„Und wer wird sie ändern?“ „Die, denen sie nicht gefällt.“ "Kuhle Wampe: Oder wem gehört die Welt?" animiert dazu, die bestehenden politischen und gesellschaftlichen Missstände nicht hinzunehmen, sich ihnen nicht passiv auszusetzen, sondern sie aktiv zu bekämpfen.
1931/32 in Zusammenarbeit Brechts mit Eisler und unter der Regie Dudows entstanden, ist der Film ein Paradebeispiel für das Sich-zur-Wehr-Setzen und das Animieren der Massen.
Der Film spielt zur Endzeit der Weimarer Republik, er zeigt den tristen Alltag im Arbeitermilieu, das Schicksal der Menschen, die unter der Arbeitslosigkeit im Berlin der Weltwirtschaftskrise zu leiden hatten.
Meine Arbeit soll untersuchen, auf welchen Ebenen Politik eine Rolle spielt und inwiefern der Film ein politisches Kunstwerk ist. Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Verortung des Films in den geschichtlichen Kontext der Zeit der Weimarer Republik, den Zeiten des revolutionären Aufbruchs in Russland, es wird ein kurzer Einblick in die Parteienlandschaft und das Aufkommen der Arbeiterbewegung und deren Kulturpolitik gegeben, die natürlich auch das Aufkommen des Films und die Musik der Zeit beeinflusste.
Über den zeitgeschichtlichen Kontext in Berlin hat sich Albrecht Betz in seinem 1976 erschienenen Werk umfassend geäußert, genauso zum anschließenden Punkt, dem Einfluss des politischen Theaters Piscators. Auch Eislers Biographie geht eng mit der Arbeiterbewegung und der Kulturpolitik zusammen. Ich möchte darstellen, wie sein Lebensweg ihn einerseits zu einer politischen Auffassung von Kunst und dann auch zu einem politisch motivierten Kunstschaffen brachte. Hanns Eisler selbst hat sich in seinem Werk Musik und Politik von 1973 über seine eigene politische Tätigkeit und Einstellung zur politischen Funktion von Musik geäußert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einordnung in den geschichtlichen Kontext
3. Einfluss Piscators und des politischen Theaters
4. Eislers Engagement in der Arbeiterbewegung/ Biografische Einflüsse
5. Das Politische am Produktionsprozess
6. Das Politische am Inhalt
7. Das Politische an der Musik- und der Bildsprache
7.1 Der dramaturgische Kontrapunkt
7.2 Eislers Arbeit mit dem Arbeiterchor; Das Solidaritätslied
7.3 Zur Emanzipation der Musik
8. Zusammenfassung/ Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Film "Kuhle Wampe: Oder wem gehört die Welt?" als politisches Kunstwerk, indem sie analysiert, wie politische Ebenen in der Produktion, dem Inhalt sowie durch die Verbindung von Bildsprache und Musik zur Mobilisierung der Zuschauer beitragen.
- Politischer Kontext der Weimarer Republik und der Arbeiterbewegung
- Einfluss des politischen Theaters nach Piscator auf die Filmästhetik
- Kollektive Produktionsbedingungen als politisches Handeln
- Dramaturgischer Kontrapunkt als filmisches Mittel der Verfremdung
- Die Rolle von Hanns Eislers Musik bei der Vermittlung politischer Inhalte
Auszug aus dem Buch
7.1 Der dramaturgische Kontrapunkt
Wichtig ist hierfür auch die theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium Film; in Zusammenarbeit mit Th. W. Adorno verfasste Eisler das filmtheoretische Werk Komposition für den Film.
Besonders für den Film Kuhle Wampe interessant ist hierbei die Thematik des dramaturgischen Kontrapunktes. Hierbei soll Musik, anstatt sich in der Konvention der Nachahmung des Bildvorgangs oder seiner Stimmung zu erschöpfen, den Sinn der Szene hervortreten [ lassen ], indem sie sich in Gegensatz zum Oberflächengeschehnis stellt. Sie soll nicht bloß „Ornament, sondern wesentlich Träger des szenischen Sinnes“ sein.
Eisler und Adorno arbeiten die Dramaturgie von „Bewegung gegen Ruhe“ im Film heraus. Auch plädieren die beiden für die Verwendung avancierter musikalischer Mittel. Interessant, um dieses nachvollziehen zu können, sind die instrumentalen Teile des Films. Hier werden beispielsweise in der Eingangsszene triste Bilder vom Arbeitsalltag der Berliner Fabrik- und Arbeiterviertel gezeigt.
Zu diesem Elend auf den Bildern komponierte Eisler rasche, scharfe Musik [...], ein polyphones Präludium, Marcato-Charakter. Der Kontrast der Musik – der strengen Form sowohl wie des Tons – zu den bloß montierten Bildern bewirkt eine Art von Schock, der, der Intention nach, mehr Widerstand hervorruft als einfühlende Sentimentalität.
