Die Handlung des 1888 erschienenen epischen Gedichtes "Tabaré" des uruguayischen Schriftstellers Juan Zorilla de San Martín entwickelt sich zu Beginn der Kolonialisierung im 16. Jahrhundert im Gebiet des Río de la Plata. Dies ist die Zeit vor der Selbständigkeit Uruguays, als das Gebiet gerade von den Spaniern besiedelt, die indigene Bevölkerung vertrieben wurde und die Macht noch in den Händen der spanischen Krone lag.
Der blauäugige Mestize Tabaré, Sohn eines indigenen Häuptlings und einer Spanierin, wird zusammen mit anderen Charrúa von Don Gonzalo, dem Oberhaupt einer spanischen Ansiedlung, gefangen genommen. Tabaré fühlt sich weder den Charrúa noch den Spaniern richtig zugehörig, nur zu Blanca fühlt er sich hingezogen, da diese ihn ihm nicht den Wilden, sondern den Menschen sieht und sie ihn an seine verstorbene Mutter erinnert. Als Blanca bei einem Angriff der kriegerischen Charrúa vom Häuptling Yamandú geraubt wird, rettet Tabaré sie. Zurück im Dorf wird Tabaré, der Entführung beschuldigt und von Don Gonzalo getötet.
Mein Thema soll sich mit der Machtlosigkeit und der geringen Wertschätzung der unterdrückten indigenen Bevölkerung durch die ansiedelnden Spanier beschäftigen. In der Analyse des Gedichts werde ich auf seine metaphysische Bedeutung, die romantische Naturdarstellung und seine Musikalität eingehen, Metrik und Versmaß untersuchen und einige grundlegende Beobachtungen herausarbeiten, die das Gedicht als romantisches kennzeichnen. Schwerpunktmäßig soll das Verhalten und der Charakter Tabarés im Verhältnis zu Blanca untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einordnung in den literaturhistorischen Kontext
3. Biografische Einflüsse Zorillas in Tabaré
4. Analyse Tabaré
4.1 Aufbau
4.2 ‚Stummes’ Volk der Charrúa/ Identitätsproblematik in Uruguay
4.3 Zur Musikalität/ Leitmotivik
4.4 Romantische Naturdarstellung und metaphysische Ebene
4.5 Darstellung der Charrúa/ Ausnahmen Yamandú und Tabaré
4.6 Tabaré als ‚stummer’ Held/ Blanca als ‚starke’ Stimme
5. Zusammenfassung/ Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Machtlosigkeit und die geringe gesellschaftliche Wertschätzung der indigenen Bevölkerung durch die kolonialen Siedler im epischen Gedicht "Tabaré" von Juan Zorrilla de San Martín. Im Zentrum der Forschungsfrage steht die Analyse, inwiefern der Autor dem unterdrückten Volk der Charrúa durch die literarische Gestaltung des Protagonisten Tabaré nachträglich eine Stimme verleiht und welche Rolle dabei die Sprachlosigkeit des Helden für seine Identitätsentwicklung spielt.
- Die Rolle von Stimme und Sprache als Ausdruck von Macht und Identität.
- Die Verortung des Werkes im literaturhistorischen Kontext der lateinamerikanischen Romantik.
- Biografische Bezüge des Autors zum Exil und deren Einfluss auf die Darstellung des Gedichts.
- Die symbolische Funktion der Naturdarstellung und der Metaphysik.
- Das Spannungsfeld zwischen indigener Identität und spanisch-christlicher Prägung.
Auszug aus dem Buch
4.6 Tabaré als ‚stummer’ Held/ Blanca als ‚starke’ Stimme
Die Machtverteilung wird in diesem Gedicht am deutlichsten bei der Betrachtung des Verhältnisses zwischen Tabaré als Mestizen und Blanca als Spanierin.
Blanca nimmt im Vergleich zu Tabaré deutlich die starke Position ein. Sie ist diejenige, die den Augenkontakt wagt, ihm mit den Augen folgt, aktiv ist: „Blanca lo observa; sigue del charrúa/ Los tristes movimientos;“.
Sie versteht und liebt Tabaré, dies äußert sich auch darin, dass sie ihn und seine Stimme hören kann: „La voz del indio suena dulcemente; [...] Blanca lo escucha como se oye el eco/ De canción olvidada,“
Wird Tabaré beispielsweise von den Soldaten nur „Señor Don Charrúa“ genannt, ist Blanca die einzige, die ihn direkt mit seinem Namen anspricht: „¡Eres tú, Tabaré!“. Für sie ist Tabaré nicht nur ein namenloser Charrúa, sondern ein geliebter Mensch.
