Die Überzeugungen der Tiere. Bemerkungen zum Begriff


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

I. Hinführung

II. Sprache und Denken

III. Davidsons rationale Lebewesen

IV. Der Begriff der Überzeugung bei Stephen Stich

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

I. Hinführung

Die Frage danach, ob Tiere denken können, oder ob sie einen Geist besitzen, ist eine, welche der Philosophie noch zum Teil überlassen wurde. Dass es den PhilosophInnen keinerlei großer Anstrengungen bedarf Menschen von Gegenständen ontologisch abzugrenzen, ist trivial. Ferner der Vergleich zwischen Menschen und Pflanzen. Selbst hier scheint es keine Schwierigkeiten zu geben. Der Mensch begreift sich seit Aristoteles als vernunftbegabtes Lebewesen. Diese aristotelische Vernunft (nous) ist ein Teil des Seelenvermögens und grenzt Menschen klar von Pflanzen und Tieren ab.

Aristoteles bereits sprach den Tieren ein vernünftiges Vermögen ab und geriet so in Erklärungsnot[1]. Um die offensichtlichen Fähigkeiten der Tiere, wie Empfindungen, Erinnerungen und Absichten erklären zu können, musste er den Bereich der sinnlichen Wahrnehmung stark ausdehnen. Der Versuch der aktuellen Debatte auf dieser Schussfahrt zu Wenden ist notwendig und rollt die Frage danach, ob wir Tieren einen Geist zuschreiben sollen, neu auf. Wir neigen dazu, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wo wir Tiere in unserem System zwischen den unvernünftigen Pflanzen und den, mit Geist ausgestatteten Menschen einordnen sollen. Unsere Einstellung dazu scheint in vielen Bereichen von größter Wichtigkeit zu sein. Denken ist eine Fähigkeit, welche nur Lebewesen zukommt, die einen Geist besitzen. Dieser Geist steuert die Handlungen des Lebewesens und tritt in verschiedensten Abstufungen auf. Was aber sind die wichtigsten Kriterien für den menschlichen Geist? Zum Geist gehören Bewusstsein, also das, Sich-Selbst-Bewusstsein von beispielsweise Schmerz, intentionale Zustände, wie Etwas zu erwarten oder sich Etwas zu wünschen und ebenso logisches und begriffliches Denken. Kommen einige oder alle diese Dimensionen auch dem tierischen Geist zu? Jedem Lebewesen kommt seine eigene Version von Geist zu und somit verändert sich die Frage danach, ob Tiere einen Geist haben. Eine reflektiertere Frage lautet: „Welches Tier besitzt welche Art von Geist?“[2]

Unsere Einstellung zu diesem Thema ist für viele Bereiche essentiell. Denken wir an Tierethik, Veganismus und verwandte Denkrichtungen so ist klar, dass eine philosophische Antwort, wenn auch nicht definitiver Art, Auswirkungen haben wird auf unseren täglichen Umgang mit Tieren. Jedoch ist unter Rücksichtnahme auf Humes Gesetz[3] Vorsicht geboten. Selbst wenn man kulturell eben darauf konditioniert ist, derlei Fehlschlüsse voreilig zu ziehen, dürfen wir nicht in die Falle des naturalistischen Fehlschlusses tappen. Wenn wir einem Tier eine gewisse Art von Geist zuschreiben, so folgt daraus nicht, dass es (aus ethischer Sicht) schützenswert ist. Es muss zur rein deskriptiven Tatsachenaussage noch eine weitere Prämisse hinzukommen, die ihrerseits wieder begründet werden muss, um schließlich eine ethisch normative Aussage treffen zu können.

Im Verlauf meiner Arbeit werde ich näher konkretisieren, ob, und wenn ja, in welcher Weise wir Tieren einen Geist zuschreiben können und in welcher Art und Weise sich Menschen von Tieren abgrenzen. Der Begriff der Überzeugung wird anhand der beiden Texte von Donald Davidson und Stephen Stich das Zentrum meiner Betrachtung bilden. Eine weitere Frage wird sein ob, und wenn ja in welcher Form wir Tieren begriffliches Denken zuschreiben können. Einleitend beginne ich im ersten Kapitel mit einer Übersicht der Verbindung zwischen Sprache und Denken.

