Der politische Witz in der DDR. Eine linguistische Betrachtung


Examensarbeit, 2010
76 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung und Aufbau

2 Zum Gegenstand des Witzes
2.1 Etymologie, Definition und Witzkategorien
2.2 Der Witz, das Komische und das Lachen
2.3 Sach- und Sprachwitze
2.4 Die formale Struktur des Witzes
2.4.1 Die Exposition
2.4.2 Die Dramatisierung
2.4.3 Die Pointe

3 Die Sprache in der DDR
3.1 Die politisch-bedingte Sprachlenkung durch die SED
3.2 Werte und Ritualität in der DDR
3.3 Öffentlichkeitssprache vs. Alltagssprache

4 Kognitive Modelle des Witzes
4.1 Das Konzept der Inkongruenz
4.2 Die Bisoziation
4.3 Die Frame-Theorie
4.4 Die Kombination von Bisoziation und Frame-Theorie
4.5 The General Theory of Humor (GTVH)

5 Zum Gegenstand des politischen Witzes
5.1 Der politische Witz in der DDR
5.1.1 Partei und Staat
5.1.2 Die Defizite der Planwirtschaft
5.1.3 Staatsfunktionäre und ihre Organe
5.1.4 Deutsch-Russische Beziehungen
5.1.5 Häschen-Witze
5.1.6 Anfragen an den Sender Jerewan

6. Evaluation
6.1 Bewertung der General Theory of Verbal Humor (GTVH)
6.2 Die Funktionen des politischen Witzes in der DDR

7 Der Witzkorpus

8 Bibliographie
8.1 Monographien
8.2 Sammelbände und Aufsätze
8.3 Internetpublikationen

Meinem Papa, meinen Großeltern:

Danke für eure Liebe und Unterstützung. Ohne euch wäre diese Arbeit nie geschrieben worden.

Meinem Freund:

No one else can make me feel
The colors that you bring
Stay with me while we grow old
And we will live each day in springtime

(Minnie Ripperton- Loving You- 1975)

Meiner Mutti:

Es vergeht kein Tag, an dem ich dich nicht vermisse.

1 Einleitung

Humor und Spaß nehmen in der Bundesrepublik Deutschland einen besonderen Status ein. Ein Witz passt beinahe zu jedem Anlass, umfasst eine Vielzahl von Themen, übermittelt versteckte Informationen, spielt mit Sprache und regt zum Lachen an. Er ist in jeder sozialen Klasse zeitgemäß und in jeder Altersgruppe von Bedeutung. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass dem Witz in den letzten Jahrzehnten eine große Aufmerksamkeit zuteil wurde. Ein Besuch im Buchladen eröffnet dem interessierten Leser eine unüberschaubare Auswahl an Witzbüchern. Dazu zählen beispielsweise Witzsammlungen über bestimmte Berufsgruppen (Ärztewitze, Lehrerwitze), Personen und Tiere (Fritzchen-Witze, Elefantenwitze), und Ethnien (Sachsenwitze, Schottenwitze). Auch ansonsten scheint die Bundesrepublik ein Ort zu sein, an dem gern und viel gelacht wird. Humor gibt es überall. Comedy-Shows sind aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Komiker Rüdiger Hoffmann entlockt seinen Zuschauern mit„Hallo erstmal!“auch nach Jahren noch ein herzliches Lachen. Sein Kollege Mario Barth unterhält ein Millionenpublikum, indem er ihnen die banale, aber durchaus wichtige Frage stellt, ob es wirklich sinnvoll ist einen Kleks Sauce in einem ausgewaschenen Joghurtbecher einzufrieren.

Das System der BRD bietet dem politischen Witz keinen ersprießlichen „Nährboden“. Ganz anders verhält es sich mit der politischen Witzkultur in diktatorischen Staatsformen. Dort fungiert der politische Witz als Spiegelbild der Gesellschaft. Der Politwitz ist die Frucht jener Gesellschaften, die enorme Missstände aufweisen, in der die Menschen unzufrieden sind und versuchen, ihre Aggression durch Witze abzubauen. Vornehmlich im Dritten Reich und in der Deutschen Demokratischen Republik suchten die Menschen eine Möglichkeit, ihrer Missstimmung Ausdruck zu verleihen. Der politische Flüsterwitz gilt als Produkt dieser Diktaturen. Indem die Menschen ihre eigene Wirklichkeit in Witzen konstruierten, konnten sie der trostlosen Realität entkommen. Der Politwitz wurde im Gegensatz zur Witzkultur der heutigen Zeit hinter vorgehaltener Hand weitergegeben oder im engsten Familien- und Freundeskreis erzählt, da die Verbreitung von tendenziösen feindseligen Witzen (vgl. Freud 1999, S. 105) mitunter harte Sanktionen zur Folge hatte. Obwohl der politische Witz nicht direkt das Potential hatte Revolutionen auszulösen oder zu progressiven Besserungen beizutragen, so musste doch jeder Witzerzähler „auf der Hut“ sein, wenn er sich kritisch über den Staat und dessen Organe äußerte. Die „Obersten“ waren sich der Existenz von politischen Witzen sehr wohl bewusst, doch diese einzudämmen war ihnen nahezu unmöglich. Sie erkannten die Macht des Witzes, die darin bestand, die Menschen aufgrund eines geteilten Schicksals in Einigkeit zu verbinden. Da die „Obersten“ den Witz als eine Art Bedrohung wahrnahmen, wurde die Existenz einer Witzkultur in der Öffentlichkeit vehement abgestritten (vgl. Schiewe/ Schiewe 2000, S. 34)..

Das Lachen, dass der politische Witz auslöste, konnte sowohl einen befreienden Effekt haben als auch einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Dies ist mit den unterschiedlichen Auffassungen verankert, die es hinsichtlich einer bestimmten Witzkultur zu bewerten gilt. Zum einen kann der Witz als ein Versuch des Aufbegehrens gewertet, zum anderen kann er als Indiz für Resignation erkannt werden.

Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Missstände ermöglichtem dem politischen Witz in der DDR, als Gegenöffentlichkeit zu fungieren (vgl. Schiewe/ Schiewe 2000, S. 34). Die DDR war ein hierarchisch organisiertes Gesellschaftssystem, das die Bevölkerung von oben zu beeinflussen suchte. Das Instrument, das die Partei benutzte, war die Sprache. Sie war zum Teil durch das sowjetische Gedankengut beeinflusst, mit Russismen aufgefüllt und durch Schablonisierung und Formelhaftigkeit gekennzeichnet. Zum anderen wurde die freie Meinungsäußerung gehemmt. Dissidenten, die ihre Kritik öffentlich äußerten, wurden durch die Staatssicherheit strikt überwacht und gegebenenfalls mit Auftrittsverbot bestraft[1], ausgebürgert oder inhaftiert. Es wurde erwartet, dass der Einzelne sich dem System beugt und die hohlen Parteiphrasen in der Öffentlichkeit „wiederkäut“. Deshalb waren die Menschen genötigt zwischen verschiedenen Diskursen, der Alltags- und Öffentlichkeitssprache, zu unterscheiden. Das Phänomen des Code-switchings ist nirgendwo so omnipräsent wie in der DDR. Der Einzelne wusste sehr wohl, in welcher Situation und in welcher Umgebung es besser war, seine persönliche Meinung für sich zu behalten und sich der Öffentlichkeitssprache zu bedienen.

(1) Was ist Glück, und was ist Pech? Es ist ein Glück, das wir in der DDR leben dürfen; ein Pech, dass wir dieses Glück haben.[2]

Nahezu jedes Thema wurde in den Witzen der DDR beleuchtet: Politiker (z. B. Erich Honecker, Walter Ulbricht) und deren Eigenarten, Staatsfunktionäre (u. a. Erich Mielke), die Organe des Staates (u. a. Volkspolizisten, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit), einzelne Institutionen (z. B. Gebäudewirtschaft), die Defizite der Planwirtschaft (z. B. Witze über Versorgungsengpässe), die Beziehungen zur Sowjetunion und anderen Staaten. Zusätzlich gab es spezielle Witztypen, die immer wieder mit variierenden Themen in der DDR kursierten: Petrus-Witze, Häschen-Witze, Fritzchen-Witze. Kurzum: Die DDR hat dem Witz einen unverkennbaren „Nährboden“ geliefert, so dass von einer kompletten Witzkultur gesprochen werden kann.

1.1 Zielsetzung und Aufbau

Der politische Witz in der DDR wird nun im weiteren Verlauf dieser Arbeit vornehmlichlinguistischbetrachtet, da es von größter Bedeutung ist, den Witz als Textsorte zu definieren und dessen kommunikative Funktion näher in den Augenschein zu nehmen. Dennoch bleibt es nicht aus, den Witz auspsychologischenundsoziologischenBlickwinkeln zu analysieren. DiepsychologischeKomponente meint die geistige Auseinandersetzung des Einzelnen oder einer Gemeinschaft mit der Wirklichkeit (vgl. Schiewe/ Schiewe 2000, S. 6). So werden politische Witze immer mit der Kompensation von Wunschvorstellungen und Sehnsüchten verbunden sein. Zusätzlich ist das Erzählen bzw. Hören von Witzen eine Möglichkeit, aufgestaute Aggressionen über politische, soziale und kulturelle Aggressionen abzubauen. DersoziologischeBlickwinkel versteht den Witz also als ein Mittel zur Milderung von gesellschaftlichen Missständen (Schiewe/ Schiewe 2000, S. 6).

Die vorliegende Arbeit ist in fünf Kapitel unterteilt. DasKapitel 1umfasst die Einleitung und gibt einen Überblick über den Aufbau und Inhalt der vorliegenden Arbeit.

DasKapitel 2beleuchtet den Witz im Allgemeinen. Zunächst stehen Etymologie und Definition der Textsorte Witz im Mittelpunkt der Betrachtungen. Zudem wird eine Übersicht über die unterschiedlichen existenten Witzkategorien gegeben. Im Weiteren erfolgt inKapitel 2.2ein Abgrenzungsversuch zum Komischen und zum Lachen. Ferner wird ein kurzer historischer Einblick in die unterschiedlichen Betrachtungsansätze des Komischen gegeben. Dabei spielt besonders Sigmund Freuds psychoanalytische AusführungDer Witz und seine Beziehung zum Unbewussten(1905) eine bedeutsame Rolle. Daneben werden die Funktionen des Witzes näher betrachtet. InKapitel 2.3wird eine Unterscheidung in Sach- und Sprachwitze vorgenommen. DasKapitel 2.4inquiriert die formale Struktur der Textsorte Witz.

DasKapitel 3beschreibt die politischen Verhältnisse und die sprachlichen Besonderheiten in der DDR, denn diese waren entscheidend für das Entstehen und die fortwährende Entwicklung der Witzkultur. InKapitel 3.1 werden die politisch-bedingte Sprachlenkung der SED und der Einfluss der sowjetischen Besatzer diskutiert. DasKapitel 3.2erklärt die Bedeutung von Werten und Ritualen in der DDR und erörtert die Problematik ritueller Sprachhandlungen. In der DDR gab es unterschiedliche sprachliche Diskurse. Neben der Alltagssprache der Menschen etablierte sich eine schablonisierte Sprache, die es in der Öffentlichkeit zu beherrschen galt. Die Menschen in der DDR wussten, wann die Verwendung von rituellen Formeln und leeren Parteiphrasen unumgänglich war. InKapitel 3.3erfolgt eine Gegenüberstellung beider „Sprachen“. Zusätzlich wird der Aspekt des Code-switchings im Fokus der Betrachtung stehen.

