Textimmanente Interpretation des Sonetts "An die Welt" von Andreas Gryphius


Ausarbeitung, 2016
8 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung

II Hauptteil

Textquelle:

Sekundärliteratur:

I) Einleitung

In dem vierstrophigen Gedicht vom Andreas Gryphius „An die Welt“ aus der Epoche des Barock wird das menschliche Leben metaphorisch als Schifffahrt beschrieben. Das Schiff steht für die Lebensfahrt des Menschen auf dem Meer der Welt.

Das in der Epoche des Barock bekannte Motiv des „Memento mori“, welches übersetzt „Gedenke zu sterben“ bedeutet, taucht insofern im Gedicht auf, als an mehreren Stellen anklingt, dass das menschliche Leben jederzeit durch Schicksalsschläge vorschnell und ungewollt zu Ende gehen kann.

II Hauptteil

Das vorliegende Gedicht in vier Strophen besteht aus zwei Quartetten und zwei Terzetten. Das Gedicht hat insgesamt 14 Verse, da ein Quartett jeweils immer aus vier Versen, ein Terzett immer aus jeweils drei Versen besteht. Das durchgängige Metrum des Gedichts ist ein sechshebiger Jambus mit Mittezäsur. Es handelt sich somit um einen Alexandrinervers. Bei einem vierstrophigen Gedicht in dieser strenggeregelten Form handelt es sich um ein Sonett. Die beiden Quartette weisen als Reimschema den umschließenden Reim (abba) auf. In den beiden Terzetten gibt es jeweils einen Schweifreim (ccd, eed). Entsprechend dieser beiden Reimschemata werden unterschiedliche Reimformen verwendet, d.h., die Reimwörter sind entweder ein- oder zweisilbig. In den a- und d-Versen­Ve gibt es nur einsilbigen, männliche, stumpfe Reime (z. B. „Spiel“, V. 1), in den b- und c-Versen hingegen nur zweisilbige, weibliche, klingende Reime (z. B. „getrennet“, V. 2).

Hauptsächlich stammt das im Sonett verwendete Vokabular aus dem Bereich der Schifffahrt und steht metaphorisch für den Bedeutungsbereich des vorschnell drohenden Todes.

In der ersten Strophe steht das Schiff, wie schon erwähnt, für das Leben des Menschen, der als Steuermann eine Lebensfahrt auf dem Meer der Welt vollbringt. Das lyrische Ich spricht darüber, welchen Kampf sein Lebensschiff auf offener See bestehen muss, da es auf dem Meer unzähligen verschiedenen Gefahren und Stürmen ausgesetzt ist („Mein oft bestürmtes Schiff“, V. 1), denen es machtlos gegenübersteht: Es wird so zum Spielball der Elemente („der grimmen Winde Spiel“, V. 2). Die Naturelemente, die diese Gefahren hervorrufen, werden vom lyrischen Ich durchweg personifiziert, um deren übergroße Macht zu demonstrieren. Genannt werden die „Winde“ (V. 1), die „Wellen“ und „die Flut“, V. 2). Somit werden den Elementen Adjektivattribute, die eigentliche menschliche Eigenschaften beschreiben, zugeordnet. Das lyrische Ich bezeichnet die Elemente gar als „grimmig“ oder „frech“ (V. 1f.), wodurch es den Naturelementen bewusst zerstörerische Absichten zuschreibt.

Das Schiff als Spielball der Wellen und der Winde zerbricht fast an der übermächtigen Flut (V. 2). Diesem Wüten der Natur und ihrer Elemente entsprechen, übertragen auf den menschlichen Bereich, schicksalhafte Ereignisse wie Armut, Not, Elend, Krankheit, Krieg oder der Verlust geliebter Mitmenschen, die der einzelne Mensch machtlos hinnehmen muss.

Im Sonett werden diese den Menschen bedrohenden Gefahren bzw. Schicksalsschläge in einem parataktischen, asyndetischen Satzbau schnell hintereinander aufgezählt, um in einer Akkumulation die Drastik der Gefahren, die das Schiff und somit den Menschen auf seinem Lebensweg bestürmen, zu erhöhen. Dies unterstreichen auch die beiden je zweimal verwendeten Anaphern „der“ (V. 1f.) und „das“ (V. 2).

