Die Geschichte des aus der Heimat vertriebenen Herzog Ernst, der im fernen Orient zahlreiche Abenteuer erlebt, gehört zu den beliebtesten mittelalterlichen Prosastücken. Nur von wenigen mittelalterlichen Epen kann man sagen, dass sie bis in die Neuzeit hinein beliebt blieben. Ein Großteil der bekannten Dichtung, wie die Artusromane, erlangte erst mit der Romantik eine Wiederbelebung. Die Dichtung des Herzog Ernst jedoch wurde durch die Jahrhunderte immer wieder neu bearbeitet. Die Beliebtheit des Stoffes ist bis heute ungebrochen. Der Fokus dieser Arbeit richtet sich auf den Mittelpunkt der Dichtung, den Wunderwesen, denen Ernst im Orient begegnet; Die Forschung ist sich über deren Herkunft noch immer uneins. Unter Verwendung bislang noch nicht berücksichtigter Quellen stellt diese Arbeit den Versuch dar, die Wunderwesen einzuordnen und einen Bezug zum Horizont und dem Wissen des mittelalterlichen Dichters herzustellen.
Die Darstellung der Wunderwesen bietet Raum für weitere Interpretationsansätze. So wird es im Handlungsverlauf evident, dass der Dichter die Orientfahrt als Bußfahrt konzipierte, nachdem Herzog Ernst sich durch den Kampf gegen den Kaiser Schuld aufgeladen hat. Dies lässt sich sowohl durch die Darstellung der Wunderwesen, als auch Ernsts Verhalten ihnen gegenüber nachweisen. Besonders ausführlich möchte ich auf die Grippia Episode eingehen, da sich hier zum einen die unterschiedlichsten Quellenansätze herausgebildet haben, und sich zum anderen die Phantasie des Dichters und seine Eigenleistung in der Formulierung der wunderlichen Eigenschaften am deutlichsten zeigt. Der Autor des Textes ist unbekannt, ebenso seine genaue Entstehung. Die ältere Foschung ordnete „Herzog Ernst“ in die Gattung der Spielmannsdichtung ein, was neuere Forschungen jedoch widerlegen. Hans Naumann fand heraus, dass nicht die Spielleute, die die Lieder vortrugen die Verfasser der Stücke waren, sondern zumeist Geistliche. Dafür spricht nicht zuletzt, dass der Autor des Herzog Ernst über ein umfassendes kulturelles Wissen verfügt haben muss, was das Orientbild im Mittelalter, antike Dichtung und die deutsche Reichsgeschichte angeht. Zudem ist der Weg des Herzogs und seinem Gefolge in den Orient nach Art der historiographischen Romane sehr detailliert beschrieben und entspricht dem tatsächlichen Weg der Kreuzfahrer.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Aufbruch in den Orient
2.1. Ernsts Vertreibung
2.2. Über die Ritterpfichten
3. Der Kreuzzungsweg
3.1. Der Weg in den Orient
4. Die Wunderwesen und ihre mutmaßlichen Quellen
4.1 Zur Tradition der Wunderwesen
4.2 Grippia
4.2.1 Die Grippianer – Mischwesen aus der Phantasie des Dichters?
5. Motive aus der mittelalterlichen, orientalischen und antiken Tradition
5.1 Das Lebermeer und der Magnetberg
5.2 Der Fund des Weisen
5.3 Das Land der Arimaspi
5.4 Die Pygmäen und ihr Kampf gegen die Kraniche
5.5 Das Land Canaan
6. Schlussbemerkung
7. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Rolle und Herkunft der Wunderwesen im „Herzog Ernst“ vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Rezeption. Das primäre Ziel ist es, unter Einbeziehung bisher nicht berücksichtigter Quellen zu klären, wie diese Wesen einzuordnen sind und in welcher Beziehung sie zum Wissenshorizont des unbekannten Autors sowie zur ritterlichen Bußfahrt Ernsts stehen.
- Analyse der ritterlichen Tugenden und der Funktion der Orientreise als Bußfahrt.
- Untersuchung der Quellenlage für Wunderwesen durch Vergleich mit antiken und mittelalterlichen Texten (u.a. Lucidarius, Alexanderlied, Aeneas).
- Detailbetrachtung der Grippia-Episode und der möglichen Verbindung zu den Harpyien.
- Einordnung der Wunderwesen als Mittel zur Steigerung des ritterlichen Glanzes von Herzog Ernst.
- Vergleich der Darstellung von Fabelwesen mit orientalischen und biblischen Traditionen.
