Um Carl Schmitts Dezisionismus für die politische Theorie „fruchtbar“ zu machen, befasst sich das vorliegende Essay nicht mit einer begrifflichen Analyse der Dezision, sondern mit ihrem theoretischen Wert. Einerseits war es Schmitt durch seinen Dezisionismus möglich, das Verhältnis vom Politischen mit dem Staat und das vom Staat mit dem Recht zu klären. Andererseits zeichnet er auf dieser Basis die europäische Kulturentwicklung seit dem sechzehnten Jahrhundert nach.
Im Laufe seines Lebens hat Carl Schmitt sich zu den vielfältigsten Themengebieten geäußert. Darunter fallen „nüchterne begriffliche Analysen, idealtypisch argumentierende Schriften, hermeneutische Texte, gelehrte Begriffsgeschichten, ausgreifende historische Spekulationen und glänzende Essays ebenso wie politische Pamphlete“ (Mehring 2003, zitiert nach Voigt 2007: 15). Auffallend – und daher auch immer diskussionswürdig – bleiben in diesem Zusammenhang die Inkonsistenz, gar Widersprüchlichkeit und Sinnverschiebungen seiner Begriffe.
Bis heute ist daher unklar, ob es einen gemeinsamen Bezugspunkt gibt, der das Schmittsche Werk zusammenhält. Der vorliegende Essay hat es sich zur Aufgabe gemacht, den mit Schmitt untrennbar verbundenen Dezisionismus genauer zu untersuchen, da er sich als eine Art Leitmotiv in vielen seiner Schriften wiederfindet. „Ich habe eine merkwürdige Art von Passivität. Daß ich für meine Person in den Ruf gekommen bin, Dezisionist zu sein, ist mir eigentlich unverständlich. Ich glaube, man muß eine so große Entfernung von jeder Freude an der Entscheidung als solcher haben, wie ich sie habe, um eine Theorie des Dezisionismus zu entwickeln. Der typische Dezisionist, der mit Begeisterung entscheidet, wird nie eine Philosophie oder Theorie des Dezisionismus entwickeln. Ich kann mich, was mich betrifft, an keine derartige Entscheidung erinnern“ (Noack 1993: 168).
Die unterschiedliche Bedeutung von Entscheidung wird nicht nur am Gegensatz vom Schmittschen Privatleben zu seinen Schriften deutlich, sondern stellt – so der wissenschaftliche Kanon – auch eine werkimmanente Inkohärenz dar. Unterschiedliche Entscheidungskonzepte spiegeln sich in seinen Arbeiten wieder: Die politische Entscheidung ist zu unterscheiden von der staatsrechtlichen, und die staatsrechtliche wiederum von der gesetzgeberischen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Politischen
3. Politische Theologie
4. Resümee und Skizzierung offener Fragen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Dezisionismus als zentrales Leitmotiv im Werk von Carl Schmitt, um dessen theoretischen Wert für die politische Theorie zu erschließen, ohne sich auf eine rein begriffliche Analyse der Dezision zu beschränken.
- Analyse des Dezisionismusbegriffs bei Carl Schmitt
- Untersuchung der Freund-Feind-Unterscheidung als Kern des Politischen
- Verhältnisbestimmung zwischen Staat, Recht und dem Ausnahmezustand
- Kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung Europas anhand von Zentralgebieten
- Die Rolle der Technik im Kontext der Neutralisierungsprozesse
Auszug aus dem Buch
Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus
„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus“ (Schmitt 1932: 20). Mit diesem Satz wird das Werk „Der Begriff des Politischen“ eingeleitet. Dem Politischen wird mit dieser Unterscheidung offensichtlich ein Vorrang gegenüber dem Staat eingeräumt. Im 20. Jahrhundert hat der Staat das Monopol des Politischen verloren und ist von der Gesellschaft nicht mehr auseinanderzuhalten (Schmitt 1932: 23f.). Was Schmitt konkret unter Staat versteht bleibt – jedenfalls vorerst – relativ unklar: Der „Staat ist […] der politische Status eines in territorialer Geschlossenheit organisierten Volkes (Schmitt 1932: 20).