Christian Krachts Zeitgeist-Magazin "Der Freund" als paratextuelle Kopie des Literaturmagazins "The Believer"


Bachelorarbeit, 2012
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung der Magazine

3. Paratextuelle Parallelen
3.1 Der verlegerische Peritext und der Aufbau
3.2 Motti & Widmungen
3.3 Zwischentitel
3.4 Das Verschweigen der Anknüpfung im öffentlichen Epitext

4. Inhaltliche Strukturen
4.1 Herausgeber-Camp
4.2 Neue Ernsthaftigkeit
4.3 Serie - Antiserie

5. Der Freund als Konstruktion
5.1 Das Kunstkonzept des Freund
5.2 Der Freund: Selbstinszenierung und paratextuelle Pastiche

6. Konklusion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Freund ist trotz seines nicht namhaften Alters bereits ein Relikt. Im Folgenden wird es die Aufgabe sein, das quasi intelligible Sujet, des im Jahr 2004 von Christian Kracht als „Magazin“ gegründetem „Werk“, zu bestimmen. Der Freund ist zwar als Magazin gedacht, aber in einiger Hinsicht nichts anderes als ein Teil im Werk Krachts. Hier beginnt die Suche nach Details. Denn gerade weil es so scheint, dass sich bei Kracht das einzelne Werk, und sei es auf den ersten Blick noch so different gegenüber den Vorgängern, lückenlos in das große Ganze einfügt, muss es kritisch betrachtet werden. Der Freund entsteht in einer Phase, in der man den gewohnten Impetus des Autors ein wenig vermisste. Nach dem Erfolg seines Romans 1979 und dem aus ihm evozierten Ende der Popliteratur, das zeitgleich mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 zusammenfiel, entstand lange Zeit nichts. Nachdem der amerikanische Schriftsteller und Herausgeber Dave Eggers 2003, in der San Francisco Bay Area, das Literaturmagazin The Believer gründet, formiert sich plötzlich auch um Kracht die Idee eine Zeitschrift herauszugeben. Innerhalb eines Jahres entsteht mit Der Freund eine unübersehbare Kopie des Believer.

Grundsätzlich erkennt man die Kopie auf den ersten Blick an der paratextuellen Oberfläche. Unter aufgreifen Gerard Genettes Theorie des Paratext, sollen im ersten Drittel der Arbeit mehrere paratextuelle Aspekte beleuchtet und miteinander verglichen werden. Denn besonders Magazine sind reich an Paratext: Zwischentitel, Überschriften, Widmungen, Motti, Cover, Waschzettel, Leserbriefe. All das ist ein großes Beiwerk zum eigentlichen Text. Ein Magazin ist quasi ein Paratext, der sich in periodischen Abständen, da heißt mit jeder neuen Ausgabe, erneuert. The Believer dient den Machern des Freund dabei als Blaupause . Kracht kopiert ganz eindeutig große paratextuelle Strukturen aus The Believer. Dabei wird allerdings weder vom deutschen Feuilleton, noch von Seiten des Believer Aufklärung betrieben. Erst lange Zeit nach dem Erscheinen der letzten Ausgabe des Freund, erwähnen einige wissenschaftliche Aufsätze das Thema - wenn auch nur dezent.

Entfernt man sich vom Paratext und betrachtet lediglich die inhaltlichen Strukturen der Magazine, müssen verschiedene Faktoren in Betracht gezogen werden. Durch das ungefähr zeitgleiche Entstehen, muss unter allen Umständen der Aspekt der Historizität in die Untersuchung einfließen. Zum Beispiel werden die Ereignisse und die Folgen des 11. September 2001 immer wieder, vor allem im Believer, von literaturhistorischer Seite aus betrachtet. Inwieweit sich Der Freund hier von seinem Ästhetikkonzept entfernt und sich auf eine Zeitgeist-Ebene begibt, soll dann vor allem im letzten Teil der Arbeit betrachtet werden.

The Believer ist ganz klar auf der Suche nach einem Publikum und lockt es mit dem Versprechen der neuen Ernsthaftigkeit. Der Freund ist, trotz der von Kracht ausgehenden differenten Behauptungen, noch weit entfernt von einer solchen Distanz zur Ironie. Moritz Baßler bezeichnet die spezielle Form der Herausgeberschaft in einem Aufsatz als Herausgeber-Camp. Dieser Begriff soll näher erläutert und mit den gegensätzlichen Ideen des Believer konfrontiert werden. Der nämlich entspricht in seiner Intention dem Gegenkonzept zur so genannten high irony.

