Friedrich Ritter von Wiesner. Diplomat, Legitimist und NS‐Verfolgter

Im Dienst eines Staates, den es nicht mehr geben sollte, nicht mehr gab, nicht mehr geben durfte


Fachbuch, 2012
244 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Grundsätzliches
Widmung
Lebenslauf
Vorwort
Zum Titel – Struktur des Lebens Wiesners
Absichten – Forschungsfrage
Terminologie und Titel
Grundsätzliche Bemerkungen zum Aufbau der Kapitel
Die Akten aus Moskau
Andere benutzte Archive
Zu den Transkriptionen

II. Kindheit, Familie und Ausbildung zum Richter
Wiesners Familie und Ausbildung
Das Tagebuch Wiesners 1898 und 1906

III. Als Angehöriger des k.u.k. Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern
Im k.u.k. Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern
Sarajevo 1914
Als Gesandter des Ministeriums des Äußeren beim Armeeoberkommando an der Ostfront des
Ersten Weltkrieges
Bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litovsk

IV. In politischen Umbruchszeiten: Tätigkeiten Wiesners am Ende des Ersten Weltkrieges und nach dem Ersten Weltkrieg
Die Czernin-Briefe und die Sixtus-Affäre
Die Besprechung mit Renner im September 1919 wegen Übergabe der Leitung des Staatsamtes für Äußeres
Die Reise nach Deutschwestungarn und der Bericht an Renner

V. Nach seiner Pensionierung
Journalistische Tätigkeit Wiesners
Die legitimistische Bewegung und die Bedeutung
Wiesners in dieser
Der Reichsbund der Österreicher und die Vaterländische Front
Die Verfolgung durch die Nationalsozialisten
Der Grabstein der Familie Wiesner

VI. Anhang
Ergebnis der UntersuchungS.180
Gespräch mit Dr. Otto Habsburg am 13.1.1995 in Pöcking
Einige Dokumente im Faksimile BildnachweisS.218
Literaturliste
Aus dem Internet
Abkürzungen
Danksagung
Curriculum Vitae
Zusammenfassung
Abstract

Lebenslauf

Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt

All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,

Doch es kehret umsonst nicht

Unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,

Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,

Herrscht im schiefesten Orkus

Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,

Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,

Daß ich wüßte, mit Vorsicht

Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern,

Und verstehe die Freiheit,

Aufzubrechen, wohin er will.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)[1]

I. Grundsätzliches

Vorwort

Sine ira et studio.[2] Das ist mein wissenschaftlicher Anspruch bei der Behandlung der Biographie von Friedrich Wiesner und all der politischen Begebenheiten, Strömungen und Gruppierungen rund um ihn während der verschiedenen Perioden der österreichischen Geschichte im Laufe seines doch recht langen Lebens. Die Zeiten änderten sich. Friedrich Wiesner nicht. Mit seiner korrekten Art stand er immer zu seinen Überzeugungen und Idealen. Ihn fragte man um Rat, an ihn wandte man sich. Er war wie ein Fels in der Brandung der historischen Begebenheiten, die ihn einmal zu einem angesehenen Gesandten werden ließen, und dann 22 Jahre später zum Staatsfeind, den man ins KZ brachte.

Geprägt wurde Friedrich Wiesner durch seine Herkunft, Erziehung und die Zeit der ausgehenden Habsburgermonarchie.

Was seine Herkunft betrifft, muss man bedenken, dass der in Wien 1871 geborene Friedrich Wiesner Sohn eines berühmten Universitätsprofessors jüdischer Abstammung war, der tschechische Wurzeln hatte. Seine Erziehung beeinflusste maßgeblich die Internatsschule von Kremsmünster. Über die Ereignisse in der ausgehenden Monarchie und in der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts macht er sich in seinem Tagebuch Gedanken.

Einige Zeit, nachdem er Richter geworden war, wurde er ins Außenministerium einberufen, kam im Dienste des Ministeriums zu Ansehen und Bedeutung, wurde zu Ende der Monarchie pensioniert und das restliche Leben als „Herr Gesandter“ angesprochen. Sein Ansehen, sein weitgespanntes Beziehungsnetz und seine Erfahrungen setzte er ein für Publikationen über den Weltkrieg und schließlich immer mehr für die Organisation des Reichsbundes der Österreicher, eine der wichtigsten legitimistischen Vereinigungen, und später auch des Dachverbandes der legitimistischen Gruppierungen, des „Eisernen Ringes“. Diese Tätigkeit zog ihm auch die Feindschaft der Nationalsozialisten zu, was 1938 seine Inhaftierung im KZ Dachau und die Beschlagnahme seiner Besitztümer zur Folge hatte.

Betonen will ich, dass die vorliegende Arbeit keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit der Beschreibung des Lebens von Friedrich Wiesner erhebt, sondern, punktuell von gewissen Dokumenten ausgehend, Streiflichter[3] aus seinem Leben beleuchten möchte und zu diesen den historischen Hintergrund erhellen will.

Zum Titel ─Struktur des Lebens Wiesners

Im Dienst eines[4] Staates, den es nicht mehr geben sollte:

als Diplomat

Friedrich Wiesners Leben und Wirken als Diplomat fällt in den Zerfall der k.u.k. Donaumonarchie. Sein Ziel war es, gewissenhaft diesem Doppelstaat Österreich-Ungarn zu dienen, ohne dass er die Auflösung wahr haben wollte, in der sich dieser befand.

Im Dienst eines Staates, den es nicht mehr gab:

als Legitimist

Nach 1918 bemühte er sich, diese alte Staatsform wieder herzustellen, eine Bewegung zu organisieren, die Otto von Habsburg nach wie vor als ihren Kaiser anerkannte und ihn wieder als Staatsoberhaupt nach Österreich zurückholen wollte.

Im Dienst eines Staates, den es nicht mehr geben durfte:

als NS-Verfolgter

Nach dem Anschluss 1938 wurde Wiesner wegen dieser seiner Bemühungen inhaftiert. Die Gegnerschaft zwischen Nationalsozialisten und Legitimisten war schon vor 1938 von heftigen Auseinandersetzungen wie beispielsweise Saalschlachten geprägt. Zwar waren sich die Legitimisten untereinander oft nicht einig, jedoch die erbitterte Ablehnung des Nationalsozialismus war unter ihnen ein Grundkonsens.

Weil in Ö1 oft Glinkas „Ein Leben für den Zaren“ gespielt wurde, brachte mich das auf die Idee, den Titel dieser Arbeit zu ändern in: „Ein Leben für den Kaiser“. Jedoch blieb ich schließlich bei den Worten, die ich mir ursprünglich überlegt hatte.

Absichten – Forschungsfrage

Indem ich einige Punkte aus dem Leben Friedrich Wiesners näher betrachte, möchte ich hiermit auch die entsprechenden Ereignisse in der österreichischen Geschichte genauer beleuchten. Ausgehend von dem einen Leben, wollen wir erkennen, wie einzelne Aspekte der Vergangenheit unseres Landes auch uns in unserer heutigen Welt geprägt haben.

Friedrich Wiesner nahm nicht eine der Spitzenpositionen ein, die die Geschicke des Landes leiteten, war jedoch auch nicht ein Vertreter einer großen Masse, wie sie vielleicht die Arbeiter oder die Frontsoldaten darstellten. Wie weit nahm Friedrich Wiesner also Einfluss auf die Geschehnisse in Österreich? Wie weit wurde er andererseits geprägt durch bestimmte Vorgänge der österreichischen Geschichte? Das sind Fragen, die ich mir stellen will bei der Untersuchung des Lebens dieses Mannes.

Terminologie und Titel

Austrofaschistischer Ständestaat

Diesen Ausdruck[5], der ─ wie ich meine ─ in eine andere Textsorte gehört, will ich hier zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal in dieser Arbeit nennen und mein Bedauern betonen, dass es noch nicht schlüssig und einheitlich in der Historiographie gelungen ist, der Zeit 1933─1938 in Österreich einen allgemein akzeptierten Namen zu geben. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die umfangreiche Historikerdebatte zur Terminologie dieser Zeit aufzuzeigen. Wer damit bedient werden möchte, lese das einschlägige Kapitel in der Diplomarbeit von Gerhard Wagner.[6]

In dieser meiner Arbeit wird der erstaunte Leser einmal Austrofaschismus und einmal Ständestaat finden. Ich bereinige diese Inkonsequenz nicht, da ich aus der jeweils zitierten Quelle die dort gebräuchliche Terminologie übernehme, und es somit nachvollziehbar bleibt, wer wie zu dieser Zeit sagt.

Aus eigenen Stücken die Zeit zu benennen, hütete ich mich tunlichst.

Friedrich Wiesner schreibt, wenn er sich 1898 in seinem Tagebuch Gedanken zur Secession in der Kunst macht und diese gleichzeitig mit der Trennung der Politik in Rechts und Links kritisiert:

„… Wie auf dem Gebiete der Politik, so ist auch im Kreise der Kunst die Trennung in Parteien vollzogen. Wer einen Anspruch auf Bildung erhebt, muss wenigstens oberflächlich die Trennungspunkte kennen und die Schlagworte gebrauchen und ist auf eine der Parteien eingeschworen, er hat seine Überzeugung, (fol.9R:) will sagen vorgefasste Meinung. Wer als Politiker auf seinen guten Ruf hält, dem müssen die Parteigrundsätze unabänderliches Gesetz, die Parteidisciplin unabänderliches Regulativ seines Handelns sein, dem dürfen die schlagendsten treffendsten Vernünftgründe (sic) seines Gegners nicht einleuchten, er darf sich von dem Gegentheile seiner Überzeugung nicht überzeugen lassen. Das sind dann im guten Journalistendeutsch die Gesinnungstüchtigen, sie haben nur Überzeugung, aber keinen Verstand, kein Wissen, kein Gewissen. Und so wird es wohl auch da sein. Mit ihrer Ausstellung werden die Secessionisten nur jene überzeugen, welche schon überzeugt sind. Jeder hat schon so seine Meinung, bevor er hineingeht und in die reitet er sich immer mehr hinein. …“[7]

Adelstitel

Freilich muss erkennbar sein, welche Adels- und auch sonstige Titel eine im Text vorkommende Person hat ─ gerade in einer Arbeit über Personen, denen die Zeit, in der es in Österreich noch Adelstitel gab, wichtig ist. Daher werden die Titel auch genannt.

In der Folge jedoch verzichtete ich meist darauf, die Titel oder das „von“ zum Namen dazuschreiben – sei es vor 1918, sei es danach. Eine mögliche Variante ist auch, Titel und das „von“ in den Abschnitten, die von der Monarchie handeln, zu nennen, in der Republik jedoch die Menschen ohne Adelstitel zu erwähnen. Auch eine andere Variante hat Berechtigung, gerade die Namen der Legitimisten ─ als Ausdruck ihrer Haltung und Ablehnung der neuen Staatsform ─ noch nach Änderung der Staatsform und Abschaffung des Adels mit ihren Adelstiteln zu nennen.

