Freeport, Bergbau und Entwicklungsaggression auf West Papua, Indonesien


Bachelorarbeit, 2016
56 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund West Papuas

3. Die indigenen Gruppen Amung und Kamoro auf West Papua
3.1. Ernährung
3.2. Kontakt mit der Außenwelt
3.3. Glaube
3.4 Landrecht

4. Freeport auf West Papua
4.1. Entdeckung der Ertsberg-Mine
4.2. marriage of mutual convenience - Vorstellung der Akteure und ihrer Interessen ..
4.3 Contract of Work I, 1967
4.4 Ertsberg 1973-1988, Entdeckung Grasberg
4.5 Contract of Work II, 1991
4.6 Die Rolle des indonesischen Militärs auf West Papua und seine Verbindung zu Freeport
4.6.1 Hintergrund und Finanzierung
4.6.2 Zusammenarbeit mit Freeport

5. Entwicklungsaggression auf West Papua
5.1 Begriffsursprung und Definition nach REESE, ABRASH, GILBERT und DOYLE
5.2 Anwendbarkeit des Begriffs ‚Entwicklungsaggression’ auf die Situation auf West Papua
5.2.1 Ignorieren des indigenen Weltbilds
5.2.2 Fehlende Konsultation und Kompensation
5.2.3 Tiefgreifende Folgen für die indigene Bevölkerung
5.2.3.1 Sozio-kulturelle Folgen
5.2.3.2 Ökologische Folgen
5.3 Zwischenfazit

6. Aktuelle Situation um den Grasberg

7. Zukunft Freeports

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Grasberg-Mine befindet sich auf West Papua, dem indonesischen Teil der Insel Neuguinea und beherbergt eine der größten Kupfer- und Goldvorkommen der Welt. Die Mine liegt 4000 Meter über dem Meeresspiegel und wird durch PT Freeport Indonesia (nachfolgend ‚Freeport’), einer indonesischen Tochtergesellschaft der amerikanischen Firma Freeport McMoRan, im Tagebau ausgebeutet. Als größter Steuerzahler Indonesiens nimmt sie wirtschaftlich eine sehr wichtige Rolle für das Land ein. Der Bergbaubetrieb führte zu Ent- eignungen und Umsiedlungen der indigenen Bevölkerung, anfangs ohne jegliche Kompensation. Auch die Verteilung der Einnahmen aus dem Bergbaugeschäft zwischen Freeport, der indonesischen Regierung und West Papua schürt Unzufriedenheit und soziale Unruhen bei den Papua, da die Provinz trotz ihrer zahlreichen Bodenschätze weiterhin die ärmste Region Indonesiens ist. Proteste der lokalen Bevölkerung führten zu einer Zusammenarbeit Freeports mit dem indonesischen Militär, das die Mine schützen soll und im Gegenzug Schutzzahlungen erhält. Freeport wird dadurch in indirekten Zusammenhang mit den Menschenrechtsverletzungen der Sicherheitskräfte auf West Papua gebracht. Der Betrieb der Mine führte, neben zahlreichen sozialen Auswirkungen, auch zu schwerwiegenden Umweltschäden.

In dieser Arbeit soll geprüft werden, ob der Begriff ‚Entwicklungsaggression’ auf die Situation auf West Papua anwendbar ist, und welche sozio-kulturellen und ökologischen Folgen durch den Bergbau für die beiden im Konzessionsgebiet lebenden indigenen Gruppen der Amung und Kamoro entstanden sind. Darüber hinaus wird die gegenwärtige und zukünftige Situation im Konzessionsgebiet sowie die veränderte Beziehung zwischen Freeport, der indonesischen Regierung, dem Militär und der lokalen Bevölkerung analysiert. Um ersteres prüfen zu können, bedarf es zunächst der Nennung relevanter historischer Ereignisse und die Vorstellung der Hauptakteure. Auf der einen Seite handelt es sich um die beiden indigenen Stämme der Amung und Kamoro, die ein Leben in Einklang mit der Natur führen. Dem gegenüber steht der amerikanische Minenkonzern Freeport, in enger Verbindung mit der indonesischen Regierung und dem indonesischen Militär. Es wird er Weg des Konzerns zum größten Steuerzahler Indonesiens beschrieben, die Bedingungen für die Vertragsabschlüsse zwischen Freeport und der indonesischen Regierung sowie deren Interessenslagen und Machtverhältnisse werden beleuchtet.