Inhaltlich und konzeptuell eigen sind dem Freund die antiseriellen Kolumnen. Nahezu keine Kolumne, die in Ausgabe A eingeführt wird, findet in Ausgabe B ihre Fortführung. Der Freund ist, im Gegensatz zu The Believer, nicht interessiert an einem Diskurs. Hier ist, vor allem auch im Hinblick auf den letzten Teil der Arbeit, eine gewisse Kritik an gegenwärtigen medialen Assoziationsströmen zu beobachten.

Aus den paratextuellen Anknüpfungen des Freunds an The Believer, sowie der inhaltlichen Ähnlichkeiten und Differenzen, soll sich der abschließende Teil der Arbeit konzentriert mit dem Freund befassen und dessen Kunstcharakter, sowie das Konzept und die Grundgedanken hinter dem Projekt genauer erläutert werden. Johannes Birgfeld versucht das komplexe, teilweise nicht durchschaubare Kunstprogramm des Freund in seinem Aufsatz Theaterauslöschung-Kunstbegehren genauer darzustellen. Er erklärt dort außerdem, warum dieses Kunstprogramm eine 1:1 Anknüpfung an The Believer erlaubt. Inwiefern diese These zu stützen ist, soll hier ebenfalls in den Fokus der Untersuchung rücken. Mit diesem Kunstkonzept stellt sich auch die Frage nach der inszenierten Konstruktion des Freund. Dabei rückt vor allem die mediale Figur Kracht in den Fokus. Die komplexe Spannweite des Magazins kommt zum Vorschein, in der wir den Freund sogar als eine Pastiche auf The Believer ansehen können.

Generell soll es sich bei dieser Arbeit um eine Botschaft handeln. Das bisherige Verschweigen und die Verharmlosung der Anknüpfung soll gebrochen, kritisch hinterfragt und erklärt werden, indem man dem Freund eine Bezeichnung gibt. Dabei sind vor allem Thesen zu hinterfragen, die die direkte Kopie ohne Bedenken betrachten und sie als ein bloßes Kunstprogramm bezeichnen (Birgfeld) oder sie zum Beispiel unter dem Aufgreifen des Begriffs Herausgeber-Camp (Baßler) verharmlosen. Trotzdem wird hier keine Anklage gegen den Freund erhoben. Im Gegenteil: die Kopie soll gerechtfertigt werden, aber in direktem Bezug zu der Vorlage selbst.

In der Konklusion wird es die schwierige Aufgabe sein, die Rolle des Freund zu definieren. Eine endgültige Antwort auf diese Frage kann man allerdings nicht erwarten. Dafür ist das Spiel mit den unterschiedlichsten Verweisen zu streng durchgehalten und Meinungen über das Magazin, auch von Seiten der Autoren, zu verschieden. Sicherlich einfacher wird es sein, nach der Betrachtung der paratextuellen und inhaltlichen Aspekte, eine Grundstimmung auszumachen, die den Freund durchzieht. Dabei wird die allgemein gehaltene Frage nach der Position und der Rolle des Freund im (internationalen) Literaturapparat verschiedene Antworten evozieren, die die Zeitschrift nacheinander als ironisches Kunstprojekt, eine Verlautbarung über die Missstände in der Kulturgesellschaft und eine Konstruktion um die Autoren Kracht und Nickel bezeichnen wird.

2. Die Entstehung der Magazine

Eine vom Axel-Springer Verlag herausgegebene, von den unterschiedlichsten Orten der Welt aus koordinierte und wahrscheinlich nur selten in den tatsächlichen Redaktionsräumen in Kathmandu redigierte Literaturzeitschrift, wird Ende des Jahres 2004, vor allem in den Feuilletons deutscher Wochen- und Tageszeitungen, teilweise gelobt und auch, wie zu erwarten, mit Misstrauen betrachtet.