“ Der Begriff des Politischen beruht dagegen auf der Unterscheidung zwischen Freund und Feind (Schmitt 1932: 26). Innerhalb der Gesellschaft zählen die Ökonomie, die Ästhetik oder etwa die Moral zu den sogenannten „Sachgebieten“, dem Politischen kommt hingegen eine besondere Stellung zu (Schmitt 1932: 26f.). Dabei wird zwischen „relativ selbstständigen“ Sachgebieten, zu denen die Ökonomie, Moral und Ästhetik (u.a.) gehören und dem „selbständigen“ Politischen unterschieden (Schmitt 1932: 26f.). Von selbstständig ist hier die Rede, weil sich das menschliche Denken und Handeln des jeweiligen Sachgebietes auf eine eigene Letztunterscheidung zurückführen lässt: „[I]m Ökonomischen […] beispielsweise Rentabel und Nicht-Rentabel […], Gut und Böse im Moralischem; Schön und Häßlich im Ästhetischen“ (Schmitt 1932: 26f.). Relativ selbstständig bedeutet außerdem, dass die Letztunterscheidung des jeweiligen Sachgebietes eben nicht auf alle anderen Sachgebiete anwendbar ist. Beispielsweise kann nicht alles menschliche Handeln und Denken auf den Gegensatz von rentabel und unrentabel herunter gebrochen werden. Beim Politischen ist das anders. Sie kann alle Gesellschaftsbereiche durchdringen, d.h. es können aus moralischen oder ökonomischen Gegensätzen auch politische Gegensätze bzw. Konflikte erwachsen (Schmitt 1932: 36). Schließlich hat die „Unterscheidung von Freund und Feind […] den Sinn, den äußersten Intensitätsgrad einer Verbindung oder Trennung, einer Assoziation oder Dissoziation zu bezeichnen“ (Schmitt 1932: 27).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Fragestellung ein, die Widersprüchlichkeit von Schmitts Begriffen zu hinterfragen und den Dezisionismus als Leitmotiv in seinen Werken zu identifizieren.
2. Der Begriff des Politischen: Hier wird dargelegt, dass das Politische dem Staat durch die Freund-Feind-Unterscheidung übergeordnet ist und als einziges Sachgebiet alle anderen Lebensbereiche durchdringen kann.
3. Politische Theologie: Das Kapitel untersucht den Ausnahmezustand als Moment, in dem die Autorität über die Rechtsnorm entscheidet, und verdeutlicht damit die Vorrangstellung des Staates vor dem Recht.
4. Resümee und Skizzierung offener Fragen: Abschließend werden die zentralen Thesen zusammengeführt und die Frage nach der Zukunft des Dezisionismus im Zeitalter der neutralen Technik aufgeworfen.
Schlüsselwörter
Carl Schmitt, Dezisionismus, Politische Theorie, Freund-Feind-Unterscheidung, Staat, Ausnahmezustand, Souveränität, Rechtsordnung, Neutralisierung, Zentralgebiete, Technik, Politik, Rechtsphilosophie, Gesellschaft, Macht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Der Essay befasst sich mit Carl Schmitts politischer Theorie des Dezisionismus und untersucht dessen Bedeutung in seinen zentralen Werken aus den 1930er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf das Verhältnis von Politik, Staat und Recht, die Theorie der Freund-Feind-Unterscheidung sowie die kulturgeschichtliche Entwicklung von Zentralgebieten und Prozessen der Neutralisierung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den theoretischen Wert des Dezisionismus als Leitmotiv in Schmitts Denken zu erfassen, anstatt lediglich eine rein begriffliche Analyse durchzuführen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die hermeneutische Analyse und Textauslegung der Hauptwerke „Der Begriff des Politischen“ und „Politische Theologie“ unter Einbeziehung des wissenschaftlichen Kanons.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Konzepte der Freund-Feind-Unterscheidung, die Sonderstellung des Politischen, das Wesen der Souveränität im Ausnahmezustand und die historische Verschiebung der gesellschaftlichen Zentralgebiete analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Dezisionismus, Souveränität, Freund-Feind-Unterscheidung, Ausnahmezustand und die Neutralisierung von Lebensbereichen durch die moderne Technik.
Welche Rolle spielt der Ausnahmezustand in Schmitts Theorie?
Der Ausnahmezustand ist bei Schmitt der Moment, in dem das Wesen staatlicher Autorität am klarsten hervortritt, da hier die Entscheidung über der geltenden Rechtsnorm steht.
Warum betrachtet Schmitt die Technik als Ende der Neutralisierungsprozesse?
Schmitt argumentiert, dass die Technik im 20. Jahrhundert nicht mehr als neutrales Gebiet fungieren kann, da jede starke Politik sie als Instrument für politische Auseinandersetzungen nutzt.
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- Selina Thal (Author), 2010, Carl Schmitts politische Theorie des Dezisionismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343952