Ich jedoch entschied nach stilistischen Kriterien und ließ ─ außer freilich bei Quellenzitaten ─ meist kurz und prägnant jegliche Titel weg. Die Personen sind bei ihrer ersten Nennung mit ihrem vollständigen Titel zu finden.

Grundsätzliches zum Aufbau der meisten Kapitel

Ausgehend von einzelnen, der Wissenschaft noch nicht bekannten Dokumenten, verfasst von Friedrich Wiesner, adressiert an Friedrich Wiesner oder betreffend das Leben von Friedrich Wiesner, gebe ich zuerst einen Überblick zu den einzelnen Themen, wie sie in der Geschichtsschreibung dargestellt werden und untersuche in der Fachliteratur die Grundlagen und Hintergründe der Ereignisse, die für diese Dokumente von Bedeutung sind.

Dann beziehe ich mich auf publizierte, hinlänglich bekannte und oft zitierte Quellen, die jedoch eine zentrale Bedeutung für das Leben Wiesners hatten, wie beispielsweise das Telegramm, das Wiesner 1914 aus Sarajevo nach Wien sandte.

Schließlich komme ich zur Besprechung der neu aus Archivbeständen entnommenen Dokumente, die sich meistens im Moskauer Sonderarchiv befanden oder befinden, interpretiere diese und biete eine Abschrift von Teilen des Dokuments bzw. auch das ganze Dokument, wie z. B. das Besprechungsgedächtnisprotokoll Wiesners im Juli 1914.

Die Akten aus Moskau

Diese Arbeit basiert hauptsächlich auf Akten aus dem Moskauer Sonderarchiv. Das Moskauer Sonderarchiv[8] in der Vyborgskaja ulica 3 beinhaltete die sogenannten Beuteakten. Diese sind am Ende des Krieges von der Roten Armee aus dem besetzten Gebiet Deutschlands nach Moskau mitgenommen worden und waren lange Zeit geheim.

Am 17. 2. 1990 begann eine fünfteilige Artikelserie in der „Izwestija“, verfasst von Elena Maximova. Sie war die erste Journalistin, die das Archiv nach über 40 Jahren seiner Gründung besuchen durfte. Sie schreibt über die Entstehung des Archivs: Im Sommer 1945 habe der Kommandant der 59. Sowjet-Armee gemeldet, dass in Schloss Althorn in Niederschlesien aus deutschen Städten ausgelagerte Archivbestände gefunden worden seien. In Moskau angelangt, hätten die Bestände der Jagd auf die „Verräter des Vaterlandes“ gedient.[9] Die SS-Akten 500-1-1302 und 500-1-1305 im Sonderarchiv bezeugen, dass die Rote Armee mindestens zwei Schlösser mit ausgelagerten SS-Akten eingenommen habe: Schloss Fürstenstein in Waldenburg /Niederschlesien, welches Maximova Althorn nennt, und Schloss Wölfelsdorf/ Kreis Habelschwerdt.[10]

Unter diesen „Kriegstrophäen“ befand sich auch eine große Menge österreichischer Bestände, die unter anderem durch Beschlagnahme aus dem Besitz der politischen Gegner 1938 in die Hände der Nationalsozialisten gekommen waren: wie z. B. Bundeskanzleramt 1918-1938 (Bestand 515), Völkerbund, Paneuropabewegung, Heimatdienst, Ministerrat, Kultusgemeinde Graz und vieles mehr; darunter auch Bestände von legitimistischen Verbänden und Persönlichkeiten wie Kaisertreue Volksbewegung (Bestand 518, 1934-1938), Werkmann (Bestand 603), Wiesner (Bestand 704), Reichsbund der Österreicher (Bestand 546).

Seit dem März 1938 hatten nämlich amtliche deutsche und Parteidienststellen der NSDAP Schriftgut des Ständestaates, von Vereinen, privaten Organisationen und Einzelpersonen eingezogen. Es gelangte in das Reichssicherheitshauptamt Berlin. Zu Kriegsende wurde es zum Schutz vor Bomben nach Schlesien ausgelagert. Die Rote Armee erbeutete die Akten und so kamen sie nach Moskau.[11] Auch Akten von anderen vom Deutschen Reich besetzten Ländern wie z. B. Frankreich, Niederlande, Belgien, Norwegen befanden sich dort ebenso wie Akten aus Deutschland selbst.[12]

Die Nationalsozialisten nahmen gezielt Unterlagen - das Regime des Ständestaates und dessen Verwaltung betreffend - mit, weil man Schuschnigg den Prozess machen wollte. Auch Verfolgten und in der NS-Zeit verbotenen Vereinigungen entwendete man Unterlagen.[13] Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte man sich, die Akten ausfindig zu machen. Man vermutete deren Vernichtung bei einem Bombenangriff oder die Aufbewahrung in der DDR.[14]

Der Österreichbestand wurde in Jagschitz/ Karner 1996 näher beschrieben.[15]

2009 wurden die Akten durch die Russische Archivverwaltung aus dem Sonderarchiv Moskau zurückgestellt.[16] Die Generaldirektion des Österreichischen Staatsarchivs, das Bundeskanzleramt und Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten (heute Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten) und die österreichische Botschaft in Moskau verhandelten jahrelang und erreichten eine teilweise Restitution des Archivmaterials.[17] Am 15. Juni 2009 wurden die Akten nach Wien geliefert.[18] Seit Beginn des Jahres 2010 sind sie im Österreichischen Staatsarchiv in Wien Erdberg benutzbar. Jedoch nicht alles wurde zurückgegeben, beispielsweise musste der Bestand Werkmann in Moskau bleiben.

Im September 2011 wurde ein Dokument aus Moskau unter dem Titel „Alarmplan – Das Palais am Ballhausplatz als Festung“ (AT-OeStA, AdR, Moskauer Akten, 515-1-34 Bundeskanzleramt) im Österreichischen Staatsarchiv als Dokument des Monats ausgestellt.[19]

Ich habe Akten sowohl in Moskau, als auch in Wien eingesehen.

Ein Bestand, der z. B. nicht nach Wien geholt werden konnte, ist neben dem des Legitimisten Werkmann (fond[20] 603) auch der sehr umfangreiche, aus 1472 Akteneinheiten bestehende der Paneuropa - Bewegung Coudenhove Kalergis (fond 554). Diese beiden wie auch andere konnte ich noch in Moskau einsehen. Zu untersuchen, wie weit die Paneuropa-Bewegung eine Bedeutung für die legitimistische Bewegung hatte, wäre die Aufgabe eines anderen Forschungsprojektes und ist nicht Thema dieser Arbeit. An dieser Stelle möchte ich nur aus 554-1-50, einer Akteneinheit, die 313 folia Korrespondenz der Paneuropa- Bewegung enthält, aus einem Brief Coudenhove - Kalergis an den tschechischen Schuhindustriellen Jan Bata vom 15.1.1934 zitieren: „ … Gleichzeitig bitte ich Sie, der Propaganda – Zentrale, die einen schweren Verlust durch das Ausscheiden der deutschen Förderer infolge der Hitlerbewegung erlitten hat, eine grössere Spende zukommen zu lassen und zwar an das Konto der Paneuropa – Förderungsgesellschaft, Schweizer Bankverein, Zürich …[21] und erwähnen, dass 554-1-1 eine Broschüre des ersten Paneuropa - Kongresses 3. -6.10.1926 in der Wiener Hofburg. (fol.6-9) enthält. Dieser sollte „ … die erste große Kundgebung europäischer Einigkeit … “ sein und dem „ … Aufbau eines einigen, starken und friedlichen Europas … “ dienen (fol. 17).

Meine Arbeit stützt sich neben dem Bestand des Reichsbundes der Österreicher (fond 546), in dem Wiesner führend tätig war, hauptsächlich auf den Bestand Wiesner (fond 704). Daher folgt nun eine Übersicht dieses 92 Akteneinheiten umfassenden Archivmaterials, das jetzt im Österreichischen Staatsarchiv Wien zugänglich ist.

Der Bestand Wiesner wurde von den Moskauer Archivaren in folgende Teile geteilt:

Opis 1 - dela 1-28 diplomatische Tätigkeit

29 – 43 legitimistische Tätigkeit

44 – 55 wirtschaftliche Tätigkeit

56 – 68 Privatmaterial

69 – 77 Druckmaterial

Opis 2 - dela 1-11 Korrespondenz

Bei den Dokumenten, die im Zuge seiner diplomatischen Tätigkeit entstanden sind, sind die Briefe aus Neu Sandez und Teschen (704 - 1 - 1 und 2), wo Wiesner im Ersten Weltkrieg Vertreter des k.u.k. Ministeriums des Äußern beim Armeeoberkommando war, hervorzuheben.

Unter dem Privatmaterial befindet sich das Tagebuch von 1898 (704-1-56), Wiesners Aufzeichnungen über Besprechungen im k.u.k. Ministerium des Äußern 1914 (704-1-57), Dokumente wie der Trauschein (704-1-67, fol. 1) und Fotos (704-1-68).

Zur wirtschaftlichen Tätigkeit ist zu sagen, dass Wiesner in der Zwischenkriegszeit Präsident der Amiant A.G. für Verwertung mineralischer Rohstoffe war[22] und sich auch Geld verdiente mit Tätigkeiten wie der des Ausgleichsverwalters August 1927 bis Juni 1929 im Ausgleich der Firma Koppel, Frisch und Cie, k.u.k. Hof- u. Kammer- Lieferant, (704-1-47)[23] und ähnlichen Arbeiten. Darauf gehe ich jedoch in dieser Arbeit sonst nicht näher ein.

Die Zitierweise „AT-OeStA, AdR, Akten aus Moskau“ und danach Bezeichnung des Bestandes und die in Moskau übliche Signatur habe ich von der Homepage des Österreichischen Staatsarchives und dem von Rudolf Jerabek verfassten Begleittext zu dem im September 2011 ausgestellten Dokument des Monats übernommen[24] und in den Fußnoten stets so zitiert. An manchen Stellen im Text der Arbeit kürze ich „AT-OeStA, AdR, Akten aus Moskau“ zwecks leichterer Lesbarkeit weg.

Andere benutzte Archive

Ich verwendete für diese Arbeit außer den Dokumenten aus dem Sonderarchiv in Moskau und solche, die von dort stammen und nun im Staatsarchiv in Wien Erdberg aufbewahrt sind, auch die Gauakte Wiesner und Werkmann im Staatsarchiv in Wien Erdberg und den Bestand Wiesner im Haus-Hof- und Staatsarchiv am Minoritenplatz. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) lieferte ebenfalls Informationen wie im Wiener Stadt- und Landesarchiv die Verlassenschaftsakten Friedrich Wiesner. Schließlich verwendete ich noch informatives Aktenmaterial von meinen USA - Aufenthalten aus den National Archives in Washington, hauptsächlich Gesandtschaftsberichte von Prag und anderen europäischen US-Gesandtschaften nach Washington vor 1938.