Die Liebe zwischen den beiden bleibt trotzdem unerfüllt, die ethnokulturellen Grenzen können nicht überwunden werden:
„Todo lo comprendió, y amó al salvaje [...] Como de dos deseos imposibles/ se aman las esperanzas,“
Tabaré hingegen nimmt im Vergleich zu Blanca die schwache Position ein. Er ist sowohl auf der Flucht und hat Angst vor ihr, gleichzeitig fühlt er sich zu ihr hingezogen und liebt sie: „El indio siente confusión ignota; Vacila, tiene miedo; Busca a la niña, y huye al encontrarla;“.
In ihr sieht er seine verstorbene Mutter: „-Era así como tú...blanca y hermosa;“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das epische Gedicht "Tabaré", die historische Einbettung und die zentrale Zielsetzung der Arbeit bezüglich der Machtverhältnisse und Identitätsfindung.
2. Einordnung in den literaturhistorischen Kontext: Einordnung von Zorrilla und seinem Werk in die zwei Perioden der hispanoamerikanischen Romantik und Diskussion des nationalen vs. kontinentalen Charakters.
3. Biografische Einflüsse Zorillas in Tabaré: Beleuchtung der persönlichen Hintergründe des Autors, wie sein frühes Exil und seine politische Aktivität, und deren Reflexion im Gedicht.
4. Analyse Tabaré: Umfassende Untersuchung des Aufbaus, der Identitätsproblematik, der Musikalität sowie der Metaphysik und Charakterzeichnungen innerhalb des Werkes.
4.1 Aufbau: Analyse der Struktur des epischen Gedichts, seiner metrischen Beschaffenheit und der dokumentarischen Elemente.
4.2 ‚Stummes’ Volk der Charrúa/ Identitätsproblematik in Uruguay: Untersuchung der Stimmlosigkeit der Charrúa als kollektive Figur und deren Ausschluss aus der nationalen Identitätsbildung Uruguays.
4.3 Zur Musikalität/ Leitmotivik: Analyse der musikalischen Anlage des Gedichts und der Bedeutung wiederkehrender Metaphern.
4.4 Romantische Naturdarstellung und metaphysische Ebene: Analyse der Verbindung zwischen Natur, Gott und Christentum als Identitätsmerkmal des Helden.
4.5 Darstellung der Charrúa/ Ausnahmen Yamandú und Tabaré: Kontrastierung der negativen Wahrnehmung der Charrúa durch Siedler mit den Ausnahmefiguren Yamandú und Tabaré.
4.6 Tabaré als ‚stummer’ Held/ Blanca als ‚starke’ Stimme: Analyse der Machtasymmetrie zwischen Tabaré und Blanca und der Bedeutung ihrer jeweiligen Stimme.
5. Zusammenfassung/ Fazit: Resümee der Arbeit, das die Rolle des Autors als Stimme der Unterdrückten und Tabarés tragische Funktion als Brücke zwischen den Kulturen hervorhebt.
Schlüsselwörter
Tabaré, Juan Zorrilla de San Martín, Charrúa, Romantik, Hispanoamerika, Uruguay, Identität, Machtverhältnisse, Stimmlosigkeit, Kolonialismus, Mestize, Literaturanalyse, Nationalstaatsbildung, Indigene Bevölkerung, Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das epische Gedicht "Tabaré" von Juan Zorrilla de San Martín im Kontext der uruguayischen Romantik und der kolonialen Geschichte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Machtlosigkeit der indigenen Bevölkerung (Charrúa), die Auswirkungen der Kolonialisierung und die Suche nach einer nationalen Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Autor dem Volk der Charrúa eine Stimme verleiht und welche Rolle die Identitätslosigkeit des Protagonisten Tabaré dabei spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl biografische Hintergründe des Autors als auch fachliterarische Interpretationen einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Struktur, der Musikalität, der romantischen Naturdarstellung sowie eine detaillierte Untersuchung der Machtverhältnisse zwischen den Charakteren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Tabaré, Charrúa, Identität, Stimmlosigkeit und die hispanoamerikanische Romantik.
Warum spielt die Rolle der Blanca eine so entscheidende Rolle für Tabaré?
Blanca fungiert als Gegenpart, die Tabaré nicht nur als "Wilden" wahrnimmt, sondern ihn direkt anspricht und ihm somit die Möglichkeit gibt, eine eigene Stimme zu finden.
Inwiefern beeinflusste das Exil des Autors das Werk?
Das Exil Zorillas schärfte sein Verständnis für Vertreibung und Entwurzelung, was sich in der heimatlosen und melancholischen Darstellung des Helden Tabaré widerspiegelt.
- Citation du texte
- Marta Denker (Auteur), 2014, Stummer Held. Inwiefern gibt Juan Zorilla de San Martin in seinem epischen Gedicht "Tabaré" dem Volk der Charrúa eine Stimme?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344698