InKapitel 4werden die unterschiedlichen Ansätze in der Witzforschung exemplarisch dargestellt. Zudem werden die in der Arbeit zur Witzanalyse verwendeten kognitiven Modelle ausführlich diskutiert. Es handelt sich umThe Semantic Script Theory of Humor (SSTH)von Raskin (1985) und deren WeiterführungThe General Theory of Verbal Humor (GTVH)von Attardo und Raskin (1991). Gemäß der SSTH enthält jeder Witztext zwei konträre Scripts, dadurch kann der Witz in zweifacher Hinsicht interpretiert werden. Beide Scripts sind miteinander verbunden bzw. „überlappen“ einander, stehen sich aber ebenso in Inkongruenz gegenüber. Während das Script 1 die Erwartung des Rezipienten beschreibt, impliziert das Script 2 das wirkliche Geschehen im Witz, dass der Rezipient nicht sofort erfassen kann, da sich das Script 2 zumeist am Ende des humoristischen Textes aktiviert. Die GTVH stellt eine Erweiterung zur SSTH dar. Sie enthält zusätzlich zu denScriptoppositionen (SO)Raskins fünf weitere Analysefaktoren, die alsKnowledge Recources (KR)bezeichnet werden. Zu den KRs zählen derlogische Mechanismus (LM), dasZiel (TA), dieErzählstruktur (NS), dieSprache (LA)und dieSituation (SI)(vgl. Attardo 1994, S. 223).[3]Die Analyse des Witzkorpus in dieser Arbeit wird sich vornehmlich auf vier dieser Komponenten stützen: dieScriptoppositionen (SO), dasZiel (TA), dieSprache (LA)und dieSituation (SI). Das Ziel kennzeichnet das Zielobjekt und dessen spezielle Eigenschaften. Die Erzählstruktur meint die äußere Struktur des Witztextes, z. B. Dialogform, Frage-Antwort-Struktur, Erzählung. Die Situation führt in das fiktionale Witzgeschehen ein und gibt die Rahmenbedingungen (Personen, Gegenstände, Thema, Ort, etc.) vor. Zusätzlich ist es erforderlich, dass der Rezipient über ein ausreichendes Hintergrundwissen verfügt, um die Zusammenhänge im Witz zu verstehen. Dieses Wissen wird benötigt, um die Inkongruenz beider Scripts wahrzunehmen und die mit ihnen verbundenen Inhalte zusammenfügen zu können.

DasKapitel 5beschreibt den Politwitz zunächst im Allgemeinen. Im Anschluss erfolgt eine Einführung in die Witzkultur in der DDR gegeben (Kap. 5.1). Danach wird eine exemplarische Analyse politischer Witze in der DDR mit Hilfe der SSTH und GTVH vorgenommen. Dazu wird die Witzkultur in verschiedene Themenbereiche-Partei und Staat (5.1.1),die Defizite der Planwirtschaft (5.1.2),Staatsfunktionäre und ihre Organe (5.1.3),Deutsch-Russische Beziehungen (5.1.4)bzw. spezielle Witztypen -Häschen-Witze (5.1.5)undAnfragen an den Sender Jerewan (5.1.6)- aufgegliedert. Der Korpus umfasst über 40 Witze, die eine Zusammenstellung aus einer Vielzahl von Witzbüchern darstellen, u.a. Günter Koslowskis„Genosse“, sagte der Parteisekretär…- Der DDR-Alltag im politischen Witz(1998), Clement de Wroblewskys WitzsammlungWo wir sind ist vorn- Der politische Witz in der DDR(1990), Helga und Klaus Dieter SchlechtesWitze bis zur Wende- 40 Jahre politischer Witz in der DDR(1991).

DasKapitel 6ist der Evaluation vorbehalten. Zum einen werden die kognitiven Modelle von Raskin und Attardo im Fokus der Bewertung stehen. Es wird geklärt, ob das Konzept der GTVH durchgängig auf die Witze des Korpus der DDR anwendbar ist. Zum anderen ist es von höchster Signifikanz den Witz in der DDR als Indiz für eine existierende Gegenöffentlichkeit zu diskutieren. Zusätzlich werden die Funktionen des politischen Witzes in der DDR betrachtet.

2 Zum Gegenstand des Witzes

Der Mensch ist befähigt, seine Wirklichkeit in Sprache zu konstruieren. Die sprachlichen Zeichen bestimmen das Denken und Handeln des Menschen und geben ihm die Möglichkeit, Sprache durch Sprache zu reflektieren (vgl. Schiewe/ Schiewe 2000, S. 11). Indem er im Witzgeschehen eine fiktionale Wirklichkeit entstehen lässt, kann er der grauen Realität für einen kurzen Moment den Rücken kehren. Das Lachen, dass meist mit einem Witz einhergeht, wirkt befreiend und dient einem möglichen Frustrationsabbau. Der tendenziöse feindselige Witz laut Freud (1905) verfügt über ein signifikantes Potential. Er hat die Macht zu sagen, was nicht geäußert werden darf. Er macht dabei Personen zur Zielscheibe des Spotts, die dem Einzelnen übergeordnet sind, z. B. Politiker. Dadurch erfolgt eine kurzweilige Machtverschiebung.

2.1 Etymologie, Definition und Witzkategorien

Der Witz, der sich als eine „[prägnant formulierte] kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt […]“ (DUW 2007, S. 1941) beschreiben lässt, findet seinen Ursprung im indogermanischen Terminusvid(vgl. Blasius 2003, S. 3). Im Althochdeutschen war der Ausdruckwizzīmit der Bedeutung „Wissen“ belegt (vgl. DUW 2007, S. 1941). Die mittelhochdeutschen Terminiwitze,witzwurden mit „Wissen, Verstand, Besinnung, Einsicht, Klugheit, Weisheit“ übersetzt (vgl. Lexer 1992, S. 391).Mit witzenmeint „verständig, klug“;von den, uz den witzen komen„den Verstand verlieren, die Besinnung verlieren“ (vgl. Lexer 1992, S. 391). Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erfuhr das WortWitzeine Bedeutungsverengung. Es wurde nun mit dem französischenEsprit(„geistreiches Agieren“) gleichgesetzt (vgl. Blasius 2003, S. 5-7), welches bis heute „die geschwinde Gedankenverbindung, die intellektuelle Kombination, die geistige Beweglichkeit, die Leichtigkeit des Beziehens und Assoziierens“ (Preisendanz 1970, S. 7) bezeichnet. Das Deutsche Universalwörterbuch (2007) charakterisiertWitzund verweist dabei auf das französische Wortespritund das englischewit; beide beschreiben die „Gabe, sich geistreich, witzig, in Witzen zu äußern“ (DUW 2007, S. 1941).

Im 18. Jahrhundert wurde das Wort Witz schließlich in Verbindung mit Lachen, Spott und Scherz genutzt (vgl. Blasius 2003, S. 5-7). Bereits ein Jahrhundert später wurden witzige „Geistesergüsse“ mit dem WortWitzbeschrieben.