Zu den Transkriptionen

Die zitierten Texte werden in der Rechtschreibung der damaligen Zeit wiedergegeben, Sperrungen und Unterstreichungen aus den Dokumenten sind in der Abschrift übernommen und die Absätze durch einen Schrägstrich (/) markiert, jedoch in der Abschrift nicht gesetzt.

II. Kindheit, Familie und Ausbildung zum Richter

Wiesners Familie und Ausbildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Friedrich Wiesner, um 1925[25]

Friedrich Karl Georg Ritter von Wiesner wurde am 27.10.1871 in Maria Brunn in Niederösterreich geboren. Er war römisch-katholisch.[26]

Seine Eltern waren Julius und Agnes Wiesner. Der Vater von Friedrich Wiesner war der unter Biologen jetzt noch bekannte Universitätsprofessor Hofrat Univ. Prof. Dr. phil. Julius Ritter von Wiesner. Er wurde am 20.1.1838 in Mähren als jüngstes von acht Geschwistern geboren. Dessen Vater war Karl Wiesner und dessen Mutter Rosa Deutsch.[27] Karl Wiesner, also Friedrichs Großvater, war Spediteur und übersiedelte bald nach der Geburt von Julius nach Brünn. Julius wuchs in Brünn auf, wo er auch das Gymnasium und die Oberrealschule besuchte. Er studierte in Wien und Jena. 1858 übersiedelte er nach Wien. 1861 habilitierte er sich am k.k. polytechnischen Institut in Wien für physiologische Botanik, wurde 1868 a.o. Prof. und 1870 o. Prof. der Pflanzenphysiologie an der forstwirtschaftlichen Anstalt Maria Brunn. 1873 wurde er ordentlicher Professor der Anatomie und Physiologie der Pflanzen an der Universität Wien. 1873 publizierte er eines seiner Hauptwerke: „Die Rohstoffe des Pflanzenreiches“, Leipzig 1873. Er erforschte auch alte historische Papiere, deren Leimung und Tinte. Ab 1880 lehrte er nur mehr an der Universität Wien, wo er auch ein Laboratorium aufbaute.

Er wurde 1909 emeritiert, setzte jedoch seine wissenschaftlichen Forschungen fort und publizierte das Buch „Erschaffung, Entstehung, Entwicklung“ noch kurz vor seinem Tod 1916.[28] Er gilt als Begründer der technischen Rohstofflehre und Mikroskopie. Ab 1882 war er ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 1898 ─ 1899 war er Rektor der Universität Wien.[29] Reisen führten ihn nach Ägypten, Indien, Java und Sumatra, Lappland, Spitzbergen und in das Yellowstonegebiet.[30] 1909 wurde er in den erblichen Ritterstand erhoben. Julius Wiesner starb am 9.10.1916 und wurde am Grinzinger Friedhof begraben. Am 10.12.1927 wurde sein Ehrendenkmal aus Marmor in den Arkaden der Wiener Universität errichtet.[31] Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde aber 1938 sein Denkmal aus der Universität entfernt.[32] Seine Gattin Agnes, Friedrichs Mutter, war eine geborene Strabl.[33]

Friedrich Ritter von Wiesner, besuchte das Gymnasium in Wien und Kremsmünster.[34] Die Matura absolvierte er mit Auszeichnung. Dann absolvierte er seine militärische Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger und lernte Französisch, Englisch, Italienisch und Tschechisch. Mit 24 Jahren schloss er das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien mit der Promotion im April 1896 ab.[35] Er wurde Richter in Baden bei Wien und in Wien. 1911 trat er als Ministerialsekretär ins k.u.k. Ministerium des Äußern ein.[36] Am 28.12.1912 wurde er Oberstleutnant i. d. Evidenz der k.k. Landwehr.[37] 1913 wurde er im Außenministerium Sektionsrat. 1914 leitete er die Sonderkommission, die den Thronfolgermord untersuchen sollte, und 1914 ─ 1917 war er der Vertreter des k.u.k. Ministerium des Äußern beim Armeeoberkommando zuerst in Neu Sandez und dann in Teschen.[38] Am 18.2.1917 wurde er Pressechef im Außenministerium und blieb dies bis zum Ende der Monarchie.[39] Dezember 1917 bis Mai 1918 vertrat er das Außenministerium bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litovsk.[40] 1918 wurde er a.o. Gesandter und bevollmächtigter Minister.[41] Friedrich Wiesner heiratete am 10.4.1917 mit 45 Jahren. Er wohnte damals in Wien 9, Liechtensteinstraße 12. Er war eben erst am 18.2.1917 aus Teschen nach Wien rückberufen worden.[42]

Friedrichs Gattin war Juliana von Kreitner, geborenen Kober. Julia, wie sie auch unterschrieb, oder Julie, wie sie sich auch nannte, wurde am 6.6.1861 geboren und war somit um zehn Jahre älter als ihr Mann. Sie war Witwe und stammte aus Freudenthal in Österreichisch Schlesien. Sie war die Tochter des Hausbesitzers Rudolf Kober und seiner Gattin Johanna, geb. Steiner.[43] Nach der Aussage von Otto Habsburg war sie eine resolute Person.[44] Der Trauungsschein stammt von der Pfarre Rossau, Wien 9. Also hat das Paar in Wien geheiratet.[45] Die Trauzeugen hießen Ottokar Schubert und Dr. Richard Ritter von Wiesner, k.u.k. ao. Universitätsprofessor, Friedrichs jüngerer Bruder.

Richard Ritter von Wiesner (30.5.1875 Wien – 14.10.1954 Wien) war Pathologe und ab 1917 a. o. Universitätsprofessor, 1911 wurde er in pathologischer Anatomie habilitiert. 1920 ─ 1938 und 1946 ─ 1948 war er Prosektor am Wilhelminenspital in Wien. Er veröffentlichte zahlreiche Fachbeiträge.[46] Bei ihm sieht man deutlich, dass in der NS-Zeit wegen seiner jüdischen Abstammung ein Bruch in seiner Karriere entstand.

Nachkommen von Friedrich Wiesner gibt es keine.[47] Angesichts des Alters der beiden bei ihrer Hochzeit – Julia war 55 Jahre und Friedrich 45 – blieb diese Ehe kinderlos. Auch im Gespräch mit mir sprach Otto Habsburg darüber.[48]

Jedoch brachte Julia zwei Söhne in die Ehe mit. Das erfahren wir aus ihrem Brief vom 22.10.1938 an den nationalsozialistischen Generalstaatsanwalt.[49] Sie schreibt von ihrer Beziehungen zu den Tanten der Kaiserin Zita, die zuerst sie mit ihren Söhnen, dann ihre beiden Söhne, als sie allein in Wien waren, unterstützten. Warum diese in Wien waren, können wir nicht sagen. Vielleicht haben sie hier studiert. „… weil ich mit den Tanten der Kaiserin Zitta befreundet – denen ich dankbar war – als sie sich meiner als ich mit Jungen als Wien kam angenommen mich persönlich suchten – meinen 2 Jungen als sie allein in Wien, oft Freude bereiteten…“

Dieser Brief wird im Kapitel „Nationalsozialistische Verfolgung“ näher besprochen. Hier an dieser Stelle sind daraus aber einige Punkte wichtig: Im Brief erwähnt sie, wie sie ihren Mann kennen gelernt hat, nämlich bei einer Gerichtsverhandlung wegen eines Diebstahles in ihrer Wohnung und dann beim Botaniker-Kongress mit seinem Vater, dem Professor für Botanik. „Ich lernte meinen Mann bei einer Gerichtsverhandlung kennen, als man in meiner Wohnung eingebrochen hatte – (der Mann meiner Hausschneiderin war der Täter) u. viel gestolen (sic) hatte – später durch seine Eltern beim Botanikercongreß (sic)“

Julia beschreibt auch den Werdegang ihres Mannes. Sie erwähnt seine juristische Laufbahn: „War jahrelang Richter in Baden b./Wien. Dann Staatsanwalt beim Landesgericht“I /Pressestaatsanwalt beim Landesgericht./ Wurde zu schwierigen Prozessen nach Tirol gesandt weil die Richter nicht vorwärts kamen“

Dann schildert sie seine Tätigkeit im Außenministerium: „wurde ins Richterbureau ins Ministerium des Äußeren berufen./ Mußte in Sarajevo nach dem Mord an Ezh. Franz Ferdinand die Erhebungen machen─ / War im Krieg der Vertreter des k.u.k. Ministerium des Äußeren beim k.u.k. Armee Oberkommando bei den Friedensverhandlungen in Brest Litowsk. Dann Pressechef im Ministerium bis zum Zusammenbruch – u. bei der Liquidierung arbeitete jahrelang für die Erforschung der Kriegsursachen“ 1917 wurde er a.o. Gesandter und bevollmächtigter Minister. 1917/18 Pressechef des Ministeriums und Delegierter der Verhandlungen von Brest-Litovsk. Er publizierte zahlreiche Aufsätze zur Kriegsschuldfrage in den „Berliner Monatsheften“.[50]

Auch nennt Julia einige Charaktereigenschaften ihres Mannes: „…er kannte nur Pflicht u. Arbeit…“ beschreibt sie ihren Mann und dass er die „die Güte in Person“ gewesen wäre. Außerdem schreibt sie zu seinem Arbeitsstil: „… Er arbeitete offen u. ehrlich – hat Niemand vernadert angezeigt – denn es soll jeder seine Einstellung mit sich selbst ausmachen. …“

Zum Thema Monarchismus schreibt sie folgendes: „… Von mir –…– in die monarchistischen Sachen hinein gesetzt wurden – denn ich empfand es als gerechter Mensch – daß man der kais. Familie vieles genommen – der Kaiserin ihre Ausstattung gestolen (sic?)verkauft hatte.─ / Baron Wense führte ja bis zu seinem Ende die Bewegung – dann erst trat mein Mann ein….“

1938, zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Briefes, war ihre Adresse: Wien I, Biberstr. 5/II.

Über die Gesundheit erfahren wir folgendes: Sie spricht im Brief von ihrer Sehschwäche ausgelöst von dem „ Nervenschock“, den sie durch die Repressalien der Nationalsozialisten erlitten hat, und gegen die der Arzt nichts machen könne, weil sie psychische Ursachen habe. Auch ihr Mann hatte 1938 eine angeschlagene Gesundheit. Auch von seiner früheren Blinddarmentzündung, die er nicht beachtete und von der er deshalb eine Bauchfellentzündung bekam, berichtet sie. Sie ist überzeugt, dass er nach seiner Freilassung sich nicht mehr engagieren werde („er wird sich – ruhig erholen – bei nichts mehr mit tun – das schwöre ich Ihnen. “). Dass er dann tatsächlich auch nicht mehr aktiv war, ist angesichts von Alter und Krankheit wahrscheinlich .