Anschließend wird sich der Frage der Anwendbarkeit des Begriffs der ‚Entwicklungs- aggression’ auf die Situation auf West Papua gewidmet. Er wurde erstmals von dem philippinischen Menschenrechtsverband PAHRA1 geprägt, der sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt, die zu Opfern von Entwicklungsprojekten im Bergbausektor wurden. Dies bedeutet, dass indigene Völker eines durch Großprojekte ‚zu entwickelnden’ Gebietes nicht konsultiert und kompensiert werden, obwohl das Projekt sie ganz klar ihrer Lebensgrundlage (Umwelt/Nahrung) beraubt. So wird die indigene Bevölkerung, die ein bestimmtes Projektgebiet bewohnt, nicht zu Nutznießern, sondern zu Leidtragenden. Neben der Definition der philippinischen Menschenrechtsorganisation werden auch die von GILBERT, DOYLE, ABRASH und REESE miteinbezogen. Anschließend wird versucht dies auf die Situation auf West Papua zu übertragen, wobei hier das Ignorieren des indigenen Weltbildes, das Verhalten Freeports bezüglich Konsultation und Kompensation sowie das Ausmaß der sozio- kulturellen und ökologischen Folgen für die Stämme der Amung und Kamoro behandelt wird. Der letzte Teil der Arbeit widmet sich der aktuellen Situation um die Grasberg-Mine sowie der Zukunft Freeports. Im Jahre 2021 endet der Vertrag zwischen dem Minenkonzern und der indonesischen Regierung. Freeport hat bereits Projekt- und Investitionspläne zur Umwandlung der Grasberg-Mine in die größte Untertagemine der Welt veröffentlicht. Die dafür nötige Vertragsverlängerung wurde Freeport trotz Uneinigkeiten in Aussicht gestellt, allerdings unter stark veränderten Bedingungen.

Politische und geografische Grundlagen Indonesiens werden zum Verständnis dieser Arbeit vorausgesetzt. Auch der komplexe Papua-Konflikt soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Politische Entwicklungen werden nur genannt, sofern sie einen Bezug zu Freeport haben.

Quellenlage

Die Quellenlage stellt sich sehr unterschiedlich für West Papua und für Freeport dar. Als Basiswerk dieser Arbeit wurde ‚Politics of Power: Freeport in Suharto’s Indonesia’ von Denise Leith verwendet, einer australischen Politikwissenschaftlerin, die unter anderem an der University of Sydney ‚Internationale Beziehungen’ lehrt. In ihrem Werk gibt sie fundierte Einblicke sowohl in die kulturellen Gegebenheiten auf West Papua als auch in die wirtschaftlichen Entwicklungen und Verbindungen zwischen der indonesischen Regierung unter Suharto, dem indonesischen Militär und dem Minenbetreiber Freeport. Als Grundlage für die Darstellung der allgemeinen Geschichte und Entwicklung des Papua-Konfliktes wurde hauptsächlich Esther Heidbüchels Werk ‚The Papua Conflict: Actors, Issues, Approaches’ herangezogen. Es gibt einen umfassenden Einblick in die enorme Komplexität des Konfliktes mit all seinen Ursachen, Akteuren und seiner Entwicklung bis 2007.

In Bezug auf die kulturellen Hintergründe der indigenen Gruppen ist die deutsch- und englischsprachige Quellenlage etwas schlechter. Hier wurde sich hauptsächlich auf die Ab- handlungen von Kal Muller und Carolyn Cook bezogen, die sich in aller Tiefe mit dem Thema befassen. Denise Leith, Pippip-A. Rifai-Hasan, Abigail Abrash und viele andere geben kurze Zusammenfassungen über religiöse und gesellschaftliche Hintergründe der indigenen Gruppen West Papuas.

Der Aufstieg Freeports und dessen Verstrickung mit der Regierung sowie dem Militär ist sehr gut dokumentiert. Neben Denise Leith ist hier Peter King mit seinem Werk ‚West Papua & Indonesia Since Suharto: Independence, Autonomy Or Chaos?’ zu nennen. Neben Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Global Witness oder anderen Nichtregierungsorganisationen, wie der International Crisis Group, wird versucht, durch McKennas Werk ‚Corporate Social Responsibility and Natural Resource Conflict’ auch eine unternehmerische Perspektive mit einzubringen. Sie beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit ein Unternehmen die Verantwortung für die soziale Entwicklung einer Region trägt.

