Der arthurische Tristan. Vergleich der Werke Hartmanns von Aue mit der Tristan-Erzählung Gottfrieds von Straßburg


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Der Dichter und seine Zeit
2.1 Gottfried von Straßburg
2.2 Hartman von Aue

3) Der arthurische Tristan
3.1 Das arthurische Handlungsstrukturmodell
3.2 Tristans Entführung als erste âventiure ?
3.3 Die beiden Irlandfahrten

Fazit

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Vor Jack und Rose gab es Romeo und Julia, aber noch einmal 400 Jahre davor entstand ein Text, der es mit seiner Dramatik und seiner literarischen Ausführung um ein Liebespaar ohne Weiteres mit Shakespeare oder der Verfilmung von Titanic aufnehmen kann.

Die Rede ist von ‚Tristan‘, dem um 1200 entstandenen wichtigsten Werk von Gottfried von Straßburg.

Zu vielen Besonderheiten des Werkes gibt es bereits eine Fülle an Forschungsliteratur. Angefangen vom Tabubruch des Ehebruches, bis hin zu Spekulationen über das Ende des von Gottfrieds unvollendeten Werkes. Doch diese Arbeit nimmt einen bisher weniger beachteten Bereich als Betrachtungsgegenstand. Hartman von Aue, ein Zeitgenosse Gottfrieds und ebenfalls einer der bedeutendsten Dichter seiner Zeit, schrieb zur ungefähr gleichen Zeit die wichtigsten deutschen Artusromane ‚Iwein‘ und ‚Erec‘. Nun könnten beide Autoren einzeln betrachtet werden, aber das genaue Gegenteil ist die Idee hinter dieser Arbeit.

Wie viel Artusroman steckt in der Tristan-Erzählung von Gottfried von Straßburg?

Warum sich diese Frage überhaupt stellt ist einleuchtend: Zum Einen ist Tristan in allen Artusromanen ein Teil der Tafelrunde, er tritt dort als Ritter neben u.a. Lancelot auf, daher ist im Umkehrschluss eigentlich zu erwarten, dass der Artushof auch im ‚Tristan‘ eine entscheidende Rolle spielt, dem ist aber nicht so. Die zweite Begründung für die Fragestellung liefert Gottfried selbst, indem er Hartman als sein großes Vorbild bezeichnet und ihn über alle Maßen lobt. Logisch wäre es dann, einen nach Hartmans Vorbild aufgebauten Artusroman zu erwarten, aber genau das liefert Gottfried nicht. Er hat die besten Voraussetzungen, seinem ‚Tristan‘ etwas arthurisches zu verleihen, ja sein Werk scheint wie schon ausgeführt prädestiniert dafür.

Da es auf den ersten Blick allerdings so wirkt, als würde sich der ‚Tristan‘ vollkommen vom Artushof abwenden, möchte diese Arbeit untersuchen, ob es wirklich der Fall ist oder ob nicht doch etwas arthurischen im ‚Tristan‘ steckt.

Um diese Frage zu beantworten, wird die Arbeit zunächst einen kurzen Blick auf die Dichter und ihre Texte werfen. Den Hauptteil bildet dann eine Gegenüberstellung der Handlungsstrukturmodelle des ‚Tristans‘ und der Werke Hartmanns ‚Erec‘ und ‚Iwein‘.

2) Der Dichter und seine Zeit

Bevor mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden kann, bedarf es einer kurzen Einordnung. Sowohl Gottfried von Straßburg als auch Hartman von Aue sollen im folgenden Kapitel kurz betrachtet werden. Ohne diese Einordnung sind das Verständnis sowie das Arbeiten mit den Werken der beiden Autoren kaum möglich.