Julia Wiesner scheint in den Dokumenten des Nachlasses Wiesner kaum auf. In einigen Schriftstücken werden ihr Grüße ausgerichtet, z. B. vom österreichischen Vertreter beim Völkerbund Emmerich Pflügl. Dass sie einmal Geld gespendet hat, wird in einem Dokument thematisiert. Sonst erfahren wir wenig über sie. Erst in den Gauakten wird sie für uns greifbar. Ebenso ihre Söhne.

Ich konnte entfernte Verwandte der Julia von Wiesner ausfindig machen. In einem Gespräch mit Frau Eva Maria Kreitner im Dezember 2011 konnten einige Lücken geschlossen werden. Sie befasste sich mit Familienforschung der Familie Kreitner, der Familie ihres Mannes Roman Kreitner, die eine Nebenlinie des ersten Mannes der Julie von Wiesner ist. Freundlicherweise stellte sie mir einige Dokumente zur Verfügung: Der erste Mann der Julie von Wiesner hieß Gustav Ritter von Kreitner. Geboren wurde er am 2.8.1847 in Odrau, Schlesien, und starb in Yokohama am 20.11.1893, wo er ab 1892 Generalkonsul war. 1866 war er in die k.k. Armee eingetreten und war 1871 Leutnant geworden. Am 25.8.1883 wurde er Konsul in Shanghai.[51] Es ist also anzunehmen, dass Julie als Generalkonsulsgattin mit ihrem Mann im Ausland lebte und daher vor der Ehe mit Friedrich Ritter von Wiesner reichlich Erfahrung als Diplomatengattin gesammelt hatte. Julie und Gustav hatten zwei Söhne. Der ältere, Ludwig Ritter von Kreitner, geboren 1882, nahm sich am 28.5.1901 als Kadettenschüler in Mährisch Weißkirchen das Leben. Die Passage in Julies Brief von 1938 an den Generalstaatsanwalt, in der sie vom Aufenthalt ihrer Söhne in Wien spricht, muss sich daher auf einen Zeitpunkt vor 1901 beziehen. Der zweite Sohn hieß Dr.jur. Dr.med. Gustav Ritter von Kreitner. Geboren wurde er in Yokohama am 24.1.1886. Er war Arzt und Jurist. Als er am 30.6.1928 in der Dompfarre zu Graz-Seckau Wilhelmine Johanna Irran heiratete, war Friedrich Wiesner einer der Trauzeugen der Braut.[52] Julies Sohn Gustav war Mitglied bei der Burschenschaft Teutonia, was die Auseinandersetzungen zwischen ihm und Friedrich Wiesner erklärt, von denen mir August Lovrek im Interview berichtete.

Friedrich Ritter von Wiesner erhielt folgende Auszeichnungen: Orden d. Eisernen Krone 1. Klasse; Signum Laudis; Großkreuz d. Franz-Josef-Ordens mit d. Kriegsdekoration, Eisernes Kreuz 1. Klasse und wurde am 22.5.1917 Hof- und Ministerialrat.[53]

Das Tagebuch Wiesners 1898 und 1906

Die Tagebucheintragungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Friedrich Wiesner begann ein Tagebuch, während er im richterlichen Vorbereitungsdienst beim Wiener Handels-Gericht und Exekutionsgericht stand. Das war er vom 1.7.1896 – 22.12.1898. Am 27.10.1897 war er 26 Jahre alt geworden. Die erste Eintragung dieses 26 Blätter umfassenden, in Schönschrift ausgeführten Tagebuches (704-1-56) stammt vom 27. März 1898.

Am Anfang legt er seine Beweggründe dar, ein Tagebuch zu schreiben: Selbsterziehung, Erkenntnisgewinn über sich selbst, Selbstkontrolle. Hier tritt er uns als Mensch entgegen, der seine Umwelt beobachtet und dadurch innerlich wachsen möchte. Er kommentiert Ereignisse, er drückt seine Meinung zu den Vorgängen der damaligen Zeit aus. So macht er es dann auch in seinen Berichten vom AOK ans Außenministerium und so publiziert er seine zahlreichen Aufsätze. Eine Parallele besteht also zu dem Forschungsgegenstand von Rüdiger Görner, der die Verbindung zwischen dem Schreiben von Tagebüchern und Journalismus herausgearbeitet hat. Der österreichische Schriftsteller Herman Bahr wird 1888 auch journalistisch tätig, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, und verfasst gleichzeitig ein Tagebuch.[54]

Gerade am ausgefeilten Beginn des Tagebuches von Friedrich Wiesner ist ein humanistisches Bildungsideal in Stil und Aussage zu erkennen. Liest man sein Tagebuch, kann man sich gut vorstellen, welcher Mensch Friedrich Wiesner war: korrekt, dienstbeflissen, arbeitsam. Der Beginn lautet:

27. März 1898./ Seit Monaten trage ich den Gedanken mit mir herum, der Zeitfolge nach die mir wichtig erscheinenden Ereignisse und Vorgänge des eigenen Lebens, des engeren (eingefügt: ) Verwandten Freundes- und Bekanntenkreises und der ganzen grossen Aussenwelt, so wie sie mir entgegentreten und wie ich sie eben auffasse zu verzeichnen, die daran geknüpften Gedanken, Beobachtungen schriftlich festzuhalten und mir so das Bild des einzelnen Tages, der einzelnen Minute von meinem subjectiven (sic) Gesichtspunkte aus zu fixiren (sic), um in späteren Tagen, wenn die Erinnerung an vergangene Zeiten rege wird, ein möglichst klares Bild derselben machen zu können. Das allein wäre nur ein Mittel zur Unterstützung des Gedächtnisses und ich beabsichtige mit diesen Aufzeichnungen mehr zu erreichen, ein Stück Selbsterziehung durchzuführen. Ich hoffe in Zukunft die Vorgänge der Gegenwart mit richtigem Blicke zu würdigen, als ich es heute durch geringe Erfahrung, verhältnismässig (sic) geringes Wissen und unter dem Drucke des Augenblicks vermag und ich will mir durch diese Notizen die Möglichkeit einer scharfen Selbstcontrole (sic) wahren, um aus der gewonnenen Selbsterkenntnis auch Nutzen ziehen. …“

Und doch klingen diese Zeilen wie ein Schulaufsatz. Friedrich Wiesner steht mit seinem Anspruch der Selbstkontrolle in einer Tradition, die er als gebildeter Mensch übernahm. Im 16. und 17. Jahrhundert hielt man in Tagebüchern meistens chronistisch Geschehnisse fest, ohne das Ablegen von persönlicher Rechenschaft oder Selbstanalyse. Im 18. Jahrhundert wird das Tagebuch zu einem Mittel der Selbsterkenntnis. Man prüft seine Gesinnung, besonders die religiöse. J.C. Lavaters „Geheimes Tagebuch. Von einem Beobachter seiner selbst“ hatte großen Einfluss. Das Tagebuch sollte ein Mittel sein, sich selbst zu prüfen und beim Durchblättern älterer Passagen Gottes Barmherzigkeit zu erkennen.[55] Vorbilder wie die „Bekenntnisse“ von Jean Jacques Rousseau (1764/70) und „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ von Johann Wolfgang von Goethe (1811/14) konzipierten die Autobiographie eines bürgerlichen, männlichen Individuums, welches seine Persönlichkeit, Werden und Wirken selbstreflexiv thematisiert.[56] Einen anderen Ansatz, Tagebuch zu schreiben, verfolgte Therese Lindenberg. Von ihren 60 Tagebüchern sind die aus der NS-Zeit 1938-46 geprägt von der Sorge um ihre Tochter und Angst um ihren jüdischen Mann. Diesen Teil überarbeitet sie 1975 in Maschinschrift mit dem Titel „Die apokalyptischen Jahre erlebt von Therese Lindenberg“.[57] Es geht hier somit darum, das eigene Erlebte der Nachwelt zu überliefern: „Und etwas von mir wird bleiben …“[58]. Der Ansatz von Friedrich Wiesner unterscheidet sich von dem der Therese Lindenberg. Er möchte sich selbst erziehen, seine Umgebung und die politischen und kulturellen Ereignisse in der Welt analysieren und kommentieren.“Ereignisse und Vorgänge des eigenen Lebens, des engeren (eingefügt: ) Verwandten Freundes- und Bekanntenkreises und der ganzen grossen Aussenwelt … schriftlich festzuhalten … um in späteren Tagen … ein möglichst klares Bild derselben machen zu können.“ (fol.1) Er spricht von der „Möglichkeit einer scharfen Selbstcontrole“ (fol.1) und über die „Vergleichung dieser abweichenden Anschauungen des eigenen Ichs über dieselben Verhältnisse“ (fol.1R) d.h. eine Entwicklung seiner Persönlichkeit. Er nennt auch sein Ziel des Schreibens: nämlich, dass dann “eine richtigere Erfassung des Augenblicks hervorwachsen“ (fol.1R) kann. Das Tagebuchschreiben ist somit eine Übung für ihn und nicht das Festhalten von unaussprechbaren Erlebnissen wie bei Therese Lindenberg.

Tagebücher können verschiedene Zwecke erfüllen: Innerhalb des Genres Tagebuch finden sich einfache Erinnerungshilfen, Erlangen von Selbsterkenntnis, Familienchroniken, philosophische und andere Reflexionen, Notizen über Lesefrüchte, erotische Eroberungen und einzigartige Begegnungen.[59] Das Tagebuch ist der sehr inhomogenen Gruppe von „Ego-Dokumenten“ zuzurechnen, die verstärkt beachtet wurden im Zuge der Darstellung von Mentalitäts- und Emotionsgeschichte.[60] Einen sehr persönlichen Einblick in die Lebensgeschichten von verschiedenen Frauen geben, wie erwähnt, die Tagebücher in der Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien.[61] Eine besondere Art von Tagebuch sind die Stundenbücher von Hanne Darboven von 1993, in der sie durch das Aufschreiben von bloßen Zahlen die Zeit festzuhalten versucht.[62]

Die Gattung Tagebuch hat insbesondere Arno Dusini erforscht.[63] Das Tagebuch war ein Medium bürgerlicher Identität. Privatheit, Intimität, Verschwiegenheit einerseits, andererseits bot es Selbstkontrolle.[64] Die Hochblüte an Tagebuchliteratur lässt sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beobachten.[65] Das ist genau die Zeit, in der das Tagebuch Wiesers verfasst wurde. In der Frühromantik wurde dazu der Grundstein gelegt. In der Rede, die Friedrich Schlegel 1798 hielt, in der er sagte, „ daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide “, sind Elemente, die die ästhetische Moderne kennzeichnen, formuliert wie z. B. die Kunstwürdigkeit auch der banalen Gegenstände des Alltags und die Ästhetisierung des Lebens. Nur das schaffende Subjekt , keine Natur, kein Staat, keine Religion, spricht im Genie. Somit gewinnen „ ästhetische Formen, die unmittelbar das Subjekt selbst zum Ausdruck bringen, in der Romantik besondere Bedeutung “: „ der Aphorismus, der Brief und das Tagebuch “. „ Stilisierung des Alltagslebens“ und „ Ästhetisierung von Ich-Expressivität “ gehören in der Folge zum Bildungsideal.[66] Dem unterliegt auch Wiesner.