Für die Definition der ‚Entwicklungsaggression’ wird in erster Linie der Aufsatz von Jérémy Gilbert und Cathal Doyle ‚Indigenous Peoples and Globalization: From ‚Development Aggression’ to ‚Self-Determined Development’’ herangezogen. Die Beiden forschen in Bezug auf indigenes Recht, Menschenrechten sowie der generellen Kultur- und Politiktheorie. Gilbert arbeitet zudem als Professor an der University of East London . Erweitert wird ihr Definitionsansatz durch Niklas Reese und Abigail Abrash. Sie wenden den Begriff auf die Situation auf den Philippinen sowie auf West Papua an. Die entstandenen sozio-kulturellen und ökologischen Folgen werden weitgehend durch die bereits genannten Quellen abgedeckt. Erwähnenswert ist darüber hinaus der 2006 erschienene Bericht der Umweltorganisation WALHI (Wahana Lingkungan Hidup Indonesia). Er beschreibt als erster detailliert, welche Auswirkungen der Gold- und Kupferabbau auf das sensible Ökosystem des Abbaugebietes und der Umgebung hat.

Die Informationslage bezüglich der aktuellen Situation um die Grasberg-Mine und vor allem bezüglich der Zukunft Freeports basiert auf den Aufsätzen von Patricia O’Brian und Mark Frings sowie Zeitungsartikeln. Eigene Angaben Freeports auf dessen Webseite wurden zur Verifizierung genannter Zahlen und Projekte hinzugezogen.

2. Historischer Hintergrund West Papuas

Die Insel Neuguinea ist unterteilt in einen zu Indonesien gehörenden Teil und den unabhängigen Ostteil der Insel Papua-Neuguinea. Diese Teilung wurde während der Kolonialzeit von den Niederländern und den Engländern vorgenommen. Als 1949 Indonesien seine Unabhängigkeit erklärte, blieb der westliche Teil der Insel zunächst weiterhin unter niederländischer Kontrolle. Die Niederländer begannen eine Dekolonisierung, die eine Unabhängigkeit von Indonesien zum Ziel hatte. Im Jahre 1962 gab es schließlich eine offizielle Unabhängigkeitsbekundung, die Sukarno alarmierte und dazu veranlasste, in West Papua Truppen zu landen. Da die Region sehr ressourcenreich, fruchtbar und zudem flächenmäßig groß ist, war Jakarta sehr daran interessiert, ein indonesisches Territorium in den Grenzen Niederländisch-Ostindiens von 1942 zu realisieren. Auf Druck der USA zogen sich die Niederlande schließlich aus West Papua zurück und das Territorium wurde unter die vorläufige Administration der Vereinten Nationen gestellt. Die Niederlande und Indonesien einigten sich in dem sogenannten New York Agreement vom 15. August 1962 darauf, dass Indonesien bis 1969 die Herrschaft über West Papua übernehmen sollte. Dies war der Beginn des indonesischen Neokolonialismus, der sich in einer brutalen und aggressiven ‚Indonesisierung’ äußerte. Voraussetzung für diese vorübergehende Machtübernahme war, ein Unabhängigkeitsvotum der Bevölkerung unter Aufsicht der Vereinten Nationen im Jahr 1969 durchzuführen. Dabei sollten die Bewohner West Papuas darüber abstimmen, ob sie die Unabhängigkeit erhalten oder ein Teil Indonesiens bleiben wollten. Das Votum fand unter Missachtung allgemeiner Wahlgrundsätze sowie massiver Androhung und Ausübung von Gewalt statt, weshalb man im Volksmund von dem Act of No Choice spricht. Offizieller Name der Abstimmung war Act of Free Choice. Die Vereinten Nationen versagten kläglich, sahen die Bedingung des New Yorker Abkommen als erfüllt an, und so wurde West Papua 1969 offiziell zu einer Provinz Indonesiens.

Dieser Entzug der freien Entscheidung über den Verbleib des eigenen Landes unter den Augen der internationalen Gemeinschaft gilt als Ursprung der bis heute andauernden Frustration der lokalen Bevölkerung. Seit der Entscheidung zur Annexion West Papuas durch Indonesien gibt es einen bewaffneten Unabhängigkeitskampf, der vom indonesischen Militär brutal unterdrückt wird. Schätzungen zufolge sollen mehr als 100.000 Papua ihr Leben dabei verloren haben. Erst in der Ära der reformasi verbesserten sich die Rahmenbedingungen für politische Aktivitäten auf West Papua kurzzeitig. Bis heute andauernde Konflikte zeigen jedoch, dass sich letztendlich auf politischer Ebene wenig für die Einheimischen verändert hat. (BERGER/ASPINAL 2001: 1013-1014; HEIDBÜCHEL 2007: 38, 39, 40; MCKENNA 2016: 56; RIFAI-HASAN 2009: 131)