Ebenso kontrapunktisch zum Bild gesetzt ist die Musik „Hetzjagd auf Arbeit“. Arbeitslose werden hier in ihrem hoffnungslosen Kampf bei der Suche nach Arbeit auf Fahrrädern gezeigt. Im Kontrast dazu ist ein kraftvoll eilendes und somit hoffnungsvolles Rondo gesetzt.
Dem dramaturgischen Kontrapunkt ist Brechts Verfremdungseffekt nicht unähnlich. Auch hier wird durch einen Kommentar zum Spiel eine neue Bedeutungsebene eröffnet. Durch zitierende, unnatürliche Sprechweise wird dem Zuschauer der Eindruck unmittelbarer Wirklichkeit verhindert.
Stattdessen soll der Zuschauer zum rationalen Betrachter werden, der durch die demonstrierend-erzählende Form zu eigenen Entscheidungen und Urteilen kommt und dadurch seine Aktivität weckt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema des Films "Kuhle Wampe" und Darlegung der Zielsetzung, den Film als politisches Werk zu untersuchen.
2. Einordnung in den geschichtlichen Kontext: Analyse der politisch instabilen Lage der Weimarer Republik, der Wirtschaftskrise und der gespaltenen Parteienlandschaft.
3. Einfluss Piscators und des politischen Theaters: Untersuchung der Bedeutung des politischen Theaters und der dokumentarischen Technik von Piscator für Eislers filmisches Schaffen.
4. Eislers Engagement in der Arbeiterbewegung/ Biografische Einflüsse: Darstellung der Hinwendung Eislers zur Arbeiterbewegung und seiner Auffassung von politisch motivierter Musik.
5. Das Politische am Produktionsprozess: Erläuterung der kollektiven Arbeitsweise bei der Entstehung des Films als bewusster Gegenentwurf zur kapitalistischen Kulturindustrie.
6. Das Politische am Inhalt: Analyse der inhaltlichen Darstellung von Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Missständen im Berlin der Weltwirtschaftskrise.
7. Das Politische an der Musik- und der Bildsprache: Untersuchung der musikalischen Gestaltung mittels dramaturgischem Kontrapunkt, Arbeiterchor und Emanzipation der Musik.
8. Zusammenfassung/ Fazit: Resümee des Films als politisches Werk, das durch neue ästhetische Ansätze die Massen zur aktiven gesellschaftlichen Mitgestaltung animieren soll.
Schlüsselwörter
Kuhle Wampe, Hanns Eisler, Bertolt Brecht, Weimarer Republik, Arbeiterbewegung, politisches Theater, Agitprop, Filmmusik, dramaturgischer Kontrapunkt, Verfremdungseffekt, Klassenkampf, Neue Sachlichkeit, Massenmedium, soziale Krise, Kollektiv.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Film "Kuhle Wampe" aus dem Jahr 1932 als ein politisch konzipiertes Werk, das Musik und Bildsprache gezielt einsetzt, um gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Produktionsbedingungen im künstlerischen Kollektiv, die historische Einordnung in die Weimarer Republik sowie die musikalische und visuelle Ästhetik des Films.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, auf welchen Ebenen der Film als politisches Kunstwerk fungiert und wie er den Zuschauer zur aktiven Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität animiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse des geschichtlichen Kontexts, biografische Einflüsse auf den Komponisten Hanns Eisler sowie eine film- und musiktheoretische Analyse, insbesondere unter Einbeziehung des "dramaturgischen Kontrapunkts".
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Umfelds, der Bedeutung von Piscator, der politischen Organisation der Produktion, der inhaltlichen Aussagen des Films und einer detaillierten Analyse der Musik- und Bildsprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Kuhle Wampe", "Hanns Eisler", "politisches Theater", "dramaturgischer Kontrapunkt" und "Arbeiterbewegung".
Wie unterscheidet sich die Filmmusik von Eisler von konventioneller Musik der Zeit?
Anstatt Stimmungen nur zu untermalen oder den Bildinhalt zu verdoppeln, setzt Eisler die Musik in einen dramaturgischen Kontrapunkt, um den Zuschauer zu rationalem Nachdenken anzuregen und den Verfremdungseffekt zu unterstützen.
Welche Rolle spielt das "Solidaritätslied" innerhalb des Films?
Das Solidaritätslied strukturiert die zweite Hälfte des Films und transformiert durch den Einsatz des großen Arbeiterchores das Werk in eine politische Versammlung, die den Zuschauer zur Solidarität aufruft.
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- Marta Denker (Author), 2014, "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" Agitation der Musik und des Bildes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344689