Ernährungsempfehlungen bei HIV

Ernährung bei HIV-Infektion und AIDS


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2016
13 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Vermeidung der Mangelernährung geht vor

Ernährungsstatus regelmäßig erfassen

Ernährungstherapie bei HIV-Infektion

Ziele der Ernährungstherapie bei HIV-Infizierten

Ursachen des Gewichtsverlustes und der Mangelernährung

Körpergewicht, Körperzusammensetzung und Ernährungsstatus

BMI-Grenzwerte für Erwachsene (18 Jahre und älter)

Wasting-Syndrom bei HIV-Infizierten

Prophylaxe von Lebensmittelinfektionen

Lipodystrophien und Veränderung der metabolischen Laborparameter

Möglichkeiten der Immunmodulation

Nahrungsinhaltsstoffe mit immunmodulatorischen Effekten

Zusammenfassung: Jeder HIV-Infizierte braucht Ernährungstherapie und -beratung

Literatur/Quellen:

Grundsätzlich gelten für Menschen mit einer HIV-Infektion die gleichen Empfehlungen für eine gesundheitsbewusste Ernährungsweise wie für alle Menschen. Situationsabhängig muss jedoch ernährungstherapeutisch eine Anpassung erfolgen. Dies ist insbesondere notwendig, wenn es zu Erscheinungen der Mangelernährung – insbesondere bei Wasting Syndrom – kommt oder es zu bestimmten Infektionen kommt. Die Kost von HIV-Infizierten sollte eine Lebensmittelinfektion grundsätzlich vermeiden. Nach Angaben des Robert Koch Institutes in Berlin leben in Deutschland rund 83.400 Menschen mit HIV oder dem HIV-Stadium AIDS. Etwa 480 HIV-Infizierte sind 2014 gestorben. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen im Jahr 2014 wird auf 3.200 geschätzt und bleibt damit gegenüber 2013 unverändert[i].

In allen Stadien einer HIV-Infektion – insbesondere im Stadium AIDS - ist eine individuell anzupassende Ernährungstherapie angezeigt. Es gilt aber nicht in erster Linie eine Immunmodulation dadurch hervorzurufen, sondern vielmehr den Ernährungszustand zu optimieren und den Ernährungsnotwendigkeiten der Infektionskrankheit Rechnung zu tragen. Insbesondere der Veränderung der Körperzusammensetzung und der praktisch immer früher oder später eintretenden Gewichtsabnahme und Kachexie (Wasting Syndrom) gilt es vorzubeugen oder durch künstliche Ernährung gegen diese vorzugehen. Einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien zufolge entwickeln HIV-positive Menschen mit gutem Ernährungszustand (Mikro- und Makronährstoff-Status und Gewicht) deutlich später klassische AIDS-Symptome als mangelernährte HIV-Infizierte. Dies schreibt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) e. V. in ihren Beratungsstandards. Eine qualifizierte Ernährungsberatung für HIV-Infizierte ist daher in allen Stadien der Infektion beziehungsweise der Erkrankung sinnvoll[ii] und notwendig. Für eine qualifizierte Diät- und Ernährungsberatung stehen in Deutschland ausreichend staatlich anerkannte Diätassistenten im klinischen Bereich oder in niedergelassener Praxis zur Verfügung. Das Deutsche Kompetenzzentrum Gesundheitsförderung und Diätetik schätzt, dass in Deutschland mindestens 14.000 staatlich anerkannte Diätassistenten ausschließlich oder teilweise in der Diät- und Ernährungsberatung tätig sind.

Vermeidung der Mangelernährung geht vor

Bevor seitens des Therapeuten über die immunmodulatorische Potenz von beispielsweise Gesten-Beta-Glucanen, Zinkpräparaten, Omega-3-Fettsäuren aus maritimer Quelle oder Leinöl (etc.) nachgedacht wird, muss insbesondere der Energie- und Proteinbedarf beim HIV-Infizierten gedeckt sein, um einer Mangelernährung und insbesondere dem Wasting Syndrom vorzubeugen. Ungewollter Gewichtsverlust ist bei HIV-Infizierten eine besonders häufige unerwünschten Begleiterscheinungen sein. Er ist insbesondere charakteristisch für die Phase der Sero-Konversion, also der Phase, in der erstmals Antikörper gegen das HIV-Virus festgestellt werden. Auch bei bestehenden opportunistischen Infektionen (Infektionen, die bei geschwächtem Immunsystem durch Bakterien, Viren, Parasiten oder Pilze verursacht werden) nehmen fast alle HIV-Infizierte häufig extrem an Körpergewicht ab. Im Stadium AIDS ist ein teilweise deutliches Untergewicht die Regel.