Auszug aus dem Buch
4.3 Die Grippianer – Mischwesen aus der Phantasie des Dichters?
Mischwesen aus Mensch und Tier werden schon in der Antike, bis zurück zur pharaonischen Literatur beschrieben. Die deutsche mittelalterliche Literatur findet Mischwesen im Lucidarius, wo Menschen mit Hundsköpfen beschrieben werden: „in ist das houbet gescaffen nach den hunden [...] und so sie sprechin wellint, so bellent sie alse die hunde“ - auch diese Hundsköpfe werden nicht verstanden, wie auch die Grippianer eine dem Herzog und der indischen Prinzessin unverständliche Sprache sprechen – offenbar ein Merkmal ihrer Andersartigkeit als Nicht Christen.
In der pharaonischen Mythologie wird Thot, der Schutzgott des Mondes, der Künste und der Wissenschaften, mit einem Ibiskopf dargestellt.
Die Quellen der Grippianer sind in der Forschung bis heute nicht belegt. Es wird somit nicht ausgeschlossen, dass sie der Phantasie des Verfassers zuzuschreiben sind.
Im dritten Gesang des Aeneas von Vergil findet sich allerdings eine Episode, die m. E. der von Herzog Ernst in Grippia sehr ähnlich ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Beliebtheit des Herzog Ernst-Stoffes und stellt die Forschungsfrage nach der Herkunft der Wunderwesen sowie deren Funktion im Kontext einer ritterlichen Bußfahrt.
2. Der Aufbruch in den Orient: Dieses Kapitel analysiert die Beweggründe Ernsts, die sowohl durch seine Vertreibung als auch durch die religiöse Notwendigkeit zur Buße gegenüber dem Kaiser und Gott geprägt sind.
3. Der Kreuzzungsweg: Hier wird der geografische Verlauf der Reise beschrieben, wobei aufgezeigt wird, dass die mittelalterliche Kartografie eher ein religiöses Weltbild als tatsächliche Geografie widerspiegelt.
4. Die Wunderwesen und ihre mutmaßlichen Quellen: Dieser Abschnitt widmet sich der Tradition der Wundervölker und analysiert spezifisch die Darstellung und Quellen der Stadt Grippia sowie ihrer Bewohner.
5. Motive aus der mittelalterlichen, orientalischen und antiken Tradition: Hier werden einzelne Motive wie der Magnetberg, der Fund eines Weisen, Arimaspi, Pygmäen und Riesen in ihren jeweiligen literarischen und antiken Zusammenhängen untersucht.
6. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass die Wunderwesen nicht bloßer Unterhaltung dienen, sondern den moralischen Glanz des vorbildlichen Ritters Ernst im Verlauf seiner Reise hervorheben.
7. Literatur: Verzeichnis der herangezogenen Primär- und Sekundärliteratur zur Datierung, Analyse und Interpretation des Herzog Ernst.
Schlüsselwörter
Herzog Ernst, Mittelalter, Wunderwesen, Spielmannsdichtung, Rittertugenden, Grippianer, Arimaspi, Orientbild, Bußfahrt, Lucidarius, antike Tradition, Höfische Kultur, Quellenkritik, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und Herkunft der Wunderwesen im mittelalterlichen Epos „Herzog Ernst“ im Kontext der Orientreise des Protagonisten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Neben der Herkunftsforschung der Wunderwesen liegt ein Schwerpunkt auf dem ritterlichen Tugendsystem, der Funktion der Orientfahrt als Bußgang und der intertextuellen Analyse zu antiken und mittelalterlichen Vorlagen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu zeigen, dass die Wunderwesen eine über die bloße Kuriosität hinausgehende erzählerische Funktion haben, indem sie den Wandel und die moralische Größe von Herzog Ernst verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Quellenanalyse, den Vergleich mit zeitgenössischen Texten (z.B. Lucidarius, Alexanderroman) und die Interpretation der ritterlichen Ethik.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der einzelnen Wunderwesen-Episoden, ihrer antiken Bezüge und der Einbettung in das höfische Weltbild.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Herzog Ernst, Wunderwesen, Ritterlichkeit, Bußfahrt, antike Mythenrezeption und mittelalterliche Literaturgeschichte.
Welche Rolle spielt die Grippia-Episode für die Argumentation?
Sie dient als Kernbeispiel, um die kreative Leistung des Dichters und seine Abweichung von traditionellen Mustern zu analysieren, wobei Parallelen zu Vergil diskutiert werden.
Warum wird Ernsts Kampf gegen die Wunderwesen als „Glanz“ interpretiert?
Die leichte Bewältigung der Abenteuer unterstreicht seine ritterliche Tugend und moralische Überlegenheit, was ihn als „milites Christi“ rehabilitiert.
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- Nadia Hamdan (Author), 2003, Die Rolle der Wunderwesen und ihre Quellen im Herzog Ernst B, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34362