Friedrich Wiesner schreibt weiter, seine Erkenntnis, sich durch das Tagebuchschreiben selbst zu erziehen, sei schon älter. Warum habe er also nicht schon früher damit begonnen? (fol.1R) Unentschlossenheit und die Befürchtung, nichts Wichtiges zu sagen zu haben, Unnützes und Wertloses zu schaffen und die Zeit zu vergeuden, waren die Gründe.

Für das Individuum ist nichts unwesentlich“ (fol. 1R), stellt er fest und philosophiert weiter: „Die Persönlichkeit setzt sich grossentheils aus einer unzählbaren, uncontrolirbaren Menge solcher unbedeutender, an einander gereihter und mit einander durch den Kitt des individuellen Wesens organisch verbundener Momente zusammen … „(fol.2)

Diese prinzipellen Überlegungen reichten nicht aus, das Tagebuch zu beginnen. Nun nennt er schließlich den unmittelbaren Schreibanlass, nämlich die Auseinandersetzung aufgrund der Badenischen Sprachenverordnung.

Die unmittelbare Anregung bildete vielmehr eine starke Wandlung, die meine politischen Anschauungen in den vergangenen Monaten erfuhren, als Österreich unter den Folgen der Badenischen Auseinanderregierung litt. “ (fol.2)

Badeni hatte mit seinen Sprachenverordnungen für Böhmen und Mähren 1897 Aufruhr auf der politischen Bühne der österreichisch-ungarischen Monarchie gebracht. Das, was Wiesner „ Badenischen Auseinanderregierung“ nennt, war de facto der völlige Zusammenbruch des Parlamentarismus gegen Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Weiter hält Wiesner in seinem Tagebuch fest:

Dieser Mann, der vielleicht im besten Glauben und in der Absicht gerecht zu handeln, gewiss aber unter dem Mangel politischer Voraussicht unser an und für sich stark mitgenommenes durch schroffe Parteigegensätze zerrissenes Land, binnen kürzester Zeit in einen nationalen Fieberparoxysmus stürzte, hat damit den radical-nationalen Parteien den Weg zum Siege geebnet. Wer gesehen hat, wie ein verhältnismässig ruhiges Land durch eine verfehlte Regierungsmassregel in Unruhe versetzt, dann durch grenzenlose Agitation aufgewühlt wird, wie die erhitzten Gemüther auch die unbedeutendste Gelegenheit zum Kampfe ergreifen , wie die Agitation dadurch kühner gemacht, hüben und drüben zu den gewissenlosesten Mitteln greift um die Leidensschaften noch weiter anzuspornen, wie die radicalsten Elemente die Oberhand gewinnen und die Übrigen willenlos mit sich fortreißen, während die rathlose (sic) oder falsch beratene Regierung einen Misgriff über den anderen begeht, bis das Land in seinem Innersten erzittert, der hat viel Neues dabei gesehen und gelernt.“ (fol.2R)

Wenn man diese Zeilen liest, könnte man glauben, sie sind eine Übung für seine spätere publizistische Tätigkeit. Hier drückt Wiesner sein Unverständnis für die nationalistische Agitation aus. Hier kritisiert er die österreichische Politik. Hier beklagt er sich über eine politische Entwicklung. Diese Ereignisse bewegten Friedrich Wiesner so sehr, dass er sein lang gehegtes Vorhaben, ein Tagebuch zu verfassen, wie es wohl in seinen Kreisen üblich war, in die Tat umsetzte. Der politische Streit rund um Badeni kann also als politisches Schlüsselerlebnis des jungen Wiesner gesehen werden.

Gerald Stourzh fasst zusammen: „Die Badenischen Sprachenverordnungen von 1897 brachten bezüglich der äußeren Amtssprache die Ausdehnung der Zweisprachigkeit auf zusätzliche Bereiche der staatlichen Verwaltung. Die eigentliche Bedeutung der Badenischen Sprachenverordnungen (einschließlich der politisch brisantesten Verordnungen über die sprachliche Qualifikation der Beamten) lag auf dem Gebiet der inneren Amtssprache bzw. der Beamtenfrage.“[67]

Stourzh unterteilt die Sprachenfrage in der öffentlichen Verwaltung in drei Aspekte: Der erste Aspekt betrifft die äußere Amtssprache zwischen Staatsbürgern und den Behörden, wie z.B. Vorsprachen, Einvernahmen, Aufnahme von Protokollen usw., der zweite Aspekt betrifft die Sprache des inneren Dienstes, wie Aktenvermerke, nicht für die Öffentlichkeit bzw. einzelner Parteien bestimmte Korrespondenzen usw., wobei zwischen innerer Amtssprache als Sprache einer einzelnen Behörde und amtlicher Korrespondenzsprache, des amtlichen Schiftverkehrs mit über- und untergeordneten Behörden, unterschieden werden muss. Die sprachliche Qualifikation der Beamten ist der dritte Aspekt, welche zum Machtmittel einzelner Nationen wurde, da sie „ zum Instrument der stärkeren oder schwächeren Beteiligung einzelner Volksstämme an der Bürokratie des Reiches “ wurde.[68]

Beim äußeren Amtsverkehr ging es hauptsächlich um die Interessen der Staatsbürger, sich in ihrer Sprache mit den Behörden zu verständigen. Zum Schutz dieser gibt es eine Rechtnorm seit Art.19 Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, StGG Nr. 142 des Jahres 1867. Die Berücksichtigung der verschiedenen Nationalsprachen in der inneren Amtssprache forderten nationalpolitische Gruppen. Für diese galt auch die sprachliche Qualifikation der Beamten als Schlüssel zum Anteil an der Macht, was auch zunehmend ein Hauptthema des Nationalitätenkampfes wurde. Ein angemessener Anteil von Angehörigen einer Nationalität an Dienstposten der öffentlichen Verwaltung wurde gefordert.[69]

Graf Kazimierz Feliks Badeni war als Statthalter von Galizien erfolgreich gewesen und wurde am 30.9.1895 Ministerpräsident und Innenminister.[70] Pathetisch wurde die neue Regierung empfangen und Badeni wurde als ausgezeichnet, umsichtig fest und zielbewusst charakterisiert.[71] Am 22. Oktober 1895 hielt Badeni seine Antrittsrede. Den Tschechen versprach er darin volles Vertrauen.[72] Einen Autoritätsverlust hatte Badeni erfahren, als er sich zuerst vehement gegen eine Bestätigung Luegers zum Bürgermeister von Wien einsetzte, nach einer Besprechung mit diesem aber für ihn Partei ergriff, da Lueger eine harmlose christlich-soziale Opposition versprach. Die Deutschliberalen waren nun von Badeni enttäuscht, was von Nachteil war, weil er ihre Zustimmung in der böhmischen Frage benötigte.[73] Die böhmische Frage erwies sich nach dem Ausgleich mit Ungarn 1867 als schwierig, da auch die Tschechen Gleichberechtigung forderten.

1868 deklarierten die tschechischen Abgeordneten das „böhmische Staatsrecht“, schwere Ausschreitungen und der Ausnahmezustand in Prag folgten. 1871 wurde ein Reskript des Kaisers an den böhmischen Landtag um die Anerkennung des böhmischen Staatsrechtes erlassen. Vom Landtag wurden „Fundamentalartikel“ formuliert. Darin wurde die Anerkennung des böhmischen Staatsrechtes, die Eigenständigkeit des Landtages und der zu errichtenden Landesregierung festgeschrieben. Das tschechische und das deutsche Volk sollte nun völlig gleichberechtigt sein.[74] Am 19.4.1880 setzte der deutschliberale Justizminister Karl von Stremayr die obligatorische Zweisprachigkeit nur für den äußeren Dienstverkehr fest. Die Parteien konnten in ihrer Muttersprache sprechen, aber die innere Amtssprache war nach wie vor Deutsch. Weitere Versuche gab es, um die Doppelsprachigkeit der böhmischen Behörden zu regeln, was zu Konflikten zwischen den Deutschböhmen und den nationalistischen Jungtschechen führten. Der nationale Kampf wurde nun mit Handgreiflichkeiten auf den Straßen ausgetragen.[75] Badeni versuchte beide Gruppen zu versöhnen. Er wollte die Tschechen über die Sprachenverordnungen gewinnen. Eine grundsätzliche Gleichstellung der beiden Landessprachen wurde gegenüber der Stremayer-Verordnung von 1880 auf weitere Bereiche und auf den inneren Amtsverkehr ausgeweitet. Die Beamten, die nach dem 1.7.1901 angestellt werden wollten, mussten jetzt beide Sprachen in Wort und Schrift beherrschen, da ja der interne Dienstverkehr in den Behörden nun auch Tschechisch erfolgen konnte. Durch diese Regelung fühlten sich die Deutschen Böhmens benachteiligt. Sie wollten nationale Abgrenzung und Absicherung .[76]

Auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers wurde am 5. April 1897 die Sprachenverordnung für Böhmen trotz der Proteste erlassen.[77] Am 22. April folgte eine gleichlautende für Mähren.[78] Proteste folgten. Durch Obstruktion wurde der Reichsrat lahmgelegt: Dauerreden, namentliche Abstimmungen, stundenlange Petitionen verhinderten das Durchbringen von Gesetzesanträgen. Das Parlament wurde handlungsunfähig, wie von Felkier im Einzelnen ausgeführt wird.[79] Die Initiative zur Obstruktion ergriffen zuerst die Deutschfortschrittlichen. Sie waren ohnehin gegen Badeni wegen der Ernennung von Lueger zum Bürgermeister von Wien. Die Gruppe um Georg Heinrich Ritter von Schönerer, des Führers der Deutschnationalen Bewegung, war illoyal gegenüber der bestehenden Staatsform und schloss sich daher an. Die Deutsche Volkspartei musste trotz anfänglicher Bedenken auch mitmachen, weil ihre eigenen Wähler Druck ausübten. Die Sozialdemokraten, die die bestehende Gesellschaftsordnung ablehnten, fanden in der Obstruktion ebenfalls ein geeignetes Mittel für ihre Politik.[80] So ergab sich eine breite Front, die den Parlamentarismus ad absurdum führte. Felkier schließt mit der Feststellung: „ Die Krise war jener Wendepunkt in der Geschichte der österreichischen Monarchie, ab dem es unaufhaltsam zu einer Ethnisierung und Radikalisierung des politischen Lebens kam. Sie war eine Vorgeschichte, ein Vorzeichen, die den Zerfall der Monarchie in einzelne Nationalstaaten mit eigenen National(staats)sprachen vorwegnahm.[81] Diese Entwicklung gefiel Friedrich Wiesner nun gar nicht und erschütterte sein Vertrauen in die Politik.