II. Sprache und Denken

Die, ursprünglich von Descartes stammende, These, dass Denken notwendig an Sprachfähigkeit geknüpft sein muss, hat zur Folge, dass wir, diesem Gedanken folgend, tierisches Verhalten als rein kausal bestimmtes Muster festlegen. Ist es nun ein Fehlschluss anzunehmen, dass Denken nur in propositionaler Weise möglich ist? Sind Tiere, welchen man intuitiv absprechen würde, über Begriffe zu verfügen bloß funktionierende Maschinen?

Donald Davidson, mit dem ich mich im folgenden Kapitel beschäftigen werde, setzt das Haben von propositionale Einstellungen mit Denken gleich. Unter propositionalen Einstellungen will Davidson so komplexe mentale Zustände wie Empfindungen oder Wünsche verstanden wissen. Diese, so werde ich später noch ausführen, können jedoch niemals alleine auftreten, sondern befinden sich stets in einem Netz von anderen Überzeugungen. Davidsons konstruiertes Gerüst einer Definition der Rationalität besagt, dass nur Subjekte mit Sprache, Begriffen und propositionalen Einstellungen Gedanken haben können. Unterscheidungsvermögen, die Möglichkeit zur Verallgemeinerung und andere einfache mentale Zustände, gesteht Davidson ohne weiteres den Tieren zu, jedoch bedürfen diese keiner Sprache und können nicht unter der Kategorie Denken geführt werden.

Der individuelle Mensch begreift sich ganz selbstverständlich als Teil der Natur und als Teil der Tierwelt. Darwinistisch gesehen ist der Mensch, als Gattung, aus anderen Tiergattungen hervorgegangen, welche ihrerseits wieder aus anderen hervorgegangen sind.[4] Es ist also geradezu selbsterklärend, warum wir ein so großes theoretisches Eigeninteresse an der Frage entwickeln, was den menschlichen Geist denn vom tierischen (so stark) abgrenzt.

Unzählige Studien und Dokumentationen zeigen uns immer wieder unsere frappierende Ähnlichkeit zu unseren Artgenossen auf: Anscheinend intelligente Hunde, welche ihre blinden Herren über die Straße führen und im Notfall Hilfe verständigen. Ferner, so scheint es, sprechende Papageien, ferner Primaten und Schimpansen mit fantastischen emotionalen Fähigkeiten. Ungeachtet der potentiellen Länge dieser Liste, ließ sich eine geistige Fähigkeit bei Tieren niemals empirisch beobachten: jene der Sprachfähigkeit[5]. Hierzu ist es nötig darauf einzugehen, was es heißt eine Sprache zu beherrschen. Ganz theoretisch abgehandelt, müssen drei notwendige Bedingungen erfüllt sein, um davon sprechen zu können, eine Sprache zu beherrschen. Die erste Bedingung finden wir durchaus stark verbreitet ebenso in der Tierwelt an. Die Pragmatik stellt den Bereich der Verwendungssituation sprachlicher Ausdrücke dar. Darunter fiele das Kreischen von Vögeln, welche einander vor Gefahr warnen. Die Semantik ist die zweite Bedingung. Sprachliche Zeichen (Wörter, Sätze) haben eine Bedeutung, referieren also auf etwas in der Welt, nehmen auf einen Gegenstand, oder Sachverhalt Bezug. Das Verstehen der Verbindung zwischen Sprache und Welt ist daher die zweite notwendige Bedingung für das Beherrschen von Sprache. Zuletzt funktioniert Sprache nur dann, wenn sie sich innerhalb gewisser Spielregeln bewegt. Die einzelnen Wörter müssen, einer Grammatik folgend, zu Sätzen aneinander gereiht werden. Diese Regeln nennt man Syntax. Laute oder Schreie der Tiere haben ganz offensichtlich pragmatische Zwecke, ebenso würde ich einigen Tierarten, besonders Hunden zugestehen, dass sie mehrere verschiedene Laute in verschiedener Länge oder Tonlage von sich geben können und diese verschiedenen Laute, verschiedene Bedeutungen haben. Diesem Gedanken folgend, ist es nicht vermessen einigen Tierart durchaus ebenso die semantische Dimension der Sprache zuzusprechen. Was jedoch zur Gänze fehlt ist ein, bis heute, nachvollziehbares, empirisch wahrgenommenes, grammatisches System, welches Regeln dafür vorgibt, wie verschiedene Laute zu Sätzen zusammengefügt werden. Die Syntax fehlt also in der tierischen Sprache zur Gänze.