Christian Kracht, der zu diesem Zeitpunkt seine kritische Leserschaft mit nur zwei Romanen in unterschiedliche Lager aufspalten konnte, gelangt durch unübersehbare Verbindungen zu den Chefetagen des Axel-Springer Verlages an ein außergewöhnliches kulturliterarisches Angebot.1 Die Literaturzeitschrift Der Freund war ein von Beginn an auf acht Ausgaben beschränktes Projekt, enthielt keinerlei Werbeanzeigen und unterschiedlich lange, in Form und Stil einzigartige literarische Beiträge.

Der Jugendfreund und literarische Mitstreiter Krachts, Dr. Eckhart Nickel, übernahm den Posten des Chefredakteurs. Die Redaktionsräume in Kathmandu, Nepal, befanden sich am Basantapur Square, gegenüber dem ehemaligen Königspalast. Der Balkon des Hotels wurde in den zwei Jahren der Herausgeberschaft Krachts zum Zentrum ästhetisierter und inszenierter Treffen zwischen den beiden Literaten. Aufgrund des kulturellen Dissidententum Krachts und Nickels, sind auch bis heute keine klaren Aussagen über die genaue Entstehung des Magazins zu machen.

Aus einem Briefwechsel zwischen Christian Kracht und seinem Freund David Woodard geht hervor, dass die Redaktionsräume in Kathmandu zwar existiert haben, aber nur in seltenen Fällen aufgesucht worden sind. 2 Der Wohnort Krachts befand sich in der ehemaligen jugoslawischen Botschaft in Bangkok. Im August 2005 zieht Kracht nach Berlin. Nach eigenen Aussagen nur für wenige Wochen. Im Briefwechsel mit David Woodard wird aber deutlich, dass er längere Zeit keinen Wohnwechsel vollzieht, aber weiterhin eine Vielzahl mehrwöchiger Reisen unternimmt. David Woodard, der mehrmals mit Artikeln an den Ausgaben der Zeitschrift beteiligt ist, erhält von Kracht eine Einladung nach Kathmandu, zum einjährigen Bestehen der Zeitschrift:

206. TO DW | INVITATION TO NEPAL

Friday, August 12, 2005 7:37 AM

[*Anhang: Einladung als pdf zur Feier„Ein Jahr DER FREUND“,Kathmandu, Nepal, am 29. Oktober 2005: 17 Uhr Cocktails, 19 UhrDinner, am nächsten Tag ein Picknick]3

Im Pseudo-Reiseführer Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal, der in gemeinsamer Arbeit zwischen Kracht und Nickel entstand, sind viele Situationen geschildert, die sich während der Anwesenheit der beiden Autoren in Kathmandu und Nepal zugetragen haben. Unter anderem wird der Besuch der nepalesischen HermannHesse-Gesellschaft in der Redaktion von Der Freund geschildert.

Herr Adikhari und Herr Shresta verabschiedeten sich mit Solidaritätsbekundungen und dem schönen Satz, die Ankunft von DER FREUND in Kathmandu sei ein wahrer Segen der Götter. 4

Kurz vor dem Ablauf des Projekts, ist der Standort Kathmandu aber scheinbar aufgegeben worden. Die redaktionelle Arbeit an der letzten Zeitschrift wird von San Francisco aus koordiniert.

Hier treffen sich Vorlage und Kopie. Denn zeitgleich zur letzten Ausgabe des Freund, entsteht, ebenfalls in San Francisco, das Literaturmagazin The Believer, welches 2003 von Dave Eggers gegründet wurde. The Believer steht zu diesem Zeitpunkt allerdings schon am Ende einer Reihe von diversen Zeitschriften, die von Eggers und seinen Mitstreitern in Kalifornien ins Leben gerufen wurden und mit dem Magazin Might seinen Beginn hatte:

Might begat McSweeney's, a typographically adventurous literary quarterly, which in turn begat The Believer, an illustrated monthly whose design was conceived by Eggers and that is edited by Vendela Vida (to whom he is married), Heidi Julavits and Ed Park. 5

Die Anfang der 90er Jahre entstehende Zeitschrift Might, die außer von Dave Eggers von David Moodie und Marny Requa gegründet wurde, wird 1997 eingestellt. Die Geschichte des Magazins ist in Dave Eggers autobiographischen Roman AHeartbreaking Work of Staggering Genius dargestellt. In diesem heißt es auf die Frage, wie man Menschen dazu zwingen kann großartige Taten zu vollbringen:

„Und wie willst du das machen?“, will sie wissen. „Parteipolitik? Straßenkampf? Revolution? Staatsstreich?“

„Eine Zeitschrift.“ 6

Might war der jugendliche Charakter deutlich anzumerken. Noch wies nichts auf die später postulierte „Neue Ernsthaftigkeit“ hin. So wollte man zum Beispiel in einer der Ausgaben den Tod des amerikanischen Schauspielers Crispin Glover vortäuschen.