3. Die indigenen Gruppen Amung und Kamoro auf West Papua

Bevor auf die indigenen Völker auf West Papua eingegangen wird, bedarf es zunächst einer kurzen Definition. Herangezogen wird dabei die offizielle Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO - International Labour Organisation):

In Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern, die sich infolge ihrer sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse von anderen Teilen der nationalen Ge- meinschaft unterscheiden und deren Stellung ganz oder teilweise durch die ihnen eigenen Bräuche oder Überlieferungen oder durch Sonderrecht geregelt ist. (ILO 1989)

Die indigene Bevölkerung auf West Papua ist melanesischen Ursprungs, wobei die Vorfahren vor ca. 6500 Jahren ankamen. Insgesamt leben weniger als 5 Millionen Menschen auf dem westlichen Teil der Insel Neuguinea. Die Ureinwohner lassen sich in 312 verschiedene Stämme mit bis zu 1000 verschiedenen Sprachen untergliedern. Die genauen Zahlen variieren hierbei sehr stark. Man kann sie aber zu sieben Hauptstämmen zusammenfassen: Amung2, Kamoro, Dani, Ekari, Moni, Nguda und Damal. In diesem Kapitel werden nur die beiden Stämme der Amung und Kamoro vorgestellt. Anfangs sahen sich zwar alle Gruppen als Betroffene des Gold- und Kupferabbaus durch Freeport, man akzeptierte aber nach einiger Zeit, dass die Amung und die Kamoro am stärksten betroffen waren, da ihre Heimat direkt und indirekt im Konzessionsgebiet liegt. Aus diesem Grund ist das folgende Kapitel nur diesen zwei Stämmen gewidmet, wobei die Quellenlage bezüglich der Amung weitaus besser ist, als die der Kamoro.

Die Amung sind die ursprünglichen Bewohner der Region um Tembagapura, den soge- nannten highlands rund um den Puncak Jaya (4884 m). Sie leben in den 17 Tälern an den südlichen Hängen des Sudirman-Gebirges. Der Stamm hat ungefähr 13.000 Mitglieder, 4.000 davon leben im Konzessionsgebiet der Grasberg-Mine.

Die Kamoro setzen sich aus ca. 15.000 Mitgliedern zusammen, wobei rund 8.000 im Freeport-Gebiet leben. Sie bewohnen die Flussgebiete rund um Timikia, ein sehr empfindliches Biosystem mit dem weltweit üppigsten Mangrovenwald.

(ABIGAIL 2001; COOK 1995: 45-47; LEITH 2003: 87-88; PETER 1995: 388)

Im Folgenden werden die beiden Stämme im Hinblick auf ihre Ernährung, den Kontakt mit der Außenwelt, ihrem Glauben und ihr Landrecht beleuchtet. Hierbei ist anzumerken, dass sich die Ausführungen hauptsächlich auf die ursprüngliche Lebensweise beziehen. Diese traditionellen Strukturen haben sich bei beiden Stämmen durch die Ankunft Freeports und damit einhergehend vieler Transmigranten, stark verändert. Der Fokus liegt bewusst auf der Situation vor dem Kupfer- und Goldabbau, um die enorme Veränderung zu veranschaulichen. (COOK 1995: 46; LEITH 2003: 85; MULLER 2000)

3.1. Ernährung

Die Amung und Kamoro griffen ursprünglich auf eine Vielzahl von Methoden der Nahrungsbeschaffung zurück, um ihren täglichen Bedarf zu decken. Für die Amung ist die Kultivierung von Süßkartoffeln im Wanderfeldbau sehr wichtig. Daneben spielen für sie auch Grünpflanzen und das Sammeln von Beeren und Heilpflanzen eine wichtige Rolle, die sie aus den umliegenden Wäldern beziehen. Diese liefern Bauholz, Blätter für Dächer und als Bindematerial Lianen, Material für Pfeile und Bögen, Rinde für traditionelle Kleidungsstücke sowie Federn des Paradiesvogels für Kopfbedeckungen. Neben der Jagd auf Vögel und Wild ist noch die Schweinezucht zu nennen. Diese spielt jedoch eher eine rituelle und wirtschaft- liche Rolle, als dass sie eine wichtige Proteinquelle darstellt. (COOK 1995: 57-58)

Die Kamoro besiedelten die Region am Fuße des Puncak Jayas. Sie lassen sich als Halbnomaden klassifizieren, die ihren Wohnsitz zwischen dem Sagopalmenwald im Norden und dem Gebiet um die, in den Gletschern entstehenden Flüssen wechseln. Sago gilt als Kohlenhydratspender der Kamoro. Ihr Bedarf an Proteinen wird hauptsächlich durch den Fischfang gedeckt. Eine geringere Rolle, im Vergleich zu den Amung spielt das Jagen von Wild und Vögeln, sowie der Süßkartoffelanbau. (MULLER 2000)

Beide Stämme leben im Einklang mit ihrer Umwelt und betreiben meist Subsistenzwirtschaft.