In seinem Tagebuch zieht er allgemeine Schlüsse aus dieser politischen Situation:

Vor Allem konnte er constatire (sic), dass Vernunft und Objectivität im vorgeschrittenen Stadium dieses Krankheitsprocesses, ganz unwirksame Heilmittel sind, falls sie nicht mit Macht gepaart sind. Das Lehrreichste war wohl, zu beobachten wie selbst ruhig, objectiv und vernünftig denkende Menschen, durch diese Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse aus ihrer Bahn geworfen werden, wie ihr sonst klarer Blick sich trübt, ihr Denken und Handeln immer mehr durch Leidenschaft beeinflusst wird, wie sie zuerst vergeblich gegen die übermächtige Strömung ankämpfen um sich ihr schliesslich ganz hinzugeben. Ich konnte in jenen krisenhaften Tagen eine Reihe solcher Männer beobachten und mir selbst ist es bei allem Streben nach Objectivität nicht anders ergangen.“ (fol. 2R f)

Er bezeichnet die damalige politische Stimmung und die Aufwiegelung der Massen als Krankheitszustand, dem schwer zu entkommen war. Dann zieht er daraus den Schluss: „… in Momenten der leidenschaftlichen Erregung entscheidet die Macht allein und es ist ein Glück wenn sie in den Händen der Vernunft liegt.“ (fol.3). Eine Regierung habe „ den Leidenschaften der Parteien so weit als möglich aus dem Weg zu gehen “. Auch er versucht später immer wieder, Vernunft über Leidenschaften zu stellen.

Zuletzt meint er: „ Ich persönlich schulde dem Regime Badeni grossen Dank, denn es hat mich zum Nachdenken auf manchen Gebieten geführt, …

Der nächste Eintrag stammt vom 28.3.1898, in dem er über die Vorbereitung zur Richteramtsprüfung schreibt. Trotz kurzer Frist und umfangreichem Stoff fehlt ihm die Motivation zu lernen:

und doch fehlt mir die richtige „Schneid“, schreibt er , denn „die grenzenlose Öde“ schreckt ihn ab. Schon an der Universität war für ihn das 2. Rigorosum „eine wahre Pein.“ Das „formale Recht“ sei „nicht wissenschaftlich“.

Am 29.März 1898 beschäftigten ihn die Spannungen zwischen den USA und Spanien und die kolonialen Interessen der europäischen Mächte: „ Spanien und die Vereinigten Staaten sind nahe daran sich in die Haare zu fahren.“

Nun einige Worte zum Spanisch-Amerikanischen Krieg. Dazu wurde in der wissenschaftlichen Literatur sowohl aus der Sicht der spanischen Geschichte und dem Untergang des spanischen Weltreiches[82] geschrieben, als auch im Rahmen der amerikanischen Geschichte und dem Aufstieg der USA zu einer Weltmacht und dessen Außenpolitik.[83] Smith und Dávila-Cox wollen hingegen eine globale und überregionale Sicht auf das Thema werfen.[84] Das auf einer Tagung in Southampton am 17.5.1997 basierende Buch von Angel Smith und Emma Dávila-Cox, die moderne Karibische und Lateinamerikanische Geschichte lehren, macht die Bedeutung der Ereignisse in Kuba 1898 übersichtlich klar: Sie hatten einen starken Einfluss auf die koloniale Machtbalance und die nationalen Bewegungen in vielen Ländern zu dieser Zeit. Das Ereignis war kurz und relativ unblutig und ist eines unter den militärischen Konflikten der jüngeren Geschichte, das kaum im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Es muss jedoch im Zusammenhang mit den wachsenden imperialistischen Rivalitäten zwischen den mächtigsten Industrie- und Militärstaaten der Welt, welche besonders Mitte der 1880er Jahre um Kolonialterritorien und Einflusssphären rivalisierten, gesehen werden. 1880 gilt Großbritannien noch als dominante wirtschaftliche und politische Macht. In den 1890er Jahren forderte jedoch Deutschland, das mit seiner „Weltpolitik“ ein eigenes Reich schaffen wollte, das British Empire heraus. Auch die USA und Japan tauchen als Mitspieler im Imperialismus auf. Kommerzielle und wirtschaftliche Motive wurden begleitet von einer Missionshaltung, Westzivilisation in die jeweiligen Länder zu bringen.[85]

Das erkennt auch Wiesner. Er schreibt: „ Warum intervenirt Amerika zu Gunsten der Insurgenten? Aus reiner Menschenliebe, weil seine Gefühle durch den andauernden Aufstand und die damit verbundenen Verwüstungen der Insel verletzt werden, weil die Cubaner unter dem spanischen Joche seufzen. So heisst es wenigstens in den Versicherungen der Yankees? Ich für meine Person erlaube mir daran zu zweifeln. Die Erweiterung ihrer Machtsphäre auf dem Gebiete des Handels dürfte ihr Hauptzweck sein. So war es in letzter Zeit bei der Canadafrage. Es mögen ja solche ideale Regungen auch im Spiele sein, an erster Stelle stehen aber wohl die Gefühle des Geldsackes. …“ (fol.5)

Die Kriegsursache wäre jedenfalls in den von Amerika offen zugestandenen Annexionsgelüsten zu suchen “ (fol.4R). Weiter meint er: „… dass aber Amerika deshalb berechtigt ist den Insurgenten zu Hilfe zu kommen verneine ich. Meine Sympathien stehen in dieser Frage ganz auf Seite Spaniens.“

Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Nationalismus auf. Der alte liberale Diskurs von Freiheit und Mitbestimmung eines Volkes gegenüber einem tyrannischen Reich wurde nun durch sozialdarwinistische Doktrinen von Reinheit der Rasse und Hierarchie von Rassen überlagert.[86] Den ersteren Nationalismus aus dem frühen und mittleren europäischen 19. Jahrhundert griffen die außereuropäischen Gebiete auf und es entstanden Freiheitsbewegungen.[87] Es kam es zur Auflehnung gegen die antiquierte spanische Herrschaft. Gepaart mit der liberal-demokratischen Ideologie der USA, welche bei den entsprechenden Völkern Bewunderung hervorrief, entstand der spanisch - amerikanische Krieg.

Was ist also in Kuba 1898 geschehen:

Im Jänner 1898 revoltierten spanische Truppen in Havanna. Sie lehnten die neue, moderate Autonomie für Kuba ab. Am 15.2.1898 sank das Schlachtschiff „Maine“ aus ungeklärten Ursachen im Hafen von Havanna.[88] Dafür gaben die Amerikaner die Schuld den Spaniern. Am 19.4.1898 folgte die Unabhängigkeitserklärung Kubas durch eine gemeinsame Resolution des amerikanischen Kongresses und dieser ermächtigte den 1896 gewählten republikanischen Präsidenten McKinley, Armee und Marine einzusetzen. Dieser war schon vor dem April 1898 während der Zeit kubanischer Aufstände und spanischer Unterdrückung von der Boulevardpresse zum Verteidiger der Menschheit hochstilisiert worden. Am 25.4.1898 folgte die Kriegserklärung an Spanien. Schon nach 113 Tagen war dieser Krieg wieder vorbei. Am 1.5. vernichtete die US-Kriegsmarine von Hongkong her kommend die Spanische Flotte in der Bucht von Manila, worauf die Philippinen den Amerikanern offen standen. Die spanische Kapitulation erfolgte allerdings erst am 13. August. Auf Kuba begann die amerikanische Invasion, die spanische Flotte wurde versenkt und am 12. August unterzeichnete man im Weißen Haus die vorläufigen Friedensbedingungen.[89] Ein genauer Hergang der Kampfhandlungen ist im reich und bunt illustrierten Buch von Angus Konstam zu finden.[90] Am 10.12.1898 tritt Spanien im Frieden von Paris die Philippinen und Puerto Rico an die USA ab und Kuba wird selbstständig.[91] Diese Verluste bedeuteten das Ende für das spanische Kolonial-Weltreich. Das Ergebnis war, dass die USA, die vorher mit sich selbst beschäftigt waren und jetzt den Blick auf die globale Welt richteten, nunmehr als international agierende Großmacht hervorgingen.[92] 1.1.1899 bis 20.5.1902 wurde das kubanische Volk von der US Army regiert. Ein Militär Gouverneur wurde eingesetzt. Danach wurde Kuba in die Unabhängigkeit entlassen, blieb jedoch de facto amerikanisches Protektorat.[93]

[...]


[1] Text nach: Hölderlin Friedrich, Gedichte. Auswahl und Nachwort von Nussbächer Konrad (= Philipp Reclam Jun. Stuttgart Universal – Bibliothek Nr. 6266 (3) ) Stuttgart 1963, Gesamtherstellung Reclam, Ditzingen 1986.

[2] Tacitus, Annales, 1,1;
Übersetzungen zu diesem berühmten programmatischen (meiner Meinung nach durch die Parteinahme des Tacitus gegen die verschiedenen Kaiser in seinem Werk selbst, besonders durch die berühmten Taciteischen Nachsätze, in denen er lang erörterte Darstellungen durch ein passendes nachgestelltes Wort oder eine Wortgruppe wenn nicht ad absurdum führt, so doch in ihr Gegenteil verkehrt, nur ironisch gemeint sein könnende) Aussage gibt es viele. Ich würde etwa so übersetzen: „ Ohne Hass und ohne Begünstigung “, also sich als HistorikerIn von den Quellen leiten zu lassen und nicht von einer vorgefassten politischen Meinung. Die Objektivität des Historikers, der Historikerin muss an oberster Stelle stehen, wenn sie Akten, die ihr in die Hände gefallen sind, dokumentieren, kommentieren und aus deren Zeitgeist interpretieren will.
Um noch deutlicher zu werden: Ich will damit meine Ablehnung zum Ausdruck bringen gegenüber einer Geschichtsschreibung, die in links und rechts geteilt ist, wie ja die Verwendung des Begriffes „Austrofaschismus“ bzw. „Ständestaat“ einem Schreiber bzw. einer Schreiberin, die sich mit der Zeit 1933 bis 1938 in Österreich auseinandersetzt, ihn bzw. sie zwingt, sich politisch zu outen. Ich will mit dieser Arbeit kein politisches Statement abgeben, ich will bloß einen Bestand, den vorher niemand bearbeitet hat, wissenschaftlich korrekt darstellen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass dieses „bloß“ und das „in die Hände gefallen“ einen langen wissenschaftstheoretischen Diskurs hervorrufen kann ob der Unmöglichkeit, Vergangenes nicht konstruiert und nicht subjektiv, also objektiv und so, wie es damals tatsächlich war, darzustellen.
Freilich ist es ein hoher Anspruch, sich gerade Tacitus und gerade diese Aussage als Vorbild zu nehmen, vielleicht sogar hochmütig, umso genauer ich mir diesen Anspruch – auch auf der stilistischen Ebene mit den sarkastischen Nachsätzen, die doch wieder die Stellungnahme des Historikers Tacitus nicht nur verraten, sondern, gerade weil endpositioniert, auf geniale Weise in den Kopf des Lesers, der Leserin einprägen, überlege. Ein Anspruch, dem ich leider nicht gerecht werden kann in dieser kleinen universitären Abschlussarbeit.
Doch möge der geneigte Leser bei der bloßen Bedeutung der Worte bleiben: „Ohne jemanden“ - Friedrich Wiesner oder Otto Habsburg - oder eine Menschengruppe - wie die Legitimisten, die Habsburger, die Rechten oder die Linken - „zu hassen oder zu begünstigen, ohne Hass und ohne Zuneigung“, ohne eine politische Intention der Verteidigung oder Verurteilung von Menschen in Österreich vor 1938, möchte ich diese Arbeit schreiben.
Ja noch mehr: Als ich das Thema wählte, dachte ich, es sei so belanglos, dass ich mir höchstens den Hass der Familie Habsburg zuziehen könne, was ich einerseits nicht tat, anderseits nicht von Belang gewesen wäre, und ich daher absolut objektiv, unbehelligt von der momentanen politischen Situation, die Quellen nur mit Rücksicht auf die innere Logik der Texte selbst interpretieren könne. Das erwies sich natürlich als Trugschluss: Bei näherer Betrachtung stellte sich das Thema als ein höchst heikles heraus, wie ja schon Friedrich Wagner im Vorwort zu seiner Dissertation festgestellt hat, was immer noch gilt, wie aus aktuellen Ereignissen in Politik (Rehabilitationen der Opfer des Austrofaschismus) und Geschichtsforschung (Tagung an der Universität Wien im Jänner 2010 über die Zeit von 1933 bis 1938) hervorgeht.
Sine ira et studio, also Objektivität unter dem Motto „Alles prüfe der Mensch …“, um „ …Aufzubrechen, wohin er will“, wie Hölderlin sagt im oben zitierten Gedicht.