Dieser entschied sich vor dem Erscheinen der Ausgabe allerdings gegen diesen prank.7 Im Gegensatz zu der vom Axel-Springer Verlag subventionierten Zeitschrift DerFreund, steht The Believer also am Ende einer jugendlichen Selbstfindung, die mit Might ihren Anfang nahm.

Die erste Ausgabe des Magazins The Believer erschien im März 2003, ungefähr anderthalb Jahre vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe von Der Freund. Das Magazin wird von Dave Eggers Verlag McSweeney´s herausgegeben. Während sich Eggers nach der Gründung und den Überlegungen zum Design zurückzieht, stellen Vendela Vida (mit Eggers verheiratet), Heidi Julavits und Ed Park (später Andrew Leland) weiterhin die Redaktion. Alle drei Autoren haben sich Mitte der 90er Jahre an der Columbus University getroffen und erreichten dort ihren Master of Fine Arts in Creative Writing. 8

Das Geflecht der Autoren, die regelmäßig an der Entstehung des Magazins Der Freund beteiligt waren, wurde ebenfalls Anfang bis Mitte der 90er Jahre, zum Zeitpunkt der aufkommenden Popliteratur geknüpft. Die Zusammenkunft der unter dem Begriff Popliteratur subsumierten männlichen Autoren geschah 1999 im Hotel Adlon, Berlin. Das selbsternannte popliterarische Quintett inszenierte in einer mehrtägigen Sitzung eine wirres Spiel zwischen Langeweile und einer radikalen Diskrepanz zu nahezu jeglichen sozialen und kulturellen Institutionen. Die während des Treffens statt gefundenen Unterhaltungen werden von Joachim Bessing aufgezeichnet und anschließend schriftlich festgehalten. 9 Die Auflösung der Runde geschieht durch die ungeplante Abreise Bessings und Krachts in die Hauptstadt Kambodschas - Phnom Penh. Die fünf Jahre später erfolgte Gründung des Magazins ist aber alles andere als die Wiedervereinigung der jungen literarischen Gruppe. Die Idee gemeinsam an einer Zeitschrift zu arbeiten, war logistisch zweifelhaft und eigentlich schon 1999 unmöglich.Die teilweise aus dem Hamburger Lifestyle-Magazin Tempo10 hervorgegangen

Die teilweise aus dem Hamburger Lifestyle-Magazin Tempo

Journalistenkarrieren der betitelten Popliteraten, zerstreuten sich vor allem nach diversen Romanerfolgen in unterschiedliche Lager. Kracht und Nickel erwiesen sich lediglich als Jäger und Sammler von literarischen Beiträgen einer zersplitterten Autorengeneration. Denn die ohne Werbemittel finanzierte Zeitschrift war auf die Beiträge befreundeter Autoren Krachts und Nickels angewiesen. Daraus entstand das in dem Magazin typische Autorengeflecht. Der engste Kreis war eben jener des popkulturellen Quintetts, bestehend aus Joachim Bessing, Benjamin vom Stuckrad- Barre und Alexander von Schönburg. Hinzu kamen die Autoren Moritz von Uslar, Ingo Niermann, Lorenz Schröter, Nika Scheidemantel, Eva Munz, Elke Naters und Rebecca Casati, die Kracht bereits für den Erzählungsband Mesopotamia 11 versammelt hat.

Wird also das Magazin (oder Projekt) Der Freund in kurzer Zeit vom Axel-Springer Verlag subventioniert, aufgebaut und in Massen produziert, haben wie es mit einer gegenteiligen Entwicklung tu tun, wenn wir über The Believer sprechen. Weniger gegenteilig allerdings ist das paratextuelle Umfeld der in den Zeitschriften zu findenden Texte.