Der Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Fisch und Fleisch, ist eher Teil der Kultur der Kamoro. Die Frauen verkaufen ihre Überschüsse auf den Märkten in den größeren Städten wie Timikia. Durch nachhaltige Anbaumethoden und einen der Nachfrage entsprechenden Bedarf an Fisch und Fleisch, konnten die Ureinwohner Papuas ihre üppige Flora und Fauna über Jahrtausende erhalten. Dies sollte sich mit der Ankunft Freeports ändern. (MULLER 2000)

3.2. Kontakt mit der Außenwelt

Den ersten Kontakt mit dem Westen bzw. mit Fremden erfuhren die Amung durch eine niederländische Expedition, die von Alexander Wollaston 1912 geführt wurde. Die Amung empfingen die Fremden mit offenen Armen und führten sie durch ihr Gebiet. Sie folgten ihnen auch in die lowlands, dem Siedlungsgebiet der Kamoro. Dort verbreitete Malaria führte zu vielen Toten in den Reihen der Amung. Über 20 Jahre lang hatten sie daraufhin keinen Kontakt mehr zu Fremden, erst wieder 1936, durch die von Jean-Jaques Dozy geführte Coljin-Expedition. Auch bei dieser Expedition galt der Puncak Jaya als Hauptziel, es wurden jedoch auch viele Dörfer der Amung besucht, und wieder wurden die Besucher mit offenen Armen empfangen. Weitere Ausflüge in die lowlands forderten erneut das Leben einiger Stammesmitglieder. Generell lässt sich behaupten, dass die Amung während der nieder- ländischen Kolonialzeit relativ wenig beeinflusst wurden. Dies liegt vor allem an der schwer zu erreichenden und abgeschotteten Bergregion, die ihre ursprüngliche Heimat darstellt. (COOK 1995: 67-69; DOZY 2002: 70; LEITH 2003: 85)

Ganz anders verlief es bei den Kamoro. Sie hatten viel früher als die Amung Kontakt mit Europäern. Das erste Mal 1623 durch Jan Carstenz, einem niederländischen Forscher, der eine Expedition ins Gebirge unternehmen wollte. (LEITH 2003:86) 200 Jahre später wurde der Kontakt mit der Außenwelt häufiger und um die Jahrhundertwende begannen die Nieder- länder mit der Kartierung des Gebietes. Anfang der 1920er-Jahre versuchten Missionare zusammen mit der niederländischen Kolonialmacht, die 1926 dort ihren ersten Regierungssitz eröffnete, die Kamoro in permanenten Siedlungen sesshaft zu machen. MULLER (2000) beschreibt, wie schwierig diese Zeit für die Kamoro war. Der Versuch, sie zu Umsiedlungen zu bewegen, basierte auf der Idee, dass eine niedergelassene Bevölkerung besser gezählt, ausgebildet, besteuert und generell kontrolliert werden könne. (MULLER 2000) Während des Zweiten Weltkrieges bzw. ab 1942 litten die Kamoro unter der grausamen Besatzungszeit durch die Japaner. Es zeigt sich also, dass die Kamoro historisch gesehen unter einer ständigen Penetration ihrer Lebensweise und ihrer Kultur bzw. Tradition litten. Dies führte auch, im Gegensatz zu den Amung, zu einer schwächeren sozialen Struktur und dem Verlust ihrer Selbstwertschätzung. Zudem erscheinen sie als Gruppe weitaus weniger geschlossen als die Amung. Sie leisteten bzw. leisten nur passiven Widerstand gegen Freeport, gegen den Versuch Jakartas der „Indonesisierung“ und gegen die massive Zuwanderung von Trans- migranten. Diese unterschiedliche Gruppendynamik der beiden Stämme spiegelt sich auch in der Stärke und Vehemenz ihrer jeweiligen Stammesvertretungen LEMASA (Lembaga Adat Masyarakat Amungme) und LEMASKO (Lembaga Adat Masyarakat Kamoro) wider. (HEIDBÜCHEL 2007: 104; LEITH 2003: 88-89)

