Die Dreiecksbeziehung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' - Zwischen Schuld und Unschuld durch eine ungewöhnliche Brautwerbung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Personenkonstellation – Zwischen Krieg und Frieden
2.1 Tristan – Der ehebrecherische Held
2.2 Isolde – Zwischen Ehe und Ehebruch
2.3 Marke – Innerhalb einer doppelgesichtigen Gesellschaft

3. Eine ungewöhnliche Brautwerbung
3.1 Das Brautwerbungsschema – Ein Abriss
3.2.1 Schemaübereinstimmungen der Brautwerbung in Gottfrieds ‚Tristan’
3.2.2 Schemaabweichungen der Brautwerbung in Gottfrieds ‚Tristan’

4. Die Frage nach der Legitimation des Ehebruchs
4.1 Der zentrale Aspekt des Minnetranks – Zwischen Zwang und Zufall
4.1.1 Zum Minneentstehen nach der Trankeinnahme
4.1.2 Zum Minneentstehen vor der Trankeinnahme
4.2 Zwischen Gut und Böse – Marke-Hof vs. Tristan-Minne
4.2.1 Legitimation durch die Minne als höchstes Gut
4.2.2 Illegitimität durch moralische Verwerflichkeit
4.2.3 Zwischen Legitimität und Illegitimität

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine Seminararbeit zu der kontrovers diskutierten Ehebruchsgeschichte in Gottfrieds von Straßburg‚Tristan’ trägt den Titel: „Die Dreiecksbeziehung in Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan’ – Zwischen Schuld und Unschuld durch eine ungewöhnliche Brautwerbung“. Ich möchte mit meiner Arbeit die Frage nach der Legitimation des Ehebruchs im Kontext der vielseitigen Forschungsliteratur aufwerfen und beleuchten.

Zu diesem Zweck werde ich zunächst die protagonistischen Charaktere der Dreiecksbeziehung – jene Tristan, Isolde und Markes – innerhalb der Personenkonstellation definieren, indem ich in einem kurzen Abriss die Beziehungen der Figuren zueinander darstelle. Darauf aufbauend werde ich mich dem Aspekt der Brautwerbung in Gottfrieds ‚Tristan’ zuwenden. Hierbei folgt einer allgemeinen Darstellung des Schemas nach Schmid-Cadalbert ein Vergleich mit der Tristan’schen Brautwerbung, indem ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum traditionellen Schema herausstellen werde. Diese beiden Schritte dienen dem folgenden Kapitel als Grundlage, in welchem die Frage nach der Legitimation der Brautwerbung bzw. des Ehebruchs im Mittelpunkt stehen wird. Ich möchte mich dabei auf zwei verschiedene Teilaspekt einer möglichen Legitimierung beziehen und stütze mich hauptsächlich auf die Forschungsliteratur von Haug, Wessel, Simon, von Ertzdorff und Mikasch-Köthner. Der Aspekt des Minnetranks – welcher die Frage nach der Freiwilligkeit bzw. Unfreiwilligkeit der Tristanminne sowie der Aktivität bzw. Passivität impliziert – wird ebenso zu berücksichtigen sein wie eine mögliche Ehebruchslegitimierung durch die Unzulänglichkeit Markes. Der letztgenannte Aspekt wird in einer Gegenüberstellung von Tristan-Minne und den geltenden Normen der höfischen Gesellschaft am Hof Markes zu erläutern und zu diskutieren sein. Abschließen werde ich meine Arbeit mit einem Fazit.

2. Personenkonstellation – Zwischen Krieg und Frieden

In diesem einleitenden Kapitel möchte ich mich den Charakteren der in der Dreiecks-konstellation der Ehebruchsgeschichte relevanten Figuren zuwenden. Dazu werde ich die Figuren des tugendhaften Tristan, der schönen Isolde sowie des betrogenen Herrschers Marke genauer beleuchten, um somit die notwendige Voraussetzung für das Verständnis der folgenden Kapitel leisten zu können.