3. Paratextuelle Parallelen

Das auffälligste Merkmal im Vergleich der beiden Zeitschriften sind die Parallelen auf der Ebene des Paratext. Der Begriff Paratext wird 1987 von Gerard Genette in seinem Werk Palimpseste12 geprägt. Er revidiert dort zu Beginn seine Überlegungen zum Begriff Paratextualität, den er in Hypertextualität umtauft. 13 Die Paratextualität wird zum Paratext und bezeichnet von nun alles, was „den Text mit einer (variablen) Umgebung austatte[t] [...]“ 14 . Der Paratext ist das Äußere des eigentlichen Textes und wird von Genette grob in den Peritext und Epitext untergliedert (Peritext + Epitext = Paratext). Dabei behandelt der Peritext die direkte Umgebung des Textes (Vorworte, Cover, Überschriften), während der Epitext zum Beispiel aus Interviews oder

Gesprächen besteht. Also allem, was nicht direkt mit dem Text zusammenhängt, sich aber auf selbigen bezieht. 15

Genette bezeichnet den Paratext als „zutiefst heteronomen Hilfsdiskurs“ 16. Er steht primär in Dienste des Textes. Trotzdem kann man besonders im vorliegenden Fall, durch das Aufzeigen der Parallelen zwischen den Paratexten der beiden Zeitschriften, Eindrücke gewinnen, die vor allem im später anzusetzenden Diskurs über die kulturelle Rolle des Freund, mehr als hilfreich sein werden. Anzumerken ist, dass Genette seine Beispiele hauptsächlich auf Romane bezieht. Trotzdem ist es möglich seine Theorien auf den diskursiven Textapparat der beiden Magazine anzuwenden.

Genette bezeichnet den Paratext als Zone zwischen innen (zum Text) und außen (dem Diskurs der Welt über den Text) 17 . Der Freund und The Believer teilen sich viele Bereiche innerhalb dieser paratextuellen Zone. Zwischen innen und außen verlaufen allerdings keine klaren Grenzen. Was Der Freund und The Believer tatsächlich gemeinsam haben, wird in diesem Kapitel nicht zu klären sein, trotzdem ist es für den späteren Verlauf der Arbeit wichtig auf die Erkenntnisse dieses Teils zurückzukommen, auch um die Parallelen zwischen Paratext, Inhalt und Absichten der Magazine zu verdeutlichen.

3.1 Der verlegerische Peritext und der Aufbau

Genette bezeichnet den verlegerischen Peritext als die „gesamte Zone des Peritextes, für die direkt und hauptsächlich [...] der Verleger oder [...] der Verlag verantwortlich ist [...].18 In den von Genette bezeichneten Fällen handelt es sich meist um den verlegerischen Peritext von Romanen. Im Falle der zu untersuchenden Zeitschriften, gehen wir zwar auch von den übergeordneten Verlagen aus (Axel Springer Verlag; McSweeney´s), können aber mit großer Sicherheit sagen, dass die Verlagsleitungen entweder nicht an dem Prozess der Gestaltung des verlegerischen Peritext beteiligt sind oder waren (Axel Springer Verlag), beziehungsweise dass sie mit dem Verlag gleichzusetzen sind. (Kracht = Axel Springer Verlag; Eggers = McSweeney´s). Im Falle von Der Freund wird der Verlag nämlich bis auf etwaige logistische Fragen eher Geldals Ideengeber gewesen sein. Auch der Verlag McSweeney´s ist gleichzusetzen mit der Person Eggers, der ihn 1998 gründete.

Die Formate der beiden Magazine ähneln sich, sind aber nicht homogen. Der Freund hat aufgrund seiner höheren Seitenzahl fast Buchcharakter. Die Formate von The Believer und Der Freund wirken, vergleicht man sie mit den Formaten und der Aufmachung gängiger Hochglanzmagazine wie Vanity Fair, GQ, oder im Bereich der Kultur mit art und monopol, eher antipopulär und, vor allem Der Freund, elitär.

Die Titelseite des Believer hat fast standardisierten Zeitschriftencharakter und ist eine der wenigen Details des Paratext, der sich nahezu grundlegend von Der Freund abhebt. Der Titel der Zeitschrift befindet im zentralen oberen Bereich. Viele Themeninhalte sind bereits auf dem Cover für den Rezipienten in spe bereitgestellt. Die Zeichnungen im Heft und die Gestaltung der Cover (Tony Millionaire; Charles Burns) wirken auf den Rezipienten im Gegensatz zu den Covern von Der Freund, die eine eher gewaltsame Wirkung haben, spielerisch und juvenil. Die Zeichnungen auf den Titelseiten von The Believer stellen in den häufigsten Fällen Personen dar, die im Laufe der Zeitschrift interviewt werden. Etwaige Sonderausgaben bilden manchmal auch nur eine Person ab. 19 Die Aufmachung des Covers ist also ganz eindeutig mit dem Inhalt im Magazin zu verbinden.