Ernährungsstatus regelmäßig erfassen

Bei allen HIV-Infizierten muss der Ernährungsstatus, das Gewicht und die Körperzusammensetzung regelmäßig erfasst und dokumentiert werden. Leider haben sich Körpergewicht und reine Anamnese (anamnestischer Gewichtsverlust und davon abgeleitete Parameter) in Studien als wenig zuverlässige Prognoseparameter für die Mangelernährung herausgestellt. Der Verlust an Muskel- und Organgewebe wird oft durch die Zunahme der extrazellulären Flüssigkeit und/oder des Fettgewebes "kaschiert"[iii]. Daher muss der Ernährungsstatus auch durch andere Verfahren bestimmt werden. Der ungewollte Gewichtsverlust geht bei HIV-Infektionen in der Regel mit einer Mangelernährung einher, die den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflusst. Jeder Abbau von Muskel- und Organgewebe führt zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustands und der Leistungsfähigkeit der Patienten. Die regelmäßige Beobachtung des Körpergewichts und der Körperzusammensetzung ist daher für HIV- und AIDS-Patienten besonders wichtig. Verliert der Patient binnen drei Monate über fünf Prozent seines Ausgangsgewichts und fällt sein Body-Maß-Index unter 21, dann sollte überprüft werden, ob gegebenenfalls eine Anpassung der Ernährungstherapie mit Substitutionstherapie und/oder künstlicher Ernährung notwendig ist.

Ernährungstherapie bei HIV-Infektion

Falls der HIV-infizierte Patient (noch) normal essen und trinken kann, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) in ihren Leitlinien eine abgestufte Ernährungstherapie zum Gewichtsaufbau und zur Verbesserung der Körperzusammensetzung (Vermeidung von Abbau der Magermasse – Lean Body Mass). Dafür bekommt der Patient zusätzlich zur Normalkost eine energiereiche Trinknahrung (Zusatznahrung). Sondenernährung oder letztlich auch parenterale Ernährung, also die Zufuhr der Nährstoffe über einen Venenzugang, können die nächsten Stufen sein. Der Ernährungszustand kann den Verlauf einer HIV-Infektion und der AIDS-Erkrankung mit bestimmen. HIV-Infizierte sollten deshalb so früh wie möglich ernährungstherapeutisch beraten und betreut werden, sodass es möglichst zu keiner Abnahme der Muskelmasse kommt. Die Erhaltung der Körpermasse (insbesondere Magermasse) ist entscheidend für die Überlebensrate mitverantwortlich. Zur Ernährungstherapie gehört heute auch die Heim-enterale oder -parenterale Ernährungstherapie, die von spezialisiertem Pflegepersonal mit Unterstützung von staatlich anerkannten Diätassistenten oder darauf spezialisierten Ernährungswissenschaftlern mit ernährungsmedizinischer Ausbildung durch Home-Care-Teams durchgeführt wird[iv]. Grundsätzlich ist eine ausreichende Energiezufuhr auch und gerade bei HIV-Infizierten zu gewährleisten. Der Energiebedarf von gesunden normalgewichtigen Erwachsenen liegt laut DACH-Referenzwerten bei 1.800 Kilokalorien (Frauen) 2.300 Kilokalorien (Männern) bei geringer körperlicher Aktivität[v]. Im Rahmen einer HIV-Infektion ist bei Nicht-Bettlägerigen Personen mit normaler Körpertemperatur von einem erhöhten Energiebedarf auszugehen. Wenn einem Wasting Syndrom mit Untergewicht vorgebeugt oder dieses behandelt werden soll, ist von einem noch höheren Energiebedarf auszugehen.