Die Beherrschung der Sprache, in allen drei notwenigen Dimensionen, als mögliches Abgrenzungskriterium heranzuziehen lässt sich, in Abstufungen, bei vielen Philosophen verorten. Nun, wenn wir den Tieren allgemein, aus heutiger empirischer Sicht, die Beherrschung einer Sprache absprechen, so gelangen wir zu der Frage, wie man die These aufrechterhalten kann, dass ihnen mentale Zustände zukommen. Wir sprechen darüber, dass den Menschen wie auch (zumindest) einigen Tierarten mentale Zustände zuzurechnen sind. In der vorangegangenen Ausführung habe ich dargelegt, dass die Beherrschung der Sprache ein wichtiges Kriterium dafür ist, Menschen von Tieren abzugrenzen. Ich will versuchen zu zeigen, wie sich diese beiden Thesen widerspruchsfrei nebeneinander existieren können.

Mentale Zustände von Tieren und Menschen müssen sich also in zumindest einem Punkt grundsätzlich voneinander unterscheiden lassen. Ich nehme an, dass dieses Merkmal sich in der Komplexität, also in deren Qualität, der einzelnen mentalen Zustände finden lassen wird. Einfache mentale Zustände, so werde ich versuchen zu zeigen, sind nicht notwendig davon abhängig, dass das Subjekt Sprachfähigkeit besitzt.[6] Es müssen also jene Gedanken, welche sich nur sprachlich fassen lassen, von jenen Gedanken, welchen sich auch unsprachlich fassen lassen, abgekoppelt werden. Diese Unterscheidung führt bereits John Searle ein, wenn er davon spricht, dass arithmetische Gedanken der Art, „371+248=619“ als einfache mentale Zustände anzusehen sind. Es erscheint ihm zwar, zumindest empirisch, wenig wahrscheinlich, jedoch logisch nicht ausgeschlossen, dass ein sprachunfähiges Lebewesen dieses Gedanken fassen könne. Wohingegen komplexe mentale Zustände notwendig der Beherrschung der Sprache, in dem von mir dargelegten Sinn, bedürfen. John Searle pointiert diese Feststellung indem er schreibt:

„This is why my dog cannot think, today is Tuesday the 26th of October.“[7]

Eine ähnliche Stelle findet sich in Ludwig Wittgensteins Philosophie der Psychologie, welches früher als zweiter Teil der philosophischen Untersuchungen bekannt war:

„Man kann sich ein Tier zornig, furchtsam, traurig, freudig, erschrocken vorstellen. Aber hoffend? Und warum nicht? Der Hund glaubt, sein Herr sei an der Tür. Aber kann er auch glauben, sein Herr werde übermorgen kommen? – Und was kann er nun nicht? – Wie mache denn ich´s? – Was soll ich darauf antworten? Kann nur hoffen, wer sprechen kann? Nur der, der die Verwendung einer Sprache beherrscht. D.h., die Erscheinungen des Hoffens sind Modifikationen dieser komplizierten Lebensform. (…)“[8]

In welcher Weise ist es uns möglich etwas geistig so komplexes zu tun wie: „Auf morgen hoffen“ ? Einfache Handlungsabsichten und einfache kognitive Zustände wie Zorn oder Furcht, so scheint es, bedürfen nicht notwendig einer Sprachfähigkeit, jedoch sind komplexere Zustände wie Hoffnung oder das Denken in kalendarischen Kategorien klar davon abhängig, dass das entsprechende Subjekt die Fähigkeit zur Sprachbeherrschung innehat. Für Wittgenstein ist die Bedingung einer komplexen Fähigkeit wie etwas „Nicht Unmittelbares“ hoffen eine komplexe Lebensform als Summe von sozialen Spielen und Sprachspielen. Das Tier, in diesem Fall der Hund nimmt jedoch nicht Teil an Sprachspielen, daher kann man von ihm nicht behaupten, er glaube, dass sein Herr übermorgen kommen wird.

Entscheidend ist die Komplexität der, beispielsweise, Erwartungen des Subjekts. Die Erwartungen eines Tieres sind einfach anzusehen, sie stehen nur in Bezug auf etwas Unmittelbares[9]. Beim Menschen sind Erwartungen teilweise viel komplexer. Hier stelle ich mir die Frage: „Kann sich ein Hund, um bei Wittgensteins Beispiel zu bleiben, etwas wünschen?“ Nach meiner Ausführung scheint es klar zu sein, dass dies ein sehr komplexer mentaler Zustand ist, welcher komplexe Gedanken und daher Sprachbegabung erfordert und somit dem Hund nicht zuzurechnen ist.