DerWitzmit den veraltenden Bedeutungszuschreibungen von „Klugheit“ und „Findigkeit“ ist in der deutschen Sprache gegenwärtig eher selten anzutreffen (vgl. DUW 2007, S. 1941). Ungeachtet der Tatsache, dass der TerminusWitzeinen Bedeutungswandel erfahren hat, bleibt die ursprüngliche Bedeutung vonWitzin Zusammensetzungen wieAberwitz,MutterwitzundVorwitzdennoch weitgehend erhalten (vgl. Röhrich 1980, S. 4). Ein Synonym für Aberwitz stellt das WortWahnwitzdar, dass mit den Konnotationen „völliger Unsinn; abwegiges, unvernünftiges, oft auch gefährliches Verhalten, Handeln; Wahnsinn […]; Irrwitz“ (DUW 2007, S. 1883) belegt ist. Der Mutterwitz meint den „in Pfiffigkeit, Schlagfertigkeit sich äußernde [n, J.N.] gesunde [n, J.N.] Menschenverstand“ (DUW 2007, S. 1180). Der Vorwitz beschreibt die kindliche Neugierde gegenüber allem Neuen (vgl. DUW 2007, S. 1875).

Witze sind mittlerweile aus dem alltäglichen Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken. Ein Witz passt zu wohl jeder möglichen Gelegenheit und hat bereits so manche trockene Konversation belebt. Er umfasst zudem eine Vielzahl von Themen, übermittelt verborgene Informationen, spielt mit sprachlichen Mitteln, regt zum Lachen an und verbündet ähnlich denkende Menschen miteinander.

Röhrich gibt eine umfassende Übersicht über die unterschiedlichen Witzkategorien, 1. Witze mit Personen oder Tieren (z. B. Fritzchen-Witze, Arzt-Witze, Elefantenwitze); 2. Witze mit realen oder erfundenen Witzproduzenten (z. B. Kindermund-Witze, Ausländer-Witze, Seemannsgarn); 3. Witze mit „explosivem“ Inhalt (z. B. politische Witze, sexuelle Witze, skatologische Witze); 4. Witze, die sich über ihre eigene Struktur definieren (z. B. Wortwitz, Bildwitz, Übertrumpfungswitz); 5. „Wirkungswitze“ (z. B. Ekelwitz, grausame Witze, trockener Witz); 6. Witz über bestimmte Ethnien oder Landstriche (z. B. Berliner Witz, jüdische Witze, Schottenwitze); 7.Witze, die sich gegen etwas oder jemand richten (aggressive, tendenziöse, unanständige Witze); 8. Witze, die an bestimmte Orte gebunden sind (z. B. Schul-Witze, Kasernenhof-Witze, Klo-Witze) (vgl. 1980, S. 5).

2.2 Der Witz, das Komische und das Lachen

Wissenschaftliche Abhandlungen über den Witz, das Komische und das Lachen, lassen sich bis in die Antike zurückdatieren. Plato, Aristoteles, Cicero, Quintilian, Hobbes, Descartes, Rousseau, Kant, Hegel, Darwin, Herbert, Spencer, Bergson und Freud waren um die Klärung des Phänomens des Lachens bemüht (vgl. Röhrich 1980, S. 37). Cicero und Quintilian setzten sich mit dem Terminus „ridiculum“ („Komisches“, „Witz“) auseinander (vgl. Arend-Schwarz 2004, S. 61-62). Jean Paul beschreibt in seinerVorschule der Ästhetik(1804) den Witz als „verkleidete [n, J.N.] Priester, der jedes Paar traut“ (Fischer 1996, S. 48), was bedeutet, dass der Witz „den Zusammenhang von auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Sachverhalten“ billigt (Schiewe/ Schiewe 2000, S. 15). Kuno Fischer sieht Pauls Definition als Ausgangspunkt um zu erklären, dass besagter Priester „diejenigen Paare am liebsten [traut, J.N.], deren Verbindung die Verwandten nicht dulden wollen“ (Fischer 1996, S. 48).

Sigmund Freuds psychoanalytisches WerkDer Witz und seine Beziehung zum Unbewussten(1905) spielt bei der Wesensdeutung des Witzes eine signifikante Rolle. Er unterscheidet den Witz nach harmlosem und tendenziösem Potential. Der politische Witz zählt gemäß Freud zu den tendenziösen feindseligen Witzen, die der Kompensation von Unzufriedenheit und Aggression dienen (vgl. Böhler 1981, S. 353).

Der Ausgangspunkt für Freuds Ausführungen im Bereich des Komischen befindet sich in seiner Traumanalyse. Der Traum ist wie der Witz im Unbewussten angesiedelt; beide ermöglichen die Überwindung erlernter Konventionen, befriedigen verdrängte Sehnsüchte und erzeugen somit einen unschätzbaren Lustgewinn (vgl. Röhrich 1980, S. 37):

„Der Traum verdichtet Bilder, in ihm können Ereignisse erlebt werden, die so in der Realität nicht möglich sind […] Der Witz vermag auch Bilder zu verdichten, aber diese Verdichtung findet, eben weil der Witz ein Text ist, auf sprachlicher Ebene statt. Es ist ein Spiel mit Wörtern, mit Sprache überhaupt, in dem diese Verdichtung erzeugt wird und gestaltet wird. Die Entschlüsselung des hinter dieser Verdichtung liegenden Sinns aber erzeugt Lust.“

(Schiewe/ Schiewe 2000, S. 16)

Letztlich gelangt Freud zu der Erkenntnis, dass der Witz eine soziale Funktion besitzt (vgl. Röhrich 1980, S. 37). Anders als der Traum, den man alleine erlebt, ist der Witz nicht für den alleinigen Gebrauch gedacht, man kommt nicht umhin ihn weiterzuerzählen. Der Drang den Zuhörer zum Lachen zu bringen, ist von größter Wichtigkeit. Erst wenn ein Witz erzählt ist, löst das beim Witzreferenten Befriedigung aus.