Ziele der Ernährungstherapie bei HIV-Infizierten

- Bedarfsdeckung oder Ausgleich von Mangelzuständen (Mikro- und Makronährstoffe)
- Optimierung des Ernährungszustandes
- Erhalt der Magermasse (Lean Body Mass)
- Verträglichkeit der antiretroviralen Therapie verbessern
- Gastrointestinale Beschwerden (Diarrhoe, Oberbauchbeschwerden und Übelkeit) vermindern/vermeiden

Ursachen des Gewichtsverlustes und der Mangelernährung

Ein besonders häufiger Grund für einen Gewichtsverlust und/oder eine Mangelernährung (Malnutrition) bei HIV-Infektionen sind auch Kau- und Schluckbeschwerden. Für die davon betroffenen ist es hilfreich, weiche und pürierte Speisen zu verzehren und/oder zu trinken. Auf scharfe Gewürze wie Chili, Ingwer oder Produkte wie Senf, Meerrettich oder Tabasco und natürlich heiße oder saure Speisen sollte weitestgehend verzichtet werden. Die Verträglichkeit ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Daher ist es sinnvoll, die individuelle Verträglichkeit mit einem Ernährungs- und Beschwerdetagebuch festzustellen. Durch den in Milch und vielen nicht gesäuerten Milchprodukten enthaltenen Schleimzucker (Galaktose als Bestandteil des Disaccharids Laktose, die aus Glukose und Galaktose besteht) wird Schlucken erschwert. Dagegen werden Kamillen- und Pfefferminztee häufig als angenehm empfunden. Viele HIV-Infizierte leiden unter mangelndem Appetit. Aus ernährungstherapeutischer Sicht ist es hilfreich, viele kleine Mahlzeiten (alle 2-3 Stunden über den Tag verteilt – bis zu 6 Mahlzeiten täglich) zu sich zu nehmen und vor allem den Patienten essen zu lassen, was er gerne isst, sofern nicht die genannten Regeln verletzt werden.

Körpergewicht, Körperzusammensetzung und Ernährungsstatus

Das Körpergewicht von HIV-Infizierten Menschen sollte im Bereich des Normalgewichts liegen. Der Body Mass Index (BMI: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körperlänge in Metern zum Quadrat) sollte demzufolge zwischen wenigstens 18,5 und 24,9 liegen. Leichtes Übergewicht ist nicht schädlich. Zudem sollte bei HIV-Patienten die Körperzusammensetzung (Body Composition) mittels bioelektrischer Impedanzanalyse initial und im Verlauf regelmäßig überprüft werden [vi]. Typisch für die unbehandelte HIV-Infektion ist der vergleichsweise frühe Verlust an Strukturproteinen, der sich in einem Verlust der fettfreien Masse (LBM – Lean Body Mass= Magermasse) oder genauer der Körperzellmasse (BCM) widerspiegelt[vii]. Erniedrigte Albumin- und Transferrinserumspiegel sind bei HIV-infizierten Patienten ebenso wie verminderte Körperzellmasse mit einer schlechteren Prognose korreliert[viii] und sollten regelmäßig untersucht werden.

[...]


[i] https://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2015/08_2015.html

[ii] http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=33163

[iii] http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/073-012.pdf

[iv] https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/s-2004-833695?lang=de

[v] https://www.dge.de/presse/pm/wie-viel-energie-braucht-der-mensch/

[vi] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9436167

[vii] Süttmann U, Ockenga J, Selberg O, Hoogestraat L, Deicher H, Müller MJ. Incidence an prognostic value of malnutrition and wasting in human immunodeficiency virus-infected outpatients. J Acquir Immune Defic Syndr Hum Retrovirol 1995; 8: 239-246

[viii] Suttmann U, Ockenga J, Selberg O, Hoogestraat L, Deicher H, Muller MJ. Incidence and prognostic value of malnutrition and wasting in human immunodeficiency virus-infected outpatients 8. J Acquir Immune Defic Syndr Hum Retrovirol 1995; 8: 239-246

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Details

Titel
Ernährungsempfehlungen bei HIV
Untertitel
Ernährung bei HIV-Infektion und AIDS
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V343244
ISBN (eBook)
9783668335745
ISBN (Buch)
9783668335752
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernährung, Diätetik, Ernährungsmedizin, AIDS, HIV
Arbeit zitieren
Sven-David Müller (Autor), 2016, Ernährungsempfehlungen bei HIV, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343244

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