3.3. Glaube

Dem Zensus von 2005 zufolge, setzt sich die Bevölkerung West Papuas aus 77% Christen, 22% Muslimen und rund einem 1 % Buddhisten und Hindus zusammen. (HÜTZ-ADAMS 2005:15) Hierbei wird jedoch der Animismus bzw. die Naturreligion, welche immer noch eine große Rolle für die Amung und Kamoro spielt, nicht mit in Betracht gezogen, da sich jeder Bürger Indonesiens nach der Pancasila einer der sechs Weltreligionen zuordnen muss. Mit Ankunft der Niederländer verbreitete sich der niederländische Katholizismus, welcher sich zu einem Synkretismus aus Katholizismus und dem ursprünglichen Animismus entwickelte. Durch die geographisch bedingte Isolation in den unzugänglichen Bergregionen der Amung fiel dieser Einfluss jedoch eher gering aus, sodass sie ihren Glauben bewahren konnten, heute noch ausleben und Tradition sowie Stammeszugehörigkeit immer noch als äußerst wichtig empfinden. (ABRASH 2001; COOK 1995: 58-59)

Der ursprüngliche Glaube beider Gruppen lässt sich als Animismus bzw. als eine Art Naturreligion beschreiben. Er basiert auf den vier Prinzipien Großzügigkeit, Gegenseitigkeit (Geben und Nehmen), persönliche Freiheit und der Verbindung mit der Ahnenwelt (Respekt und Besänftigung). Diese Grundsätze liefern ihnen den Rahmen für jegliche Fragen des Zusammenlebens. Die Gemeinde eint zudem ein besonderer Entstehungsgedanke ihrer Heimat. Als die ersten Amung auf West Papua ankamen, fanden sie nur ein Sumpfgebiet vor. Die Entstehung des geologischen und ökologischen Reichtums der Insel geht der Legende nach auf eine Mutter und ihre Söhne zurück. Bei einer Hungersnot entschied sie sich, sich selbst zu opfern und bat ihre Kinder, ihren Kopf abzutrennen und ihn in den Norden zu werfen. Der geteilte Körper sollte jeweils nach Osten und Westen geworfen werden, die Füße gen Süden. Die Kinder taten wie ihnen befohlen und als sie am nächsten Morgen aufwachten entdeckten sie im Norden einen großen Berg, im Osten und Westen jeweils üppige Gärten, die sie mit Nahrung versorgen sollten. Im Süden breitete sich ein mit Flüssen durchzogenes Land aus. So wurde der Berg, als Kopf ihrer Mutter, zum heiligsten Element des Glaubens der Amung. Es ist auch der Ort, zu dem die Geister der Toten wandern, und von dort aus Wache halten. In verschiedenen traditionellen Zeremonien wird der Berg verehrt und ihm Opfer gebracht. Dieser Entstehungsgedanke zeigt, dass ihre Umwelt gleichzeitig ihre Mutter ist, alles eine Seele in sich trägt und deshalb geschützt werden muss. (ABRASH 2012: 19; Cook 1995: 386-387; PETER 1995: 388)

Tom Beanal, ein wichtiger Stammesführer der Amung, sagt in einer Rede von 1996 in Louisiana:

This story tells us that if the mountains and nature are harmed, our mother is hurt as well. The mountain we see as our mother is sacred. It is where the souls of men go when they die. We keep this place holy and worship it in our traditional ceremonies.

The Amungme live on the land thought to reach from the mother’s neck to her navel. This is the place closest to her. It is near her milk, and is where the people can lean on and be protected by her shoulder. It is where children can sleep in her lap.3

Es ist somit die größte Pflicht eines jeden Amung-Mitgliedes die Harmonie zwischen den drei Elementen des Lebens zu wahren: den Menschen, der Umwelt und der Verbindung mit den Ahnen. Der Wald ist für alle Papua die Heimat der Geister, Ort der Begegnung mit den Ahnen, sowie Teil der Gemeinschaft aus belebter und unbelebter Natur. Die Ahnenwelt wird zum Identitätsstifter der Gruppe, denn in ihr lebt die komplette Geschichte einer schriftlosen Gesellschaft. Dies erfordert ständige Kommunikation, ein immer wieder stattfindendes mit- einander in Verbindung treten. Ihren Ausdruck findet diese Beziehungspflege in Ritualen.