[3] Auf den Ausdruck „Streiflichter“ brachte mich DDr Obauer, Jurist und Historiker aus der Schule Suppan. Er zitierte damit den Titel einer Sendung, die früher einmal im ORF lief.

[4] Zur Kritik, dass der wahre Titel lauten sollte: „Im Dienste zweier Staaten, die es nicht mehr geben sollte, nicht mehr gab und eines Staates, den es nicht mehr geben durfte“: Zwar ist mir wohl bewusst, dass es sich um zwei Staaten handelte bei der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn und gerade Beamte des k.u.k. Ministeriums des Äußern und Kaiserlichen Hauses ebenso wie die des Verteidigungsministeriums und des Finanzministeriums eben nicht nur einem, sondern diesen beiden Staaten dienten.
Jedoch behalte ich aus stilistischen Gründen diese kleine Ungenauigkeit im Titel bei, auch wenn DDr. Obauer (laut mündlicher Diskussion vom Februar 2012) und mit ihm wohl noch andere Kritiker mit der nicht exakten Formulierung unglücklich sind.

[5] Wagner Gerhard, Von der Hochschülerschaft Österreichs zur Österreichischen Hochschülerschaft. Kontinuitäten und Brüche (phil. Dipl. Arb. Universität Wien), Wien 2010. S. 28ff. benutzt und begründet den Ausdruck wie auch schon vor ihm eine Reihe von in seiner Arbeit zitierten Autoren. Würde ich ihm doch liebend gerne folgen, da ich ja in der Sache her - nämlich die Kluft zwischen linker und rechter Geschichtsschreibung überwinden zu wollen - seiner Meinung bin, so finde ich den Ausdruck doch zu polemisch und auch umständlich für eine wissenschaftliche Arbeit und gebrauche ihn lieber in Privatgesprächen unter Freunden.

[6] Wagner, Hochschülerschaft, 28ff. Auch auf der Tagung „Die Zeit in Österreich von 33-38“, welcher ich im Jänner 2010 an der Universität Wien in der Aula am Campus und im Juridicum beiwohnte und deren Tagungsband noch nicht erschienen ist, wurde diese Frage heftig diskutiert. Je nach politischer Ausrichtung oder als AnhängerIn einer bestimmten Wissenschaftsschule traten die ReferentInnen und DiskutantInnen für einen favorisierten Terminius technicus ein.

[7] AT-OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Friedrich Wiesner 704-1-56, fol.9 u. 9R

[8] Ab Juli 1992 hieß das Archiv: „Aufbewahrung historisch dokumentarischer Sammlungen“, davor „Zentrales Staatliches Sonderarchiv“.

[9] Aly Götz/ Heim Susanne, Das zentrale Staatsarchiv in Moskau („Sonderarchiv“). Rekonstruktion und Bestandverzeichnis verschollen geglaubten Schriftguts aus der NS-Zeit, Bonn 1992.S. 7

[10] Aly/Heim, Sonderarchiv, 56 f.

[11] Rudolf Jeřabek, Alarmplan – Das Palais am Ballhausplatz als Festung, http://www.oesta.gv.at/site/cob__44560/5164/default.aspx

[12] Lorenz Mikoletzky, Moskauer Sonderarchiv. Rückstellung von österreichischem Archivmaterial an das Österreichische Staatsarchiv, http://www.oesta.gv.at/site/cob__38713/5164/default.aspx

[13] Lorenz Mikoletzky, Rückkehr österreichischer Archivmaterialien aus Moskau, http://www.oesta.gv.at/site/cob__35516/5164/default.aspx

[14] Lorenz Mikoletzky, Rückkehr österreichischer Archivmaterialien aus Moskau, http://www.oesta.gv.at/site/cob__35516/5164/default.aspx

[15] Jagschitz Gerhard/ Karner Stefan, Beuteakten aus Österreich. Der Österreichbestand im russischen „Sonderarchiv“ Moskau, Redaktion: Gollmann Sabine Elisabeth (=Karner Stefan (Hg.), Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Bd.2), Graz-Wien 1996.

[16] Rudolf Jeřabek, Alarmplan – Das Palais am Ballhausplatz als Festung, http://www.oesta.gv.at/site/cob__44560/5164/default.aspx

[17] Lorenz Mikoletzky, Moskauer Sonderarchiv. Rückstellung von österreichischem Archivmaterial an das Österreichische Staatsarchiv, http://www.oesta.gv.at/site/cob__38713/5164/default.aspx

[18] Lorenz Mikoletzky, Rückkehr österreichischer Archivmaterialien aus Moskau, http://www.oesta.gv.at/site/cob__35516/5164/default.aspx

[19] Die Beschreibung von Rudolf Jeřabek ist auf der Homepage des Staatsarchives zu finden: Rudolf Jeřabek, Alarmplan – Das Palais am Ballhausplatz als Festung, http://www.oesta.gv.at/site/cob__44560/5164/default.aspx

[20] Ein Bestand heißt im russischen Archiv „fond“, die einzelne Akteneinheit „dela“, meist eine Aktenmappe. Von den nach Wien geholten Beständen wurden im Staatsarchiv mehrere dieser dela, also Mappen, in eine Kiste gelegt. Die einzelnen Bestände sind im russischen Archiv außerdem in Findbücher geteilt. Ein solches wird dort „opis“ genannt. Außerdem ist jede Akteneinheit handschriftlich von den russischen Archivaren foliiert. Der Bestand Paneuropäische Union hat also die Fondnummer 554, der Bestand hat 7 „opisi“. So beinhaltet z. B. 554-1-2 (fond 554 - opis 1 - dela 2) Flugblätter von 1.2.1933 - 13.4.1934 und hat 5 folia, während hingegen 554-1-51 Korrespondenz enthält, die von 4.4.1935 - 26.6.1936 datiert ist und 439 folia umfasst. Ich habe u.a. diesen Bestand am 1.6.1994 in Moskau eingesehen.

[21] Moskauer Sonderarchiv 554-1-50 fol. 14, Durchschlag.

[22] An Wiesner als Präsidenten der Amiant A.G. für Verwertung mineralischer Rohstoffe richtet sich z. B. der Brief der Advokaten aus Gablonz, Dr. Friedrich Thieben und Dr. Richard Stein und Dr. Max Muschak, vom 5.10.1928 mit der Bitte, „ über den Stand der A m i a n t einen kurzen Bericht zu übersenden, insbesondere mir mitzuteilen, ob wir nicht doch mit der Ausbezahlung einer Dividende rechnen können “(AT – OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704-1-44, fol.5).

[23] Dieser Akt umfasst 553 folia. Das Verfahren scheint sehr aufwendig gewesen zu sein, da Wiesner wegen des übermäßigen Arbeitsaufwandes um eine Sonderzahlung beim Handelsgericht ansuchte: „ … Bezüglich der Belohnung bitte ich um Zuerkennung eines Zuschlages zum Normaltarif, da der Ausgleich die Aufwendung eines (sic) besonders intensiven Tätigkeit erforderte. …“ (Schreiben Wiesners an das Handelsgericht Wien vom 31.1.1928, AT – OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704 - 1 – 47, fol. 545). Der Eigentümer der Firma, Karl Koppel, war Jude, was aus einer Forderung der israelitischen Kultusgemeinde Wien über 200.- Schilling Kultussteuerrückstand, der aus der Ausgleichsmasse beglichen werden sollte, hervorgeht (Schreiben des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, eingelangt beim Handelsgericht Wien am 9. 11. 1927, AT – OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704 - 1 - 47, fol. 9. u. 10).

[24] http://www.oesta.gv.at/site/cob__44560/5164/default.aspx

[25] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.w/w678779.htm, dort ist fälschlicherweise Wiesners Todesdatum mit 1952 angegeben. Laut Grabstein und Verlassenschaftsakten im Wiener Stadt- und Landesarchiv stimmt jedoch 1951.

[26] AT - OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704-1-67, fol.1 Trauungsschein; AT – OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Reichsbund der Österreicher 546-1-87, fol.1 Curriculum vitae.

[27] Österreichische Nationalbibliothek (Hg.), Redaktion Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe, Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Bd. 3 S─Z, München 2002. S. 1479 s.v. Wiesner, Richard, Ritter von. Dort ist Tschechen (sic) als Geburtsort angegeben.

[28] Julius von Wiesner ist ausführlich und lobend, allerdings hauptsächlich was sein wissenschaftliches Werk betrifft, beschrieben von Hans Molisch in: Neue Österreichische Biographie 1815─1918. Erste Abteilung Biographien V. Band, Wien 1928. S.149─161. Nach der S. 152 befindet sich auch ein Foto von Julius Wiesner.

[29] Blumesberger u.a., Handbuch, Bd. 3 S─Z, S. 1479 s. v. Wiesner, Julius, Ritter von

[30] Brockhaus 1974

[31] Molisch Hans, Julius von Wiesner. In: Neue Österreichische Biographie 1815─1918. Erste Abteilung Biographien V. Band, Wien 1928. S. 149─161. S. 161

[32] DÖW 6807

[33] AT-OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704-1-67, fol.1 Trauschein Friedrich Wiesners

[34] Wagner Friedrich, Der österreichische Legitimismus 1918-1938 seine Politik und Publizistik, (Diss. Phil. Fak. Universität Wien) Wien 1956, S. 33 u. 332 nach Parte Dr. Friedrich Ritter von Wiesner, HHSta Partensammlung, Kart. 126

[35] AT-OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Reichsbund der Österreicher 564-1-87, fol.1

[36] Mosser Ingrid, Der Legitimismus und die Frage der Habsburgerrestauration in der innenpolitischen Zielsetzung des autoritären Regimes in Österreich (1933─1938), (Diss. Phil. Fak. Universität Wien) Wien 1979, S. 29 Anm. 26.