„Die [zweite] Tatsache, die zur Untersuchung der subjektiven Bedingtheit des Witzes auffordert, ist die allgemein bekannte Erfahrung, daß [sic!] niemand sich begnügen kann, einen Witz für sich allein gemacht zu haben. Mit der Witzarbeit ist der Drang der Mitteilung des Witzes untrennbar verbunden; ja, dieser Drang ist so stark, daß [sic!] er sich oft genug mit Hinwegsetzen über wichtige Bedenken verwirklicht. […] der psychische Vorgang der Witzbildung scheint mit dem Einfallen des Witzes nicht abgeschlossen, es bleibt etwas übrig, das durch die Mitteilung des Einfalls den unbekannten Vorgang der Witzbildung zum Abschluß [sic!] bringen will.“

(Freud 1999, S. 160)

Freuds psychoanalytische Definition des Witzes lässt sich folgendermaßen kurz zusammenfassen:

„Witz ist dasjenige Produkt, das sich als Verwirklichung des Lustprinzips durch die libidinöse Ersparung von zensuralem Hemmungsaufwand mit Hilfe von Technik, Tendenz im Unbewußten [sic!] bildet und sich als Text in einer bewußten [sic!] Sprecher-Hörer-Kommunikation konstituiert.“

(Lixfeld 1984, S. 201)

Beim Erzählen eines Witzes spielt nicht nur der Lustgewinn des Zuhörers eine wesentliche Rolle, auch dem Referenten selbst ist es möglich, durch das Lachen seines Gegenübers erneut Lust zu erleben. Denn das Lachen verfügt über eine ansteckende Wirkung. Deshalb kann ein bereits bekannter Witz wieder denselben Effekt beim Erzähler erzielen als ein noch gänzlich unbekannter (vgl. Schiewe/ Schiewe 2000, S. 17).

Betrachtet man das Lachen als einen rein physiologischen Vorgang, wird zunächst klar, dass es nur dem Menschen vorbehalten ist, zu lachen. Herbert Spencer beschreibt den Vorgang des Lachens in seinem WerkThe Physiology of Laughter(1860) als eine spezielle Art der Muskelkontraktion. Henri Bergson behauptet inDas Lachen- Ein Essay über die Bedeutung des Komischen(1900), dass es dem Menschen als einziges Lebewesen möglich ist, sowohl zu lachen als auch andere zum Lachen anzuregen (vgl. Röhrich 1980, S. 38).

Das Lachen kann mit positiven und negativen Qualitäten belegt sein. Es kann sowohl Sympathie (ein freundliches oder warmherziges Lachen) als auch Antipathie (ein höhnisches oder heimtückisches Lachen) ausdrücken. Beim Auslachen beispielsweise gibt eine Person einer anderen unfreiwillig Anlass, über seine Schwächen zu lachen. Deshalb ist bereits Plato der Meinung, dass das Lachen auch über einen bösartigen Charakter verfügt (vgl. Röhrich 1980, S. 38- 39). Auch Hobbes definiert das Lachen als „Ausdruck eines Gefühls des Triumphs über die Schwäche der anderen“ (Röhrich 1980, S. 39).

In den meisten Fällen bedarf es drei Personen um die Voraussetzungen für einen Witz zu schaffen: den Erzähler, den Zuhörer und das Witzobjekt (vgl. Röhrich 1980, S. 37). Der Hörer lässt sich einerseits als Projektionsobjekt erkennen, über das der Erzähler seinen Lustgewinn erfährt. Andererseits ist es auch ihm vergönnt, durch die Rezeption des Witzes Freude zu empfinden (vgl. Böhler 1981, S. 353).

Die Einleitung eines Witzes kann verbal und nonverbal erfolgen. Witze werden häufig verbal angekündigt (z. B. „Kennst du den schon?“), damit versichert sich der Erzähler, ob dem Hörer der Witz bereits bekannt ist. Wiederum können auch nonverbale Signale genutzt werden, um die passenden Rahmenbedingungen für einen Witz zu schaffen:

„Es wird immer konventionelle Signale geben, die das Auftauchen des Komischen ankündigen. Sie können verbal sein. Ein Witz mag mit der Frage: „Schon gehört?“ eingeleitet werden […] Doch für gewöhnlich sind die Signale eher nonverbal: Ein Wechsel in der Stimmlage, ein verschwörerisches Lächeln, ein den Witz vorwegnehmendes leises Lachen, ein Blinzeln.“ (Berger 1998, S. 79-80)

Durch die Ankündigung des Witzes weiß der Rezipient, dass er es mit einer fiktionalen Textsorte zu tun hat und wie er diese rezipieren sollte. Er kann sich nun entsprechend der von ihm gewünschten Reaktion verhalten. Ist durch die Rezeption des Witzes kein Lustgewinn möglich, kann er dennoch aus Höflichkeit lachen.

Die mündliche Wiedergabe eines Witzes kann neben dem Resultat des Lachens auch zu weiteren Witzen oder zu einer Konversation über die im Witz übermittelten Informationen anregen. Ebenso ist ein Rollenwechsel zwischen Erzähler und Zuhörer denkbar.

Auch Lixfeld erkennt die Bedingungen, die mit dem Witzerzählen verbunden sind. Er bestätigt, dass der Witz eine spezifische Kommunikationssituation benötigt, um seine Wirkung beim Rezipienten gänzlich ausschöpfen zu können:

„Damit die intendierte Interaktion Witzerzählen realisiert werden könne, bedürfe es einer expliziten ‚Ankündigung‘ der Textsortenzugehörigkeit von Seiten des Erzählers, […] Die Ankündigung könne in verschiedenerlei Formulierungen erfolgen, etwa in Form der Frage, ob der Sprecher einen Witz zum besten geben darf, oder- zur Vergewisserung des Erzählers- ob der Hörer den betreffenden Witz noch nicht kennt […]. Die Redundanz, welche durch die Ankündigung geschaffen werde, […] enthebe den Hörer der Schwierigkeit, den Witztext erst als solchen erkennen zu müssen, und markiere eindeutig eine Grenze zwischen mehr oder weniger ernsten Sprechen und einer Ebene der Kommunikation, auf der weder nach Wahrheit noch Wahrscheinlichkeit des Gesagten gefragt werden dürfe, sondern völlig andere Kriterien der Beurteilung eingesetzt werden müssten: […] das textsortenspezifische Verständnis z. B. der Fiktivität des Gesagten und der Realität des Gemeinten […].“

(Lixfeld 1984, S. 209-210)

2.3 Sach- und Sprachwitze

In der Linguistik findet man eine Unterteilung des Witzes in Sach- und Sprachwitze. In der Antike gab es eine solche Unterteilung in Sach- und Sprachwitze, also Handlungs- und Sprachkomik, bereits. Der Sachwitz erzeugt durch seinen Inhalt Komik; er ist nicht an sprachliche Mittel gebunden. Auch ein Clown benötigt keine Sprache, um sein Publikum zu belustigen. Sachwitz und Handlungskomik verfügen somit über die Eigenschaft, allgemein und international verständlich zu sein. Der Sprachwitz hingegen ist an Sprache gebunden und spielt mit dieser, indem er beispielsweise polyseme Wörter nutzt oder mit Klangähnlichkeiten spielt (vgl. Röhrich 1980, S. 41).