Kracht und Nickel hingegen geben in Der Freund nicht in jedem Fall Hinweise darauf, wer auf der Titelseite zu sehen ist. Die Cover der acht Ausgaben bestehen aus farbigen Porträts und wurden mehrfach ausgezeichnet. Einige von ihnen sind trivial, wie der Affe in Ausgabe 7 oder das Porträt eines Indianers in der zweiten Ausgabe. Oft ähneln sie aber Persönlichkeiten wie Rezzo Schlauch oder Günter Jauch, worauf Hinweise allerdings fehlen. In drei Fällen sind sie aber auch betitelt: Moshe Dayan, Charles Henri Ford, Prince Charles. In welcher Weise die Titelillustrationen einen Bezug zum Text haben und andererseits, zusammenhängend betrachtet Sinn ergeben, liegt im Auge des Betrachters. Allerdings kann man aus dem Briefwechsel zwischen Kracht und Woodard 20 einige Hinweise entnehmen. Demnach ist das Cover mit Moshe Dayan zum Beispiel nur eine Huldigung an selbigen: „Issue #6 hits the newsstands in mid-december, featuring General Moshe Dayan on the cover, a childhood hero of mine.“ 21

Weitere wichtige Aspekte des verlegerischen Peritext: Der Freund gibt seinen Preis, weltmännisch-ironisch, in Dollar, Euro, Yen und Schweizer Franken an. Er enthält keine Fotos. Der Believer hingegen, der im Vergleich zu anderen Magazinen auch eher karg wirkt, platziert, wo notwendig, Fotografien. Auch außerhalb der Ebenen der groben Außenhülle, sind große Parallelen auszumachen. Die Satzspiegel der beiden Zeitschriften gleichen sich erheblich. Nicht nur die Anordnung der Titel und Zwischentitel (siehe 3.3), sondern vor allem die in drei Spalten pro Seite eingegrenzten Texte und die Formen der Interviews wurden 1:1 kopiert. Die Umschlagrücken der Magazine bergen allgemeine Informationen über die Nummer der Zeitschrift und den Erscheinungsmonat. Außerdem sind dort jeweils Motti gesetzt, die in Punkt 3.2 ausführlicher behandelt werden sollen.

Die Entscheidung keine Werbeanzeigen in den Magazinen unterzubringen, was für den Freund sicher von Anfang an das Aussprechen des non-profit-Marketing bedeutete, trug zum Buchcharakter des Magazins bei. Moritz Baßler erklärt in seinem Aufsatz über den Freund 22 , dass man dadurch annehmen könne, dass Der Freund versuche, mit seinem marken- und werbelosen Design einfach mal wieder eine Umdrehung weiter zu sein als die Konkurrenz.“ 23 Allerdings müssen wir hier auch den Kunstcharakter der Zeitschrift beachten. Denn Der Freund liest sich weniger als Fortsetzung und Weiterführung bestehender Zeitschriftenformate, sondern als eigenständiges Kunstwerk, das nicht daran denkt ein subversives Element auf Dauer zu sein. Also kann man das Projekt Der Freund wirtschaftlich auf keinen Fall als Konkurrenten betrachten.

Auch im Aufbau sind sich die beiden Magazine sehr ähnlich. Die Leserbriefe zu Beginn lassen kein Editorial zu. Warum, erklärt die in 4.3 geschilderte These über die Antiserie. Die Textbasis besteht jeweils aus kurzen Essays, Interviews, Erzählungen, Gedichten, seriellen und antiseriellen Kolumnen und Buchrezensionen. Am Ende der Zeitschrift folgt jeweils eine kurze Beschreibung aller an der Entstehung beteiligten Autoren (Mitarbeiter dieser Ausgabe; Contributors), die im Falle des Freund von den Autoren selbst verfasst worden sind. Auf der Rückseite des Magazins befinden sich der Waschzettel mit dem groben Inhalt der jeweiligen Heftnummer, sowie das typische Impressum. Baßler bringt diese Aufzählungen gut auf den Punkt, wenn er sagt: Der Freund nähme „die paratextuelle Herausforderung des Mediums aber auch mannigfach an.“24 Baßler zeigt sich hier erstaunt über den Versuch des Freund ein typisches Magazin zu sein. Aus diesem Kommentar lässt sich ein gewisser Zweifel am tatsächlichen Zeitschriftencharakter des Freund erkennen. Baßler wendet hier quasi die Redewendung l´art pour l´art auf den Freund an und deutet damit auf die Konstruiertheit des Magazins hin.