In den Versen 3 und 4 wird die Folge der auf das Schiff bzw. den Menschen einstürmenden Gefahren genannt. Das Schiff wird durch einen Vergleich als „schneller Pfeil“ (V. 3) beschrieben, der nun vorschnell in den sicheren „Port“ (V. 4) einläuft. Das lateinische Wort portus, was übersetzt „Hafen“ bedeutet, steht metaphorisch für einen sicheren Ort, an dem alle Not des lyrischen Ich ein Ende haben wird. In der Lyrik des Barock kann der auf Erden gebeutelte und geplagte Mensch nur in Gottes himmlischem Reich im Jenseits mit einer Entschädigung für seine irdischen Qualen rechnen. Nur so ist es zu erklären, dass das lyrische Ich über das vorschnelle Einlaufen seines Schiffes in den sicheren Hafen, was ja immerhin mit dem Ende seines Lebens gleichgesetzt werden muss, nicht verzweifelt, sondern stattdessen ausdrücklich bemerkt, dass seine Seele sich regelrecht danach sehne ([…], den meine Seele will“, V. 4).

Wie auch schon im Sonett „Die Vergänglichkeit der Schönheit“, taucht auch in diesem Gryphius-Sonett das Zeitmotiv auf. Es wird deutlich, dass das lyrische Ich den Tod als Erlösung begreift und das Leben lediglich als eine Bewährungsprobe für ein besseres Leben im Jenseits ansieht. Die Seele hofft bei ihrem Eingang ins Jenseits auf die Glückseligkeit bei Gott und vermittelt dem Leser eine an christlichen Grundsätzen orientierte Lebenseinstellung.

Im zweiten Quartett setzen die Verse 5 und 6 die begonnene Aufzählung der Schicksalsschläge fort, und das lyrische gibt zu erkennen, dass außer ihm selbst auch andere Menschen vor diesen nicht gefeit sind. Es benutzt deshalb nicht mehr die 1. Person Singular („Mein“, V. 1), sondern die 1. Person Plural („wenn uns […]“, V. 5). Durch weitere Metaphern aus der Schiffssprache wird verdeutlicht, dass der Mensch sich zu keiner Zeit in Sicherheit vor dem Zugriff des Schicksals wiegen dürfe. Das Schicksal schlägt unerbittlich jederzeit zu, auch im mittleren Lebensalter, wenn der Mensch eigentlich auf der Höhe seiner Entwicklung ist. („[…],wenn uns schwarze Nacht im Mittag überfiel“, V. 5). Schon oft hat das lyrische Ich selbst einen solchen plötzlichen Schlag erfahren und wäre dabei beinahe untergegangen („hat der geschwinde Blitz die Segel schier verbrennet“, V. 6). Dieses knappe Entkommen verdeutlicht auch die Alliteration „Segel schier“ (V. 6). Nacht und Blitz sind gleichzeitig auch Personifikationen, da ihnen das lyrische Ich bewusstes und absichtliches Handeln unterstellt, was eigentlich nur für Menschen typisch ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Textimmanente Interpretation des Sonetts "An die Welt" von Andreas Gryphius
Autor
Jahr
2016
Seiten
8
Katalognummer
V343688
ISBN (eBook)
9783668338562
ISBN (Buch)
9783668338579
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich bin freiberufliche Nachhilfelehrerin mit eigenem Nachhilfeinstitut und habe die Interpretation textimmanent im Rahmen einer Deutschnachhilfestunde für einen Schüler der 11. Klasse verfasst. Die Interpretation ordnet das Sonett mit seinen typischen Merkmalen in die Zeitumstände der Epoche ein und geht nach der Interpretation der Frage nach dem Aktualitätsbezug nach.
Schlagworte
textimmanente, interpretation, sonetts, welt, andreas, gryphius
Arbeit zitieren
Heike Dilger (Autor), 2016, Textimmanente Interpretation des Sonetts "An die Welt" von Andreas Gryphius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343688

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