Die Unterscheidung in Sach- und Sprachwitze ist äußerst kontrovers, da sich jeder Witz der Sprache bedient. Ohne Sprache ist die Weitergabe von Witzen und die Reflektion über diese undenkbar. Eine strikte Abtrennung scheint daher nicht möglich. Andrea und Jürgen Schiewe merken dazu an:

„Voraussetzung aber für den Witz ist die Sprache, zunächst die Sprache überhaupt und dann noch eine besondere Eigenschaft der Sprache, die vielleicht wiederum nur dem Menschen, nurseinerSprache, zukommt: die Möglichkeit nämlich, mit Sprache über Sprache zu reflektieren.“

(Schiewe/ Schiewe 2000, S. 11)

Freuds Überlegungen zur Unterscheidung von Witzen, die er auf der Witzarbeit in der Antike aufbaut, führen zu dem Ergebnis, dass es entweder der „ausgedrückte Gedanke [ist, J.N.], der den Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der Witz haftet an dem Ausdruck, den der Gedanke […] gefunden hat“ (1999, S.14).

Preisendanz kritisiert Freuds Ausführungen, indem er fragt, ob „sich Gedanke und Ausdruck wirklich so unterscheiden oder gar trennen [lassen, J.N.], daß [sic!] man [den, J.N.] gedankengebundenen Witz von sprachgebundenen abheben kann“ (1970, S. 18). Weiterhin führt er an, dass die Sprache die Voraussetzung des Denkens darstellt: „Wir können außerhalb der Sprache gar nicht denken. Jeder Gedanke enthält immer schon die Möglichkeit der Sprache, sonst wäre er gar nicht denkbar. Das Gedankliche hat immer das Sprachliche zum Komplement“ (Preisendanz 1970, S. 18). Auch Ulrich lehnt die Unterscheidung von Sach- und Sprachwitzen ab, da eine Trennung von Gedanken und Ausdruck nicht möglich ist:

„Einerseits ist die Sprache nie inhaltsleer, sondern bezeichnet immer […] einen Sachverhalt, eine Sache. […] Andererseits ist jeder Witz, vom reinen Bildwitz abgesehen, auf Sprache angewiesen und an Sprache gebunden, sowohl als kommunikatives Ereignis wie auch als kommunikatives Mittel oder Ergebnis. Auch der ‚Sachwitz‘ ist in jedem Fall das Resultat einer charakteristischen ‚Sprachverwendung‘. Man kann Gedanken und Ausdruck nicht so trennen, daß [sic!] man gedankengebundenen Witz vom sprachgebundenen abheben kann.“

(1980, S. 49- 50)

Laut Freud bedient sich der Sprachwitz spezifischer Elemente, um das Komische zum Vorschein zu bringen: Verdichtung, Verwendung des gleichen Materials, Doppelsinn, Verschiebung, Unlogik, Vereinheitlichung, Darstellung durch das Gegenteil, Überbietung, Darstellung durch Zusammengehöriges und/oder Zusammenhängendes, gleichnishafte indirekte Darstellung (vgl. Röhrich 1980, S. 37).

2.4 Die formale Struktur des Witzes

Der Witztext ist gemäß Marfurt (1977) in drei Hypertagmeme, drei formale Strukturelemente, unterteilbar. Im Einzelnen zählen dazu: Einleitung, Dramatisierung und Pointe. Die Hypertagmeme „determinieren und ergänzen sich gegenseitig, haben aber meist auch noch Funktionen, welche die Ebene der Witzstruktur transzendieren und sich auf das Interaktionsmuster beziehen“ (1977, S. 93).

2.4.1 Die Exposition

Die Einleitung erläutert in kurzer Weise die im Witzgeschehen verankerte Situation und den Handlungsrahmen und führt die im Geschehen agierenden Personen (bzw. Tiere, belebte Gegenstände) ein. Das Hypertagmem soll Vorurteile und Erwartungen beim Rezipienten erwecken. Die Exposition fungiert als die Motivierung zum Höhepunkt des Witzes. Das Witzgeschehen wird meist im Präsens geschildert, damit die dargestellte Situation im Witz aktuell wirkt. Die Länge (Phrase, Satz, Sätze) und der „Standort“ der Einleitung sind nicht relevant. Das Hypertagmem enthält mindestens zwei sogenannteSlots: einen Slot für die Situationsangabe, einen für die Einführung der Figuren (vgl. Marfurt 1977, S. 94- 96). Die nachfolgenden Witzbeispiele[4]stellen die unterschiedlichen Möglichkeiten der Einleitung von Witzen dar:

(2)Böhmerwald. Ein altes Weiblein schleppt eine große Kiepe Sammelholz. Ein Grenzposten hilft ihr und trägt die Kiepe bis vor ihr Häuschen. Dankbar für die Hilfe sagt sie: „[…]“

(3)Fragt der Parteisekretär den Genossen Meier: „[…]“

(4)„Hallo, wie geht es dir?“ […]

Die Einleitung ist häufig durch Kürze und Prägnanz gekennzeichnet. Meist werden nur kurze Hauptsätze gebraucht, um in das fiktive Witzgeschehen einzuführen. Die Verwendung von ausschweifenden Nebensätzen würde die Aufmerksamkeit des Rezipienten beeinträchtigen, besonders wenn der Witz mündlich tradiert wird (vgl. Marfurt 1977, S. 95).