2.1 Gottfried von Straßburg

Obwohl der ‚Tristan‘ zu einem der größten Texte der mittelhochdeutschen Dichtung zählt, ist über seinen Autor selbst kaum etwas bekannt. Die aktuelle Forschung kann sich daher nur auf Erwähnung Gottfrieds in anderen Texten stützen sowie seine Äußerungen in seinem eigenen Werk. Als gesichert gilt daher, dass Gottfried von Straßburg aus dem Elsass stammte, seinen ‚Tristan‘ um 1210 verfasste und höchstwahrscheinlich kurz darauf verstorben ist.[1] Nach dem aktuellen Forschungsstand existieren „insgesamt 28 Textzeugen: 11 vollständige Handschriften und 17 Fragmente. […]Drei Viertel der erhaltenen Zeugnisse stammen aus dem 13. und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, d.h. aus jenem Zeitraum in dem noch mittelhochdeutsche Versromane gedichtet wurden.“[2] Die heutige Forschung nimmt an, dass der Stoff der Tristanerzählung aus zahlreichen Quellen entwickelt wurde. Sicher scheint jedoch, dass sich Gottfried auf die fragmentarische erhaltene altfranzösische ‚Tristan‘ Version des Thomas von Bretagne stützt.[3] Diese Annahme beruht auch auf Gottfrieds eigenen Worten:

als Thômas von Britanje giht,

der âventiure meister was […]

Als der von Tristande seit,

die rihte und die wârheit

begunde ich sêre suochen

in beider hande buochen

walschen und latînen (Tristan 150-160)

2.2 Hartman von Aue

Ein ritter sô gelêret was

daz er an den buochen las

swaz er dar an geschriben vant:

der was Hartman genant,

dienstman was er ze Ouwe (Heinrich 1-5)

Mit diesen Worten, beschreibt Hartman von Aue sich selbst zu Beginn seines Werkes ‚Der arme Heinrich‘. Trotz dieser Angaben und jener in anderen Werken ist auch bei ihm eine genaue Zuschreibung von Lebensort und Zeit nicht möglich. Die heutige Forschung geht davon aus, dass Hartman in der Zeit zwischen 1160 und 1205[4] gelebt hat. Die Werke von Chrétiens de Troyes dienten Hartman als Quelle für seine eigenen Werke. So entstand aus ‚Erec et Enide‘ der ‚Erec‘ aus dem Jahre 1180/1190 und aus dem ‚Yvain‘ die gleichnamige Erzählung ‚Iwein‘ vermutlich aus dem Jahre 1200. Besonders sind die Werke Hartmanns deshalb, da sie „die ersten ihrer Art in deutscher Sprache“ sind. Mit Art ist in diesem Fall der Artusroman gemeint.[5]

3) Der arthurische Tristan

3.1 Das arthurische Handlungsstrukturmodell

Für einen Vergleich der drei vorgestellten Werke gibt es mehrere Herangehensweisen. Für diese Arbeit jedoch wurde der Schwerpunkt auf die Handlungsstruktur gelegt, da ein Vergleich hier am vielversprechendsten ist. Beide Werke Hartmanns haben das gleiche Handlungsstrukturmodell, in der Forschung bekannt als der sogenannte „Doppelweg“. Was darunter zu verstehen ist wird deutlich bei der Betrachtung der Handlung:

Der Ritter, in den hier betrachteten Werken, entweder Iwein oder Erec, zieht aus um für sich selbst oder für einen Freund zu kämpfen, seine êre[6] bzw. die des Artushofes wieder herzustellen. Dieses Ausziehen zu einer ersten âventiure[7] setzt natürlich eine vorangegangene Kränkung der êre voraus. Dies spielt sich alles im Rahmen des Artushofes ab. Die âventiure wird dabei als eine gefahrvolle Fahrt in die dunkle Gegenwelt des Artushof dargestellt.[8] Auf dieser ersten âventiure Fahrt finden die Ritter nicht nur genügend Gelegenheit sich zu beweisen, sondern finden zudem die minne[9]. Mit der wiederhergestellten êre und mit einer Frau an der Hand kehren die Helden an den Artushof zurück. Damit sind der Höhepunkt der Handlung und das Ende der ersten âventiure erreicht. Durch ein selbstverschuldetes Fehlverhalten, Irwein kehrt nicht nach einem Jahr, wie er es versprochen hatte, zu seiner Laudine zurück und Erec ist so in der minne gefangen, dass er seine ritterlichen Pflichten vernachlässigt und zum Gespött seines Hofes wird, verlieren beide Ritter ihre êre erneut und sind gezwungen diese durch eine neue âventiure wieder herzustellen. Beide erkennen ihre Schuld und ziehen freiwillig aus. Wieder steht der Artushof als Abschluss und bildet das glückliche Ende beider Romane[10].