Wenn Menschen davon sprechen, dass wir uns etwas wünschen, so sind dies in der Regel nur Wünsche, welche sich auf zukünftige Sachverhalte beziehen, welche einerseits zumindest möglich, und andererseits nicht trivial notwendig sind, also mit Sicherheit eintreffen werden. Es würde keinen Sinn machen zu sagen, man wünsche sich etwas, das logisch unmöglich ist, oder man wünsche sich etwas, das notwendig eintreffen wird. Wenn wir uns außerhalb dieser beiden unmöglichen Annahmen etwas wünschen, so tun wir dies auf abstrakte Weise. Wir vergleichen unseren momentanen Zustand, oder den momentanen Zustand der Welt, mit einem möglichen zukünftigen Zustand meiner Selbst, oder der Welt. Man könnte sagen wir vergleichen die Welt wie sie (immer) ist, mit der Welt, wie sie nicht ist, aber sein könnte. Der Beherrschung der Sprache ist es geschuldet, dass wir Menschen darüber sprechen können, was wir gerade nicht sinnlich wahrnehmen, über abwesende oder noch nicht existierende Gegenstände. Ferner über mögliche zukünftige Sachverhalte; wir setzen uns Ziele in der Zukunft, wir planen und hoffen. Es wird meiner Ansicht nach gerade an dieser Stelle ganz offensichtlich, dass derlei komplexe Gedanken keinesfalls möglich sind ohne Beherrschung der Sprache im vollen Sinn. Ich unterscheide also ein bewusstes Denken, einen komplexen mentalen Zustand von einem einfachen, konditionierten, reagieren auf Reize. Auch beim Menschen ist teilweise dieses Reagieren auf Reize zu beobachten, jedoch verfügen wir über das Potential zum bewussten Denken.

[...]


[1] Dies ist meine Interpretation.

[2] Diese Überlegungen kommen vor allem bei Dominik Perler und Markus Wild vor.

[3] Hier nehme ich Bezug auf das metaethische Prinzip Humes, dass von einer rein deskriptiven Aussage (Sein) nicht ohne weiteres auf eine normative Aussage geschlossen werden kann, ohne logische Regeln zu verletzten. Dies formulierte Hume erstmals in Buch III, Teil I, Kapitel I seines „ A Treatise of Human Nature.

[4] Dieser Vorgang lässt sich nicht unendlich weiterführen. Auch für Darwin stellte sich die Frage nach dem Beginn des Lebens. Er bezieht dazu klar deistisch Stellung und bringt einen allmächtigen Schöpfergott als, sozusagen, Uhrmacher in seine Abhandlung mit ein, welcher das „erste“ Leben schuf, sich später aber in den Lauf der Welt nicht mehr einmischte. Diese sehr wichtige Bemerkung wird in der gemeinen Darwin Rezension gerne übersehen. Er schreibt dazu: „Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat, und dass, während unser Planet den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise bewegte, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.“ (Darwin, 2014, S.583)

[5] Hier ist nicht die Signalsprache der Tiere gemeint, mittels derer in pragmatischen Dimensionen, Kommunikation im Sinne des, beispielsweise, Warnens betrieben wird.

[6] Feststellungen dieser Art wurden bereits von einigen Philosophen in verschiedenen Färbungen getroffen: Armstrong, Bennett, Brandom, Cooper, Searle, Wittgenstein.

[7] Searle (2011) S. 64

[8] PU II:174a-c

[9] Unmittelbar in diesem Sinne, als es bereits einen, zeitlich vorgelagerten, empirischen Reiz gegeben hat, wie beispielsweise das Hören der Absätze des Herrn vor der Tür.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Überzeugungen der Tiere. Bemerkungen zum Begriff
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Philosophie)
Veranstaltung
Geist der Tiere
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V343771
ISBN (eBook)
9783668340381
ISBN (Buch)
9783668340398
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geist, mind, philosophy of min, philosophy of language, Perzeption, Überzeugungen, sprache, syntax, tiere, rational animals, Rationalität, Aristoteles, stich, davidson
Arbeit zitieren
Johann Stefan Tschemernjak (Autor), 2016, Die Überzeugungen der Tiere. Bemerkungen zum Begriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343771

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