Die eigentümliche Verwendung von Motti und Widmungen bestätigen den Verdacht, dass es sich beim Freund eher um ein konstruiertes Projekt in der Rahmung eines theoretischen Kunstprogramms, als um eine Zeitschrift handelt.

[...]


1 Christian Krachts Vater, Christian Kracht (senior), war unter anderem als Generalbevollmächtigter der Axel-Springer AG tätig.

2 Vgl.: Birgfeld, Johannes; Conter, Claude D. (Hrsg): Five Years.Briefwechsel 2004-2009. Vol.1: 2004-2007. Hannover 2011.

3 Five Years, S. 105.

4 Kracht, Christian und Nickel, Eckhart: Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal. München 2009. S. 31.

5 Scott, A.O.: Among The Believers. In: New York Times. 11.09.2005 .

6 Eggers, Dave: Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität. Übers. von Reppert-Bismarck, Leonie von; Rütten, Thomas. Köln 2005, S. 163.

7 Eine detailierte Schilderung der Ereignisse lässt sich ebenfalls im Roman A Heartbreaking Work of Staggering Genius (2000) finden.

8 Vgl.: Scott, A.O.: New York Times. 11.09.2005 .

9 Bessing, Joachim (Hrg.): Tristesse Royal. Das popkulturelle Quintett. Berlin 1999.

10 Die Zeitschrift Tempo erschien im Hamburger Jahreszeiten Verlag in den Jahren 1986 bis 1996 und in einer einmaligen Sonderausgabe 2006.

11 Kracht, Christian (Hrg.): Mesopotamia. Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends. Stuttgart 1999.

12 Vgl.: Genette, Gérard: Palimpseste. Frankfurt am Main 1993, S.11.

13 Genette 1993, S. 14.

14 Genette 1993, S. 11.

15 Vgl.: Genette, Gérard: Paratexte. Frankfurt am Main 1989, S. 12 f.

16 Genette 1989, S. 18.

17 Vgl.: Genette 1989, S. 10.

18 Genette 1989, S. 22.

19 Zum Beispiel hebt die achtzehnte Ausgabe des Believer aufgrund der Wichtigkeit eines Interviews mit dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry, diesen besonders stark als Einzelcharakter auf dem Cover hervor.

20 Five Years, S. 113.

21 Five Years, S. 113.

22 Baßler, Moritz: Der Freund. Zur Poetik und Semiotik des Dandyismus am Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Tacke, Alexandra und Weyand, Björn (Hrsg.): Depressive Dandys. Spielformen der Dekadenz in der Pop-Moderne. Köln 2009.

23 Baßler 2009, S. 204.

24 Baßler 2009, S. 207.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Christian Krachts Zeitgeist-Magazin "Der Freund" als paratextuelle Kopie des Literaturmagazins "The Believer"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
38
Katalognummer
V343842
ISBN (eBook)
9783668341227
ISBN (Buch)
9783668341234
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christian Kracht, Der Freund, Paratext, Literaturmagazin, Popliteratur, Camp, Genette, Dave Eggers, The Believer, Ironie, Axel Springer, Dandy, Peritext, Design, Layout, Komparatistik, Herausgeber, Zeitschrift, Literaturzeitschrift, New Wave, Pop, 1979, Imperium, Faserland, intermedial, Kunstkonzept, Birgfeld, Conter, Eckhart Nickel, David Woodard, Medien, Mediengesellschaft
Arbeit zitieren
Leonhard Hieronymi (Autor), 2012, Christian Krachts Zeitgeist-Magazin "Der Freund" als paratextuelle Kopie des Literaturmagazins "The Believer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343842

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Christian Krachts Zeitgeist-Magazin "Der Freund" als paratextuelle Kopie des Literaturmagazins "The Believer"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden