Gerald Allan Cohens Theorie der fairen Chancengleichheit


Hausarbeit, 2016
23 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rekonstruktion der Argumentation des Autors

3. Kritische Auseinandersetzung

4. Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gerald Allan Cohen gilt als einer der sozialistischen Autoren sowie als analytischer Mar- xist der Wirtschaftsethik und vertritt somit den Egalitarismus. Dessen ethische Antipode stellen anarcho-libertäre Positionen wie die von Robert Nozick oder Jan Narveson dar, welche konträre Einstellungen etwa bei der Umverteilung von Besitz und Eigentum, Ver- erbung oder gar in puncto Steuersystem als System der gezwungenen Solidarität vertre- ten. Narveson beispielsweise repräsentiert eine der radikalsten Positionen des Libertaris- mus, wonach Eingriffe durch den Staat sowie Interventionen der Chancengleichheit ab- gelehnt oder zumindest nur in moderater Fassung gebilligt werden würden.

Für Cohen hingegen ist die Verantwortung den eigenen Entscheidungen gegenüber - in- nerhalb seiner Konzeption einer fairen Chancenverteilung - von zentraler Bedeutung. Welchen sozialen Nutzen Gerechtigkeit für die gesamte Gesellschaft haben kann, unter- suchte bereits David Hume (1711-1776) in An Enquiry concerning the Principles of Mo- rals (1751) und argumentiert indes für eine gewisse Gleichverteilung von Gütern und Eigentum. Zwar operiert Hume hierbei mit einem sehr eng gefassten Gerechtigkeitsbe- griff, dennoch misst er den egalitären Prinzipien einen durchaus attraktiven Wert bei. Jerry Cohen vertrat seine sozialistischen Überzeugungen bis zu seinem Tod und beschäf- tigte sich nebst seinen Arbeiten am analytischen Marxismus in seinem Spätwerk mit der Rechtfertigung des moralischen Egalitarismus. Doch innerhalb des modernen Gerechtig- keitsdiskurses setzte er sich vor allem mit John Rawls Entwurf des luck egalitarianism und seinem betriebenem Havard Style der Philosophie auseinander, wonach Egalitaris- mus primär darauf abziele, unfreiwillige Nachteile zu kompensieren. Des Weiteren kon- trastiert Rawls Entwurf der Gerechtigkeit als Fairness Cohens egalitärer Ethos, wonach Gerechtigkeit als feste Norm - abseits jeglicher Instrumentalisierung - in die Gesellschaft implementiert ist. Ronald Dworkin konstatiert im Kontext der Gerechtigkeitstheorien - insbesondere des luck egalitarianism - sogenanntes option luck (wahlfreier (Un-)Glücks- fall) und brute luck (nicht-wahlfreier (Un-)Glücksfall).1 Inwiefern sich Cohen von Dwor- kins Ansicht distanziert und diese modifiziert, liegt in seinem bekannten Aufsatz On the Currency of Egalitarian Justice offen zugrunde. Ein weiterer Vertreter in diesem wirt- schaftsethischen Diskurs ist zum Bespiel John Ernest Roemer, der einen Marktsozialis- mus - abseits einer Planwirtschaft - konzeptualisiert, in welchem Privateigentum gestat- tet ist und der Staat eine aktive Rolle inkorporiert. Er argumentiert in seinem Aufsatz The Morality and Efficiency of Market Socialism für den Marktsozialismus gegenüber dem Kapitalismus.

Anhand des Werkes ÄSozialismus - Warum nicht?“ soll zuerst der Argumentationsgang Cohens rekonstruiert werden, welcher dem Aufsatz zugrunde liegt. Hierbei wird indes auch verdeutlicht, inwiefern Cohen zwar für die Gleichheit auf persönlich, privater sowie gesellschaftlich, sozialer Ebene, jedoch gegen einen Realsozialismus argumentiert. An- schließend folgt eine kritische Auseinandersetzung mit dessen Entwurf inklusive dem Ziel dieser Arbeit, Cohens Konzeption der fairen Chancengleichheit aufzuzeigen und zu klären, inwiefern seine Theorie eine Gerechtigkeit - eine radikale, egalitäre Auffassung moralischer Gleichheit als Inbegriff sozialer Gerechtigkeit - beinhaltet. Zuletzt werden die Ergebnisse gebündelt dargelegt und ein knapper Ausblick des Themas präsentiert. Abseits dessen existiert ein weiteres Werk, in welchem Cohen seinen gesellschaftstheo- retischen Entwurf des Egalitarismus weiter entfaltet, If you're an egalitarian, how come you're so rich? (2000), welches dieser Arbeit jedoch nicht zugrunde liegt.

2. Rekonstruktion der Argumentation des Autors

Why not Socialism? (2009) ist das letzte2 veröffentliche Werk von Jerry Cohen und ein Exempel eines von der Warte der analytischen Philosophie betrachteten und verstandenen Marxismus. Dieser ÄMarxism without bullshit“ kontrastiert die dialektische Interpretation der Gesellschaftstheorie von Karl Marx (1818-1883) und verteidigt zugleich den histori- schen Materialismus.3 Cohen setzt sich in dieser Untersuchung unideologisch mit ver- schiedenen Gründen auseinander, welche für eine sozialistische Wirtschafts- und Gesell- schaftsform sprechen und zeigt indes den jeweiligen argumentativen Gehalt einzelner Thesen auf.

Im ersten Kapitel ÄDas Zeltlager“4 gestaltet Cohen das Setting eines fiktiven Camping- ausflugs, der wie folgt charakterisiert ist: Er fungiert primär als Gedankenexperiment und Darstellungsform einer sozialistischen Gesellschaft auf einer strukturellen Mikroebene. Eine Hierarchie unter den Individuen des Zeltlagers liegt nicht vor und alle Gegenstände werden im Kollektiv gleichsam genutzt. Zudem ist das allgemein vorherrschende Ziel, dass der individuelle Spaß und Unternehmungsfreiheit für alle gewährleistet ist. Trotz der natürlichen, interindividuellen Unterschiede sollen keine Ungleichheiten aufgrund der gemeinsamen Zielsetzung entstehen. Neben dieser notwendigen Grundprämisse werden die Normen der Gleichheit und Gegenseitigkeit als zentral erachtet, da diese für jeden attraktiv zu sein scheint. Des Weiteren herrscht unter den Einzelpersonen gegenseitiges Einverständnis zur Vermeidung von Ungleichheit und somit die Gewährleistung, dass keine Benachteiligung entstehen, aber eine gleiche Chance auf Erfolg bestehen kann. So- mit existiert ein altruistisches Engagement im Rahmen der eigenen Fähigkeiten. Inner- halb dieser demographischen Grundstrukturen liegt kollektives Eigentum und kein Pri- vateigentum vor, jedoch gibt es wechselseitige, kostenlose Wohltaten, worüber unterei- nander Einigkeit besteht.

Ein potentieller Gegenentwurf eines Zeltlagers unter liberalen Marktkonstellationen mit- samt privatem Eigentum würde - laut Cohen - von den Teilnehmern aufgrund fehlender Kameradschaft, geringerer Effizienz und höheren Transaktionskosten abgelehnt werden. Somit gelangt Cohen zu dem Zwischenkonsens des ersten Abschnitts und konstatiert: ÄDas heißt also, die meisten Menschen finden das sozialistische Ideal zumindest in be- stimmten Situationen durchaus attraktiv.“5 Zum Abschluss dieses Kapitels fügt er vier Beispiele an, die diese These verifizieren sollen: 1. Das Beispiel aus dem Glücksegalita- rismus ÄDer gute Angler“, welcher sich zwar seiner Begabung erfreuen, jedoch keinen Vorteil aufgrund dieser erfahren soll. 2. Der Apfelbaum als Entdeckung und Eigentum. 3. Der geheime Nussvorrat als Exempel für illegitimes Verhalten. Wissen und kognitiver Vorteil aufgrund genetischer Disposition wird wie bei drittens von den anderen Teilnehmern abgelehnt, da es nicht der fairen Chancengleichheit entspricht und demnach nicht gerecht wäre und 4. Der vom Vater angelegte Teich als Bespiel vererbten Besitzes und somit ungerechten Vorteils gegenüber den Übrigen.

Das Kapitel 2 ÄWas ist der Sozialismus“6 besitzt seinerseits nun ein höheres Argumentationspotential, da Cohen hierin zwei fundamental wichtige Prinzipien darlegt, welche er im Zeltlagerszenario verwirklicht sieht und diesem seine Attraktivität verleihen, nämlich das Gleichheits- und Gemeinschaftsprinzip.

Wie eingangs erwähnt, fungiert bei Cohen dieses Gleichheitsprinzip als notwendige Bedingung für die soziale Gerechtigkeit, woraus sich ergibt, dass es sich hierbei um eine sozialistische Chancengleichheit handelt, die von Cohen als fair sowie moralisch gut gewertet wird. Dies formuliert er wie folgt:

Mir geht es insbesondere um jenes Gleichheitsprinzip, welches ich für das richtige halte - das Gleichheitsprinzip, das aus der Gerechtigkeit folgt. Darunter verstehe ich eine radikale Chancengleichheit, die ich von jetzt an »sozialistische Chancengleichheit« nennen werde.7

Zudem ist er der Meinung, dass es zentral für eine konsequente Chancengleichheit ist Ä[…] nicht nur eine Politik der Gleichstellung, sondern auch eine der Umverteilung von Chancen“8 zu konstruieren. Hierbei werden im Folgenden drei Typen von potentiellen Chancengleichheiten differenziert: Erstens die bürgerliche Chancengleichheit, zweitens die linksliberale und drittens die sozialistische Chancengleichheit. Diese Trias folgt einer sukzessiven Steigerung an ihrem jeweiligen, moralischen Gehalt und verschiedenen Ty- pen von Chancenhindernissen.

Die bürgerliche Chancengleichheit entfernt die sozial bedingten Statusbeschränkungen oder -hindernisse auf formeller und informeller Ebene, wie etwa Leibeigenschaft oder Rassismus.

Die linksliberale Chancengleichheit hingegen eliminiert ein weiteres Hindernis und ver- sucht, den hemmenden Einfluss sozialer Umstände abzumildern, wie zum Beispiel durch frühkindliche Förderung von Kindern aus sozial schwachen oder benachteiligten Fami- lien. Somit würde das individuelle Schicksal eines Menschen lediglich von der Begabung und dessen Entscheidungen determiniert werden. Das bedeutet, es wäre eine Unabhän- gigkeit von der jeweiligen, sozialen Ausgangslage gegeben, während angeborene Dispa- ritäten jedoch bestehen bleiben.

Die sozialistische Chancengleichheit beseitigt alle drei Hindernisse und somit alle nicht selbst gewählten Benachteiligungen. Demnach werden alle angeborenen Unterschiede als ungerechte Ungleichheit erachtet, da diese nicht einem aktiven Willensakt entspringen. Alle weiteren Unterschiede würden daraus resultierend lediglich Folgen von unterschiedlichen Präferenzen und rationalen Entscheidungen sein. Cohens Proviso hierfür ist, dass die Befriedigung dieser Vorlieben zu vergleichbarem Lebensgenuss führt. Zur Demonstration hierfür dient eine Analogiebildung zwischen der Wahl von Äpfel und Birnen sowie der Wahl zwischen Einkommen und Freizeit.

Im Folgenden unterscheidet Cohen in diesem Zusammenhang drei Formen von Ungleich- heiten, welche ihrerseits allesamt mit der sozialistischen Chancengleichheit kompatibel sein.

Demnach würde der Typ 1 Ungleichheit sich dadurch definieren, dass unterschiedliche Entscheidungen und Präferenzen dazu führen, dass einige Menschen mehr Güter einer bestimmten Sorte besitzen als andere. Es handle sich hierbei nicht um Ungleichheit im eigentlichen Sinne, solange der individuelle Lebensgenuss mit denen der anderen ver- gleichbar sei, was wiederrum unter die Prämisse der Präferenzunterschiede fiele. Der zweite Ungleichheitstyp ist im Allgemeinen dadurch gekennzeichnet, dass die Äsozi- alistische Chancengleichheit [mit Nutzenungleichheit] vereinbar [ist].“9 Jedoch differen- ziert Cohen diesen Typ 2 in zwei Unterkategorien, wonach der Typ 2a Ungleichheit aus misslichen Entscheidungen beschreibt. Verschiedene Anstrengungen und Sorgfalt bei Menschen, welche ursprünglich gleich waren, lassen Ungleichheit innerhalb des Gesamt- nutzens entstehen. Jene seien im konsequentialistischen Sinne mit der sozialistischen Chancengleichheit vereinbar, dass jedes Individuum für die Folgen seiner Entscheidun- gen verantwortlich ist, da Cohens Ansicht nach Willensakte nicht kausal determiniert sind. Dem gegenüber steht der Typ 2b Ungleichheit aus kalkulierbarem Glück oder sub- stanzielle Ungleichheit, die auf Differenzen beruhe, welche aus kalkulierbarem Glück resultieren. So zum Beispiel in wirtschaftlichen Anwendungsbereichen wie der Investi- tion von Geld und Arbeit oder einer freiwilligen, chancengleichen Wette wie die des Münzwurfes etwa. Hierbei besteht jedoch der Unterschied, dass jeder dem Glücksspiel selbstständig entsagen kann (kalkulierbares Glück), wohingegen man im Casino des Marktes gefangen zu sein scheint (unkalkulierbares Glück), weshalb diese ÄUngleichheit […] auch tendenziell ungerecht [ist].“10

Abschließend fügt Cohen an, dass die Ungleichheiten des Typs 2a und 2b in großem Umfang dem zweiten, gewichtigen Prinzip des Sozialismus, dem Gemeinschaftsprinzip, das die sozialistische Chancengleichheit beeinflusst und essentiell für sozialistische Merkmale eines Gemeinwesens ist, schaden können.