[37] Broucek Peter (Hg.), Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises v. Horstenau. Bd 1─3, Wien Köln Graz 1980─1988, Bd.1, S. 327 Anm. 158.

[38] Mosser Ingrid, Der Legitimismus und die Frage der Habsburgerrestauration in der innenpolitischen Zielsetzung des autoritären Regimes in Österreich (1933─1938), (Diss. Phil. Fak. Universität Wien) Wien 1979, S. 29 Anm. 26.

[39] Broucek, Glaise Bd.1, 327 Anm. 158; Mosser, Legitimismus, 29 Anm. 26

[40] Mosser, Legitimismus, 29 Anm. 26

[41] Broucek, Glaise Bd.1, 327 Anm. 158

[42] AT - OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Reichsbund der Österreicher 564-1-87, fol.3

[43] AT - OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704-1-67, fol.1 Trauschein

[44] Vgl. Interview im Anhang

[45] AT - OeStA, AdR, Akten aus Moskau, Bestand Wiesner 704-1-67, fol.1 Trauschein

[46] Österreichische Nationalbibliothek (Hg.), Redaktion Susanne Blumesberger u.a., Handbuch, Bd. 3 S-Z, S. 1479 s.v. Wiesner, Richard, Ritter von

[47] Verlassenschaftsakt Friedrich Wiesner Geschäftszahl 9A 1204/51, Wiener Stadt- und Landesarchiv: „ Kinder: keine“

[48] Vgl. Interview im Anhang.

[49] AT – OeStA, Gauakte Wiesner, fol.40

[50] Blumesberger u.a., Hdb. Österr. Autoren jüd. Herkunft Bd.3 S. 1479 s.v. Wiesner, Julius, Ritter von.

[51] Sturm Heribert/ Seibt Ferdinand (Hg.), Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, München u.a. 2011, s.v. Kreitner Gustav.

[52] Trauungsbuch der Pfarre Graz-Seckau Bd. 8/9.

[53] Blumesberger u.a., Hdb. Österr. Autoren jüd. Herkunft Bd.3 S. 1479 s.v. Wiesner, Julius, Ritter von; Broucek, Glaise Bd.1, 327 Anm. 158.

[54] Zand Helene, Das Tagebuch – Ort der Identitätskonstruktion. Studie zur konstitutiven Rolle von Identität und Gedächtnis im Tagebuch Hermann Bahrs (= phil.Diss.) Graz 1999, S. 29 nach Görner Rüdiger, Das Tagebuch, München 1986. S. 17.

[55] Gut Sibylle, Tagebücher. Das gespiegelte Ich. Museum Strauhof Literaturausstellungen 12. Dezember 2007 - 2. März 2008, Zürich 2007, S. 10.

[56] Hämmerle Christa, Nebenpfade? Populare Selbstzeugnisse des 19. Und 20. Jahrhunderts in geschlechtervergleichender Perspektive. In: Winkelbauer Thomas (Hg.), Vom Lebenslauf zur Biographie. Geschichte, Quellen und Probleme der historischen Biographik und Autobiographik, Krems 2000. S. 135-167, S. 145.

[57] Gerhalter Li, Sammlung Frauennachlässe Institut für Geschichte an der Universität Wien. Bestandsverzeichnis, Wien Jänner 2008, S. 26. Christa Hämmerle hat diesen Nachlass umfangreich in mehreren Publikationen bearbeitet: Hämmerle, Nebenpfade; Hämmerle Christa, „Und etwas von mir wird bleiben …“ Von Frauennachlässen und ihrer historischen (Nicht)Überlieferung. In: Montfort. Vierteljahresschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs. 2/2003, 55. Jg., S. 154-174; Hämmerle Christa, Diaries. In: Ziemann Benjamin und Dobson Miriam (Hg.); Reading Primary Sources. London/ New York 2008. Hämmerle Christa, und Gerhalter Li (Hg.) unter Mitarbeit von Ingrid Brommer und Christine Karner, Die Tagebücher der Therese Lindenberg (1938 bis 1946), Wien/Köln/Weimar 2008.

[58] Diese Worte nimmt Christa Hämmerle auch in den Titel ihrer Abhandlung auf: Hämmerle, „Und etwas von mir wird bleiben …“.

[59] Dallinger Petra-Maria/ Gerhalter Li/ Lehner Claudia/ Pilar Walter, (M)ein Tagebuch. Überlegungen zum autobiographischen Schreiben an ausgewählten Beispielen, Linz 2008, S. 11.

[60] Dallinger, (M)ein tagebuch, 10

[61] Gerhalter Li, „Ich werde von nun an mehr hereinschreiben …“. Schreiben im Alltag, Schreiben als Alltag. Beispiele von Frauen- und Mädchentagebüchern aus der Sammlung Frauennachlässe. In: Dallinger Petra-Maria, Gerhalter Li, Lehner Claudia, Pilar Walter, (M)ein Tagebuch. Überlegungen zum autobiographischen Schreiben an ausgewählten Beispielen, Linz 2008. S.23-61.

[62] Diese wurden 2003 in einer Sonderausstellung im MUMOK (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) gezeigt.

[63] Dusini Arno, Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung (=Habilitationsschrift) 2002.

[64] Zand, Tagebuch Hermann Bahrs 19 nach Peter Gay, The bourgeois experience. Victoria to Freud. Volume I: Education of the Senses, New York 1984. S. 447 u. 451.

[65] Dallinger, (M)ein tagebuch, 12

[66] Liessmann Konrad Paul, Philosophie der modernen Kunst. Eine Einführung (UTB 2088), Wien 1999, S. 46 f.

[67] Stourzh Gerald, Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in der Verfassung und Verwaltung Österreichs 1848 – 1918, Wien 1985, S. 126.

[68] Stourzh, Gleichberechtigung, 99 ff.

[69] Stourzh, Gleichberechtigung, 102

[70] Felkier Artur, Graf Kazimierz Feliks Badeni (1846─1909). Statthalter von Galizien und österreichischer Ministerpräsident, (phil. Dipl.Arb. Universität Wien)Wien 2002, S. 59.

[71] Felkier, Badeni, 66

[72] Felkier, Badeni, 69 nach ÖStA, AVA, Ministerratsprotokolle, Ministerrat vom 8. Oktober 1895. Am 8. Oktober hatte Badeni dem Ministerrat seine Rede präsentiert.

[73] Felkier, Badeni, 75 ff.

[74] Felkier, Badeni, 133f

[75] Felkier, Badeni, 134 ff

[76] Felkier, Badeni, 137 f

[77] Felkier, Badeni, 144

[78] Felkier, Badeni, 145

[79] Felkier, Badeni, 146 ff

[80] Felkier, Badeni, 152

[81] Felkier, Badeni, 207

[82] Eberhard Straub, Das spanische Jahrhundert, München 2004; Balfour Sebastian, The End of the Spanish Empire 1898─1923, Oxford 1997.

[83] Angus Konstam, San Juan Hill 1898. America’s emergence as a world power, Westport, Conn. [u.a.] 2004; oder: Thomas F. O´Brien, Making the Americas. The United States and Latin America from the Age of Revolutions to the Era of Globalization, New Mexico 2007. O´Brien Thomas F., Making the Americas. The United States and Latin America from the Age of Revolutions to the Era of Globalization, New Mexico 2007. (S.69f. beschreibt wie Th. Roosevelt der Held des Tages wurde, als er am San Juan Hill kämpfte); oder eine kurze Zusammenfassung in: Horst Dippel, Geschichte der USA, München 9. Auf. 2010.

[84] Smith Angel, Dávila-Cox Emma (Hgg.), The Crisis of 1898. Colonial Redistribution and Nationalist Mobilization, London New York 1999; Smith Angel, Dávila-Cox Emma, 1898 and the Making of the New Twentieth-Century World Order. In: Smith Angel, Dávila-Cox Emma (Hgg.), The Crisis of 1898. Colonial Redistribution and Nationalist Mobilization, London New York 1999. S. 1─17

[85] Smith/ Cox, Crisis, 1

[86] Smith/ Cox, Crisis, 2

[87] Smith/ Cox, Crisis, 3

[88] Dazu auch Straub, Das spanische Jahrhundert 27, der übergroße Hitze in den Maschinenräumen als den Grund für die Explosion auf der Maine nennt. 250 Matrosen kamen dabei ums Leben. Die USA deuteten es als „Terroranschlag“ auf amerikanische Bürger, der ihnen die Erlaubnis gab, Spanien in einen Krieg zu verwickeln.

[89] Dippel Horst, Geschichte der USA, München 9. Auf. 2010, S. 72 f.

[90] Angus, 1898.

[91] Straub, Das spanische Jahrhundert, 27 u. 327

[92] Balfour Sebastian, The End of the Spanish Empire 1898─1923, Oxford 1997, S. 48; Langley Lester D., The Cuban Policy of United states. A Brief History, New York/ London/ Sydney 1968, S. 101: Die Ereignisse auf Kuba 1898 leiteten ein neues Zeitalter ein, in dem die USA nach außen zu blicken begann.

[93] Smith Joseph, The United States and Latin America. A history of American diplomacy 1776─2000, London/ New York 2005, S. 64. Über die Amerikanisierung Kubas auch O´Brien, Making the Americas, 70 ff.. Z. B. wurden nun 1300 kubanische Lehrer in die USA zur Ausbildung geschickt (O´Brien, Making the Americas, 71).

Ende der Leseprobe aus 244 Seiten

Details

Titel
Friedrich Ritter von Wiesner. Diplomat, Legitimist und NS‐Verfolgter
Untertitel
Im Dienst eines Staates, den es nicht mehr geben sollte, nicht mehr gab, nicht mehr geben durfte
Hochschule
Universität Wien  (Philosophisches Institut)
Autoren
Jahr
2012
Seiten
244
Katalognummer
V343163
ISBN (eBook)
9783346014597
ISBN (Buch)
9783346014603
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um die unveränderte Neuauflage der gleichnamigen Dissertation von 2012. Diese Ausgabe verfügt über ein neues Vorwort der Autorin und über ein Vorwort des Herausgebers.
Schlagworte
1. Weltkrieg, Habsburg, Legitimusmus, Naziverfolgung Lovrek Moskauer Akte
Arbeit zitieren
Dr. Heinrich Wallnöfer (Herausgeber)Dr. Brigitte Schagerl (Autor), 2012, Friedrich Ritter von Wiesner. Diplomat, Legitimist und NS‐Verfolgter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343163

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