2.1 Tristan – Der ehebrecherische Held

Tristan, die zentrale Figur der Geschichte Gottfrieds, ist charakterisiert durch seine vorbildliche Tugendhaftigkeit, ritterlîchiu werdekeit[1] sowie seine vorzügliche äußere Gestalt. Er entspricht dem höfischen Ideal dieser Zeit in vollem Maße, indem der tugende rîche (V. 3624) nicht nur schon sehr früh nach werltlîchen êren (V. 4416) strebt, höfischer Unterhaltung und Bildung in Form von Fremdsprachen- und Musikkenntnissen (V. 3712f) in ausreichendem Maße nachkommt, sondern auch Edelmut und keiserlîche[s] habe (V. 4473) in sein prächtiges ritterliches Erscheinungsbild einfließen lässt. Der muotrîche und êregire (V. 5000/5001) Ritter weist somit durch Bildung, Ansehen, Reichtum und hövescheit jene notwenigen Charakteristika und Merkmale auf, die ihn als Held qualifizieren und aufgrund derer er den Hof Markes aufwertet. All seine positiven Eigenschaften und Fertigkeiten besitzt Tristan zwar im „höchsten [und] [...] übersteigerten Maße“, jedoch lediglich als Vertreter eines Typus des „gebildeten Höflings“ des Mittelalters, nicht als prägnanter Vertreter von Individualität.[2]

Es bleibt im Folgenden zu untersuchen, ob die Tatsache, dass Tristan, in der Rolle des Liebhabers, durch die ungewöhnliche Brautwerbung, seine ehebrecherische Beziehung zu Isolde sowie die daraus resultierende Störung der gesellschaftlichen Ordnung am Hof Markes, seine Position als Künstler, Kämpfer und Held negiert.

2.2 Isolde – Zwischen Ehe und Ehebruch

Isolde, die Königstochter Irlands, zeichnet sich – ebenso wie Tristan – durch ihre vollkommene Tugendhaftigkeit aus, welche sich in ihrer körperlichen Schönheit manifestiert. Die erwünscheten maget (V. 7717) ist reich an lêre und an gebâre (V. 8029), beherrscht bereits in frühen Jahren schoene vuoge (V. 7981), so dass viele an ihr eine saelige ougenweide haeten (V. 8050). Mit dem Bild, welches Gottfried von der süeze[n] Îsot (V. 8054) entwirft, entspricht sie – in paralleler Konzeption zu Tristan – voll und ganz dem literarischen Ideal des Mittelalters.

diu gevüege Îsot, diu wîse, diu junge künigîn alsô zôch sî gedanken în ûz maneges herzen arken, als der agestein die barken mit der Syrênen sange tuot. (V. 8106-8111)

Der Vergleich mit den Sirenen deutet auf die erotische Anziehungskraft Isoldes hin. Die Tatsache, dass Tristan bei seiner ersten Irlandfahrt darauf bedacht ist, seine spätere Geliebte strukturell auf seinen eigenen Tugendkatalog und seine Fertigkeiten abzustimmen, mag ebenfalls ein Indiz für Isoldes Schönheitsideal sein.[3] Jedoch bleibt die Figur Isoldes, inmitten der übersteigert dargestellten Erfüllung der allgemeinen höfischen Norm, der Verkörperung des mittelalterlichen Idealbildes von Schönheit und hövescheit verpflichtet. Sie entspricht dem „stereotypen höfischen Schönheitskatalog“ in vollem Maße.[4]

Obwohl sie, den Anforderungen der höfischen Gesellschaft folgend, als passive Figur auftritt, wird doch durch die geplante Tötung Brangänes, ihr Mordanschlag auf Tristan oder ihre List beim Gottesurteil deutlich, dass Isolde die Rolle einer folgsamen und tugendhaften Dame nur bedingt zugeschrieben werden kann. Innerhalb der Verhältnisse am Hof ist sie in vier verschiedene Rollen involviert: „als Aktant des Handlungskreises der magischen Liebe“ ist sie Tristans Geliebte und somit auch Teil des „ehebrecherischen Betrugspiel[s]“, zugleich ist Isolde „Königin im offiziellen Zeremoniell und Ehefrau“. Sie agiert den jeweiligen Handlungskreisen entsprechend, passt sich ihrer Umgebung und den in dieser auftretenden Charaktere problemlos an.[5] So besitz Isolde im Wechselspiel zwischen aktiver und passiver Figur für den Handlungszusammenhang durchaus Leitcharakter. Es wird in diesem Zusammenhang vor allem zu untersuchen sein, inwiefern Isolde für das Ehebruchszenario mitverantwortlich gemacht oder ihr Schuld zugewiesen werden kann.