Dieses Gemeinschaftsprinzip besagt, dass sich wenn nötig und möglich, die Individuen um- und füreinander sorgen und kümmern sollen. Die anschließende Binnendifferenzie- rung Cohens von gemeinschaftlicher Fürsorge in zwei verschiedene Typen gestaltet sich wie folgt:

Der erste Typ gemeinschaftlicher Fürsorge verhindert einige Ungleichheiten, die aus der sozialistischen Chancengleichheit folgen, wie etwa jene, die im Kontext der verschiede- nen Typen von Ungleichheiten und somit in Verträglichkeit mit der sozialistischen Chan- cengleichheit stehen. Zudem sei gemeinschaftliche Form von Gegenseitigkeit - laut Co- hen - nötig Ä[…] damit menschliche Beziehungen wünschenswerte Formen anneh- men.“11

Der Typ 2 des Gemeinschaftsprinzips hingegen ist für die sozialistische Gleichheit nicht unbedingt erforderlich, aber für jene Konzeption von fairer Chancengleichheit von hoher Relevanz, was auch einem Beispiel zur Illustration des Gemeinschaftsprinzips deutlich wird. So zeigt der recht rudimentäre Vergleich Armut versus Reichtum, dass es zwischen diesen beiden konträren Positionen keine Gemeinschaft geben kann, auch wenn diese nicht aus Chancenungleichheiten resultieren, weshalb Cohen fordert: ÄDeshalb sollten gewissen Ungleichheiten, auch wenn sie nicht im Namen der sozialistischen Chancen- gleichheit verboten werden können, meiner Meinung nach trotzdem verboten sein - im Namen der Gemeinschaft.“12

Der daraus resultierenden Problematik, ob eine gewissen Ungerechtigkeit im Sinne der fairen Chancengleichheit sein kann, wird an dieser Stelle von Cohen keine eindeutige Lösung entgegengebracht, sondern lediglich ein ernüchternd erscheinendes Zwischenresümee aufgezeigt, dass eine mögliche Inkompatibilität beider moralischer Ideale - der Gemeinschaft und der Gerechtigkeit - Äsehr schade wäre“13.

[...]


1 Siehe: Cohen, Gerald Allan: On the Currency of Egalitarian Justice. In: Ethics. Vol. 99, No. 4. Published by: The University of Chicago Press: 1989. S. 906-944. Hier S. S. 908. Vor allem die dritte Fußnote ist ein direkter Verweis auf Ronald Dworkin, der diese Differenzierung zwischen option luck und brute luck be- schrieben hat.

2 Der folgende Abschnitt dieser Abschnitt bezieht sich auf: Cohen, Gerald Allan: Sozialismus - Warum nicht? Übersetzt und herausgegeben von Rainer Hank. München: Albrecht Knaus Verlag. 2010. S. 7-95. Relevante Stellen werden unterdessen explizit kenntlich gemacht.

3 Siehe hierzu auch: Cohen, Gerald A.: Karl Marx' theory of history. A defence. Oxford University Press. 1978.

4 Siehe Cohen, 2010. S. 9-16.

5 Cohen, 2010. S. 12.

6 Siehe Cohen, 2010. S. 17-45.

7 Cohen, 2010. S. 17.

8 Cohen, 2010. S. 18.

9 Cohen, 2010. S. 28.

10 Cohen, 2010. S. 35.

11 Cohen, 2010. S. 40.

12 Cohen, 2010. S. 38.

13 Cohen, 2010. S. 38.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Gerald Allan Cohens Theorie der fairen Chancengleichheit
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Wirtschaftsethik "Markt&Eigentum"
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V344467
ISBN (eBook)
9783668342125
ISBN (Buch)
9783668342132
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerald Allan Cohen, Wirtschaftsethik, Egalitarismus, Sozialismus warum nicht?, Sozialismus, Chancengleichheit
Arbeit zitieren
Gordon Jung (Autor), 2016, Gerald Allan Cohens Theorie der fairen Chancengleichheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344467

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