Der Witz (2) erklärt in ausführlicher Weise die Situation und führt die Witzfiguren ein. Er ist ein Beispiel für eine längere Exposition. Dennoch ist er durch Prägnanz gekennzeichnet, z. B. durch die komprimierte Erwähnung der Spielstätte des Witzes (Böhmerwald.) und die Verwendung von kurzen Hauptsätzen. Der Witz (3) trennt die Situationsbeschreibung und die Einführung der Figuren nicht voneinander, beide Funktionen werden simultan erfüllt. Die Verwendung von bestimmten Artikeln fördert die Prägnanz des Witzes (vgl. Marfurt 1977, S. 94- 95). Der Witz (4) besteht nur aus Dialogteilen und gibt keine expliziten Informationen zu den sprechenden Personen. Der Rezipient ist hier gefordert, die Leerstellen des Witzes selbst zu füllen.

2.4.2 Die Dramatisierung

Die Dramatisierung ist nötig, damit der Witz seine Pointe frei entfalten kann. Sie gibt die Bedingungen vor, auf deren Basis das Witzereignis seinen weiteren Verlauf nehmen kann. Das Hypertagmem verfügt über ein fast stereotypisches formales Stilelement, d.h. sie besteht meist nur aus Dialogen. Der Rezipient erfährt mehr über die sprechenden Personen, die persönliche Einstellung der Witzfiguren und den dargestellten Sachverhalt. Er kann so seine Erwartungen aufbauen, sein Hintergrundwissen, speziell Rollenkonzepte und diesbezügliche Vorurteile, aktivieren, um den Witz zu begreifen. Ferner soll die Dramatisierung dazu dienen, dass der Rezipient wissen will, was im weiteren Handlungsverlauf geschieht. In diesem Hypertagmem enthaltene sprachliche Besonderheiten werden zur Erhöhung der Spannung verwendet (vgl. Marfurt 1977, S. 98). In Witz (2) treffen in der Einleitung ein altes Mütterchen und ein Grenzposten im Böhmerwald aufeinander. Für die Hilfe des Grenzpostens will sich die Frau auf eine bestimmte Weise erkenntlich zeigen. Die Spannung im Witzgeschehen wird durch den stetigen Wechsel der Gesprächspersonen noch verstärkt:

(2)„Du hast drei Wünsche, mein Sohn, ich erfülle sie dir. “Ohne zu überlegen sagt der Soldat: „Ich wünsche mir, daß [sic!] die Chinesen einmal, zweimal, dreimal bis nach Prag vorstoßen und sich dann wieder zurückziehen!“ Sagt das Weiblein: „Ich verstehe nichts von Politik, aber wenn Du meinst, Deine Wünsche sollen sich erfüllen. Vorher aber sag’ mir noch, was Dein seltsamer Wunsch bedeutet!“

Der Dramatisierung werden mehrere Funktionen zugeschrieben: Der Rezipient wird einerseits durch sie veranlasst, sich mit den Witzfiguren und deren Erwartungen zu identifizieren. Andererseits ist sie notwendig, um die Spannung des Witzes zu intensivieren, umso das Interesse des Rezipienten aufrecht zu erhalten (Marfurt 1977, S. 99). Das obige Beispiel inspiriert zum eigenen Erwartungsaufbau an und wirkt durch den Wechsel in der Gesprächssituation spannungsverstärkend. Zudem erzeugen die Wünsche des Grenzpostens Interesse an der Aufklärung der Situation. Der Rezipient ist nun für das wichtigste Strukturelement des Witzes, die Pointe, bereit.

2.4.3 Die Pointe

Nachdem die Erwartungshaltung beim Rezipienten durch Einleitung und Dramatisierung aufgebaut und erhalten werden konnte, gipfelt das Witzgeschehen in der Pointe, welche zu einem Lustgewinn beim Rezipienten führt. Dieses Hypertagmem ist das bedeutendste Strukturelement des Witzes. Ohne die Pointe wäre die Wirkungsweise des Witzes verfehlt, da sie den Moment im Witz darstellt, durch den eine weitere semantische Interpretation ermöglicht wird. Diese zweite Interpretation beruht einerseits auf den vorangegangenen Informationen der Einleitung und Dramatisierung. Zudem eröffnet sich ein Kontrast zwischen den bereits gewonnenen Informationen und der Pointe. Gemäß Raskin (1985) ist die Pointe das Strukturelement, das für denScriptwechselim Witz verantwortlich ist (vgl. Kap. 4.5).

In Witzbeispiel (2), wir erinnern uns an die drei Wünsche des Grenzsoldaten, befindet sich die Pointe am Schluss des Witzes:

(2)Sagt der Soldat: „Wenn die Chinesen wirklich dreimal kommen, dann müssen sie dreimal durch die Sowjetunion!“

Die Erklärung des Grenzpostens ermöglicht einen Wechsel zum zweiten enthaltenen Script im Witz. Das zweite Script enthält das Wissen um den „Prager Frühling“ 1968. Alexander Dubčeks[5]Bemühungen den stalinistisch geprägten Sozialismus in der ČSSR zu demokratisieren, wurde von der Sowjetunion unterbunden, d.h. die Aufstände wurden gewaltsam niedergeschlagen (vgl. Koslowski 1998, S. 22- 23). Der Rezipient kann den Witz nur verstehen, wenn er über das nötige Hintergrundwissen verfügt: Der Soldat wünscht sich insgeheim, dass die chinesische Armee dreimal zerstörerisch durch die Sowjetunion zieht und diese so für ihr politisches Eingreifen in die demokratische Revolution der ČSSR bestraft.

3 Die Sprache in der DDR

Der sozialistische Alltag in der DDR war eng mit Sprache verbunden. Die Besonderheiten in der Sprache lassen sich in drei signifikanten Aspekten zusammenfassen:

- Die politisch-bedingte Sprachlenkung in der Sowjetunion diente der DDR als Vorbild für die späteren Spracheingriffe der SED (vgl. Richter 1953, S. 43). Russische Entlehnungen, deutsch-russische Komposita, Kurzwörter und Wörter mit neuen Bedeutungszuschreibungen prägten die öffentliche Sprache (vgl. Schlosser 1999, S. 23). Die Presse wurde zur Stimme der Partei, welche eine eigene Nationalsprache intendierte (vgl. Oschlies 1989, S. 23).
- Das Leben in der DDR war durch Werte und Ritualität gekennzeichnet. Die Berufstätigkeit des Einzelnen und die damit verbundene Integration in ein Kollektiv hatten einen hohen Stellenwert. Rituelle Handlungen dienten der Zwangssolidarisierung mit dem Staat. Die Ritualität prägte die gesamte öffentliche Kommunikation in der DDR (vgl. Fix 1998, S. XI- XII).
- In der DDR koexistierten zwei Sprachen, die Sprache der Partei (auch: Verlautbarungs- oder Öffentlichkeitssprache) und die Alltagssprache, die zumeist im Privaten verwendet wurde (vgl. v. Polenz 1993, S. 131). Dieser Sachverhalt verlangte den Menschen eine gewisse Zweisprachigkeit ab (vgl. Hoffmann 1998, S. 58).