„Die Zweiteilung ist kennzeichnend für die Handlungsstruktur des frühen Artusromans (Ausgangs-, Mittel- und Endpunkt ist dabei jeweils der Artushof).“[11]

Egal ob ‚Iwein‘ oder ‚Erec‘, in beiden Werken spielt das Gleichgewicht von minne und âventiure eine wichtige Rolle. Sobald eines dieser beiden Attribute Überhand gewinnt, gerät die êre aus dem Gleichgewicht.

3.2 Tristans Entführung als erste âventiure?

Im Vergleich zur durchschaubaren Struktur, die in beiden Romanen von Hartman von Aue zwar variiert wird, sich aber dennoch am gleichen Grundgerüst orientieren, wirkt der Handlungsverlauf des ‚Tristans‘ um einiges verwirrender. Teilweise erscheint es als würde der Held von einem Unglück ins nächste stolpern.

Während es bei Erec und Iwein ein Fremdeinwirken ist, das ihre erste âventiure Fahrt herausfordert, ist es aber trotzdem eine freiwillige Entscheidung. Bei Tristan „ist es die âventiure in Gestalt des Zufalls“[12], als er an Bord des Norwegerschiffs das Schachbrett entdeckt und dann entführt wird. Es ist die Entscheidung der norwegischen Kaufleute und nicht die von Tristan, sich auf diese Reise zu begeben.

[...]


[1] Vgl. Tomas Thomasek, Gottfried von Straßburg, Stuttgart, 2007, S.43f.

[2] Ders., S.45/50f.

[3] Vgl. Horst Brunner/Mathias Herweg (Hrsg.), Gestalten des Mittelalters: Ein Lexikon historischer und literarischer Personen in Dichtung Musik und Kunst, Stuttgart, 2007,S. 446.

[4] Vgl.Wolfgang Achnitz, Deutschsprachige Artusdichtung des Mittelalters, Eine Einführung, Berlin, 2012,S.53.

[5] Ders.,S.54.

[6] Der mittelhochdeutsche Begriff êre ist nicht gleichzusetzen mit dem heutigen Wort Ehre. Vielmehr ist es eine Norm, die ein höfischer Ritter erfüllen muss. Êre, kann erkämpft und vermehrt werden aber auch verloren und verletzt. „War die männliche [ êre ] durch die Begriffe arbeit und manheit bestimmt, so die weibliche durch zuht und schoene.“ Otfried Ehrismann: Ehre und Mut – Aventiure und Minne – Höfische Wortgeschichte aus dem Mittelalter, München, 1995, S.68.

[7] Eine nähere Definition dieses Begriffs wird an anderer Stelle angebracht.

[8] Vgl. Anina Barandun, Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Strassburg: zwei Liebende und ein Dritter, Tübingen u.a., 2009,S.51.

[9] „Die Semantik des Wortes minne umgriff nicht nur die höfische Liebe sie reichte von schaler Freundlichkeit bis zur religiösen Ekstase.“ Otfried Ehrismann: Ehre und Mut – Aventiure und Minne – Höfische Wortgeschichte aus dem Mittelalter, München, 1995, S.137f.

[10] Wenn ich im Zusammenhang mit den Werken Hartmanns das Wort ‚Roman‘ benutze so ist mir durchaus bewusst, dass es sich nicht um Romane im eigentliche Sinne, sondern um Verserzählungen handelt.

[11] Wolfgang Achnitz, Deutschsprachige Artusdichtung des Mittelalters, Eine Einführung, Berlin, 2012.S.55.

[12] Anina Barandun, Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Strassburg: zwei Liebende und ein Dritter, Tübingen u.a., 2009,S. 51.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der arthurische Tristan. Vergleich der Werke Hartmanns von Aue mit der Tristan-Erzählung Gottfrieds von Straßburg
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V343703
ISBN (eBook)
9783668336964
ISBN (Buch)
9783668336971
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tristan, Arthuer, Ritter, Arthurliteratur, höfische Literatur
Arbeit zitieren
Theresa Krien (Autor), 2015, Der arthurische Tristan. Vergleich der Werke Hartmanns von Aue mit der Tristan-Erzählung Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343703

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