Dies kann auch auf die Kamoro übertragen werden. Auf Grund der Exponiertheit in den Tieflandebenen konnte sich die Christianisierung verstärkt durchsetzen. Der ursprüngliche Glaube konnte nicht in dem Maße gewahrt werden, wie bei den Amung. Trotzdem kommt er noch in traditionellen Ritualen und vor allem in der Kunst der Kamoro zum Vorschein. (MULLER 2000)

3.4 Landrecht

Land ist die Quelle des Lebens und ein enorm wichtiger traditioneller Faktor im Leben der Amung. Die traditionelle Landverteilung der Amung innerhalb der verschiedenen Gruppen wird durch das Fluss- bzw. Talsystem bestimmt. Die 17 Täler des südlichen Sudirman- Gebirges formen die Identität von 17 Gruppen. Eine Gruppe bewohnt ein Tal. (COOK 1995: 47, 63-64) Das Recht der direkten Landnutzung wird durch Familien und Clans bestimmt. Jede Patrilineare besitzt sein eigenes Land, worin wiederum eine einzelne Person das Recht zur Nutzung jeglicher Art hat. Diese Rechte können nur von Vater zu Sohn weiter gegeben werden. Eigenes Land darf nicht verkauft oder vermietet werden. Wenn ein Anspruch zur Landnutzung erhoben wird, muss dieser zuerst von allen Älteren abgesegnet werden. Die Erlaubnis steht im Geiste der Großzügigkeit und vor allem Gegenseitigkeit. Bei Land- übernahme für beispielsweise eine Schule oder die kommunale Nutzung bleibt dem ursprünglichen Besitzer weiterhin das Recht am Profit, der eventuell daraus geschlagen wird. (COOK 1995: 64, 214, 218-220; MCKENNA 2016: 72; LEITH 2003: 97)

Die ursprüngliche Landverteilung der Kamoro ist wenig erforscht und kann daher nicht behandelt werden. Zudem kann bei einer Halbsesshaftigkeit auch nicht unbedingt von einer festen Regelung ausgegangen werden. Es muss jedoch erwähnt werden, dass ihre traditionelle Landverteilung schon durch die erwähnte frühe Beeinflussung zunächst durch die Niederländer und später durch Transmigranten aufgelöst wurde. Die Amung, die im Konzessionsgebiet Freeports leben, konnten hingegen durch ihre isolierte Lage bis zur Ankunft des Konzerns ihre traditionelle Landverteilung beibehalten.

4. Freeport auf West Papua

Der westliche Teil Neuguineas ist eine der ressourcenreichsten Regionen der Welt. Er besitzt unter anderem Kupfer-, Gold-, Öl- und Gasvorkommen und nimmt so eine wirtschaftlich und strategisch wichtige Rolle für Indonesien ein. Seine Ressourcen standen immer schon im Visier internationaler Unternehmen. Für seine Gold- und Kupfervorkommen interessierte sich vor allem der 1912 in Freeport, Texas gegründete amerikanische Bergbaukonzern, Freeport Sulphur Company. (HEIDBÜCHEL 2007: 151)

Im Folgenden werden die Entdeckungen der Ertsberg-Mine sowie der Grasberg-Mine erläutert, des weiteren die Inhalte der Abbauverträge, der Weg Freeports zum größten Steuerzahler Indonesiens sowie dessen Verstrickungen mit dem indonesischen Militär.

4.1. Entdeckung der Ertsberg-Mine

Die Mine wurde 1936 von dem niederländischen Geologen Jean-Jaques Dozy bei einer alpinistischen Expedition in dem von tropischem Regenwald überwachsenen Gebiet entdeckt. Er stieß damals auf zwei auffallende Objekte, „nämlich ein schwarzer Berg aus Kupfererz, den ich Ertsberg nannte, und eine weitere morphologische Anomalie mit Erzindikationen, der ich den Namen Grasberg gab.“ (DOZY 2002: 74) Seine Aufzeichnungen und der Erzprospekt gerieten jedoch durch den Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit und wurden erst im Jahre 1960 durch Forbes Wilson, der als Geologe für Freeport tätig war, wiederentdeckt. Freeport war zu diesem Zeitpunkt mit der Schwefelgewinnung an der Küste von Texas und Louisiana tätig, suchte jedoch eine Möglichkeit auch im Erzabbau Fuß zu fassen. Er startete Expeditionen zum Ertsberg und stellte dabei das große Potenzial des Kupferberges fest. (DOZY 2002: 75)

4.2. marriage of mutual convenience - Vorstellung der Akteure und ihrer Interessen

