinierung.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel besteht in der Untersuchung der Frage, wie Ehe bei Justus Menius und Jungfrauenschaft bei Aegidius Albertinus konstruiert sind und welche Funktionen diese Konzepte im Kontext der Sozialdisziplinierung einnahmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem primärliterarische Quellen (Hauslehren) historisch-diskursanalytisch unter Einbeziehung des theoretischen Konzepts der Sozialdisziplinierung untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Gattung der Hausväterliteratur und der historische Reinheitsdiskurs theoretisch gerahmt. Darauf folgt eine detaillierte Analyse der Schriften von Albertinus und Menius sowie deren jeweilige Legitimationsfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Hausväterliteratur, Sozialdisziplinierung, Reinheitsdiskurs, Ehe, Jungfrauenschaft sowie die beiden zentralen Autoren Albertinus und Menius.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Albertinus bei der Definition der Reinheit?
Albertinus betrachtet das Kloster als den einzigen Ort, an dem eine keusche Lebensführung (Jungfrauenschaft) möglich ist, da er die Welt außerhalb als moralisch verfallen wahrnimmt.
Welche Bedeutung misst Justus Menius der Ehe bei?
Für Menius ist die Ehe ein gottgewollter Grundpfeiler des leiblichen Reichs und der Gesellschaft, der dazu dient, menschliche Schwäche zu kompensieren und Unzucht zu verhindern.
Inwieweit spielt die soziale Stellung der Leser eine Rolle?
Albertinus grenzt die Ehe teilweise auf die Führungsschicht ein und sieht für untere Stände andere Lebensentwürfe vor, während Menius durch die "politics of sin" die gesamte Bevölkerung zur Einhaltung göttlicher Gebote in die Pflicht nimmt.
Was schlussfolgert die Arbeit zum Disziplinierungspotenzial dieser Schriften?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Hauslehren durch ihren "Erziehungsanspruch" und die Verknüpfung mit obrigkeitlichen Strukturen als effektive Instrumente der Sozialkontrolle fungierten, die über bloße Hausordnungen hinausgingen.
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- Malte Wittmaack (Autor), 2016, Theologische Deutungsmuster und obrigkeitliche Vorstellungen von Reinheit in den Hauslehren des 16. und 17. Jahrhunderts, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342833