3.1 Die politisch-bedingte Sprachlenkung durch die SED

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs erlebten die Deutschen in BRD und DDR eine sprachliche Umerziehung durch die Siegermächte, die eine Entnazifizierung der deutschen Sprache intendierten. Negativ konnotierte Termini der NS-Zeit, z. B.Führer,KZ,Gestapo,wurden durch politische Aufklärung eingedämmt bzw. verbannt. Neue Begriffe wieKriegsverbrecher,Mitläufer,Nazi, die durch Edikte und das Medium Zeitung eingeführt wurden, entstanden (vgl. Schlosser ²1999, S. 19- 21).

Die politischen Entwicklungen in der DDR als sowjetische Besatzungszone führten zu konstanten sprachlichen Neuerungen, die in allen Bereichen des Lebens spürbar waren. Wo die KPD 1945 noch vehement darauf insistierte „Deutschland das Sowjetsystem [nicht, J.N.] aufzuzwingen“ (Oschlies 1989, S. 25), so war die SED bereits überaus gewillt, sowjetisch-russische Begriffe in die Sprache der DDR zu integrieren. Maßgeblich für die Sprachentwicklung in der DDR waren NS-Widerstandskämpfer wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck, die in die Sowjetunion emigriert waren und nun mit einem gewissen Verständnis für das sowjetische Sprachdenken zurückkehrten (vgl. Oschlies 1990, S. 14). Die Sowjetunion hatte die politische Macht der Sprache bereits erkannt und für die Verbreitung ihrer Ideologien genutzt. Josef W. Stalins Bemerkung „die Sprache [sei, J.N.] ein Mittel des politischen Kampfes“ (Schöfer 1963, S. 124) kann als Forderung nach einer politischen Spracheinwirkung durch den Staat verstanden werden. Die sowjetischen Spracheingriffe, die vom Establishment auf die unteren Bevölkerungsschichten wirkten, müssen somit eine Art Vorbildcharakter für die SED dargestellt haben (vgl. Richter 1953, S. 43).

Russische Entlehnungen und deutsch-russische Zusammensetzungen, wieKulturhaus,Kaderabteilung,Kollektivwirtschaft,Komplexbrigade, hielten Einzug in die Sprache der DDR (vgl. Oschlies 1990, S. 14). Man bevorzugte Suffixierungen mit –ismusnach russischem Muster, u.a.Bolschewismus,Demokratismus,Patriotismus,Sozialismus,Realismus,Faschismus,Formalismus,Individualismus, Neutralismus(vgl. Moser 1961, S. 95).

Die sprachlichen Neuerungen lassen sich insgesamt in drei Herkunftsbereiche einteilen:

„- unmittelbare Übernahme von Russismen in Form von Fremdwörtern und Lehnbildungen,

- Einführung von Begriffen und Formeln, die deutsche und sowjetische Kommunisten aus gemeinsamem Gebrauch kannten und die teilweise auf sprachliche Traditionen der internationalen Arbeiterbewegung zurückgingen,

- (Wieder-)Verwendung des Sonderwortschatzes der politischen Sprache, die die deutschen Kommunisten bis 1933 und auch noch später im Widerstand und Untergrund benutzt hatten […]“

(Schlosser 1999, S. 23)

Affixierungen (Objektivismus,Demokratismus,Parteilichkeit) gehörten ebenso wie die große Anzahl an Initialwörtern zum Lexikon der deutschen Sprache in der Ostzone (vgl. Oschlies 1990, S. 14). So bedeutetLPGbeispielsweiseLandwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft,FDJwar die Abkürzung fürFreie Deutsche Jugend, und unter dem InitialwortNVAverbarg sich dieNationale Volksarmee. Obwohl der Gebrauch von Initialwörtern sprachökonomische Vorteile hatte, waren sie dennoch die Grundlage für Verständnisschwierigkeiten in der Bevölkerung. Korlén meint sogar, dass in der DDR

„ein gewisser Mißbrauch [sic!] mit Kurzwörtern getrieben [wurde, J.N.]. Abkürzungen wie FDJ (Freie Deutsche Jugend), FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund), HO (Handelsorganisation) […] sind ohne Zweifel allgemeinverständlich. Daneben gibt es aber eine ganze Reihe von Buchstabenwörtern, die beim Lesen der Zeitungen und Zeitschriften sowie der Aufbauliteratur der DDR Schwierigkeiten bereiten können, z. B. JASVO (Jugendarbeiterschutzverordnung), HBB (Hauptausschuß [sic!] für Berufserziehung und Berufslenkung). Dabei muß [sic!] betont werden, daß [sic!] manche Abkürzungen den Wohlklang der deutschen Sprache verderben.“

(Korlén 1959/1964, S. 74)

[...]


[1]Dieses Schicksal wurde allzu kritischen Satirikern oder Schriftstellern zuteil.

[2]Aus ästhetischen Gründen befinden sich die Quellen des Witzkorpus in Kapitel 7.

[3]Die SSTH und die GTVH werden in Kapitel 4 anhand von Beispielen ausführlich diskutiert.

[4]Die Witzbeispiele werden in Auszügen präsentiert; sie befinden sich aber in kompletter Form im Witzkorpus (Kap. 7).

[5]Alexander Dubček war zu dieser Zeit 1. Sekretär des ZK der KPC. Seine demokratischen Bemühungen führten schließlich zum Ausschluss aus der Partei.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Der politische Witz in der DDR. Eine linguistische Betrachtung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
76
Katalognummer
V342858
ISBN (eBook)
9783668327726
ISBN (Buch)
9783668327733
Dateigröße
871 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik Politisch Witz Lingusitik, Geschichte DDR, Linguistik Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Jeannette Nedoma (Autor), 2010, Der politische Witz in der DDR. Eine linguistische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342858

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