1965, nach dem Sturz Sukarnos und mit Machtübernahme General Suhartos, öffnete sich das Land ausländischen Investitionen. (LEITH 2003: 1-2) Freeport wandte sich mit seinem Anliegen an Jakarta und ein neues Gesetz über ausländische Investitionen ermöglichte einen Schürfungsvertrag. So begannen Verhandlungen zum Konzessionserwerb auf West Papua. Beide Seiten erwarteten, dass eine Investition Freeports profitabel für sich selbst sei und so kann man von einer marriage of mutual convencience sprechen. Im Folgenden werden die beiden Akteure bei der Abschließung des ersten Abbauvertrages sowie ihre jeweilige Interessenslage beleuchtet. (LEITH 2007: 58; RIFAI-HASAN 2009: 130)

Suharto

Eines der Hauptanliegen des Suharto-Regimes war es, nach der Abschottungspolitik Sukarnos und der seinerzeit miserablen finanziellen Lage des Landes, internationale Anerkennung und politische Unterstützung zu erlangen. Durch Auslandshilfe und ausländische Investitionen sollte die Stabilität, Entwicklung und Legitimität des Staates vorangetrieben werden. (LEITH 2003:2) So war der neuen, pro-westlichen Regierung nicht nur der politische Faktor wichtig, sondern auch der wirtschaftliche: eine political insurance policy der größten Wirtschafts- macht, den USA. Suharto hoffte, so Unterstützung für seinen Anspruch auf West Papua zu erlangen und gleichzeitig die Verantwortung der regionalen Entwicklung an Freeport abtreten zu können. Er selber wollte sich auf die Entwicklung Javas konzentrieren, wo er Reichtum und Entwicklung akkumulierte. (LEITH 2003: 13, 61, 78-79; MCKENNA 2016: 57)

Freeport / die amerikanische Regierung

Auf der anderen Seite stand Freeport vor einem gewagten und äußerst riskanten Projekt. In einer absolut unerschlossenen Region eine so hohe Investition zu tätigen, die sich noch dazu in einer sehr unsicheren politischen Lage befindet. Die Unsicherheit lässt sich auch durch die schlechte Erfahrung der Freeport Nickel Company, einer Tochtergesellschaft Freeports, auf Kuba erklären. Im Jahre 1960 musste sie ihre Mine in Moa Bay an den kubanischen Staat abgeben. Als Grund wurden das veränderte kubanische Minengesetz und die damals aktuellen Entwicklungen auf Kuba genannt. Trotz dieser schlechten Erfahrung, in einem politisch unsicheren Land zu operieren, entschied man sich für eine Investition auf West Papua. Diese Entscheidung wurde, neben dem enormen Erzprospekt, stark durch die engen Beziehungen Freeports zur amerikanischen Regierung beeinflusst. Denn Washington hatte großes Interesse daran, Einfluss in dem ‚neuen’, wichtigen Land zu gewinnen und vor allem ein anti- kommunistisches Regime zu unterstützen. So bot die amerikanische Regierung an, Freeports Verbindung mit Jakarta mit einem Darlehen im Wert von 60 Millionen Dollar zu unterstützen. Es wurde von Kreditagenturen zur Verfügung gestellt und somit die Durchführung des Projektes ermöglicht. (LEITH 2003: 58; RIFAI-HASAN 2009: 131)

4.3 Contract of Work I, 1967

„The legal basis for an agreement was vague, and Irian Jaya’s national status was still subject to a forthcoming act of self-determination.“ (Nils Kindwell zit. nach LEITH 2003: 60)

[...]


1 Philippine Alliance of Human Rights Advocates (PAHRA) ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation auf den Philippinen. Es ist eine Vereinigung von Einzelpersonen, Institutionen und Organisationen, welche sich der Unterstützung, dem Schutz und der Anwendung von Menschenrechten auf nationalem und internationalem Level widmen.

2 In dieser Arbeit wird bewusst die Stammesbezeichnung ‚Amung’ verwendet, obwohl in vielen Quellen meist von ‚Amungme’ gesprochen wird. MULLER (2000) und COOK (1995: 45-46) zufolge bedeutet das Suffix ‚-me’ in ‚Amungme’ jedoch lediglich ‚Mann’, also ein männliches Mitglied der Gruppe. Ein weibliches Stammesmitglied wäre dann als ‚Amungin’ zu bezeichnen.

3 Tom Beanal, Vorwort in KENNEDY 1998: 1

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Freeport, Bergbau und Entwicklungsaggression auf West Papua, Indonesien
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Südostasien)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
56
Katalognummer
V343582
ISBN (eBook)
9783668344174
ISBN (Buch)
9783668344181
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
West Papua, Bergbau, Freeport, indigenes Recht, Amungme, Kamoro
Arbeit zitieren
Patricia Leitl (Autor), 2016, Freeport, Bergbau und Entwicklungsaggression auf West Papua, Indonesien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343582

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