2.3 Marke – Innerhalb einer doppelgesichtigen Gesellschaft

In „dem Gegeneinander von König und Liebespaar“[6] ist Marke in seiner Rolle als Betrogener der Gegenspieler Tristans. Sein einsames Begehren ist kontrastiert durch die zweisame Liebe Tristan und Isoldes.[7] Seinem Neffen gegenüber zeichnet sich Marke als schwankende Gestalt aus, indem er die Rolle des Zweiflers gegenüber Isolde (V. 17517-17531) oft mit jener des „Liebhaber[s] [...] in den Fesseln der Begierde“ (V. 17551-17615) tauscht und sich zu einem selbsttäuschenden Voyeur entwickelt (V. 14598-14613; 14916-14928).[8] Marke erweitert die Minnezweisamkeit Tristan und Isoldes um einen verzichtenden Dritten, welcher ihr zum Opfer fällt,[9] denn es gelingt ihm nicht, seinem „wechselnde[n] Rollencharakter“[10] und seinen Selbsttäuschungen Herr zu werden.

Marke ist jedoch nicht nur der Spielball seiner Gefühle, sondern auch jener seiner Ratgeber.[11] Seine königlichen Kompetenzen sind geprägt von Defiziten, denn am Marke-Hof herrschen nît (V. 8319; 8393), haz[...] (V. 8365; 8402), Missgunst (13637-13648) und Intrigen (V. 8368-8378); Boshaftigkeit und Verleumdung (V. 8328/29). Als zaghaft, schwächlicher König ist er eine leichte Beute für die ihn umgebene Gesellschaft von Feiglingen und Intriganten,[12] er bricht sein Versprechen der alleinigen Erbfolge Tristans auf das Drängen seiner Ratgeber hin. Fehlende Standhaftigkeit und mangelndes Vertrauen in sich selbst als Herrscher lassen Marke am eigenen Hof unfreiwillig klein und unbedeutend erscheinen.

Im Vergleich zu Tristan wird Marke herabgesetzt, denn erst durch seinen Neffen wird die positive Ordnung am Hof hergestellt (V. 6063-6134) und eine „höhere Stufe höfischer Kultur“ erlangt (V.3573-3595; 3721-3726).[13] Tristan rettet die Ehre des Hofes, indem Markes Unzuläng-lichkeit hinter der Heldenhaftigkeit Tristans schemenhaft zurücktritt. Das hat zur Folge, dass Marke durch Tristan „zum scheinbar ehrenhaften König, zum scheinbar unbetrogenen Gatten, zum scheinbar idealen Herrscher“ wird.[14]

3. Eine ungewöhnliche Brautwerbung

In diesem Kapitel möchte ich die von Schmid-Cadalbert ausführlich dargelegten Brautwerbungs-schema kurz skizzieren. Hierbei unterscheidet der Autor grundlegend zwischen der Einfachen und der Gefährlichen Brautwerbung. Charakteristisch für beide Schemata sind Raumstruktur und Personenkonstellation, die innerhalb der Brautwerbung mit unterschiedlichen Fixpunkten ver-flochten sind, die von der Handlung durchlaufen werden müssen. Auf diese fundamentalen Aspekte der Brautwerbungsschemata möchte ich im folgenden eingehen, um anschließend Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zu der Brautwerbung in Gottfrieds ‚Tristan’ heraus-arbeiten zu können.

[...]


[1] Gottfried von Straßburg: Tristan. 9. Auflage. Stuttgart. 2001. V. 4411. Im folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe unter Angabe der Seitenzahlen in Klammern.

[2] Haug, Walter: Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan’. Sexueller Sündenfall oder erotische Utopie. In: Strukturen als Schlüssel zur Welt. Tübingen. 1989. S. 609

[3] Simon, Ralf: Thematisches Programm und narritative Muster in Tristan Gottfrieds von Straßburg. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 109. 1990. S. 369

[4] Haug. S. 609

[5] Simon. S. 362/363

[6] Christ, Winfried: Rhetorik und Roman. Untersuchungen von Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan und Isolde’. Meisenheim beim Glan. 1977. S. 98

[7] Ebd. S. 105

[8] Ebd. S. 104

[9] Christ. S. 102

[10] Ebd. S. 106

[11] Ebd. S. 102

[12] Haug S. 606

[13] Ebd. S. 605

[14] Ebd. S. 606

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Dreiecksbeziehung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' - Zwischen Schuld und Unschuld durch eine ungewöhnliche Brautwerbung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V34420
ISBN (eBook)
9783638346436
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dreiecksbeziehung, Gottfrieds, Straßburg, Tristan, Zwischen, Schuld, Unschuld, Brautwerbung
Arbeit zitieren
Vivien Ziesmer (Autor), 2003, Die Dreiecksbeziehung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' - Zwischen Schuld und Unschuld durch eine ungewöhnliche Brautwerbung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34420

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